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4SC AG

Ein revolutionäres Krebsmedikament zu entwickeln ist schwierig. Vor allem wenn man auf das Geld anderer Leute angewiesen ist. Wie das Unternehmen 4SC.





• Die Situation von 4SC kann man sich wie bei einer Mannschaft auf einer Eisscholle vorstellen, die langsam in immer wärmere Gewässer treibt. Kommt das rettende Land rechtzeitig, oder schmilzt das Eis auf dem Weg dorthin? Das Eis ist in diesem Fall das Kapital, das rettende Ufer die Zulassung für ein Krebsmedikament, das auf epigenetische Enzyme setzt, um Tumorzellen auszuschalten. Und das immer wärmer werdende Gewässer ist der Finanzbedarf.

Der kann schnell zum Ozean werden. Derzeit schmilzt das Kapital jeden Monat um durchschnittlich 1,2 Millionen Euro. Ende 2014 war es für die mehr als 60 Mitarbeiter erstmals bedrohlich eng geworden: Das Eigenkapital von einst mehr als 50 Millionen (im Jahr 2009) war auf 2 Millionen Euro geschrumpft.

Bei der Entwicklung neuer Medikamente denkt man meist an große Pharmakonzerne – doch diese Aufgabe übernehmen heute vor allem kleine Start-ups. Eines davon ist 4SC. Das Kürzel steht für „For Smart Chemistry“, die zum Beispiel zu epigenetischen Krebsmedikamenten führen soll. Das ist ein neuer Ansatz.

Das Unternehmen aus Planegg-Martinsried bei München manipuliert etwa mit seinem Wirkstoff Resminostat die Steuerung für die Zellteilung bei Blutkrebszellen und will so deren Wachstum stoppen. Das Spitzenumsatzpotenzial in Europa schätzen die Bayern allein für diese Anwendung auf rund 140 Millionen Euro pro Jahr. Lizenzpartner testen den Wirkstoff zudem bei Leber- und Lungenkrebs, heute häufig noch tödliche Diagnosen. Einen gewöhnlichen Kredit von der Hausbank bekommen solche Firmen für ihre Vorhaben nicht. Sie brauchen Investoren. Einen Börsengang, acht Kapitalerhöhungen, eine Wandelschuldanleihe und mehrere Investorenwechsel hat 4SC bereits hinter sich. Ein zugelassenes Produkt gibt es hingegen noch nicht. Der Aktienkurs ist mittlerweile auf ein Zehntel des Ausgabewertes gefallen.

Doch es ist Land in Sicht. In diesem Herbst soll eine Phase-II-Studie für das aussichtsreichste Präparat beginnen. Bei einem Erfolg stünde man in Europa knapp vor der Zulassung für Resminostat gegen Blutkrebs. Der Wirkstoff gilt als sogenanntes Nischenpräparat, da Blutkrebs im Verhältnis zu anderen Krebserkrankungen seltener und der medizinische Bedarf gleichzeitig sehr hoch ist. Unter diesen Umständen wird die Zulassung verkürzt: Die sonst übliche Phase III mit einer großen Patientenstudie entfällt.

Bis ins Jahr 2018 muss das Geld aber auf jeden Fall noch reichen, denn die geplante Phase II wird mindestens zwei Jahre dauern. 150 Patienten werden dazu in zehn europäischen Ländern getestet; pro Patient kostet das Verfahren ungefähr 50 000 Euro.

Die bewegte Geschichte von 4SC lässt sich am Verlauf ihres Aktienkurses rekonstruieren. Sie beginnt mit dem Börsengang 2005. Das damalige Ziel: ein Medikament gegen Autoimmunerkrankungen wie Rheuma zu entwickeln.

2005

Wenn es einen schlechten Zeitpunkt für den Auftritt auf dem Kapitalmarkt gibt, dann ist es der Dezember 2005. 4SC, ein 1997 an der Universität Würzburg ausgegründetes Unternehmen, buhlt mit einem an Mäusen getesteten Wirkstoff gegen Autoimmunkrankheiten um Investoren. Doch die sind zögerlich: Zu frisch sind noch die Erinnerungen an den Crash am Neuen Markt. Am 15. Dezember notiert 4SC auf dem geregelten Markt an der Wertpapierbörse in Frankfurt. Es handelt sich um eine Umplatzierung bislang ausgegebener Anteile. Die Erstnotiz liegt bei 4,41 Euro, vier Prozent über dem Ausgabewert. Vor dem Börsengang geben Altinvestoren und neue institutionelle Anleger 10,16 Millionen Euro für eine vorbörsliche Kapitalerhöhung – viel zu wenig, um eine Studie an Menschen zu finanzieren.
Ausblick: durchwachsen

