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Die Ebola-Lektion

24 Monate zeigen, wozu die Weltgemeinschaft im Fall einer ungeahnten Virusepidemie in der Lage ist – und was besser werden muss.





• Im Winter 2013 sprangen in Westafrika Ebola-Viren von einem Tier auf einen Menschen über und lösten eine Epidemie aus, die mehr als 11.000 Menschen töten sollte. Das erste Opfer war der zweijährige Emile Quamouno. Zumindest kamen spätere Recherchen zu dem Ergebnis, das Kleinkind aus dem Dorf Meliandou in der Präfektur Guéckédou im Süden von Guinea sei „patient zero“.

Am 26. Dezember bekam er Fieber, sein Magen verweigerte jede Nahrung, sein Stuhl war schwarz, er erbrach sich und war zwei Tage später tot. Kurz darauf starben seine Mutter, seine Schwester, die Großmutter, die Krankenschwester und die Hebamme des Dorfes. Dass Ebola die Ursache war, ahnte damals niemand.

Als dessen natürliche Wirtstiere gelten in Afrika verbreitete Flughund- und Fledermaus-Arten. Der kleine Emile war wohl mit einem dieser Tiere in Berührung gekommen. In der Nähe seines Elternhauses steht ein hohler Baum, an dem er häufig spielte. In Bodenproben fanden Wissenschaftler die Erbsubstanz einer Fledermaus-Art, die als möglicher Ebola-Wirt bekannt ist. Mehr als 20-mal ist das Virus seit seiner Entdeckung im Jahr 1976 auf den Menschen übergesprungen. In jüngster Zeit häuften sich die Ausbrüche vor allem im Kongo, in Uganda und im Sudan. Meistens gab es rund 20 Tote, dreimal waren es mehr als 200. Immer blieben die Ausbrüche dank schneller Isolierung der Infizierten auf wenige Dörfer beschränkt.

In Westafrika war es anders. Ebola entwickelte sich dort zu einer Katastrophe, die die Welt zwei Jahre in Atem hielt. Ist der Sieg über sie als Erfolg zu werten? Oder war sie vermeidbar?

Man kann die Geschichte aus etlichen Perspektiven erzählen, es gibt viele Tausend Haupt- und Nebenfiguren. Eine davon ist der Amerikaner Armand Sprecher, 49, von Médecins Sans Frontières (MSF). Das internationale Netz von Ärzte ohne Grenzen ist bei solchen Katastrophen meist als Erstes vor Ort. Als erfahrener Mann, der schon im Jahr 2000 bei der Ebola-Bekämpfung in Uganda dabei war, hatte Sprecher die Aufgabe, von seinem Büro in Brüssel aus die Kollegen in Westafrika zu instruieren.

Eine zweite ist Stephan Becker, 56. Der Virologe von der Universität Marburg erforscht das Ebola-Virus seit Jahrzehnten. Während der Epidemie machte er sich Vorwürfe, weil kein Impfstoff zur Verfügung stand. Das versuchte er nachzuholen.

Er hat dabei eng mit Marylyn Addo, 46, zusammengearbeitet. Die Leiterin der Sektion Tropenmedizin am Hamburger Universitätskrankenhaus Eppendorf gehörte zu den Ersten, die einen Ebola-Impfstoff am Menschen testete.

Und dann ist da noch Christopher Dye, 60. Der britische Star-Epidemiologe und Chefstratege der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wurde auf dem Höhepunkt des Ausbruchs mit dessen Bekämpfung betraut. Seine wichtigste Waffe sind Daten, mit deren Hilfe er die Verbreitung des Virus untersucht.

Keiner von ihnen hat im Dezember 2013 etwas vom Tod des kleinen Emile mitgekriegt. Die Geschichte des größten Ebola-Ausbruchs aller Zeiten beginnt für sie erst Monate später.

14. März 2014:

In den Genfer Zentralen von MSF und WHO geht per E-Mail ein Bericht des Gesundheitsministeriums in Guinea ein. Von „einer mysteriösen Krankheit“ ist die Rede, die in den Präfekturen Guéckédou und Macenta ganze Familien, deren Ärzte sowie Krankenpfleger umgebracht habe. Die Autoren vermuten Lassafieber, mit den Symptomen Fieber, Durchfall, Erbrechen und Schluckauf. „Das ist kein Lassafieber“, denkt Armand Sprecher, als er den Bericht liest. Der Schluckauf, die Ballung der Fälle, die hohe Todesrate – alles deutet auf Ebola hin. Aber so einen Ausbruch in Westafrika? Das gab es doch noch nie.

