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Guppy Friend

Mikroskopisch kleine Fasern aus unserer Kleidung sind ein gewaltiges Umweltproblem. Zwei Unternehmer aus Berlin wollen sie mit einem smarten Beutel einfangen helfen.





• Als passionierte Wellenreiter sind Oliver Spies und Alexander Nolte stets auf der Suche nach unberührter Natur. Als Besitzer des Surf- und Skaterlabels „Langbrett“ verkaufen sie Mode an Gleichgesinnte. Es dauerte, bis ihnen klar wurde, dass sie mit dem einen zur Zerstörung des anderen beitragen. Zu verdanken hatten sie diese Erkenntnis unter anderem einem Teefilter.

Mit ihm hatten die zwei die Lauge, mit denen sie Fleecepullover ausgewaschen hatten, aus Neugier aufgefangen. Unter dem Mikroskop fanden sie darin neben grauem Dreck einen winzigen Rest bunter Fasern. Kleidung aus Kunststoff, das erfuhren sie von der Meeresaktivistin Angelika Heckhausen, verliert bei jedem Waschen Tausende Fasern. Hochgerechnet auf Millionen Fleecepullover, Socken mit Kunststoffbündchen und Sporthosen aus Nylon, die Tag für Tag gewaschen werden, knäuelt sich der mikroskopisch kleine Abfall zu einem Riesenproblem für Ozeane und letztlich auch die Menschen, die die Fasern schlucken.

„Ich dachte, dafür müsse es doch eine Lösung geben“, sagt Spies, ein 45-jähriger Industriedesigner. Gab es aber nicht. Waschmaschinen fehlen ausreichend feine Filter. Kläranlagen können ein Großteil der Mikrofasern nicht herausfiltern, und so gelangen sie wieder in die Flüsse oder werden mit dem Klärschlamm auf Äckern verteilt. Einer Studie der University of California in Santa Barbara zufolge produziert eine 100 000-Einwohner-Stadt jeden Tag zwischen 170 und 441 Kilogramm Mikrofasern. Eine Metropole wie Berlin kippt demnach das Äquivalent von mindestens einer halben Million Plastiktüten ins Meer. Tag für Tag.

Dafür, dass in Zukunft ein bisschen weniger durch den Orkus geht, könnte Guppy Friend sorgen – ein 50 mal 60 Zentimeter kleiner Beutel aus selbstreinigendem Industriegewebe, den Spies und Nolte in den vergangenen zwei Jahren entwickelt und zum Patent angemeldet haben. Wäsche, die zunächst in die schützende Hülle und erst danach in die Waschmaschinentrommel gestopft wird, gibt deutlich weniger Fasern ab. Was dennoch frei wird, sammelt sich im Beutelsaum, wo man es mit der Fingerkuppe herauslösen und wegwerfen kann. Die Erfindung soll die Wäsche schonen, ohne die Reinigungsleistung zu schmälern, sagt Nolte, 42, der früher in der Strategieabteilung der Volkswagen AG sowie für seine eigene Innovationsagentur Ideen entwickelte.

Die Präsentation des Beutels bei der Branchenmesse OutDoor 2016 im Juli entwickelte sich für die beiden zu einer Art Schleudergang. Erst wurden sie, nachdem sie Flugblätter mit der Parole „Stop Microwaste“ verteilt hatten, von Sicherheitsleuten vertrieben. Dann rief man sie auf die Bühne, um ihnen feierlich den höchsten Innovationspreis der Messe zu überreichen. Im Anschluss drängelten sich am Stand der Erfinder Vertreter von Vaude, Mammut, Patagonia und anderen Branchengrößen, die Interesse an ihrem Auffangbeutel bekundeten.

„Alle Hersteller wissen, dass sie ein Riesenproblem haben“, so Nolte. „Aber kaum einer redet darüber, weil die Problematik am Herz ihres Geschäftes rührt.“

Denn der reine Naturgenuss, den die Outdoor-Industrie verkauft, wird durch den Fallout eben dieser Produkte getrübt. Bei Kleidung aus Recyclingkunststoffen ist das Problem sogar noch größer, weil wiederverwendete Fasern fragiler sind. Was Meeresbiologen heute in den Innereien von Muscheln, Krabben und Fischen finden, liest sich daher nicht selten wie der Waschzettel eines Synthetik-Textils. Über die Nahrungskette gelangen diese Rückstände in den menschlichen Organismus.

Ob Kunststoff-Mikropartikel den Menschen schädigen, sei noch nicht eingehend erforscht, sagt Michael Carus, Physiker beim Hürther Nova-Institut. „Aber bevor wir jedes Jahr Millionen Tonnen Kunststoffpartikel in die Meere leiten und in ein paar Jahren feststellen, wie schädlich sie sind, müssen wir jetzt etwas tun.“

Eigentlich, sagt Oliver Spies, „müsste man komplett auf Kleidung aus Kunststoff verzichten“. Eine moderatere Lösung wären Waschmaschinen, die statt mit Wasser mit komprimiertem Kohlendioxid reinigen, wie es beispielsweise die US-Firma Tersus Solutions erprobt. Bis die sich durchsetzen, könnte der Beutel eine Auffanglösung darstellen. Jeroen Dagevos, Programmleiter der Umweltorganisation Plastic Soup Foundation spricht von einer „großartigen Erfindung, um Mikrofasern aus unseren Ozeanen fernzuhalten“.

Das nötige Kapital möchten die Unternehmer in den kommenden Wochen per Kickstarter-Kampagne einsammeln. „Wir wollen, dass sich Guppy Friend möglichst schnell verbreitet“, sagt Nolte. „Und das geht nur, wenn wir die Technik möglichst vielen Anbietern zugänglich machen.“ Die ersten 5000 in Eigenregie produzierten Guppy Friends sollen bereits diesen Winter zum Stückpreis von schätzungsweise 30 Euro verkauft werden. Von den Erlösen wollen Nolte und Spies eine „Zero Plastic School“ gründen – damit sie beim Surfen künftig seltener ihrem eigenen Abfall begegnen. ---

Die Kickstarter-Kampagne finden Sie hier: https://www.kickstarter.com/projects/820419024/guppy-friend-washing-bag?mc_cid=6d973ffa59&mc_eid=4efc8e3916