2007

Die Hexal-Gründer Andreas und Thomas Strüngmann investieren knapp 15 Millionen Euro – als Bareinlage.
Ausblick: sonnig

2008

Ein Teil des Geldes der Strüngmann-Brüder wird in eine Studie zur Wirksamkeit des Autoimmunmittels am Menschen investiert, eine sogenannte Phase-II-Studie. Mit dem Rest werden acht potenzielle Krebswirkstoffe aus der ehemaligen Pharmasparte des Chemiekonzerns Altana hinzugekauft. Der Schwerpunkt des bisherigen Ein-Produkt-Unternehmens 4SC liegt nun ab sofort auf der Behandlung von Krebs.
Ausblick: sonnig

2011

„In der Euphorie sät man die Probleme von morgen“, sagt Daniel Vitt, Mitgründer von 4SC. In diesen Zeiten fehle es an Besonnenheit. Die Studie für das Rheumamittel scheitert. An einem einzigen Tag verliert die Aktie ein Drittel ihres Wertes. Das Geschäftsfeld Rheuma ist Geschichte – aber neue Hoffnung keimt.

Der japanische Mischkonzern Yakult Honsha erwirbt die Lizenz für einen der 2008 gekauften Wirkstoffe: Resminostat. Dafür will er Zulassungsstudien in Japan finanzieren und durchführen. Im besten Fall könnte 4SC daran bis zu 127 Millionen Euro verdienen, plus Umsatzbeteiligung im zweistelligen Prozentbereich. Sechs Millionen Euro werden sofort überwiesen.
Ausblick: heiter bis wolkig
Eigenkapital: 23,5 Millionen Euro

2012

Eine Kapitalerhöhung durch überwiegend institutionelle Anleger bringt 12,6 Millionen Euro. Eine Reaktion auf gute Nachrichten: Eine Phase-II-Studie für die Kombination von Resminostat mit einem bereits zugelassenen Medikament (Sorafenib) hat eine signifikante Verbesserung gegenüber der bislang zugelassenen Standardtherapie gezeigt.
Ausblick: vereinzelte Aufheiterungen
Eigenkapital: 21,8 Millionen Euro

2013

Yakult Honsha beginnt in Japan mit Studien für Resminostat bei Leber- und Lungenkrebs. Ein Patent für Europa wird erteilt; auf allen anderen wichtigen Weltmärkten ist es bereits geschützt.
Ausblick: heiter
Eigenkapital: 11,3 Millionen Euro

2014

Yakult Honsha schließt erste Phase-I-Studien für Resminostat erfolgreich ab und beginnt mit Phase-II-Studien. In Deutschland macht 4SC für einen weiteren Wirkstoff (4SC-205) erste Dosierungsstudien: Es scheint gut verträglich zu sein, auch finden sich erste Hinweise auf eine Wirksamkeit.

Der Hedgefonds Yorkville Advisors (einer der wichtigsten Investoren in der Biotech-Branche) stellt per Wandelanleihe ein Darlehen von bis zu 15 Millionen zur Verfügung, das 4SC in Tranchen zu 500 000 Euro ausgeben kann. Das Geld muss aber binnen neun Monaten mit fünf Prozent Zinsen zurückgezahlt werden – je nach Wunsch von Yorkville in Geld oder Aktien. Das ist kein Schnäppchen, aber für kleine Medikamenten-Entwickler marktüblich. Für zwei Tranchen nimmt 4SC den Kredit in Anspruch und zahlt fast die Hälfte davon mit Aktien zurück.
Ausblick: wechselhaft
Eigenkapital: zwei Millionen Euro

2015

Mit der in Singapur ansässigen Menarini AP übernimmt ein zweiter großer Partner die Lizenz für Resminostat, diesmal für den Raum Asien-Pazifik. Menarini AP gehört zur italienischen Menarini Gruppe, Italiens größtem Pharma-Unternehmen. Man verpflichtet sich, Studien für die Zulassung des Medikaments im asiatischen Raum bei Leberkrebs durchzuführen und zu finanzieren. Bis zu 95 Millionen Euro werden bei Erreichen aller Meilensteine an 4SC gezahlt, plus Umsatzbeteiligungen.
Das europäische Programm Eurostars zur Förderung kleiner und mittlerer Unternehmen vergibt bis zu 450 000 Euro.
Ausblick: heiter bis wolkig
Eigenkapital: 26,4 Millionen Euro

2016

Die US-Arzneimittelzulassungsbehörde FDA genehmigt den Antrag für eine Zulassungsstudie für Resminostat bei Leberkrebs in den USA. Das chinesische Unternehmen Link Health unterzeichnet einen Lizenzvertrag für den Wirkstoff 4SC-205 für Zulassungsstudien in China. Im Erfolgsfall fließen bis zu 76 Millionen Euro plus Umsatzbeteiligungen. In Japan zeigt die Phase-II-Studie von Yakult Honsha keine signifikante Wirksamkeit bei Leberkrebs in Kombination mit der Standardtherapie. Bereits eingeplante Zahlungen bleiben damit vorerst aus.