15. März 2014:

Gut 30 Mitglieder der Ärzte ohne Grenzen brechen ins Krisengebiet auf.

18. März 2014:

Das erste MSF-Team erreicht Guéckédou, übernimmt im Krankenhaus die Versorgung der Kranken. Von 20 werden Blutproben in einer Kühlbox nach Paris geflogen. Von dort werden sie zur Untersuchung ins Institut Pasteur in Lyon und ins Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin nach Hamburg gebracht.

19. März 2014:

Im Auftrag des Gesundheitsministeriums in Guinea und des örtlichen WHO-Büros erkunden sechs Wissenschaftler die Lage im Krisengebiet. Sie erfahren von einer Frau, die am 3. März starb. Nun leide auch die Tochter unter den merkwürdigen Symptomen. Beide Frauen, notieren die Forscher in ihrem Bericht, stammen aus einem Dorf jenseits der Grenze, in Sierra Leone. Diese Information erreicht weder die Zentrale der WHO noch die Regierung in Sierra Leone – das Virus breitet sich unbehelligt aus.

21. März 2014:

Um 19.06 Uhr erhält die WHO eine E-Mail aus dem Institut Pasteur: „Die Ergebnisse bestätigen die Präsenz des Ebola-Virus.“

22. März 2014:

Das Gesundheitsministerium von Guinea erklärt offiziell den Ausbruch von Ebola. Es gebe 49 Fälle und 29 Tote.

23. März 2014:

MSF-Mitarbeiter hören von Verdachtsfällen in der Hauptstadt Conakry. „Verdammt“, entfährt es Armand Sprecher. Dass das Virus schon 650 Kilometer zurückgelegt haben soll, beunruhigt ihn. Die WHO beruhigt die Öffentlichkeit: „Ein Ebola-Ausbruch war noch nie größer als einige Hundert Fälle.“

28. März 2014:

Die Regierung von Guinea bestätigt vier Ebola-Fälle in Conakry. Laut WHO gibt es nun insgesamt 103 Verdachtsfälle und 66 Tote. Sprecher telefoniert mit Kollegen vor Ort, es braucht in der Hauptstadt ein Zeltdorf mit einer Hochsicherheitszone, in der die Kranken behandelt und die Toten aufbewahrt werden.

30. März 2014:

Die Regierung von Liberia bestätigt die ersten beiden Fälle. MSF zieht Leute aus Guinea ab, um in der liberianischen Hauptstadt Monrovia und in Foya Isolierstationen aufzubauen. Das Personal wird knapp, obwohl die Organisation inzwischen 60 Leute entsandt hat und von der WHO 38 Logistiker, Anthropologen, Labortechniker und Epidemiologen eingetroffen sind. Eine große Hilfe ist das mobile Labor, ein europäisches Projekt, vom Hamburger Bernhard-Nocht-Institut koordiniert. In 15 Kisten à 30 Kilogramm verpackt, wurde das Labor nach Guinea geflogen. Darin werden Blutproben binnen vier Stunden auf Ebola getestet.

31. März 2014:

Armand Sprecher gibt ein Interview nach dem anderen und betont, wie außergewöhnlich dieser Ebola-Ausbruch ist. „Wir haben es mit einer Epidemie zu tun, wie wir sie in Bezug auf die Verteilung der Fälle noch nie zuvor gesehen haben“, heißt es in einer Presseerklärung. Die WHO hält bei Twitter sofort dagegen. „Keine Notwendigkeit, etwas aufzubauschen, was schon schlimm genug ist.“ Die Antwort von MSF: „Es tötet neun von zehn Patienten.“

4. April 2014:

Obwohl sich die Helfer um die Aufklärung der Bevölkerung bemühen, greifen Jugendliche die Isolierstation in Macenta an, werfen Steine. Ihr Vorwurf: Die Ausländer hätten die Krankheit eingeschleppt, um daran zu verdienen. Die Station wird geschlossen.

5. April 2014:

Zwei Mitarbeiter von WHO und MSF sind zusammen losgezogen, um in Conakry nach der Ehefrau eines Verstorbenen zu fahnden. Sie finden sie zusammengekauert auf einer Matte, zu schwach, um sich zu bewegen. Die Helfer wollen sie mitnehmen, werden aber von Verwandten daran gehindert. Es ist nicht das erste Mal, dass das sogenannte Contact Tracing Probleme bereitet. Gesucht werden 623 Menschen, die Kontakt mit einem Kranken oder Toten hatten, um sie zu untersuchen und zu beobachten.

