Heroin vom Schweizer Staat

Vor und nach der Arbeit: Heroin vom Schweizer Staat. Dazwischen: ein Job ohne Lohn. Was das bringt?
Mit etwas Glück: Lust auf ein neues Leben.




• Ihr Tag beginnt im Dreivierteltakt. Um 6.30 Uhr steht Sonja Aubry auf, um 7.15 Uhr setzt sie sich ihren ersten Schuss, um 8 Uhr sitzt sie an ihrem Arbeitsplatz am Computer. Seit 29 Jahren ist sie heroinabhängig, seit zwölf Jahren arbeitet sie im Lorraine Laden, kurz LoLa, einem Bioladen in Bern. Die Sucht sieht man der 43-Jährigen auf den ersten Blick nicht an. Und weil diese zwar kein Geheimnis ist, aber auch nichts, was sie stolz in die Welt posaunen möchte, wurde ihr Name geändert, wie die Namen aller Süchtigen in diesem Text.

Dass Aubry drogenabhängig ist, zeigt sich auf den zweiten Blick. Es fällt ihr schwer, sich zu konzentrieren, sie ist schnell erschöpft. Arbeiten kann sie nur an drei Tagen in der Woche. In dieser Zeit betreut sie den veganen Onlineshop, verkauft im Laden oder richtet Catering-Platten an. Lohn bekommt sie für all das keinen. Denn um Geld geht es hier – zunächst einmal – nicht. Es geht um viel mehr: ein normales Leben. „Arbeit ist das beste Mittel gegen Verzweiflung“ hat der Arzt und Autor Sir Arthur Conan Doyle gesagt, der Erfinder von Sherlock Holmes, dem berühmtesten Drogensüchtigen der Literatur. Arbeit ist das, worauf wir so lange keine Lust haben, bis wir sie verlieren. Sie gibt unserem Leben Struktur, einen Grund, morgens aufzustehen und abends ins Bett zu gehen. In der Arbeit sind Menschen, die auf uns warten, sich auf uns verlassen.

Im LoLa ist vor allem Daniel König. Der 44-Jährige leitet den Laden. Angefangen hat der gelernte Bauzeichner als Streetworker, er hat Essen in der Drogenszene verteilt, hat später in einem Flüchtlingszentrum gearbeitet. „Aber das war mir irgendwann zu einseitig“, sagt er. Es fehlte der unternehmerische Aspekt. LoLa war da genau das Richtige. Der Laden gehört zu einer Stiftung, Contact Netz, die seine Stelle bezahlt. Den Rest muss König selbst erwirtschaften, die schwarze Null ist das Ziel, Überschüsse fließen an die Stiftung zurück.

Die Arbeit gibt ihm Halt: Jan Wegmann
Muss mal Chef sein, mal Sozialarbeiter: Daniel König

Es läuft gut. Im LoLa arbeiten sieben Mitarbeiter in Festanstellung oder als Aushilfe in Teilzeit, seit Kurzem gibt es auch zwei Ausbildungsplätze für Jugendliche, die anderswo keine Chance bekommen. Hinzu kommen 15 „Klienten“. So werden die Abhängigen genannt – Alkohol, Heroin, Gras, alles dabei. Die Bezeichnung macht schon deutlich, dass es nicht um normale Arbeitsplätze geht. „Die Betreuung ist eine ganz andere“, sagt König. „Wir haben viel mehr Krankheitsausfälle, alles geht langsamer. Jeden Tag mache ich den Spagat zwischen betriebswirtschaftlichen und sozialen Überlegungen. Soll ich streng sein oder verständnisvoll? Ich versuche immer erst mal gut zuzureden: Jetzt komm erst mal her, wenn es dir dann immer noch schlecht geht, kannst du wieder nach Hause gehen.“

LoLa sieht aus wie ein klassischer Bioladen, auf 120 Quadratmetern Ladenfläche gibt es frisches Obst und Gemüse, eine große Käsetheke, in den Regalen stehen Fairtrade-Produkte. Seit einem Jahr gibt es auch Lola Cola, hergestellt nach eigener Rezeptur. Inzwischen geht die Limonade an Abnehmer in der ganzen Schweiz. Die meisten Kunden des Bioladens wissen nicht, dass viele der Mitarbeiter Abhängige sind, die sich mühsam ein paar Stunden Normalität am Tag erkämpfen.

