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Himanshu Patel

Indien lebt in seinen Dörfern, sagte schon Mahatma Gandhi. Ein junger Bürgermeister macht diese Prophezeiung wahr.





• Der alte Mann hat Blumen dabei. Er brauche nichts, wolle dem Dorfvorsteher nur einen guten Tag wünschen. Er nimmt auf einem der Besucherstühle Platz und klagt ein wenig über seine schmerzenden Knie. Fast jede Woche kommt er ins Gemeindezentrum. Himanshu Patel, der Bürgermeister, bedankt sich und sagt dem Alten zum Abschied: „Ruh dich ein bisschen aus.“

Er mag solche Begegnungen. Wenn Patel durchs Dorf geht, bleiben die Leute stehen und grüßen ihn. Manchmal kommt ein Schulkind auf ihn zugelaufen, lacht und berührt seine Füße, ein Zeichen des Respekts. Der 33-Jährige ist seit neun Jahren Bürgermeister – und berühmt in ganz Indien. Denn er hat ein Durchschnittsdorf im Bundesstaat Gujarat zu einer Vorzeige-Kommune gemacht.

Statt der typisch beige-grauen Einheitskluft indischer Beamter trägt er ein elegantes Hemd, die zwei oberen Knöpfe offen. Ein goldenes Armband schmückt sein Handgelenk und drei goldene Ringe mit Edelsteinen die linke Hand. Seine Familie zählt, wie viele Patels, zu den reichsten Landbesitzern im Ort. Nach der Unabhängigkeit Indiens bekamen sie das Land zugesprochen, das sie zuvor für einen Fürsten bestellt hatten. So sind sie zu Wohlstand gekommen. Himanshu Patel will, dass auch seine Mitbürger Chancen ergreifen können.

Viele Dörfer Indiens sind vernachlässigt. Müll liegt am Straßenrand, mit Glück sind die Hauptstraßen mit brüchigem Teer gedeckt, während der Regenzeit verwandeln sie sich in schlammige Schlaglochpisten. Abwässer rinnen durch die Gassen. Häufig fällt der Strom aus. Und die Frauen füllen Kanister am Dorfbrunnen und tragen sie auf dem Kopf nach Hause.

Keine Berührungsängste: der Bürgermeister und die Bürger

Erst nahmen sie den Neuen nicht ernst , …

So war es auch in Punsari. „Die Leute haben sich sogar ums Wasser gestritten“, erinnert sich Babu Darji. Der 46-Jährige sitzt in seiner kleinen Schneiderei an einer elektrischen Nähmaschine und näht Blusen für Saris, die indischen Wickelkleider. Wegen der guten Entwicklung ist er vor zwei Jahren aus Mumbai zurückgekehrt. Als Junge war er zum Arbeiten dorthin gezogen, denn in Punsari konnte er damals kaum etwas verdienen.

Heute freuen sich die rund 6000 Einwohner über eine Infrastruktur, die es mit der einer Stadt aufnehmen kann: Sie fahren mit ihren Motorrädern und Traktoren über schlaglochfreien Zementbelag durch die etwa ein Dutzend Gassen. In den Innenhöfen der schindelgedeckten Lehmhäuser und zweistöckigen Flachdachbauten dösen indische Wasserbüffel im Schatten unter Niembäumen. Gleich daneben: Toilettenhäuschen mit eigenem Wasseranschluss.

Ein Internetmast ragt hoch über die pink, grün oder gelb gestrichenen Häuser, umgeben von weiten Feldern mit Ölsamenpflanzen und Baumwollsträuchern. Jeder Haushalt hat Zugang zum ortseigenen WLAN. Und alle bekommen sauberes Trinkwasser aus einer Umkehr-Osmose-Anlage dreimal die Woche nach Hause geliefert. Müll ist kaum auf den Straßen zu sehen, denn dreimal die Woche sammelt der rote Traktor der Gemeindeverwaltung die Abfälle ein.

„All das haben wir Himanshu Bhai zu verdanken“, sagt Babu Darji, wie in Gujarat üblich nennt er den Bürgermeister beim Vornamen, gefolgt von einer höflichen Anrede. Nach der Entwicklung des Dorfes gefragt, sagt fast jeder diesen Satz als Erstes.