30. April 2014:

Trotz der Schwierigkeiten scheinen die Maßnahmen Wirkung zu zeigen, die Zahl der Patienten sinkt deutlich. Es ist bereits 21 Tage her, dass in Liberia der letzte von zwölf Infizierten isoliert wurde.

22. Mai 2014:

Seit 42 Tagen kein neuer Fall, Ebola gilt in Liberia offiziell als besiegt. Die MSF-Leute ziehen ab, zurück nach Guinea. Auch dort scheint das Virus nicht mehr aktiv zu sein. Die Stimmung ist euphorisch. Was die Helfer nicht wissen: Vor zwei Tagen ist eine Frau dem Virus zum Opfer gefallen, die als Heilerin in der ganzen Region bekannt war. Sie lebte in einem Dorf im Distrikt Kailahun in Sierra Leone, nur durch den Fluss Mano von Guinea getrennt. Zur Trauerfeier kamen Hunderte Menschen, die die Leiche dem Brauch entsprechend noch einmal berührten. Viele steckten sich an und kehrten ahnungslos in ihre Dörfer in Sierra Leone, Guinea und Liberia zurück.

26. Mai 2014:

In Sierra Leone bestätigt das Gesundheitsministerium fünf Ebola-Opfer. MSF baut eine Isolierstation in Kailahun auf.

23. Juni 2014:

Das Virus scheint plötzlich überall zu sein. MSF zählt 60 Orte in Guinea, Liberia und Sierra Leone, in denen es kursiert, und erklärt öffentlich: „Die Epidemie ist außer Kontrolle.“

8. August 2014:

Jetzt schlägt auch die WHO Alarm und ruft eine „Gesundheitliche Notlage von internationaler Tragweite“ aus. Liberia und Sierra Leone rufen den Notstand aus.

10. August 2014:

Stephan Becker bricht seinen Sommerurlaub in Frankreich ab. Mit Urlaub hatte die vergangene Woche eh nichts zu tun: Jeden Tag gab er mehrere Interviews. Er gilt als einer der renommiertesten Ebola-Forscher.

11. August 2014:

Zurück in Marburg beschließt er, sich um einen Impfstoff zu kümmern. Es gibt zwar zwei vielversprechende Kandidaten, aber keiner wurde je an Menschen getestet. Die Stoffe müssen noch drei klinische Studien durchlaufen, eine zur Verträglichkeit (Phase I) und zwei zur Wirksamkeit – erst mit einigen 100 Probanden (Phase II), dann mit mehreren 1000 (Phase III). Das dauert normalerweise Jahre. Egal, denkt Becker, er will einfach etwas tun.

12. August 2014:

Becker startet einen Rundruf, um Kollegen zu mobilisieren. Eine Impfung mit dem Stoff rVSV-ZEBOV, weiß man von Tierversuchen, schützt auch, wenn sie kurz nach einer Infektion erfolgt. Beckers ehemaliger Marburger Kollege Heinz Feldmann hatte das Vakzin in Kanada entwickelt, doch kein Pharmaunternehmen interessierte sich dafür. Ebola, das war zu exotisch, zu weit weg. Nach den Terroranschlägen vom 11. September wuchs in den USA die Angst vor Bioterror-Attacken, was dort die Herstellung eines Ebola-Impfstoffs beschleunigte. Feldmanns Stoff wurde in größeren Mengen produziert und 2005 an Affen getestet – mit sehr guten Ergebnissen. Doch dabei blieb es. Klinische Tests fanden nicht statt. Die will Becker nun angehen. Sein Rundruf ist erfolgreich, alle sagen spontan ihre Unterstützung zu.

18. August 2014:

In den vergangenen 14 Tagen sind fast 500 neue Fälle dazugekommen. Das Virus breitet sich vor allem in Liberias Hauptstadt Monrovia aus. MSF errichtet dort das Behandlungszentrum Elwa III mit 250 Betten. Die Ärzte ohne Grenzen sind mit ihren Kräften am Ende. Contact Tracing ist kaum möglich, wer sich wann bei wem angesteckt hat, bleibt unübersichtlich. In Brüssel bereitet MSF mehr als 1000 Leute, auch von anderen Organisationen wie dem Roten Kreuz, auf einen Einsatz vor. Armand Sprecher trifft in Monrovia ein, um die Hilfe dort zu koordinieren. Vor dem Tor von Elwa III werden unentwegt Infizierte abgeliefert. Nicht für jeden gibt es ein freies Bett. Manche sterben im Straßengraben. Sprecher ahnt, dass es in der Stadt und im Dreiländereck vielleicht schon Tausende Infizierter gibt.

