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Zu schade zum Wegkippen

Auch bei Abwasser gilt: Es kommt darauf an, was man daraus macht. In Ägypten sind es Wälder mitten in der Wüste.





• Auf den ersten Blick sieht das riesige Bassin wie ein überdimensionierter Swimmingpool mitten in der Wüste aus. Das Wasser glitzert im hellen Sand, zu zwei Seiten idyllisch von Bäumen gesäumt. Hier, in der Wüste Unterägyptens, unweit der 500 000-Einwohner-Stadt Ismailia am Suezkanal, lockt allerdings keine Ferienanlage Gäste zum Baden an – das Becken enthält die Abwässer von Ismailia. Wo sich ringsum nur trockener Wüstensand ausbreitet, lassen sie einen Wald sprießen.

„Faszinierend. All das ist mit Abwasser gewachsen“, sagt Dirk Walterspacher und betrachtet die meterhohen grünen Bäume des künstlich angelegten Forstes, der den Namen Serapium trägt. Der 47-Jährige ist Geschäftsführer der Forest Finest Consulting GmbH, einer Tochter des kanadischen Ökofinanziers Naturebank. Dessen größter Aktionär ist das auf Forstinvestments spezialisierte Unternehmen Forest Finance aus Bonn, das sich vor allem um Aufforstungsprojekte in Schwellen- und Entwicklungsländern kümmert.

So war Walterspacher in Panama, Peru und Vietnam, wo die Forest-Finance-Gruppe auf ehemaligen Viehweiden oder an Bombenkratern Wälder anlegt. In Ägypten war er in den vergangenen drei Jahren besonders oft – „mehr als zehnmal. Insgesamt summiert sich die Zeit auf mehrere Monate“, sagt er. Es ist anders als in den tropischen Regionen, in denen die Firma sonst tätig wird. „Wir sehen hier die Möglichkeit, ein wirtschaftliches Modell für nachhaltige Forstwirtschaft in ariden Regionen zu etablieren“, sagt Walterspacher. Arid ist eine Region, wenn im Jahresmittel die Verdunstung höher ist als der Niederschlag. Solche Dürregebiete sind weltweit auf dem Vormarsch. Nach Berechnungen der Vereinten Nationen dehnen sich die Wüstenflächen jede Minute um 23 Hektar aus. Das entspricht der Größe von rund 30 Fußballfeldern. Wälder sind laut Vereinten Nationen die wirksamsten Barrieren dagegen.

Faszinierend: Der Forst Serapium gedeiht in glühender Hitze

Hier in der ägyptischen Wüste strahlt die Sonne mit etwa 2200 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr etwa doppelt so stark wie in Deutschland. Im heißen, trockenen Sand ist hier kein Leben möglich. Im künstlichen Wald aber lässt das Sonnenlicht nun die Bäume wachsen, die Schatten spenden und Feuchtigkeit speichern und so einen Lebensraum auch für Blumen, Vögel und andere Tiere entstehen lässt.

„Dieses Projekt zeigt, wie zahlreiche wichtige Themen ineinandergreifen können: Klima- und Wüstenschutz, Abwasserverwertung und nachhaltige Waldwirtschaft“, sagt Walterspacher, der noch weitergehende Pläne hat: Das vom ägyptischen Staat vor mehr als 25 Jahren initiierte Pilotvorhaben im Forst Serapium soll künftig auch anderswo in Ägypten Rendite abwerfen und Arbeitsplätze für Hunderte von Menschen schaffen. Forest Finance verfolgt das Projekt seit 2012 gemeinsam mit der dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit unterstellten Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ).

Der Förster

Ahmed Ragaie steht am Ufer des gewaltigen Bassins. „Sehen Sie“, sagt er, „es riecht nicht.“ Der 57-jährige Agrarökonom betreut das Projekt von Beginn an, er hat die ersten Bäume gepflanzt und prüft auch heute noch mit seinem 20-köpfigen Team täglich die Bewässerungsleitungen. Wasser wird kontinuierlich vom staatlichen Versorger in das Becken gepumpt. Zuvor wurden die Haushaltsabwässer von Ismailia am Ort des Versorgers in einem zweistufigen Verfahren gereinigt – erst mechanisch, um groben Schmutz wie Plastikteile und Papier herauszufischen. Danach werden Sauerstoff und Mikroben hinzugegeben, die organische Verbindungen auflösen sowie alles, was schlecht riecht. Übrig bleibt eine Flüssigkeit mit einem hohen Anteil von Phosphaten und Stickstoffverbindungen – erstklassigen Düngern wie man sie auch als Pulver kaufen kann.