Nicht selbstverständlich auf dem Land: Straßenbeleuchtung erleichtert das Leben ...
... und macht neue Geschäfte möglich

Patel hat ein anderes Amtsverständnis als viele Kollegen: Er macht seinen Job. Er denkt fortschrittlich. Und er weiß, wie man Geld auftreibt. Der Bundesstaat finanziert die Digitalisierung der Verwaltung? Gut, dann können wir die Schulen mit Tablets ausstatten. Das Landwirtschaftsministerium fördert Anlagen zur Tröpfchenbewässerung? Wunderbar, so brauchen unsere Bauern weniger Wasser. Die Energiebehörde verteilt kostenlos LED-Lampen an Haushalte, die Strom sparen wollen? Her damit! Als die Distriktbeamten die Ansicht vertraten, die Bauern von Punsari bräuchten kein Internet, überzeugte Patel sie vom Gegenteil: „Sie können sich über neue Pflanzensorten erkundigen und die Marktpreise für ihre Produkte nachschauen.“

In indischen Amtsstuben ist solches Denken nicht verbreitet. Oft verstecken sich dort Beamte hinter aktenbeladene Schreibtische und dämmern dem Feierabend entgegen. Mittel für Entwicklung bleiben ungenutzt, weil die Verantwortlichen sich nicht kümmern oder das Geld in die eigene Tasche stecken. Und wer auf einem Amt etwas zu erledigen hat, muss stundenlang warten und wird von einem Büro ins nächste geschickt.

Patel hält jeden Morgen Sprechstunde im Gemeindezentrum, einem weißen Betonblock mit vier Räumen. Im Vorzimmer warten Menschen mit Papieren in der Hand. Er ruft sie einzeln herein, hört sich an, was die Leute bewegt, welche Papiere sie brauchen oder welche staatlichen Förderungen sie beantragen wollen. Dann erklärt er, beschwichtigt die Bürger oder fordert sie auf, aktiv zu werden. Er findet für jeden die richtigen Worte, egal ob jemand mit Universitätsabschluss oder ein Analphabet vor ihm sitzt. Die meisten Angelegenheiten sind nach ein paar Minuten erledigt.

„Ich wollte unbedingt in die Politik, um etwas zu bewegen“, sagt er. „In einem Dorf konnte ich meine Ideen am leichtesten umsetzen.“ Patel kam frisch von der Universität, als er sich zur Wahl aufstellen ließ, mit einem Bachelor in Literatur. Eines seiner Vorbilder ist Gandhi, der die Zukunft Indiens in seinen Dörfern sah. Außerdem der Philosoph Swami Vivekananda und der Freiheitskämpfer Subash Chandra Bose – junge Männer, die etwas bewegt hatten. Das wollte auch er: „Bisher hatten auf dem Posten des Dorfvorstehers immer alte Männer gesessen, die sich kaum um die Leute kümmerten.“

Patel orientierte sich auch an Narendra Modi, dem früheren Ministerpräsidenten von Gujarat und heutigen Premierminister. Der hatte die Gründung von Unternehmen vereinfacht und die Infrastruktur ausgebaut. Sein „Gujarat-Modell“ ist in Indien sprichwörtlich geworden. Modi – der wegen seiner hindu-nationalistischen Politik allerdings auch kritisiert wird – gilt als Arbeitstier und als technikversessen.

Der Mobilfunkmast verbindet das Dorf mit dem Internet
Es tut sich was im Dorf: Kamala Shah mit ihrer Familie

… doch der biss sich durch 

Patel, der sein Amt 2006 antrat, eifert ihm nach. Er erscheint morgens um halb zehn meist auch am Wochenende im Gemeindezentrum und fährt oft erst nach Einbruch der Dunkelheit um sieben oder acht nach Hause. Dabei ist sein Posten nur ein Halbtagsjob. „Wenn du etwas angehst, dann tu es mit Hingabe und widme dein ganzes Leben dieser Sache.“ Dieses Zitat von Vivekananda steht auf einem Plakat am Ortseingang.

Seine Mitarbeiter waren anfangs nicht begeistert von seinem Enthusiasmus. Patel wollte loslegen, hatte aber keine Ahnung, wie öffentliche Verwaltung funktioniert – und seine Leute hatten keine Lust, ihm zu helfen. Also arbeitete er sich durch Gesetzestexte und das 300 Seiten dicke Regelbuch für Dorfvorsteher. Und lernte, wie er Geld auftreiben konnte.

