Sabbatical

Wer sein Leben ändern möchte, sollte einen guten Plan haben. Hier zwei anregende Beispiele.





• Mit 52 begann Wolfgang Seljé seinen Traum zu leben. Fortan sollte Arbeit für ihn nur noch aus seinen Leidenschaften bestehen, darin zu singen, zu moderieren, zu unterhalten. Frank Sinatra auf Schwäbisch, Stimmlage Bariton. Wenn Seljé laut auflacht, geht’s kurz hinauf bis in den Tenor. Und er lacht viel.

Im Oktober wird der 57-jährige Sänger in Stuttgart wieder mit der SWR Big Band auftreten, „eine der beschten Big Bands der Welt“, wie er schwört. Schon als Kind habe er davon geträumt, im Smoking vor so einem Orchester zu stehen, in einem Saal mit weiß gedeckten Tischen vor einem Publikum in Abendgarderobe. Seljé wirft sich das halblange Grauhaar aus dem Gesicht und reißt vergnügt die Augenpartie hoch, wenn er ruft: „Und genau so ist es gekommen!“
Da schwärmt einer, der sein Glück kaum fassen kann.

Man kann die Geschichte, wie Seljé es in die Hand nahm, in der kurzen Version erzählen: 2011 sammelte er all seinen Mut, kündigte seine gut dotierte Stelle im Vertrieb und Marketing einer Firma für Bildbearbeitung, um seinem Drang zur Bühne nachzugeben. Nur ist die kurze Geschichte falsch und die wahre lang. Denn auf jenen Tag, von dem an er nur noch von seiner Passion leben sollte, hat Wolfgang Seljé 30 Jahre lang hingearbeitet.

Er, der wie nebenbei als siebtes von sieben Kindern einer Stuttgarter Arbeiterfamilie heranwuchs, hat nicht spontan gehandelt und alles auf eine Karte gesetzt. Er hat, im Gegenteil, seinen Traum in Etappen erklommen wie ein Erstbesteiger einen schwer bezwingbaren Berg – mit tastenden Griffen, über Umwege und stets auf Eigensicherung bedacht.

Er hörte Heintje und Sinatra im Radio, als er acht war, und sang beide mit Inbrunst nach. In der Badewanne. Dass er Talent hat, merkten professionelle Musiker erst, als er schon 21 war und sich für einen Chor angemeldet hatte. Er begann, Gesangsunterricht in der örtlichen Musikschule zu nehmen, bei einer Tschechin, die ihn zwei Jahre lang nur mit Stimmbildung triezte. Er hielt trotzdem durch, denn er lernte die klassische Musikliteratur kennen. Der Hauptschulabsolvent, gelernte Maler und Siebdrucker entdeckte die Welt des Schöngeistigen. „Es war wie eine Offenbarung. In meiner Kindheit hatten wir ja nicht mal einen Plattenspieler.“ Mit Mitte 30 dann sah er sein Ziel vor Augen – er musste auf die Bühne.

Seljé hat geschafft, wovon viele reden und ganz viele still träumen – davon, noch einmal neu durchzustarten. Oder etwas ganz anderes zu machen. Oder sich wenigstens einmal eine Auszeit vom Gewohnten zu nehmen, in der Hoffnung, so das Leben neu zu spüren. Glaubt man den rar gesäten Studien zu solchen Sehnsüchten der Deutschen, wünscht sich fast die halbe Republik, dem Alltag zu entfliehen, dem Stress oder der Langeweile.

Aus dem Büro in eine neue Welt: die Deutsche-Bahn-Managerin Christine Stockmann in einem namibischen Dorf
der Ex-Marketingmann und heutige Sänger Wolfgang Seljé an der Bar der Alten Reithalle in Stuttgart

Das Ferienwohnungsportal Wimdu hat 2015 in einer Umfrage ermitteln lassen, dass 43 Prozent der Deutschen eine Auszeit nehmen würden. Knapp die Hälfte malt sich eine Länge von drei bis sechs Monaten aus, fast jeder dritte nähme gern ein Jahr frei, jeder zehnte sogar bis zu zwei. Die meisten würden in der Zeit reisen oder sich ihren anderen Interessen widmen. Mehr als jeder zweite der über 2000 Befragten würde dabei neue Perspektiven für sein Leben suchen und zu sich selbst finden wollen. Fast genauso oft gaben die Menschen an, ein Burnout überwinden oder einem vorbeugen zu wollen. Offenbar scheint den Deutschen kollektiv die Puste auszugehen. Aber ein Sabbatical tatsächlich auch nehmen? Trauen sich Schätzungen zufolge nur drei Prozent derer zu, die sich danach sehnen.