20. August 2014:

Becker telefoniert und telefoniert. Er muss den Impfstoff und Geld auftreiben. Der Stoff lagert bei der Gesundheitsbehörde in Kanada, die Patentrechte besitzt die kanadische Regierung, die bereits angekündigt hat, die vorhandenen 800 Dosen der WHO zu spenden. Eine gute Nachricht, wäre da nicht das Problem, dass der Stoff inzwischen an eine kleine amerikanische Firma namens Newlink Genetics lizenziert worden war. Die muss also beteiligt werden, genauso wie das US-Verteidigungsministerium und die US-Gesundheitsbehörde. Außerdem kostet die klinische Phase-I-Studie rund eine Million Euro. Becker fragt zwecks Finanzierung beim Bundesgesundheitsministerium an, doch da ist man zögerlich.

27. August 2014:

Für Marylyn Addo vom Universitätsklinikum Eppendorf ist der Ausbruch in Westafrika plötzlich ganz nahe. Ein senegalesischer Arzt der WHO, der sich in Sierra Leone infiziert hat, wird eingeliefert. Jahrelang haben sie und ihre Kollegen für den Ernstfall trainiert. Jetzt ist er da. Der Patient kommt in eine Sonderisolierstation, er hat Durchfall und erbricht, verliert dadurch täglich zehn Liter Flüssigkeit.

18. September 2014:

In Genf leitet der Chefstratege Christopher Dye seit vier Wochen das 80-köpfige Ebola-Notfall-Team in der WHO-Zentrale. Wo müssen Behandlungszentren und Labore aufgebaut werden? Wie viele Contact Tracer werden benötigt? Wie viele Leute, die sich um sichere Bestattungen der Leichen kümmern? Um solche Fragen zu beantworten, sammelt Dye Daten zu allen Infizierten und ihren Kontakten, erstellt Karten, errechnet den weiteren Verlauf der Epidemie. Alle paar Tage veröffentlicht er einen Lagebericht. Es sieht derzeit nicht gut aus, der Virus breitet sich immer rasanter aus. 5335 Menschen sind erkrankt, 2622 gestorben. Die Todesrate bei den Krankenhauspatienten liegt bei 70 Prozent.

19. September 2014:

Die UN erklärt Ebola als eine Bedrohung für den internationalen Frieden und die Sicherheit und beginnt erstmals in ihrer Geschichte eine Mission aus Anlass einer Krankheit. Das Ziel: innerhalb von 90 Tagen alle Erkrankten zu isolieren und zu versorgen.

23. September 2014:

Die US-Seuchenkontrollbehörde CDC befürchtet, bis Januar könnten sich 1,4 Millionen Menschen infizieren.

25. September 2014:

Impfstoff-Gipfel bei der WHO in Genf: Forscher, Pharmafirmen und Behörden beschließen, die klinischen Studien im Schnellverfahren durchzuführen – und zwar für zwei Impfstoffkandidaten. Für Stephan Becker bringt der Tag ein Wechselbad der Gefühle. Er ist froh, dass die Sache vorankommt. Doch plötzlich wollen viele Länder die Studien durchführen, sodass es zwischendurch so aussieht, als kämen die Forscher in Deutschland nicht zum Zuge. Am Ende wird beschlossen, dass die Phase-I-Studien von rVSV-ZEBOV in Genf, Kenia, Gabun und Hamburg stattfinden.

30. September 2014:

Der Kampf gegen die Seuche nimmt neue Dimensionen an. Tausende Mitarbeiter von Hilfsorganisationen und US-Streitkräfte bauen in Liberia und Sierra Leone Behandlungszentren auf und schulen das medizinische Personal.

3. Oktober 2014:

Ein besonderer Tag für Marylyn Addo: Ihr Ebola-Patient ist gesund und kann die Klinik verlassen. Besonders wichtig bei der Behandlung war die massive Flüssigkeitszufuhr. Die Presse greift die positive Nachricht auf, Addo kann sich vor Interviewanfragen kaum retten.

8. Oktober 2014:

In Westafrika gibt es jede Woche 900 Neuinfektionen. Christopher Dye trifft in Monrovia ein, überprüft persönlich, wie die Daten gesammelt werden. Kein einziger Infizierter darf übersehen werden, schärft er den Vertretern aus dem liberianischen Gesundheitsministerium ein.