Die Kommunen in Indien bekommen keine pauschalen Zuweisungen von der Zentralregierung. Stattdessen gibt es eine unüberschaubare Zahl an Förderprogrammen, die jeweils beantragt werden müssen – von öffentlicher Infrastruktur bis zum Bau von Toiletten in Privathäusern.

„Wegen mangelnder Bildung waren die Dorfräte früher nicht in der Lage, Prioritäten zu erkennen“, sagt Indira Hirway, Direktorin des Center for Development Alternatives (CFDA), einem unabhängigen Forschungsinstitut in Gujarats Wirtschaftszentrum Ahmedabad. Sie erforscht die ländliche Entwicklung in Indien und kennt das Problem der zweckgebundenen Gelder. Nur Bürgermeister, die sich sowohl mit dem System auskennen als auch über die entsprechenden Kontakte verfügen, können es für ihre Dörfer nutzen.

Patel hat das unternehmerische Denken von seinem Vater gelernt, der neben seinem Job als Zeitungsreporter allerlei Geschäfte betreibt. Er vertraute seinem Sohn schon während des Studiums die Leitung einer Tankstelle an. Mittlerweile besitzt der Junior sieben Tankstellen und zwei Hotels.

Von seinem Vater lernte Patel auch, wie wichtig Kontakte zu Behörden auf höherer Ebene sind. Der Senior war selbst Dorfvorsteher gewesen, ebenso wie der Großvater – zu einer Zeit, als diese noch von der Bezirksregierung eingesetzt wurden. Die Patels gehören zwar einer niedrigen Kaste an, aber weil sie zu Wohlstand gekommen waren, zählten sie schon damals zu den Respektspersonen im Dorf.

Als der damals 23-jährige Patel sein Amt antrat, putzte er zunächst Klinken. Er ging von Behörde zu Behörde und wurde nicht ernst genommen. „Hol gefälligst deinen Vater her, haben sie zu mir gesagt“, erinnert sich Patel und lächelt. Anfangs ließ er sich von Beamten des Bezirks auch ausnutzen. Sie verlangten, wie in Indien üblich, Schmiergeld, um Mittel für Punsari zu bewilligen. „Wenn einer nicht mitmacht, verzögern sie die Bearbeitung oder behaupten, es gebe für das entsprechende Projekt keine Gelder“, sagt Patel.

Weil die Dorfkasse leer war, zahlte er aus eigener Tasche. Als er gelernt hatte, wie das System mit den Regierungsprogrammen funktionierte, war es damit vorbei: „Wenn ein Beamter behauptete, es gebe kein Geld, habe ich mich an anderer Stelle in der Behörde erkundigt. Wenn das nicht stimmte, habe ich mit dem Wissen bei der nächsthöheren Instanz angefragt. Sie hat dann Druck gemacht, und manchmal hat der Beamte sogar Ärger bekommen.“ Als Amtsträger in die eigene Tasche zu wirtschaften hat Patel nicht nötig, er ist ein wohlhabender Mann. Dennoch lebt er bescheiden mit seiner Frau, einer Lehrerin, seinem 13-jährigen Sohn und seinen Eltern in einem zweistöckigen Haus im knapp 30 Kilometer von Punsari entfernten Modasa. Es hat vier Schlafzimmer, eine kleine Küche, in der kaum alle gleichzeitig Platz zum Essen finden, und ein großes Wohnzimmer, in dem sich die Familie am Abend zusammenfindet, um indische Sitcoms zu schauen. Patels einziger Luxus ist ein Geländewagen aus China. Er fährt ihn selbst. Üblicherweise lässt sich ein Mann seines Status chauffieren.

Der Bürgermeister gibt sich volkstümlich. „Himanshu Bhai achtet nicht darauf, ob jemand arm oder reich ist und welcher Kaste er angehört“, sagt Kamala Shah. „Früher habe ich mich nicht getraut, ins Gemeindezentrum zu gehen; das hat immer mein Mann erledigt.“ Jetzt sitzt die 51-Jährige auf einem der Besucherstühle vor Patels Schreibtisch. Sie braucht ein Empfehlungsschreiben, das sie als kreditwürdig darstellt. Patel weist seinen Assistenten an, es gleich auszustellen.