„Ich brauche die Struktur. Wenn ich zu viel zu Hause herumsitze, kommen nur schlimme Gedanken“, sagt Sonja Aubry. An den Missbrauch in ihrer Kindheit, die harten Jahre auf der Straße. Nicht dass sie in jener Zeit nicht gearbeitet hätte, bis zu 600 Franken (400 Euro) täglich gab sie damals für Heroin aus, oft musste sie den Stoff für ihren damaligen Freund mitfinanzieren. „Ich weiß nicht mehr, wie ich es damals geschafft habe, das ganze Geld zusammenzubekommen“, sagt sie heute. Auch in der Parallel-Wirtschaft des illegalen Drogenhandels gibt es eine klare Hierarchie, und sie stand weit unten. Straßenstrich, dealen. Der Stoff auf der Straße ist schlecht, er enthält in der Regel nur 5 bis 15 Prozent Heroin. Gibt es Konflikte in den Anbauländern, merkt das auch der Abnehmer in der Schweiz sofort, die Versorgung stockt, der Stoff wird schlechter.

Heute merkt Aubry höchstens, wenn die Kakaopreise steigen und die Fairtrade-Schokolade teurer wird. Guter Käse, edle Schokolade, die kleinen Genüsse des Alltags – sie spielten in ihrem Leben lange keine Rolle. Heute probiert sie den Käse, um die Kunden beraten zu können, und sie weiß, welche Produkte im Onlineshop Gluten enthalten.

Es geht nicht um Entzug, es geht ums Überleben 

Um ihr Heroin muss sie sich keine Sorgen mehr machen. Jeden Morgen, wenn sie in der Tramlinie 6 sitzt, weiß sie, dass sie gleich guten Stoff bekommen wird. 97 Prozent reines Heroin, auch Diamorphin genannt. In der Nägeligasse in der Berner Altstadt liegt das Koda-2. Das Koda ist in Bern seit 1994 für die kontrollierte Heroinabgabe zuständig, insgesamt hat es rund 200 Plätze. Ins Koda-1 gehen die, die zusätzlich andere Drogen oder Alkohol konsumieren, ins Koda-2 die, die nur noch das ärztlich verschriebene Heroin beziehen. Die Kosten übernimmt die Krankenkasse.

Die Schweiz war 1994 das erste Land, das die „heroingestützte Behandlung“ einführte und Diamorphin auf Rezept ausstellte. Die Politik reagierte so auf die offene Drogenszene in Zürich und Bern. Aus der Schweiz und ganz Europa waren in den Achtzigerjahren Junkies gekommen; der kleine Züricher Park Platzspitz wurde international als Needle Park bekannt. Es begann das Umdenken: Süchtige galten fortan als Kranke, nicht als Kriminelle.

1986 eröffnete in Bern die weltweit erste Fixerstube, 1994 begann die Heroinabgabe, 2008 wurde sie durch einen Volksentscheid bestätigt. Derzeit bekommen in der gesamten Schweiz rund 1300 Menschen Heroin auf Rezept. „Inzwischen scheint der Bedarf gedeckt“, sagt Barbara Mühlheim, Leiterin des Koda, „wir haben derzeit keine Warteliste.“ Die Patienten werden älter, weniger junge kommen nach. Jede Zeit hat ihre eigenen Drogen, und die von Heroin scheint langsam abzulaufen. „Zu uns kommen die, bei denen andere Therapien versagt haben“, sagt Mühlheim. Bei den meisten Patienten schlägt auch Methadon nicht an. Das vollsynthetische Opiat wird im Gegensatz zum Heroin oral eingenommen, wirkt langsamer und kickt weniger, aber unterdrückt die Entzugserscheinungen. Es macht jedoch genauso abhängig wie Heroin.

Das Hauptziel ist nicht der Entzug, sondern das Überleben. „Wir wollen stabilisieren, aus der Kriminalität führen und ein möglichst autonomes Leben ermöglichen“, sagt Mühlheim und ergänzt: „Etwa 80 Prozent der Patienten reduzieren ihre Dosis im Laufe der Jahre.“ Studien belegen den Erfolg der heroingestützten Behandlung. Sie zeigen unter anderem, dass die Kriminalitätsrate bei den Patienten um bis zu 80 Prozent sinkt – ein Wert, der sich mit keinem anderen Substitutionsprogramm (wie etwa die Methadon-Behandlung) erreichen lässt.

