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Timothy Wells (MMV) im Interview

In den Neunzigerjahren sterben zwischen einer und drei Millionen Menschen jährlich an Malaria, die meisten in Afrika, mehr als die Hälfte sind Kinder unter fünf Jahren. Die vorhandenen Medikamente wirken nicht mehr – neue aber werden von der Pharmaindustrie nicht entwickelt. Die Suche nach Wirkstoffen ist teuer, und Malaria-Medikamente versprechen kein großes Geschäft. 1999 entstand daher eine Initiative, die in ihrer Art einmalig ist: Medicines for Malaria Ventures (MMV). Zunächst finanziert mit vier Millionen US-Dollar der Regierungen von Großbritannien, den Niederlanden, der Schweiz sowie der Weltbank und der Rockefeller-Stiftung, gründeten Wissenschaftler einen Forscherverbund, der Pharmafirmen beim Test ihrer Wirkstoffe unterstützt. Seither wurden sieben Millionen Wirkstoffe gegen Malaria getestet, zwölf davon haben es bis zur klinischen Prüfung geschafft. Inzwischen beschäftigt die von rund 20 Regierungen, Stiftungen und Firmen geförderte Initiative mehr als 50 Mitarbeiter; Forschungsleiter ist seit 2007 der Chemiker Timothy Wells.





brand eins: Herr Wells, was Sie betreiben, wird Open Science, also offene Wissenschaft genannt. Was heißt das genau?

Timothy Wells: Daten frei zugänglich zu machen. Wir kennen das aus der Software-Industrie, bei Open Source steht alles, inklusive Quellcode, allen zur Verfügung. Wenn es nicht nur um Daten geht, spricht man von Open Innovation – Entwicklungen sind nur für die Mitglieder eines Konsortiums offen – und Open Access. Dabei werden nicht nur Daten, sondern auch chemische Verbindungen jedem zugänglich gemacht. Das ist das Prinzip, auf dem unsere Malaria-Box und die Pathogen-Box beruht.

Was steckt in einer solchen Box?

Wirkstoffe und Verbindungen von pharmazeutischen Unternehmen, die wir in alle Welt zum Testen schicken. Bis vor ungefähr zehn Jahren mussten Experimente noch manuell durchgeführt werden, pro Woche konnte man bei nur wenigen Verbindungen prüfen, ob diese eventuell gegen Malaria wirksam sind. Seit 2007 wurden diese Tests automatisiert und beschleunigt, heute kostet es nur noch ein statt circa 100 Dollar pro Verbindung – und plötzlich wurde es möglich, jene Millionen Verbindungen zu testen, die in den Laboren lagerten. Wir begannen, mit Partnern in aller Welt alle Verbindungen, zu denen wir Zugang bekommen konnten, zu sammeln und zu testen. Am Ende hatten wir eine Sammlung von 20 000 bis 30 000 Substanzen, die für die Malaria-Behandlung interessant sein könnten.

Wie weit sind Sie mit Ihrem Projekt?

Wir sind lange nicht am Ziel, aber die Malaria-Box hat uns vorangebracht. Im ersten Schritt haben wir Millionen von Substanzen geprüft und jene 20 000 bis 30 000 Verbindungen identifiziert. Diese müssen allerdings im Labor getestet werden, viele Forschungsgruppen hatten jedoch keinen Zugang zu den Chemikalien. Daher haben wir die identifizierten Verbindungen in rund 400 Gruppen geordnet, eine Verbindung pro Gruppe gekauft und diese an jeden verschickt, der damit arbeiten wollte. Das waren mehr als 250 Boxen, und dadurch ist ein Netzwerk aus Wissenschaftlern entstanden, die nicht nur an den Tests interessiert waren, sondern auch bereit, ihre Ergebnisse zu veröffentlichen.

War das eine Bedingung, um mitmachen zu können und diese ab 2011 an jeden zu verschicken, der damit arbeiten wollte?

Eher eine Anregung. Etwa zwei Jahre nach dem Versand der Boxen stellten wir fest, dass ein Drittel gut gearbeitet und einen Artikel über ihre Forschungen veröffentlicht hatte, ein Drittel konnte mit der Box nichts anfangen, weil das Geld fehlte. Deshalb haben wir Zuschüsse der britischen Regierung und der Bill & Melinda Gates Stiftung erhalten. Mit diesen Stipendien können vor allem Forscher in Afrika und Südamerika gefördert werden. Das letzte Drittel hat zwar mit der Box experimentiert und auch Daten gesammelt, aber keine Möglichkeit gefunden, die Ergebnisse zu veröffentlichen.

Sie wollten ihre Erkenntnisse teilen, aber sie konnten nicht?

Genau. Wissenschaftler müssen in Fachzeitschriften veröffentlichen, aber wenn die Ergebnisse nicht aufregend genug sind, wird das schwer. Deshalb haben wir nun all diese unveröffentlichten Ergebnisse gesammelt und einen Übersichtsartikel daraus gemacht.

Inwiefern hilft das?

Erst wenn man alle Daten vergleichen kann, sieht man Fortschritte und Entwicklungen und kann so erkennen, wie sich verschiedene chemische Verbindungen verhalten. So haben etwa einige Wissenschaftler die Malaria-Box gegen andere Parasiten getestet. Wenn man nun sieht, dass eine Verbindung bei zu vielen Organismen aktiv ist, heißt das für uns: Sie ist uninteressant, sie ist nur ein Giftstoff. Zudem ist es möglich, zwei Forschergruppen, die zu ein und demselben Ergebnis gekommen sind, zusammenzubringen.