Die meisten geben an, sie könnten sich so ein Unterfangen niemals leisten, was heißt, sie haben den zweiten vorm ersten Schritt bedacht – und in Wahrheit wohl Angst vor der eigenen Courage. Laut Wimdu-Studie finden die Deutschen viele Gründe, die Finger von der Auszeit zu lassen: Jeder vierte fürchtet, dass der Wunsch am Arbeitgeber scheitern würde. Fast 17 Prozent haben Angst vorm Karriereknick – davon sind im Übrigen zwei Drittel Männer. Jeder zehnte Teilnehmer schätzt sich als zu bequem ein für den Aufwand so eines Vorhabens, fünf Prozent fehlte der Mumm, es durchzuziehen. Und zwei Prozent sorgen sich sogar, was andere über sie denken könnten.

Die Angst hat ihren Sinn. Sie bewahrt davor, die Dinge zu überstürzen. Wolfgang Seljé, zum Beispiel, hätte nicht ohne Weiteres seine Arbeit im Vertrieb hinschmeißen können, nur weil er immer besser singen lernte. Er hatte drei Töchter aus zwei Ehen großzuziehen, hatte Ansprüche an den Lebensstandard, hatte Zusagen einzuhalten, an die Ex-Frau wie auch an seine Arbeitgeber, Ehrensache für ihn. So arbeitete er als Vertreter für Fotoreproduktionstechnik für diverse Firmen, mit steigenden Gehältern und wachsenden Aufgaben. Er machte Karriere, um seiner Berufung den Weg zu ebnen. In seiner Freizeit sang er, schrieb erste Soloprogramme, begann aufzutreten.

Seine letzte Stelle im Marketing hat er sich mit dem Kalkül gesucht, seine Arbeit allmählich von fünf auf drei Tage die Woche reduzieren zu können. „Ich hatte keine Ahnung, ob mich jemand nimmt. Und da traf ich auf die Jungs von Recom, und die sagten: geht. Das war unglaublich!“ Er lacht. „Vielleicht haben die auch darauf spekuliert, dass ich es mir anders überlegen werde.“

Tat er nicht. Nachdem er Recom, einen Spezialisten für die Bildbearbeitung von Kunst und Werbefotografie, mit den Verlagen berühmter Fotokünstler verbandelt und so ein neues Geschäftsfeld erschlossen hatte, fuhr er seine Stunden zurück.

Aussteiger-Bücher und Psycho-Reports in Magazinen suggerieren immer wieder, man müsse nur mutig sein und einen harten Schnitt mit dem alten Leben wagen, um ein neues, besseres beginnen zu können. Die Vorstellung aber ängstigt die meisten – zu Recht. Denn es ist selten eine gute Idee, bloß den Job zu kündigen im Glauben, danach seine Träume leben zu können. Es sei denn, man träumt vom freien Fall, vom Verlust von Einkommen, Wohnraum, sozialen Beziehungen. Allen anderen Sehnsüchtigen empfehlen Fachleute eine sorgfältige Vorbereitung.

Neue Erfahrungen

„Kleine Schritte, die Ihr Leben verändern“: Der amerikanische Verhaltensforscher Robert Maurer hat mit diesem Versprechen im Buchtitel vor zwei Jahren einen Bestseller der englischsprachigen Ratgeberliteratur gelandet, unter anderem indem er seine Leser tröstet. Kein großer Wurf, auch nicht der von Microsoft, Apple oder Google, schreibt er, sei über Nacht geglückt. Stattdessen sei alles Große das Ergebnis jahrelanger Mühsal gewesen, begleitet von Rückschlägen. Maurer empfiehlt darum, sich kleine Fragen zu stellen, kleine Lösungen zu finden, kleine Erfolge wertzuschätzen – das aber beständig.

Christine Stockmann hatte sich nach einer ganz anderen Welt gesehnt. Seit Mai ist die 33-Jährige in Mayana, einem Ort am Fluss Okavango in Namibia, nahe der Grenze zu Angola, eine der ehrenamtlichen „Manager für Menschen“. Das ist der Name einer Agentur, die Führungskräften aus Deutschland zu einem Social Sabbatical in einer Entwicklungsregion verhilft – und den Projekten vor Ort zu Experten auf Zeit.