Diesen Erfolg hat man 2009 auch in Deutschland erkannt. Nach Schweizer Vorbild wird nach einem mehrjährigen Modellversuch inzwischen in neun Städten Heroin ausgegeben, an etwa 600 Patienten. 77 000 Menschen werden mit Substitutionsstoffen wie Methadon behandelt. Die Auflagen sind strenger als in der Schweiz, auch die Sicherheitsvorkehrungen. „In Deutschland sind Heroin und Pfleger hinter Panzerglas, da müssen wir immer ein bisschen lachen“, erzählt Mühlheim und deutet auf die hüfthohe Schwingtür, die im Koda Patienten und Drogenschrank trennt. „In 22 Jahren ist es genau einmal vorgekommen, dass einer versucht hat, sich hier Zugang zu verschaffen.“

Wird in der Schweiz seit 1994 kontrolliert abgegeben: Heroin

Jeden Morgen betritt Aubry das Gebäude durch eine unscheinbare Glastür und geht ein paar Stufen hinab ins Souterrain, kein Schild weist an der Tür auf das Koda-2 hin. Vor dem Wartezimmer hängt ein kleiner Kasten an der Wand, der Fingerscan. Damit ist Aubry im System, wenig später wird auf einem Bildschirm im Wartezimmer ihr Name aufgerufen. Eine schwere Metalltür öffnet sich summend, sie geht mit fünf anderen Patienten nach drinnen, an die Theke. Ein Computerbildschirm zeigt der Pflegerin, wie viel Aubry bekommt, 130 Milligramm. Auf einem der sechs blauen Plastikstühle an einem Tisch setzt sie sich ihren Schuss, in die Daumenbeuge ihrer rechten Hand. Das Koda ist schlicht eingerichtet, Fliesen, Plastikstühle, weiße Tische. Aus hygienischen Gründen und auch, damit es sich die Patienten nicht zu gemütlich machen. Zwei Minuten anfluten. Dann geht es weiter, die Nächsten warten. Außerdem muss sie zur Arbeit. Also Pflaster drauf und los. Auch jetzt merkt man Aubry nicht viel an, ein bisschen abwesender wirkt sie vielleicht. „Es ist fast unmöglich, den Rausch zu beschreiben“, sagt sie später.

Jeden Nachmittag um halb fünf geht Sonja Aubry wieder ins Koda-2, der nächste Schuss bringt sie durch die Nacht. An ein paar Tagen in der Woche passt sie danach noch kurz auf den dreijährigen Sohn von Freunden auf, während die im Koda sind. Dann fährt sie in die Wohnung, die sie sich mit ihrer Freundin teilt. Sie geht selten aus, um nicht in Versuchung zu kommen. „Ich habe immer noch meine Kämpfe. Ich sehe nicht, dass ich in den nächsten zwei Jahren aufhöre“, sagt sie, „dafür mache ich es einfach schon zu lange. Für mich ist das mein Alltag.“

Nach ihren Zukunftswünschen gefragt, stockt sie. Es scheint weniger Hoffnung zu sein, die sie treibt, als Angst. Davor, dass das, was sie sich erarbeitet hat, verloren gehen könnte. Die Angst vor Veränderung ist auch der Grund, warum sie nach zwölf Jahren noch immer im LoLa ist. Neue Menschen, eine neue Umgebung, das würde sie überfordern. Neben Aubry arbeiten noch drei weitere Klienten dauerhaft dort. Die meisten Stellen sind jedoch auf ein Jahr begrenzt. Die Hälfte der Klienten bricht vorzeitig ab. Die andere Hälfte wird, sofern sie stabil bleibt, weitervermittelt in andere Arbeitsprogramme oder, seltener, auf den ersten Arbeitsmarkt.