Das klingt nach einem sehr mühsamen Verfahren, ist denn irgendwann auch ein wirksames Medikament in Sicht?

Darum geht es – aber alle Beteiligten wissen, dass das sehr lange dauert. Die Malaria-Box erhöht die Zahl der Mitsuchenden, aber sie ändert nichts daran, dass man nicht viele erfolgreiche Fälle sieht. Nur fünf bis sechs von ungefähr 200 Forschergruppen sind zu vielversprechenden Ergebnissen gegen Parasiten gekommen, genug für eine nächste Testrunde. Dazu kommen noch 20 bis 30 Gruppen mit interessanten Resultaten gegen Malaria, mit denen wir uns weiter beschäftigen wollen. Ohne die Box hätten wir sie nicht gefunden, und ohne sie wäre auch kein Netzwerk entstanden, das großes Interesse daran hat, Daten zu teilen und zusammenzuarbeiten. So ist auch die Idee zur Pathogen-Box entstanden.

Was ist das?

Wir haben Verbindungen zusammengestellt, die nicht nur im Kampf gegen Malaria interessant sind, sondern auch gegen andere Parasiten, einschließlich antiviraler und antibakterieller Wirkstoffe. Das sind keine Medikamente, da geht es um Grundlagenforschung. Wir haben wieder 400 Wirkstoffe in einer Box gesammelt und verschicken sie an jeden, der sich dafür interessiert. Seit Januar arbeiten 100 Labore damit, und es sind bereits drei, vier sehr gute Ideen herausgekommen. Die Pathogen-Box wurde übrigens vollständig von der Gates-Stiftung finanziert, die auch stark in der Malariaforschung engagiert ist.

Warum machen die Pharmafirmen eigentlich mit? Deren Interesse an neuen Malaria-Medikamenten ist ja eher gering.

Wie bieten ihnen die Möglichkeit, zu experimentieren und mit Forschungsnetzwerken zusammenzuarbeiten. Zudem lernen sie über die gemeinsame Arbeit auch einiges über die Verhältnisse in Afrika, Südamerika und Südostasien: Dort sind die vernachlässigten Krankheiten endemisch, was auch Wachstum verspricht – aber die wenigsten Pharmafirmen kennen sich dort aus.

Und nur deshalb haben sie ihre Tresore geöffnet und ihre Verbindungen herausgerückt?

Sie waren zunächst beruhigt, weil wir ihnen erklärt haben, dass wir die Struktur der Verbindungen für die Tests nicht wissen müssten. Und auch wenn sich das Interesse an Malaria-Behandlung in Grenzen hält: Wenn Pharmafirmen die Chance haben, ohne großen Einsatz zu sehen, ob eine ihrer Verbindungen Wirkung auf Malaria aufweist, neigt zumindest die Hälfte dazu, mitzumachen. Die meisten haben am Ende auch die Struktur der Verbindungen offenbart.

Vielleicht machen sie dann ja auch beim nächsten Schritt mit, der klinischen Entwicklung?

Der kommerzielle Anreiz ist nicht sehr groß: Beteiligte Unternehmen verpflichten sich, die Arzneimittel ohne Gewinn zu verkaufen. Deshalb ist entscheidend, dass es MMV gelingt, durch Regierungen, Stiftungen und Sponsoren genug Geld zu sammeln. Das ist der entscheidende Unterschied zu Krebs: Da verspricht jedes neue registrierte Medikament großen Gewinn. Und da die Wirkstoffe, mit denen wir arbeiten, auf Säugetierzellen keinen großen Effekt haben, sind sie für Krebs oder Diabetes nutzlos.

Wurden denn schon Wirkstoffe identifiziert, die in die klinische Prüfung gehen können?

Die erste Überprüfung von rund sieben Millionen Verbindungen lieferte 17 vielversprechende Wirkstoffe, aus denen an 13 aktiv geforscht wird. Bei der Malaria-Box ist es noch zu früh, da werden wir erst in fünf oder zehn Jahren mehr wissen. Und dann muss man bedenken, dass nur etwa eines von zehn Produkten, die klinisch geprüft und optimiert werden, als Arzneimittel anerkannt wird.

Lohnt der Aufwand?

Wir haben viel gelernt und bislang ungenutzte Verbindungen identifiziert, bei denen sich das Testen lohnt – ein gutes Beispiel, wie öffentlicher und privater Sektor zusammenarbeiten können. Und die Chance, ein neues, besseres Malaria-Medikament zu finden, kostet auch nicht so viel: Jede Box ist etwa 4000 Dollar wert. Das ganze Pathogen-Box-Projekt, bei dem wir hochwertigere und neuere Verbindungen einsetzen konnten, wird uns am Ende vier Millionen Dollar kosten. Das ist sehr wenig.

Lässt sich aus den Erfahrungen mit der Malaria-Box etwas für andere Medikamenten-Forschungsgebiete lernen?

Durch das Projekt wurden viele Biologen involviert, die bislang mit Pharmaforschung nichts zu tun hatten, aber gebraucht werden. Denn wenn man die Chemie in die Hände der Biologen gibt und sie gleichzeitig mit Chemikern zur Dateninterpretation zusammenbringt, kann Erstaunliches entstehen – nicht nur in der Malariaforschung. ---