11. November 2014:

Marylyn Addo ist erleichtert. Der Impfstoff ist gerade noch rechtzeitig zum Beginn der klinischen Phase-I-Studie eingetroffen, die sie leitet. Der bürokratische Aufwand war enorm. Für die Genehmigung der Studie musste belegt werden, dass der Impfstoff fachgerecht hergestellt und seitdem nicht verunreinigt wurde. Nicht schwer hingegen war es, Probanden zu finden. Sie brauchte nur 30, fast 100 haben sich freiwillig gemeldet. Der erste hat seinen Urlaub verschoben und ist 600 Kilometer gefahren. „Hoffentlich geht alles gut“, denkt Addo, als sie ihm die Spritze mit der Flüssigkeit, die zig infektiöse Ebola-Partikel enthält, in den Oberarm setzt.

10. Dezember 2014:

Schlechte Nachrichten aus Genf: Mehrere Probanden berichten über Gelenkschmerzen. Die dortige Phase-I-Studie wird unterbrochen. Marylyn Addo beeilt sich, ihre bereits geimpften Probanden über die Probleme zu informieren, bevor sie aus der Presse davon erfahren.

2. Januar 2015:

Addo traut ihren Augen nicht. Die Kollegen aus Genf haben ein Manuskript mit ihren bisherigen Studienergebnissen herumgeschickt, wollen das Paper im »New England Journal of Medicine« veröffentlichen – allein, ohne Daten aus Hamburg, Kenia und Gabun. Bis dahin lief die Kooperation der Forscherteams bestens und jetzt dieser Kampf ums Prestige. Addo kennt den Herausgeber des Journals und bewirkt, dass alle vier Studienstandorte gemeinsam publizieren.

8. Januar 2015:

Zweiter Impfstoff-Gipfel bei der WHO. Die Gelenkschmerzen bei den Genfer Probanden haben sich gelegt. Man beschließt, für beide Impfstoffkandidaten Massenstudien in Westafrika zu starten und dabei Phase II und III zu kombinieren.

21. Januar 2015:

Christopher Dye genehmigt sich schon am Mittag ein Glas Rotwein. In Guinea, Sierra Leone und Liberia sinkt die Zahl der Neuinfektionen drastisch.

2. Februar 2015:

In Monrovia stehen Menschen vor dem Krankenhaus Schlange. Es sind freiwillige Probanden für die großen Studien zur Wirksamkeit der Impfstoffe.

5. März 2015:

Auch in Liberia und Sierra Leone beginnen die Tests. Da aber die Zahl der Kranken weiter stark gesunken ist, gibt es nicht mehr genügend Probanden.

29. Dezember 2015:

Der Albtraum hat ein Ende. Nach Liberia (9. Mai) und Sierra Leone (7. November) ist der größte Ebola-Ausbruch aller Zeiten nun auch in Guinea offiziell besiegt. ---

„Wir haben uns einlullen lassen“

Der Marburger Virologe Stephan Becker über die Lehren aus der Katastrophe.

brand eins: Herr Becker, Versagen oder Erfolg: Wofür steht Ebola in Westafrika?

Stephan Becker: Für beides. Die Bekämpfung der Epidemie in der zweiten Hälfte des Jahres 2014 und die Kooperation der Forscher und Behörden mehrerer Länder, die eine extrem schnelle Durchführung der klinischen Impfstoff-Studien ermöglichte, waren beeindruckend. Aber die Epidemie hat auch gezeigt, dass wir schlecht vorbereitet waren. Für mich, der schon Jahrzehnte in der Ebola-Forschung tätig ist, war die Phase, als die Fallzahlen explodierten, schrecklich. Es wurde offensichtlich, dass wir Wissenschaftler all die Jahre Wichtiges versäumt hatten. Insofern liegt auch Versagen vor.

Was hätten Sie besser machen können?

Wir hätten schon längst einen Impfstoff haben können. Mann kann zwar sagen, dass uns die Möglichkeiten fehlten, weil vor dieser Epidemie kein Unternehmen und kein Staat dafür Geld investieren wollte. Aber wir Wissenschaftler haben auch nicht darauf gedrängt, wir haben uns von den bisherigen Ausbrüchen einlullen lassen und gedacht, dass Ebola selbstlimitierend ist, weil es nur bei engem Kontakt übertragen wird, sodass Hygienemaßnahmen schnell greifen.

Warum war dieser Ausbruch so viel schlimmer als alle vorherigen?

