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Stihl

Stihl verlässt sich ungern auf andere. Einblicke in eine eigensinnige Firma.





• Man darf sich Jürgen Hoffmann als glücklichen Menschen vorstellen. Der Senior Manager Research & Development verfügt mit seinen 350 Ingenieurskollegen im Stihl-Entwicklungszentrum in Waiblingen bei Stuttgart über 130 Prüfstände, um Sägen, Trennschleifer, Laubbläser und all die anderen Geräte für Profis und Laien stetig zu verbessern. Beim Rundgang durch sein Reich rechnet der 53-Jährige stolz den Lohn der Mühe vor: Bei der neuesten Version einer der meistverkauften Benzinmotorsägen seien „300 Gramm Gewicht“ gespart worden – „bei einer Leistungssteigerung von 0,1 Kilowatt!“.

Ingenieure geben bei Stihl seit je den Ton an, was aber nicht heißt, dass dort nicht scharf gerechnet würde. Man finanziert seine Investitionen prinzipiell aus eigener Tasche, Banken haben in der Firma nichts zu melden. Und auch auf Zulieferer ist man ungern angewiesen. Stihl hat eine Fertigungstiefe von mehr als 50 Prozent – zum Vergleich: In der Automobilindustrie sind es lediglich 20 Prozent. Das Unternehmen stellt nicht nur die Ketten für seine Sägen im Schweizer Werk selbst her, sondern verfügt in Rheinland-Pfalz auch über eine der größten Fabriken für Magnesium-Druckgussteile in Europa, die man fürs eigene Sortiment braucht, aber auch an die Automobilindustrie verkauft. Der Drang, die Dinge in die eigene Hand zu nehmen, geht so weit, dass auch die Rezepturen für Sprit und Schmieröle aus dem Chemielabor in Waiblingen stammen.

Sarah Gewert, 36, die Markenverantwortliche, erklärt diesen Perfektionismus anhand der Kernzielgruppe: „Forstarbeiter sind existenziell auf ihre Werkzeuge angewiesen, weil sie nach Output bezahlt werden. Ausfälle schmerzen extrem.“ Je leichter und zuverlässiger die Säge, desto zufriedener diese Klientel. Daran orientiert sich Stihl und umgarnt die Profis nach allen Regeln der Kunst. Unter anderem richtet man Wettbewerbe für Sportholzfäller aus. Und erfreut den Forst- und Bauarbeiter seit 1969 mit einem Kalender, der schöne Mädchen in schöner Natur in Begleitung von Stihl-Geräten zeigt, zur Sicherheit versehen mit dem Hinweis: „Die Aufnahmen (…) entsprechen keinen realen Arbeitssituationen.“

Gewert verteidigt den Kalender, der in einer Auflage von 900 000 Exemplaren erscheint: „Der gehört und passt zu uns.“ Ihre Aufgabe ist es, die Marke zu hegen und zu pflegen, ohne vom eigensinnigen Pfad abzuweichen. Das bedeutet vor allem, auch Privatleute anzusprechen, mit denen Stihl bereits einen erheblichen Teil seines Umsatzes macht – obwohl das Sortiment nur bei Fachhändlern und nicht in Baumärkten zu kaufen ist.

Die Firma profitiert vom Trend zum Gärtnern und zur Profi-Ausrüstung, auch wenn sie nur einmal im Jahr zum Heckenschnitt eingesetzt wird. Potenzial sieht Gewert bei den Heimwerkerinnen, die bislang bei Stihl noch nicht so im Fokus standen – nur wenige Frauen mögen lärmende Kettensägen. Aber auch an sie haben Stihls Ingenieure gedacht. Anders als die Autoindustrie ist man bei der Elektrifizierung weit vorangekommen: Es gibt fast alle Geräte auch mit Akku-Antrieb. ---

Der Ingenieur Andreas Stihl entdeckt 1926 eine Marktlücke: Damals mühen sich Forstarbeiter mit Axt oder Zugsäge ab. Stihl entwickelt für sie eine Elektrokettensäge. Sie wiegt 48 Kilo und muss von zwei Männern bedient werden. 1929 folgt die erste mit einem Benzinmotor betriebene. Die Nachfrage ist groß, bereits Anfang der Dreißigerjahre beginnt der Export in die Sowjetunion, nach Kanada und in die USA. Zum Durchbruch trägt eine leichte, universell einsetzbare Motorsäge ab Mitte der Fünfzigerjahre bei. In den Sechzigern baut die Firma einen weltweiten Vertrieb aus Fachhändlern, firmenintern „Motoristen“ genannt, auf. Ab 1971 ist Stihl die meistverkaufte Motorensägemarke der Welt. 2002 zieht sich die Familie aus dem operativen Geschäft zurück. Ein erster externer Manager scheitert, der zweite hat mehr Glück: Bertram Kandziora führt Stihl seit 2003. Über Gewinne redet er prinzipiell nicht, sie sollen aber auskömmlich sein. Allein von 2015 bis 2018 investiert Stihl eine Milliarde Euro.

Andreas Stihl AG und Co. KG
Zahl der Mitarbeiter: 14 245
Umsatz 2015: 3,25 Mrd. Euro