Besser leben dank Technik: Hirte mit Wasser aus der Aufbereitungsanlage
Lautsprecher zur Information und Kameras für die gefühlte Sicherheit

In einem Land, in dem der Umgang miteinander noch immer rigiden Hierarchien gehorcht, ist sein Stil unerhört. Denn die Mächtigen in Indien versuchten die von ihnen Abhängigen kleinzuhalten, sagt Indira Hirway vom CFDA: „Sie haben Angst um ihren Status. Ein Dorfvorsteher mag meinen, wenn ich den Leuten helfe, ihre Situation zu verbessern, dann brauchen sie mich nicht mehr.“ Patel sieht es umgekehrt: „Wenn du gute Arbeit leistest, vergessen dir die Leute das nie.“ Diese Anerkennung ist ihm wichtig.

Er mag es, wenn Wissenschaftler, Reporter und Staatsbeamte kommen und sich von ihm erklären lassen, wie er Punsari umgekrempelt hat. Er genießt es, wenn er bei Festen im Dorf als Ehrengast behandelt wird und die Leute sich um ihn scharen. Oder wenn ein Bürger sich mit gefalteten Hände und Verbeugung für einen Rat oder ein Dokument bedankt. Dann lächelt er milde wie ein König. Er hat sich diesen Status erarbeitet. Über seinem Schreibtisch hängen allerhand gerahmte Ehrungen; einige stammen vom Premierminister persönlich. Punsari wurde mehrfach zum Dorf des Jahres gewählt, in Gujarat und landesweit.

Er setzt auf die Jungen und die Frauen 

Anfänglich waren vor allem viele Ältere im Ort eher skeptisch. „Die Leute sagten, jeder Dorfvorsteher hatte Entwicklung versprochen, aber dann war nie viel passiert“, erzählt der Bibliothekar, ein kleiner Mann Mitte 60 mit wildem weißem Haar. „Ich erinnere mich an seinen Vater, im Vergleich zu den anderen hatte der ganz gute Arbeit geleistet.“ So dachten manche und wollten dem Sohn daher auch eine Chance geben.

Andere waren begeistert von seinen Ideen, so wie Dipak Kumar Patel. Er ist nicht mit dem Dorfvorsteher verwandt. „Jedes Mal, wenn Himanshu zu Besuch nach Punsari kam, hatte er einen neuen Einfall“, erinnert er sich. Der 39-Jährige hat einen Kopierladen an der Hauptstraße.

Im Wahlkampf richtete Patel sich an junge Leute wie ihn. Er versprach ihnen moderne Technik und Jobs. Die Jungen riss sein Tatendrang mit, Ältere überzeugte der gute Ruf seiner Familie. Mit nur fünf Prozent Vorsprung gewann er die Wahl. „Wir haben Himanshu auf den Schultern getragen und fünf Tage lang gefeiert“, sagt Dipak Kumar Patel.

Um möglichst alle im Dorf zu überzeugen, gründete der neue Bürgermeister Gruppen von je 10 bis 15 Einwohnern, aufgeteilt nach Ortsteilen. „Ich wusste, dass ich es bei den älteren Männern schwer haben würde“, sagt er. So rief er Frauen und junge Leute auf teilzunehmen und hoffte, über sie auch die Patriarchen zu erreichen. Er lud die Leute zu sich ein und stellte Fragen: Welche Probleme drückten sie am meisten? Als eines der drängendsten erwies sich die fehlende Kanalisation. Die Leute kippten ihr Abwasser auf die ungeteerte Straße. Die Brühe stank und zog Fliegen an. Der Schlamm erschwerte den Kindern den Schulweg und den Erwachsenen die Fahrt zum Feld.

Sein Vorgänger im Amt hatte Schulden hinterlassen, es gab kein Geld für Investitionen. Patel brachte die Leute dazu, in ihren Innenhöfen Gruben für das Abwasser auszuheben. Damit behalf man sich, bis genügend Geld für eine Kanalisation in der Kommunalkasse war.

Die Straßenbeleuchtung finanzierte Patel mithilfe eines Programms, das eigentlich für Siedlungen von Dalit, den sogenannten Unberührbaren, bestimmt war. Er zeichnete einen Plan von Punsari auf und markierte die Gegenden, wo Dalit wohnten. Weil sie an gegenüberliegenden Enden des Dorfes lagen, bewilligten die Behörde auch Laternen für die übrigen Straßen dazwischen.