In Deutschland stößt 4SC den operativen Teil seiner Tochtergesellschaft 4SC Discovery GmbH für 650 000 Euro ab.
Aus den acht Kapitalerhöhungen seit 2005 sind insgesamt 130 Millionen Euro in das Unternehmen geflossen.
Aussicht: durchwachsen
Eigenkapital: 19,8 Millionen (Stand: 30.6.2016)

Nutzen

Normalerweise teilen sich Tumorzellen durchschnittlich alle 100 Tage. Gelingt es, die auslösenden Gene zu diesem Zeitpunkt durch einen epigenetischen Wirkstoff zu deaktivieren, kann das Gewebe nicht weiterwachsen. Im Idealfall zerstört es sich sogar selbst. Es gibt Hinweise darauf, dass diese Art der Therapie das körpereigene Immunsystem unterstützt und auch die Wirksamkeit bereits zugelassener Immuntherapien erhöhen kann. Ein weiterer Vorteil ist, dass es weder Nebenwirkungen zu erzeugen scheint noch die gesunden Zellen angreift. Die Wirkstoffe können als Monotherapie oder als Zweitmedikament eingesetzt werden.

brand eins: Herr Vitt, wann haben Sie aufgehört, auf den Aktienkurs Ihres Unternehmens zu schauen?

Daniel Vitt: Ich beobachte den Kurs natürlich, aber ich lese die Kommentare in den Foren nicht mehr. Eine gewisse Nüchternheit muss man schon an den Tag legen.

Ihre Aktie ist nur noch ein Zehntel des Ausgabekurses wert, und die Kurve kennt nur eine Richtung: abwärts.

Das stimmt, gerade für die Mitarbeiter ist das manchmal schwierig. Wir haben alle das Gefühl, einen guten Job zu machen, sind motiviert, und an der Börse geht es nur bergab. Man muss aber wissen, dass der Kursverlauf vor allem durch Privatanleger getrieben wird, die nur einen kleinen Anteil der Aktien besitzen. Viele dieser Anleger kennen unser Geschäft nicht so gut wie unsere Investoren, die große Aktienpakete langfristig halten. Die vertrauen uns, wissen, dass wir einen langen Weg vor uns haben und klinische Studien nun mal das Risiko bergen, auch zu scheitern. Im Jahr 2011 hatten wir so einen Tag. Als unser Autoimmun-Präparat in einer Studie keine überzeugenden Ergebnisse zeigte, war dies das Ende für den Wirkstoff. Aus diesem Loch wieder rauszukommen hat auch bei mir eine ganze Weile gedauert.

Dieses Jahr geschah das Gleiche mit Ihrem epigenetischen Krebsmedikament Resminostat. Es zeigte in Japan ebenfalls keine signifikante Wirksamkeit. Der Aktienkurs ging noch weiter zurück.

Ja, aber das ist eine ganz andere Situation. Wir müssen erst einmal die kompletten Ergebnisse abwarten, da bin ich zuversichtlich.

Ist durchgefallen nicht durchgefallen?

Durchaus nicht. Auf die gesamte Zahl der Testpersonen konnte keine signifikante Wirksamkeit festgestellt werden. Wir schauen nun, ob bei Personen mit bestimmten Merkmalen und Voraussetzungen eine höhere Wirksamkeit nachweisbar ist. Wir sprechen von Subgruppen, immerhin wurden 170 Patienten mit Leberkrebs getestet, die aus Südkorea und Japan stammen, unterschiedliche Vorerkrankungen aufweisen und sich unterschiedlich ernähren. Finden wir bei bestimmten Personengruppen Anhaltspunkte für eine erhöhte Wirksamkeit, könnten wir eine neue Studie organisieren, die genau auf diese Patientengruppe zielt.

Beruhigt das Ihre Geldgeber?

Wir können unseren Investoren nur mit absoluter Transparenz entgegentreten. Wir müssen einander vertrauen. So ein Rückschlag wie die Studie in Japan ist normal auf dem Weg zu einem neuen Medikament. Wir schauen nun, wo die positiven Ansatzpunkte in den Ergebnissen sind. Außerdem beginnen wir Ende des Jahres eine Studie zu einer aggressiven Form von Blutkrebs. Unsere Aktionäre verstehen das. Aber natürlich müssen wir auch Kritik aushalten.

Wie sehen Sie den Vergleich mit der schmelzenden Eisscholle?