Stockmann ist zu Hause in Frankfurt am Main Leiterin des Produktmanagements im Vertrieb der Deutschen Bahn. Bevor sie auf die Idee kam, knapp drei Monate lang als Helferin in dem namibischen Dorf zu verbringen, hatte sie die üblichen Alternativen, was sich mit einer Auszeit anstellen ließe, gegeneinander abgewogen: eine weitere Sprache lernen, eine Weltreise, eine Fortbildung im Ausland? Während der Suche ging ihr aber auf, dass sie etwas tun wollte, das bleibt und nichts mit ihrem Beruf zu tun hatte. „Mir war darum klar, es müsste was Soziales sein. Ich will sozusagen einen Fußabdruck hinterlassen.“

Als Managerin eine Auszeit zu nehmen, um Managerin zu sein? Was beim ersten Hören widersinnig klingt, ist typisch für die wachsende Sabbatical-Kultur in Deutschland. Auf jeden Fall scheint es eine ziemlich gute Möglichkeit zu sein, um sich in kurzer Zeit mit völlig neuen Erfahrungen und Eindrücken einzudecken, um noch lange davon zehren zu können.

Christine Stockmanns Karriere verlief, wie bei den meisten Anwärtern auf ein Sabbatical von Manager für Menschen, schnurgerade nach oben: Schule, Studium, Trainee, und schon mit Mitte 20 leitete sie Teams. Umzüge für die Karriere waren normal, 60 Stunden die Woche auch.

In Frankfurt war sie verantwortlich für die Produkte, die 2500 Mitarbeiter in den 420 Reisezentren der Bahnhöfe verkaufen. Aber in Namibia musste sie lernen, sich einen einfachen Kühlschrank zu bauen, der durch Verdunstung funktioniert. Nur hier zwingen die Umstände sie, ihre Wäsche im Fluss zu waschen. „Du hast doch zwei gesunde Hände“, habe ihre Nachbarin verwundert gesagt.

Als ehrenamtlich eingespannte Betriebswirtin verbesserte Christine Stockmann für die lokale Hilfsorganisation „Make Change Possible“ die Buchhaltung des kommunalen Hilfsprojektes. Sie installierte kaufmännische Software und ein Intranet für die sozialen Einrichtungen, sie entwarf gemeinsam mit Firmeninhabern Businesspläne und Marketingkonzepte.

Sie kann schon nach der Halbzeit sagen, was ihr für immer bleiben wird, „die Wertschätzung und Anerkennung, die mir entgegengebracht werden – und das so unverstellt und herzlich“.

Absolut alles ist anders als zu Hause und genau darum so, wie es sich Stockmann gewünscht hatte: mit Einheimischen in ihrer Kultur zu leben und zu arbeiten und so eine neue Sicht auf die Welt zu bekommen, dadurch aufmerksamer und gelassener zu werden. „Zumindest hoffe ich das“, sagt sie lachend. Im Gegenzug kann Stockmann etwas von ihren Privilegien abgeben, von ihrer Bildung und Berufserfahrung. Sie sagt: „Ich bin gespannt, wie es sich anfühlen wird zurückzukehren.“

Gute Vorbereitung

Ob das nun eine Verheißung ist oder nicht: An ihrem Arbeitsplatz dürfte alles so sein wie zuvor. Denn die Vorbereitung auf ihre Afrika-Reise hat doppelt so lange gedauert wie das Sabbatical selbst. Nachdem Stockmann beim zuständigen Vorstand ihren Wunsch geäußert hatte, wählte man gemeinsam einen guten Zeitpunkt aus. Aus dem Talente-Pool der Deutschen Bahn wurde eine Nachwuchskraft für die Interimsleitung rekrutiert und von ihr eingearbeitet. Sie hat ihr Team vorbereitet für alle Eventualitäten, die während ihrer Abwesenheit eintreten könnten.

Zuvor schon hatte Stockmann damit begonnen, ihr Arbeitszeitkonto mit Überstunden zu füllen und einen Teil des Gehalts zurückzulegen. Die Kosten für die drei Monate im Ausland werden nachher kaum über denen für eine dreiwöchige Luxusreise auf die Malediven liegen, ihre Gehaltseinbußen waren verkraftbar. Und von Anfang an stand fest: Wenn sie wiederkommt, wird sie mit ihren Chefs ihr Sabbatical auswerten.

Das klingt fürchterlich anstrengend für ein Vorhaben, in dem man doch eigentlich das Loslassen und Anderssein proben will. Aber vertraut man Elke Dieterich, der Gründerin von Manager für Menschen, bietet so ein fester Rahmen genau die Sicherheit und Effizienz, die sich Aussteiger auf Zeit wünschen. Leider sei es nicht Usus, dass Unternehmen so vorbildlich handelten wie der Arbeitgeber von Christine Stockmann. „Exit-Gespräche vor der Abreise, Wiedereingliederungsgespräche nach der Rückkehr und Absprachen, was im Sabbatical zur Führungskraft durchgestellt werden darf und was nicht. Das findet vielleicht in zwei von zehn Fällen statt.“

Das, so Dieterich, sei schade – für die Arbeitgeber. Mitarbeitern Sabbat-Monate zu genehmigen, drücke Wertschätzung aus und binde sie womöglich stärker an die Firma. Darüber hinaus sollte die Führung den Mehrwert für das Unternehmen erkennen: „Die Leute bringen ja unheimlich viel aus dieser Zeit mit, mehr Kreativität, Flexibilität, verbesserte soziale Fähigkeiten und Sprachkenntnisse“, sagt Dieterich.