Emanzipation: Kamala Shah nimmt die Dinge nun in die eigenen Hände
Kehrte aus Mumbai zurück ins Dorf: der Schneider Babu Darji

Sein Versprechen, sich um die jungen Leute zu kümmern, erfüllte Patel in Form eines Erwachsenenbildungszentrums. Solche Zentren existieren vielerorts in Indien, doch wenige sind so modern ausgestattet und bieten so viele Kurse an wie das in Punsari. Seit zwei Jahren gibt es dort Computerworkshops, Handwerks-, Näh- und Kosmetikkurse; demnächst soll eine Fahrschule für Frauen hinzukommen – alles kostenlos. Patel will die jungen Leute im Dorf halten.

Mehul Pancheel und seine Frau Yogina, 28 und 26 Jahre alt, sind in dem Zentrum als Lehrer angestellt. Sie steht vor einer Gruppe Frauen an Nähmaschinen und zeigt Schnittmuster. Ihr Mann sitzt im Nebenraum an einem Computer, gerade ist der Unterricht – es ging um Tabellenkalkulation – beendet. „Ohne diese Stelle hätte ich wahrscheinlich wegziehen müssen, um Arbeit zu finden“, sagt Mehul Pancheel. Mit ihrem Gehalt und einer staatlichen Bauförderung konnten die beiden sogar ein neues Haus in Punsari bauen.

Sein Motto: Was nichts kostet, ist nichts wert 

Die neuen Möglichkeiten weckten den Unternehmergeist der Dorfbewohner, etliche eröffneten neben der Landwirtschaft ein Geschäft. Neben Babu Darjis Schneiderei sitzt ein Juwelier hinter der Theke seines Schmuckgeschäfts und arbeitet an einer Silberkette. Gegenüber packt der Besitzer einer Boutique Tüten mit neu eingetroffenen Hemden aus. Daneben liegt ein Krämerladen, der Drogerieartikel, Kekse und Limonade verkauft, gefolgt von einem Geschäft für Lenkdrachen und anderes Spielzeug. Allein auf den 300 Metern zwischen der Gemeindeverwaltung und dem Bildungszentrum gibt es mehr als ein Dutzend Geschäfte – ungewöhnlich für einen so kleinen Ort.

Genehmigungen sind hier leichter zu bekommen als andernorts, ebenso staatliche Förderungen – weil die Leute mittlerweile gut informiert sind. Das ländliche Indien kommt auch deshalb schlecht voran, weil die Menschen nichts von ihren Möglichkeiten wissen. „Es ist Aufgabe des Dorfvorstehers, sie darauf aufmerksam zu machen, etwa durch Versammlungen“, sagt Indira Hirway vom CFDA. „Aber das passiert längst nicht überall.“

Patel nutzt eine effiziente Methode: Er hat im ganzen Ort Lautsprecher installieren lassen. Jeden Morgen, nachdem das Gebet aus dem Tempel übertragen wurde, vermeldet er Neuigkeiten und informiert über neue Förderprogramme.

So hat Kamala Shah von dem Bankkredit erfahren, für den sie Patels Empfehlungsschreiben brauchte. Er richtet sich speziell an Frauen. Im Hinterzimmer ihrer Küche stapeln sich in Plastik verpackte Töpfe und Essgeschirr aus Edelstahl auf einem Regal. Ihr Mann führt einen Laden für Haushaltsutensilien. Shah will mit dem Kredit das Warenlager weiter aufstocken.

Die Lautsprecher knacken, dann schallt Patels Stimme durch die Straßen. Er spricht über einen Trauerfall und informiert über den Stand eines Hausbaukredits, den viele im Ort beantragt haben. Zum Schluss ruft er die Leute auf, ihre Steuern zu begleichen. „Wer pünktlich zahlt, bekommt einen Mülleimer umsonst“, knarzt es aus den Lautsprechern. Jetzt klingt er wie ein Jahrmarktsschreier. Im Abstellraum des Gemeindezentrums stapeln sich grüne Plastikeimer. Der Distrikt hat sie für alle Orte bereitgestellt, die den Titel „Sauberes Dorf“ tragen. Die Bürger müssten sie auch bekommen, ohne ihre Steuern zu zahlen – aber das behält Patel für sich.