Vielleicht kann man es so sehen. Wir betreiben unser Geschäft praktisch ohne Cashflow. Natürlich haben wir mittlerweile durchaus einige Umsätze, etwa durch Verkäufe oder Lizenzen, aber letztlich müssen wir jedes Jahr schauen, wie viel Geld wir in der Schatulle haben und wofür wir es am besten einsetzen.

Auf diese Weise arbeiten Sie seit fast 20 Jahren an der Entwicklung von Medikamenten. Woher nehmen Sie die Überzeugung, dass 4SC eines Tages eine Zulassung für ein Präparat erhalten wird?

Gerade auf der wissenschaftlichen Seite ist zuletzt sehr viel passiert, wir wissen sehr viel mehr als noch vor fünf Jahren, unsere Reputation ist weiterhin sehr gut und unsere klinischen Programme schreiten voran. Gerade in der Verbindung mit der Immuntherapie zeigt zum Beispiel Resminostat sehr erfreuliche Resultate. Ich bleibe also optimistisch.

brand eins: Wer ist so wagemutig, in Unternehmen zu investieren, die Medikamente entwickeln?

Olivier Litzka: Ich würde es eher eine relative Ungewissheit nennen. Im Start-up-Bereich investieren hauptsächlich Risikokapitalfonds. Die wiederum müssen sich anstrengen, zum Beispiel Pensionsfonds, Krankenzusatzversicherungen, Privatanleger oder öffentliche Banken für das Thema zu begeistern. Unser Job ist es, ein Portfolio kleiner Firmen zusammenzustellen und somit für die Anleger die Wahrscheinlichkeit eines finanziellen Erfolgs so hoch wie möglich zu halten.

Wie gehen Sie vor?

Wir analysieren sehr genau. Die meisten in unserem Team haben eine wissenschaftliche Ausbildung, sind Mediziner oder haben in der Biotech- und Pharmaindustrie gearbeitet. Ich habe zum Beispiel als Molekularbiologe geforscht. Das Raster ist recht eng. Wir prüfen jährlich ungefähr 400 Möglichkeiten, von denen am Ende etwa vier zu einem Investment kommen.

Kommen Biotech-Firmen in den USA leichter an Geld?

In Europa werden circa eine Milliarde Euro an Risikokapital im Bereich Life Science angelegt, in den USA ist es viermal so viel. Ich würde aber sagen, dass wir in Europa mit dem zur Verfügung stehenden Geld ziemlich viel erreichen. Außerdem ist viel und zu leicht verfügbares Risikokapital nicht gut für die Qualität.

Kann ein Unternehmen allein mit Risikokapital ein Medikament entwickeln und auf den Markt bringen?

Sehr selten. Die Kommerzialisierung klappt meist nur, wenn ein großer Pharmakonzern die Firma übernimmt oder diese mit großem Erfolg an die Börse geht. ---

Finanzierungsbeispiel:

Verkürztes Zulassungsverfahren bei einem Medikament für eine Nischenanwendung mit hohem medizinischem Bedarf

Höhe der ersten Finanzierungsrunde, in Millionen Euro5
Dauer der Tierversuche im Labor, in Jahren2
Höhe der zweiten Finanzierungsrunde (bei Erfolg), in Millionen Euro10
Dauer der klinischen Phase-I-Studie – an wenigen gesunden Probanden, um die Darreichungsform und Dosierung zu bestimmen –, in Jahren2
Höhe der dritten Finanzierungsrunde (bei Erfolg), in Millionen Euro15 –20
Dauer der klinischen Phase-II-Studie – an kleiner Gruppe (50 bis 500 Patienten), um die Wirkungsweise zu bestätigen (Wirkstoff versus Placebo) –, in Jahren mindestens2
Kaufpreis durch Pharmakonzern (bei Erfolg) – es kann eine Zulassung beantragt werden, weitere Studien folgen –, in Millionen Euro200 – 300
Zahl der Substanzen, die weltweit pro Jahr auf eine Wirksamkeit untersucht werden5000 –10.000
Zahl der Substanzen, die dabei durchschnittlich in erste Studien mit Menschen gelangen9
Zahl der Substanzen, die davon durchschnittlich als Wirkstoff für den Menschen zugelassen werden1
Durchschnittliche Dauer bis zur Zulassung eines Wirkstoffes, in Jahren13,5

Daniel Vitt, Jahrgang 1968,
ist Mitgründer von 4SC und arbeitet seit 1997 im Unternehmen. Er studierte Organische Chemie an der Universität Würzburg, promovierte über Substanzen gegen Tropenkrankheiten und ist Erfinder der virtuellen Hochdurchsatztechnologie, die bis heute in der Forschungsabteilung des Unternehmens zum Einsatz kommt.

Olivier Litzka ist Partner des Life Science Fonds von Edmond de Rothschild Investment Partners in Paris – sein Fonds investiert in Biotechnologie und Medizingeräte.