Glaubt an die Bewirtschaftung von Wäldern in Wüsten: Manager Dirk Walterspacher

Technisch wird auch in Europa nicht anders verfahren. Bis in die Siebzigerjahre gab es in Deutschland keine weiteren Reinigungsstufen. Heute werden Phosphor und Nitrate aus den Abwässern extrahiert, um eine Überdüngung der Gewässer, in die sie später wieder eingeleitet werden, zu verhindern. Auch für Ägyptens Obst- und Gemüsegärten im Nildelta wären die behandelten Abwässer wegen der Belastung mit anorganischen Stoffen und Bakterien weder gesund noch erlaubt. Doch alles, was nicht auf dem Speiseplan des Menschen steht, kann damit gedeihen – Bäume, Sträucher sowie nicht zum Verzehr geeignete Ölsaaten.

Ragaie führt durch die Plantage. Er sieht dabei nicht unbedingt so aus, wie man sich einen Förster gemeinhin vorstellt: Im Anzug schreitet er die Baumreihen ab, die er durch die dunklen Gläser seiner Markensonnenbrille zufrieden betrachtet. Er kennt die lateinischen Namen jeder Spezies und ist auf das Wachstum seiner Zöglinge stolz wie ein Vater. Einträchtig wachsen hier Edelhölzer wie afrikanischer Mahagony neben Eukalyptus, Zypressen und Pinien. Auch Sträucher mit Jojoba- und Jatrophasaaten sind vertreten. „Zweimal am Tag erhalten die Bäume je fünf Liter.“ Er deutet auf den feuchten Kreis am Fuße eines Teak-Setzlings im Sand. „Ohne die regelmäßige Wasserzufuhr würden die Pflanzen verdorren. Hier in der Wüste fallen fast keine Niederschläge“, sagt er und klopft gegen einen kräftigen Eukalyptus-Stamm. Extra-Dünger sei nicht nötig, das Wasser liefere alles an Nährstoffen, was die Pflanzen brauchen. Für die Böden sei das auch kein Problem, versichert er und verweist auf regelmäßige Proben. Und auch das in ariden Regionen gefürchtete Phänomen der Versalzung, wenn als Folge starker Verdunstung Salze aus unteren Bodenschichten Richtung Oberfläche gesaugt werden und dort die Wurzelschichten verkrusten, habe das Team im Griff. „Die Pflanzen tolerieren einen temporär erhöhten Salzgehalt und bauen ihn wieder ab“, sagt er zufrieden.

Die Konferenz

Während Ragaie in der Baumschule nach dem Rechten sieht, steigt Walterspacher ins Auto. Er muss nach Kairo, um Gespräche zu führen, Kontakte zu vertiefen. Die Autobahn führt schnurgerade durch die Wüste. Links und rechts sind immer wieder Kasernen zu sehen, vor denen demonstrativ Panzer und Kampfflugzeuge stehen. „Ich habe in den drei Jahren, seit wir hier sind, vier Landwirtschaftsministern die Hände geschüttelt“, sagt er. Seit vor gut fünf Jahren der Arabische Frühling den Autokraten Husni Mubarak hinwegfegte, wurden die verantwortlichen Personen immer wieder ausgetauscht – erst vom gewählten Fundamentalisten Mohammed Mursi, danach durch den seit knapp zwei Jahren regierenden General Abdel Fattah el-Sisi. Mit jeder Personalrochade habe das Projekt gestockt. „Manchmal hat das schon für große Frustration gesorgt. Aber jetzt sind wir zuversichtlich.“ Die politische Lage habe sich stabilisiert. „Alle Beteiligten, mit denen wir sprechen, wollen, dass das Aufforstungsprojekt vorangeht.“

Beweist auch in unwirtlichen Klimazonen Stilbewusstsein: Ahmed Ragaie

Nach knapp zwei Stunden Autofahrt ist die Hauptstadt erreicht. Die Straßen ersticken im Verkehr, die Fahrt ins Zentrum in den Stadtteil Zamalek auf einer Insel im Nil zieht sich quälend lang hin. Dort hat Forest Finance zusammen mit der Technischen Universität München (TUM) und dem Deutschen Wissenschaftszentrum Kairo zu einer Konferenz geladen. Rund 50 Wissenschaftler, Politiker und Unternehmer sind hier am Standort des Deutschen Akademischen Austauschdiensts (DAAD) zusammengekommen. Hinter den Mauern des beschaulichen Anwesens brandet immer noch der Verkehr. Die vielen Bäume in dem Kairoer Botschaftsviertel filtern ein wenig die von Abgasen verschmutzte Luft und geben damit auch dem Thema „Nachhaltige Aufforstung in der Wüste“ den passenden Rahmen.