In Punsari zahlen, anders als im Rest des Landes, nicht nur wegen solcher Tricks fast alle Bürger Steuern: „Sie sehen, dass wir mit ihrem Geld etwas für sie tun“, sagt Patel. Er erhebt auch Gebühren auf alle öffentlichen Leistungen. „Es gibt nichts umsonst. Die Leute sollen die Leistungen wertschätzen.“

Die Gebühren bleiben auch für die ärmeren Leute bezahlbar. Eine 20-Liter-Flasche gefiltertes Trinkwasser kostet etwa fünf Cent, die Müllabfuhr rund 40 Cent im Jahr für jeden Haushalt. So hat er die leere Haushaltskasse wieder aufgefüllt. Punsari steht jetzt mit rund 100.000 Euro im Plus.

Auch für den Literaturnachschub ist gesorgt: eine mobile Bibliothek
Wohl behütet: Auch im Klassenraum gibt es eine Kamera

Für diese Erfolgsgeschichte war mancher Widerstand zu überwinden, etwa von Ronak Patel. Auch er ist nicht verwandt mit dem Dorfvorsteher. Der 31-jährige Landwirt mit Schnauzbart ist glühender Anhänger der Kongresspartei, deren Kandidat bei der Wahl unterlag. Wie in Indien üblich, haben er und seine Parteifreunde anschließend versucht, die Arbeit des neuen Bürgermeisters zu torpedieren, um ihn als unfähig dastehen zu lassen. Als der Weg von der Oberschule am Ortsrand ins Zentrum befestigt werden sollte, stachelten sie die Anwohner auf: Mit einer richtigen Straße nehme der Verkehr zu, das sei gefährlich für die Kinder. Ronak Patel lebt selbst an jener Straße. Sie ist heute zementiert und breit genug für einen Lkw, wird aber trotzdem nur von ein paar Dutzend Wagen am Tag befahren. Er und seine Mitstreiter beantragten beim Bezirk einen Baustopp und behinderten die Arbeiter. Notfalls würden sie auf der Straße schlafen, um den Bau zu verhindern, ließen sie verlauten.

Himanshu Patel fand das gar nicht lustig: „Ich war stinksauer und bin sofort zur Baustelle gegangen. Aber es hat sich niemand von den Anwohnern blicken lassen.“ Er hieß die Arbeiter weiterbauen. Und versuchte den Konflikt auf seine Weise zu lösen. Wieder setzte er auf die Jungen und die Frauen, um auch die Familienoberhäupter auf seine Seite zu bringen.

Eine Woche später war etwa ein Drittel der Anwohner einverstanden. „Gut, dann bauen wir die Straße nur bis zu deren Häusern“, ließ Patel den anderen mitteilen. Sein Kalkül, dass es bei einer halben Straße nicht bleiben würde, ging auf. Nach und nach knickten auch die anderen ein, es setzte sich die Einsicht durch, dass die Straße allen nutzt.

Inzwischen hat auch Ronak Patel seine Blockadehaltung aufgegeben. „Mit der Zeit habe ich gesehen, was Himanshu Bhai leistete, und dagegen war einfach nichts einzuwenden“, sagt er heute, auch wenn er bei der nächsten Wahl wieder den Kandidaten der Kongresspartei unterstützen wird.

„Eigentlich fehlt mir der Widerstand“, sagt Himanshu Patel kokett. Höchstens 10 bis 15 Leute seien noch gegen ihn, sagt er. „Ich empfand den Gegenwind als Herausforderung. Je mehr kam, desto härter musste ich arbeiten, um das zu erreichen, was ich wollte.“ Er beginnt sich zu langweilen. Deshalb will er bei den nächsten Wahlen im November nicht mehr antreten. „Es bleibt hier nicht mehr viel zu tun.“

Er sucht eine neue Herausforderung und hat sie vielleicht schon gefunden. Kürzlich bekam er Besuch aus einem Dorf rund sechs Autostunden südlich von Punsari. Die Leute erzählten von den Zuständen dort. Fast alle Bewohner seien sehr arm, kein sauberes Trinkwasser, keine Straßen, Stromausfälle. „Sie baten mich um Hilfe“, sagt Patel. Im Herbst, wenn seine Amtszeit ausläuft, will er nun dort kandidieren „Ich muss wieder ganz von vorn anfangen, das reizt mich“, sagt er. „Ich will dort in zwei Jahren schaffen, wofür wir in Punsari zehn gebraucht haben.“ ---

Bei der Arbeit: Patel spricht via Mikrofon und Lautsprecher zu den Dorfbewohnern. Der Monitor zeigt die Bilder der Überwachungskameras