Das lag an den Verhältnissen in Westafrika, der unerwartet hohen Mobilität der Menschen über die Grenzen der drei Länder hinweg. Sonst hatten wir es mit einem Ausbruch in kleineren, besser abgegrenzten Gebieten zu tun. Das hat man natürlich viel leichter unter Kontrolle.

MSF, das internationale Netzwerk von Ärzte ohne Grenzen, hat früh auf die Besonderheit dieses Ausbruchs hingewiesen, die WHO dagegen die Gefahr lange heruntergespielt, wofür man sie scharf kritisiert.

MSF ist eine Hilfsorganisation, deren Funktion es ist, Alarm zu schlagen, wenn irgendwo etwas passiert. Sie tut das andauernd. Die WHO hingegen muss als politische Organisation abwägen zwischen den Interessen ihrer Mitgliedsstaaten und der frühzeitigen Gefahrenabwehr. Wenn die WHO einen Ausbruch als Gesundheits-Notfall deklariert, hat das für das betroffene Land große wirtschaftliche Folgen. Klar, in diesem Fall war es ein Fehler, so spät die internationalen Alarmglocken zu läuten. Das Bashing verstehe ich trotzdem nicht, zumal die WHO ab August 2014 einen guten Job gemacht hat.

Wodurch wurde die Katastrophe überwunden? Spielte der Impfstoff, dessen Einsatz Sie vorangetrieben haben, dabei eine Rolle?

Wenn überhaupt, nur eine marginale. Wir waren zu spät daran. Irgendwann waren die Hygienemaßnahmen, also die Isolierung der Kranken, das Contact Tracing, die sichere Bestattung der Toten und die Mithilfe der einheimischen Bevölkerung so massiv, dass sie griffen. Die Hilfe durch zahllose internationale Organisationen war dabei ebenfalls entscheidend.

Was hat man aus der Epidemie gelernt?

Wir wissen jetzt noch besser, wie infektiös die Menschen vor allem kurz nach ihrem Tod sind, weshalb von Verstorbenen eine so große Gefahr ausgeht. Wir wissen, dass das Virus nach Gesundung eines Menschen nicht komplett aus dem Körper verschwindet, sondern noch Monate im Sperma oder Augenkammerwasser überlebt. Wir kennen die Immunantwort des Körpers besser und wissen, dass es bei der Behandlung von Infizierten vor allem auf die Ersetzung des massiven Flüssigkeitsverlusts ankommt. Zudem hat die Epidemie zu neuen Impfstoffinitiativen geführt. Die WHO hat angeregt, Blaupausen für Impfstoffe gegen die gefährlichsten Viren zu konstruieren und in klinischen Studien zu testen, um sie im Fall der Fälle parat zu halten. Internationale Förderorganisationen und Regierungen scheinen willens, solche Initiativen zu fördern.

Müssen wir in naher Zukunft mit weiteren Ausbrüchen von Ebola und ähnlichen Viren rechnen?

Ja. Die schwersten Infektionskrankheiten sind die, die vom Tier auf den Menschen übertragen werden. Zoonosen nennt man die. Das menschliche Immunsystem kennt die Erreger nicht, kann nicht mit ihnen umgehen und reagiert falsch, was dann die schweren Erkrankungen bedingt. Die Übertragungen nehmen zu, weil durch die Rodung von größeren Teilen des Regenwalds die natürliche Barriere zwischen tropischen Tieren und dem Mensch verschwindet. Was Ebola angeht, haben wir jetzt immerhin einen Impfstoff, der zwar zu viele Nebenwirkungen hat, um ihn einfach so verabreichen zu können. Aber im Notfall bietet er sehr guten Schutz. Das ist eine positive Folge des Ausbruchs in Westafrika: Für den nächsten sind wir besser gewappnet. ---

Ebola ist eine Virus-Erkrankung. Typische Anzeichen sind Schwäche, Fieber, Kopf-, Hals- und Muskelschmerzen. Später kann es zu Erbrechen, Durchfall und Hautausschlag kommen, auch Nieren- und Leberfunktionen können beeinträchtigt sein. In manchen Fällen leiden Betroffene unter inneren und äußeren Blutungen – darum werden Ebola und ähnliche Viruserkrankungen unter dem Namen „hämorrhagisches Fieber“ zusammengefasst. Der Erreger wird über Körperflüssigkeiten wie Blut, Sperma, Speichel, Urin und Tränenflüssigkeit übertragen. Je nach Ebolatyp sterben 25 bis 90 Prozent der Infizierten.