Der Wissenschaftler

Dirk Walterspacher trifft hier Hany El Kateb, der ihn vor Jahren mit der Idee der Wüstenwälder begeisterte. Der gebürtige Ägypter ist Forstwissenschaftler an der Technischen Universität München und lebt seit Jahrzehnten in der bayerischen Landeshauptstadt. Schon in den Neunzigerjahren hat El Kateb gemeinsam mit Kollegen der TUM, der Kairoer Ain-Shams Universität sowie der Universität von Alexandria begonnen, die Aufforstung von Wüsten wissenschaftlich zu untersuchen. Gefördert wurde das Ganze durch das Bayerische Landwirtschaftsministerium.

El Kateb leitet die Konferenz. Kaum jemand spricht hier mehr und fachkundiger über Wälder, Wasser und Wüsten. Er kennt die Details des Regierungsprogramms, das Kairo 1988 auflegte, um an 36 Orten die Wüste Ägyptens mit Abwässern erblühen zu lassen. Hintergrund war das Ziel, das reichlich vorhandene Abwasser sinnvoller als bislang zu nutzen und der Verschmutzung des Nils, der wichtigsten Trinkwasserquelle des Landes, Einhalt zu gebieten. Heute ist die Einleitung in den Fluss verboten. Gängige Praxis war – und ist teils bis heute – die Brauchwasser irgendwo in die Wüste zu pumpen und versickern zu lassen. „Nicht alle der Aufforstungsprojekte waren erfolgreich“, sagt El Kateb. „Manche wurden schlecht gemanagt. Die Pflanzen gingen ein.“ Der Wald von Serapium aber, aus dem Walterspacher gerade gekommen ist, sei ein Erfolgsbeispiel.

Treibt das Projekt voran: der bayerische Ägypter und Forstwissenschaftler Hany El Kateb

Auch die Vereinten Nationen stiegen vor einigen Jahren in das Serapium-Projekt ein und unterstützten es mit der in Italien ansässigen Waldsektion ihrer Landwirtschaftsorganisation FAO. Diese übernimmt nicht nur die wissenschaftliche Dokumentation über die Biodiversität des Abwasserwaldes. Von 2012 bis 2013 finanzierte sie zudem mit einem kleinen Budget von 600 000 US-Dollar verschiedene weitere Abwasser-Wüstenwaldprojekte in Nordafrika. Bisher sei aber keines davon so weit fortgeschritten wie das in Ägypten, sagt El Kateb.

Er steht am Rednerpult und präsentiert eine Computeranimation, die eine blühende Agrar- und Forstlandschaft mit Häusern und Kühen zeigt – eine Vision für Ägypten, die an das Alpenvorland erinnert. „Warum das für die Wüste Wirklichkeit werden kann?“, fragt er rhetorisch in die Runde, um die Antwort selbst zu geben: „Weil Ägypten über gewaltige Ressourcen verfügt.“ Jährlich produzieren die 90 Millionen Einwohner rund sieben Milliarden Kubikmeter Abwasser. Das sind rund 70 Prozent des Aufkommens in Deutschland. Würde Ägypten knapp 80 Prozent davon zur Aufforstung einsetzen, könnte eine Wüstenfläche von 650 000 Hektar wirtschaftlich begrünt werden, rechnet er vor. Das entspräche mehr als der doppelten Fläche des Saarlandes.

Und das wären bei vernünftiger Bewirtschaftung nicht ir-gendwelche mickrigen Wäldchen. Die Bäume in diesen Forsten könnten mehr als vier- bis fünfmal so schnell Holz produzieren wie in Deutschland – wegen der Sonneneinstrahlung und des nährstoffreichen Wassers. Erntereif wären sie nach 11 bis 15 Jahren und würden für rund 350 Kubikmeter Holz pro Hektar sorgen. In Deutschland bräuchten die gleichen Pflanzen für die gleiche Menge 60 Jahre.

Keine Fata Morgana: das riesige Abwasser-Bassin, aus dem der Wald bewässert wird

Trinkwasser, das stellt El Kateb klar, komme dafür nicht infrage. Das ist zu kostbar und knapp. Ägypten, das zu 96 Prozent aus Wüste besteht, bezieht es fast ausschließlich aus dem Nil, rationiert und in Absprache mit den anderen Flussanrainerstaaten wie dem Sudan. Laut offizieller Statistik verbraucht die Landwirtschaft vier von fünf Litern davon. Kaum fünf Prozent konsumieren die privaten Haushalte.

