Abgefahren

Das Auto ist ein Kraftfahrzeug, noch mehr aber ein Fahrzeug mit Anziehungskraft. Oder war das einmal? Eine Momentaufnahme.





• Man denke nur an die Road Movies. Von „Thelma & Louise“ und „The Fast and the Furious“ über „Bullitt“ zu „Fluchtpunkt San Francisco“ – seit jeher spielten Autos in Filmen eine Hauptrolle. Sie verkörperten Freiheit und Stärke, Coolness und Schnelligkeit. Die heroischen Geschichten von Männern und Frauen in ihren treuen motorisierten Gefährten gaben uns das Gefühl, Grenzen überschreiten zu können, dorthin fahren zu können, wo wir immer schon mal hinwollten – und wo wir eigentlich auch wären, wenn wir auf unser Herz hören würden. In unseren Wunschvorstellungen war das Auto viel mehr als nur eine Maschine. In unserer Fantasie war es ein Freund.

„Man kann ein Auto nicht wie ein menschliches Wesen behandeln – ein Auto braucht Liebe“, bringt es der ehemalige Profirennfahrer und Rallye-Weltmeister Walter Röhrl auf den Punkt. „Wenn es keinen Spaß macht, ist es auch kein Auto“, sagte erst vor fünf Jahren Akio Toyoda, der Vorstandsvorsitzende von Toyota.

Aber werden solche Beziehungsmuster und Einsichten nicht bald von einer neuen digitalen Wirklichkeit überholt? Droht das Auto als Lustobjekt nicht aus der Zeit zu fallen?

„Wer sagt, dass wir nicht tausend Jahre leben können, dass Autos nicht fliegen können?“, fragt Sebastian Thrun, ehemaliger Visionär bei Google, heute Chef der Internet-Universität Udacity und von der US-Fachzeitschrift »Foreign Policy« Ende 2012 auf Platz vier im Ranking der „100 Vordenker der Welt“ eingereiht. In seinen Gedanken taucht das Auto zwar noch auf, aber nur als Vehikel, nicht als Lustobjekt. Für die Reise zum Glück dienen Smartphones, die Zugang in die virtuelle Welt schaffen, in soziale Netzwerke und Dating-Portale.

Das Auto, so die Vision der Digitalpioniere, soll sich brav und von allein durch den Stau manövrieren. Aus dem wilden Fahrzeug, dem rauen Kumpel, droht ein fürsorglich-vernünftiger Langweiler zu werden, ein sicherer Begleiter und zuverlässiges Transportmittel. So scheint es zumindest auf den ersten Blick.

Der Ölmessstab wird durch eine digitale Anzeige im Bordcomputer ersetzt, das Steuer werden uns Algorithmen aus der Hand nehmen. Eine lasergesteuerte Radaranlage bremst, das Auto hört aufs Wort und reagiert auf Fingerzeig. Kein Abenteuer erwartet uns hinter der nächsten Kurve, sondern ein Stau, vor dem unser vernetztes Auto von seinen autonom-motorisierten Kollegen bereits gewarnt wurde.

Ein eiförmiges Google Car als Ersatz für den weißen Dodge Challenger in „Fluchtpunkt San Francisco“? Robert DeNiro in „Ronin“ im BMW i3?
Das soll sexy sein?

Sexy heißt auch immer ein bisschen verrucht, und das bringt uns zu dem, was der Engländer unübersetzbar „guilty pleasures“ nennt. Bewegung ist ein Abenteuer. Das Verlassen des Vertrauten, der Reiz des Verbotenen. Tempo und Rock ’n’ Roll, bei Tiefgelb noch schnell über die Ampel, sich verfahren, Menschen nach dem Weg fragen, falsch fahren, übermütig fahren, sich wieder verfahren, falsch parken, wild parken. Das Gefühl von Freiheit. Das Unwägbare. Zufall. Spaß.

So etwas wird uns im digitalen Automobil-Alltag fehlen.
Sei’s drum.

Früher war mehr Lametta: Ford Mustang (1965 – 1966)

Vielleicht haben wir in der Zukunft unsere Autos immer noch lieb, selbst wenn wir sie teilen müssen. Vielleicht finden wir oder geniale Marketingleute andere Gründe, sie zu begehren. Elon Musk, der Steve Jobs unter den Automobilisten, macht es uns gerade vor, wie man nicht nur eine Marke erfindet, sondern im Falle von Tesla einer gesamten Industrie die Zukunft weist. Er stattet seine Autos mit einem neuartigen Charisma aus. Und in Teslas Windschatten beschleunigt auch das Google Car, jenes unsäglich schräge Ei, das ob seiner Exzentrik beginnt, Liebhaber unter den unter 18-Jährigen zu gewinnen.

Plötzlich erkennt man, dass auch ein Elektroauto zum hippen Statussymbol mutieren kann: lange Warteschlangen vor den Tesla-Shops, mehr als 350 000 Vorbestellungen in der ersten Woche und eine geforderte Anzahlung in Höhe von 1000 Euro für ein Auto, das (vielleicht) in zwei Jahren kommen könnte, inklusive. Die alten Macher der herkömmlichen Autowelt registrierten dieses Ereignis dann zunächst auch nur mit Unverständnis.

Die digitale Elite kennt die Mechanismen, neue Begehrlichkeiten zu wecken, genau und nutzt sie gekonnt. Ihre automobilen Produkte werden also sehr wahrscheinlich ihren Reiz haben, der allerdings auch in Schrecken überschlagen kann, wenn bei den selbstfahrenden Fahrzeugen etwas schiefgeht.

Vielleicht werden Automobilhersteller bald Kapazitäten freihaben für Nischen-Nischen-Modelle. Für den kleinen, vollkommen unpraktischen Flitzer in winziger Stückzahl, der sexy ist und die Kurven ganz prächtig nimmt. Vielleicht werden uns Adventure Parks locken, in denen wir herumrasen können. In Autos, die wir selber kontrollieren. Vielleicht werden wir uns Vintage Cars kaufen, ohne viel Elektronik. Vielleicht lassen wir uns unter der Woche von einem Roboter chauffieren, um dann am Wochenende das Spaß-Mobil aus der Garage zu holen und zum nächsten Trackday zu fahren.

„Das letzte Auto, das gebaut werden wird, wird ein Sportwagen sein“, hat Ferry Porsche vor 60 Jahren prophezeit.

Er könnte tatsächlich richtig liegen. ---
... ein Varedo (1972) der italienischen Marke Iso Rivolta