Chefs fürchten womöglich, dass bald jeder so ein Sabbatical haben will, wenn ein Mitarbeiter damit anfängt, und dass zweitens der Manager im Ausland auf den Geschmack kommt und nach seiner Rückkehr den Dienst quittiert.

Die erste Sorge kann Elke Dieterich leicht nehmen. Sie sagt, sie habe es erst einmal in den vergangenen fünf Jahren ihrer Vermittlungsarbeit erlebt, dass sich aus ein und demselben Konzern ein zweiter Interessent für einen Workshop bei ihr angemeldet habe. Und die Befürchtung, dass Führungskräfte nach ihrer Auszeit abtrünnig werden? „Unsere Teilnehmer sind bisher gern in ihre Unternehmen zurückgekehrt“, sagt sie. Es komme jedoch vor, dass sich mancher innerhalb seiner Strukturen verändern möchte, weil er neue Interessen und Stärken an sich entdeckt habe. „Darüber kann man ja reden.“

Elke Dieterich selbst hat 2009 ihren Posten als Marketingleiterin eines großen Sanitär-Armaturen-Herstellers aufgegeben, weil sie einmal „etwas ganz anderes“ machen wollte. Sie ging – auf eigene Faust – für sieben Monate nach Tansania, um dort zu arbeiten. Dabei kam ihr die Idee zu Manager für Menschen.

Wolfgang Seljé, der Bariton aus Stuttgart, hat einige seiner Kabarettnummern um seine Vita herumgestrickt, mit Swing und mundartlichen Verballhornungen von Welthits. „Guantanamera“ wird bei ihm zur Frage einer schwäbelnden Friseuse: „Kann do no meh rah?“ (Kann da noch mehr ab?) Zwischendurch plaudert er mal selbstironisch, mal pathetisch aus seinem Vorortdasein, gibt preis, wie er die erste Frau vor 23 Jahren für seine jetzige verließ. Die zweite, die nebenberuflich Sängerin ist, Stimmlage Sopran, unterstützt ihn darin, nur noch für die Bühne leben zu können – indem sie zeitgleich mit seiner Kündigung eine Stelle als leitende Controllerin annahm.

Manchmal kommen Zuschauer nach einer Vorstellung zu ihm und fragen, wie genau er die Wende in seinem Leben geschafft hat. Dann erzählt Seljé von Frank Sinatra im Radio und von sich als siebtem Kind, dessen Eltern nie zu einem Elternabend gegangen seien und dem nicht ins Stammbuch geschrieben stand, einst in der Liederhalle aufzutreten, mit einer Big Band. Und wie es trotzdem so kam.

Oft entgegnen ihm die Zuschauer: Aber ich kann nicht singen und habe auch sonst kein Talent! Dann fragt er stets: Was würden Sie machen, wenn Sie nur noch ein halbes Jahr zu leben hätten? Seljé sagt: „Und da fällt jedem etwas ein, was er endlich tun und lassen würde, jedem!“ In diese Richtung müsse ein Mensch gehen, langsam. So könne man herausfinden, ob mehr hinter einer Sehnsucht steckt: Du willst mit Tieren arbeiten, statt im Steuerbüro zu sitzen? Geh ins Tierheim, und führe Hunde spazieren! Du liebst die Welt des Balletts, aber hast null Talent? Geh zur Oper, und hilf als Platzanweiserin aus!

Manchmal erinnert seine Euphorie an die eines Erweckungspredigers. Seljé ahnt das wohl. „Wenn ich bei Firmenfeiern auftrete, muss ich immer a bissle aufpassen“, sagt er. Nicht dass die Gastgeber ihn nachher für einen Aufwiegler halten, der die Angestellten zu Kündigungen anstiftet oder dazu, ihre Ehepartner sitzen zu lassen. Dann würden sie ihn womöglich nicht weiterempfehlen. Und das wäre doch misslich. Denn Seljé hat nur noch diesen Plan für sein Leben: „Ich geh’ auf die Bühne, bis ich nicht mehr kann und man mich wegtragen muss.“ ---