Das Brauchwasser könne dagegen zur Basis für ein Wirt-schaftsmodell einer ganzen Hemisphäre werden, sagt El Kateb. „Wir können es schaffen, damit in ariden Regionen weltweit für dringend notwendige Arbeitsplätze zu sorgen und den Menschen einen Grund zu geben, ihre Heimat nicht zu verlassen.“ Das betreffe alle Staaten Nordafrikas und der Sahelzone bis in den Nahen Osten und die Arabische Halbinsel sowie weitere wüstenreiche Länder Mittel- und Lateinamerikas und China. Die Wälder könnten zudem nicht nur die Wüstenbildung eindämmen, sondern bei entsprechender Größe auch das Mikroklima verbessern und Niederschläge auslösen. Die Staaten könnten sich zur Finanzierung außerdem auf die Mittel globaler Klimaschutzfonds stützen, die auf der jüngsten UN-Klimakonferenz in Paris beschlossen wurden, schlägt Kateb vor. Und die positive CO2-Bilanz aus der Speicherung des Treibhausgases in den Bäumen ließe sich durch den Emissionshandel darüber hinaus noch zu Geld machen.

Die Geldanlage

Dirk Walterspacher rechnet am Beispiel eines Eukalyptuswaldes vor, dass möglichen Erträgen aus Wachstum und Waldbewirtschaftung verhältnismäßig geringe Kosten gegenüberstünden – zwischen 40 und 55 Dollar je Tonne und Hektar. Diese Spezies, die ursprünglich aus Australien stammt und deren Früchte und Blätter nach Hustenbonbons duften, wächst auch im Wald von Serapium. In Südeuropa wird sie ebenfalls angebaut – vor allem in Portugal, wo sie als Rohstoff der Papierindustrie dient. Die dort erzielten Verkaufspreise lagen Ende 2014 mit rund 68 bis 76 Dollar je Tonne deutlich über den von Walterspacher skizzierten Aufwendungen.

Rohrsystem zur Speicherung von Abwasser

So will er internationale Investoren für sein Konzept gewinnen, das so funktionieren soll: Anleger investieren Eigenkapital, erwerben damit Anteile an einer Waldplantage und erhalten dafür eine attraktive Rendite. Zusammen mit Fremdkapital von privaten oder öffentlichen Geldgebern wird die Fläche aufgeforstet. Nach ein paar Jahren sind die ersten Bäume groß genug, um geerntet zu werden. Das Holz wird verkauft. Zusatzerträge stammen aus weiteren Agrarprodukten wie etwa Ölsaaten sowie der Vermarktung von CO2-Zertifikaten. Die gibt es dafür, dass die Wälder das Treibhausgas speichern. Solche Papiere verkauft Forest Finance beispielsweise an Paketdienste oder Fluggesellschaften, die damit ihre Treibhausgasbilanz verbessern.

Das Ganze soll dazu führen, dass trotz aller wirtschaftlicher Nutzung und Holzentnahme ein biodiverser Wald entsteht, der neben der wirtschaftlichen Aktivität auch dem Klima und der Umwelt nützt. Mit diesem Konzept nachhaltiger Forstwirtschaft hat die Bonner Firma in den vergangenen 20 Jahren nach eigener Darstellung weltweit acht Millionen Bäume gepflanzt und dafür rund 76 Millionen Euro an Anlegergeldern investiert.

Allerdings sollen die Bäume trotz der guten Preise in Europa nicht in den Export gehen, und das hat ebenfalls mit dem Schlagwort Nachhaltigkeit zu tun. „Der Wald soll der Wertschöpfung im Land dienen“, sagt Walterspacher. Zudem wäre der Transport der Stämme sehr aufwendig und teuer. Ökonomisch ergibt wohl nur die Weiterverarbeitung vor Ort Sinn.

Das Abwasser der 500 000-Einwohner-Stadt Ismailia durchläuft zunächst eine mechanische, anschließend eine biologische Reinigung, bevor es zur Bewässerung verwendet wird

Die Nachfrage wäre da. Denn weil nur 0,1 Prozent der Lan-desfläche bewaldet ist, muss Ägypten fast seinen gesamten Holzbedarf importieren. Die Holzhandelsbilanz des arabischen Staates weist schätzungsweise ein Defizit in Höhe von rund zwei Milliarden US-Dollar aus.

Dirk Walterspachers Projekt nimmt immer mehr Konturen an, doch am Ziel ist er noch nicht. Jetzt müsse das zuständige Ministerium noch das Vergabeverfahren für Land und Abwasser im Detail festlegen. Ohne den Zugriff auf die beiden Ressourcen wird es keinen frei finanzierten Wüstenwald geben können. „Es wäre ganz wichtig, dass fehlende Biodiversität dabei zu einem Ausschlusskriterium wird“, sagt er. Damit soll verhindert werden, dass etwa billige Monokulturen entstehen.

„Ich würde nicht sagen, dass alle Unklarheiten ausgeräumt sind“, sagt er am Ende der Konferenz. Er wird noch öfter nach Ägypten reisen müssen. „Das macht nichts“, sagt er, „solange wir am Ende die Wüste aufforsten. ---