Strenge Regeln 

„Man muss schon sehr motiviert sein, um ohne finanziellen Anreiz zu arbeiten“, sagt Daniel König. „Andererseits bekommen sie ja um die 900 Franken, den gängigen Sozialhilfesatz.“ Bis Juni gab es für diejenigen, die arbeiten, 100 Franken im Monat zusätzlich; inzwischen gibt es die nicht mehr. Außerdem wurden die Auflagen verschärft: Wer sich nicht kooperativ zeigt und auf die Angebote seines Sozialarbeiters eingeht, dem können die Bezüge ab sofort um 30 Prozent gekürzt werden. Auch die Schweiz spart an den Sozialausgaben. „Das ist immer wieder Thema bei uns. Aber diejenigen, die wirklich weiterwollen, denen geht es nicht ums Geld, sondern darum, zurück ins Leben zu finden“, sagt König. „Der finanzielle Aspekt ist dann ein Anreiz, sich von der LoLa weg auf einen richtigen Job zu bewerben.“ Einer seiner ehemaligen Klienten sei jetzt Metzgermeister, sagt er stolz.

Der Weg zu einem geordneten Leben verläuft oft nicht gerade. Wie bei Christian Müller. Der verlor seine Stelle bei König, als er begann, zusätzlich zum verschriebenen Heroin andere Drogen zu nehmen – ein Ausschlusskriterium. An die Zeit im Laden denkt er trotzdem gern zurück. „Es war mein Einstieg in die Arbeitswelt“, sagt er heute. „Ich hatte dort das erste Mal Verantwortung, musste mit Geld umgehen, mit Lebensmitteln, auf die Hygiene achten. Dieses Vertrauen war toll“, sagt er. „Ich habe wieder Lust darauf bekommen, ein normales Leben zu führen.“

Anschließend begann er eine Ausbildung zum Fahrradmechaniker. „Klar war das anstrengend, und ich habe öfter ans Aufhören gedacht. Aber ich hatte das Gefühl: Das ist meine letzte Chance, jetzt oder nie, immerhin bin ich jetzt 46.“ Inzwischen ist er seit zwei Jahren in seinem Ausbildungsbetrieb angestellt. Und noch immer geht Müller jeden Tag vor und nach der Arbeit ins Koda. „Bei meinem Chef habe ich von Anfang an mit offenen Karten gespielt. Aber an meinem Arbeitsplatz ist mein Drogenkonsum kein Gesprächsthema, ich trenne das.“

Was Christian Müller hat, möchte Jan Wegmann auch. Und noch mehr. Der 38-Jährige, der jung und zerbrechlich aussieht, arbeitet seit Februar im LoLa. Zeitgleich versucht er, clean zu werden. Inzwischen hat er seine tägliche Dosis von 250 auf 100 Milligramm Diamorphin reduziert. Jetzt schlagen die Entzugserscheinungen zu. Der ganze Körper schmerzt, in den Laden geht er zurzeit nur einen Vormittag in der Woche, die restliche Zeit sitzt er zu Hause vor dem Computer oder ruht sich aus. Aber er scheint fest entschlossen. „Ich will endlich die Ketten ablegen“, sagt er. „Das Koda macht auch abhängig, jeden Tag zweimal hin, ich kann nie raus aus Bern. Ich möchte Ferien machen oder auf eine Waldparty gehen.“ Die Tabletten, die das Koda den Patienten mitgibt, wollen diese die Stadt verlassen oder in den Urlaub fahren, wirken bei ihm kaum.

Heroin nimmt er, seit er 23 ist. „Ich hatte Depressionen, habe mehrere Therapeuten verschlissen, und die Antidepressiva haben alle nicht gewirkt. Also habe ich mich mit Heroin selbst behandelt.“ Die Droge kannte er von seinen Eltern. „Ohne Heroin hätte ich mich umgebracht, es hat mir damals das Leben gerettet“, sagt er. Seitdem ist er abhängig. „Ich hatte immer noch keine Lust zu leben, aber der Wunsch zu sterben wurde eingedämmt.“ Um endlich wieder Freude zu spüren, hat auch er es zusätzlich mit Kokain versucht. „Von da an ging es bergab. Ich habe meine Wohnung verloren und war nur damit beschäftigt, Stoff zu besorgen.“ Mit den negativen Gefühlen nahmen ihm die Drogen auch die positiven. „Jetzt ist meine letzte Chance aufzuhören“, sagt Wegmann. „Ich möchte eine Familie gründen, möchte das Leben wieder spüren. Ich möchte den Frühling wieder riechen.“ ---