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Klimawandel

Der Meeresspiegel steigt. Wie man sich darauf vorbereiten kann, zeigt der Blick auf Rotterdam. Woran vernünftige Lösungen scheitern, zeigt der Blick nach New York.





• Die ersten Hochkulturen der Menschheit entstanden am Wasser. Der Boden in Ufernähe war fruchtbar, die Bewässerung nur eine Frage der Technik, die Fischgründe reich, und Wind und Wellen trugen Handelswaren zum nächsten Hafen. Doch wie das Wasser gibt, so nimmt es auch. In den Annalen jeder küstennahen Zivilisation finden sich Berichte über Leid und Tod, die das Wasser brachte. Stets behaupteten ein paar selbst berufene Weise, das Übel kommen gesehen zu haben. An die Stelle mahnender Propheten sind heute Klimaforscher getreten. Ihre Methoden unterscheiden sich von denen ihrer Vorgänger – doch ihre Aussagen sind bisweilen erschreckend ähnlich.

Eine Forschergruppe um James Hansen, den ehemaligen Leiter des Goddard Institute for Space Studies der Nasa, prophezeite jüngst einen weitaus schnelleren Anstieg des weltweiten Meeresspiegels als bislang angenommen. Ihre Prognose lautet: plus drei Meter in weniger als 50 Jahren. Städte wie New York oder Rotterdam würden in wenigen Jahrzehnten unbewohnbar. Das Problem betrifft jeden Kontinent: Drei Viertel aller Metropolen der Erde liegen an der Küste.

Ob die Drei-Meter-Prognose zu hoch gegriffen ist, wissen wir in 50 Jahren. Wissenschaftlich unbestritten ist indes, dass der Meeresspiegel steigen wird, wie der Weltklimarat in seinem fünften Sachstandbericht aus dem Jahr 2014 feststellt. Darüber kann man panisch werden, man muss es aber nicht. Man kann auch besonnen weiterforschen und sich in wohlüberlegten Schritten den Herausforderungen der Zukunft stellen.

Doch das geschieht selten. Den Wissenschaftlern geht es heute nicht besser als den religiösen Schwarzmalern damals: Man hört ihnen nicht zu. Wer denkt schon gern an Regenwetter, wenn die Sonne scheint? Oft sind es erst Katastrophen, die den Forschern Gehör verschaffen. Dann ist es zwar für den akuten Fall zu spät, doch wer klug ist, lernt daraus für die Zukunft.

Rotterdam – Schaden macht klug

Die Niederlande erhielten ihren Weckruf in der Nacht des 31. Januar 1953. Damals brach die größte Flutkatastrophe seit der Zweiten Elisabethenflut aus dem Jahre 1421 über die niederländische Küste herein und riss landesweit 1835 Menschen in den Tod. Besonders betroffen war Rotterdam, das im Schnitt zwei Meter unter dem Meeresspiegel liegt und durch dessen Tiefseehafen der Rhein in die Nordsee strömt. Niemand hatte mit einer so verheerenden Sturmflut gerechnet. Bis der letzte Damm repariert war, vergingen neun Monate. Zwar hatten Sachverständige Jahrzehnte zuvor den ungenügenden Küstenschutz moniert; doch sie blieben ungehört.

Das änderte sich über Nacht. Gerade einmal 20 Tage nach der Jahrhundertflut wurde eine Expertenkommission einberufen, deren Arbeit in den Deltaplan für die Niederlande mündete – ein bis heute beispielloses Hochwasserschutzprogramm. Es wurde gesetzlich festgelegt, die Dämme der westlichen Ballungszentren so weit auszubauen, dass sie einer Sturmflut standhalten, wie sie statistisch nur einmal in 10 000 Jahren auftritt. Der letzte Bau des Deltaplans – das Maeslantwehr – wurde im Jahr 1997 eingeweiht.

Doch kaum war das fünf Milliarden Euro teure Mammutprojekt fertiggestellt, tauchten wieder die lästigen Forscher auf. Ihre neueste Erkenntnis: der Klimawandel. Der stellte alle bisherigen Modelle infrage und brachte die einst so konservativ gerechnete 10 000-Jahres-Prognose ins Wanken. Wenn der Meeresspiegel schneller als erwartet steigt, dann kommen die Deiche und Wehre auch früher als geplant an ihre Grenze. Im schlimmsten Fall wären sie im Jahr 2100 nur noch auf eine 100-Jahres-Flut ausgelegt. Es galt also wieder einmal: anpassen an neue Erkenntnisse.

Die Wälle ein weiteres Mal aufzustocken hätte das Problem nur vertagt, und abgesehen von den immensen Kosten wollten sich die Niederländer auch nicht hinter einer 20-Meter-Mauer vor der Nordsee verschanzen. „Irgendwann haben wir uns dann gefragt: Warum lassen wir das Wasser nicht einfach rein?“, sagt Chantal Oudkerk Pool. Die Stadtplanerin ist als Senior Advisor Sustainability in Rotterdam dafür verantwortlich, dass bei jedem größeren Um- und Neubau in der Stadt auch an das Klima von morgen gedacht wird.

Wenn die Stadt ein neues Parkhaus baut, dann sorgt sie zum Beispiel für ein zusätzliches Untergeschoss, das im Falle einer Flut voll Wasser läuft, um die Kanalisation zu entlasten. Die Zeiten einer einzigen gigantischen Ingenieurslösung wie dem Deltaplan sind vorbei. „Wir gehen jetzt Hunderte Einzelschritte“, sagt Oudkerk Pool. „Keiner davon kann die Probleme des Jahres 2100 vollkommen lösen – aber bis dahin haben wir ja auch noch 85 Jahre Zeit.“

In Rotterdam übt man sich in gelassener Geschäftigkeit. „Wir sind hier sehr sicher“, sagt Oudkerk Pool. „Vielleicht ein bisschen zu sicher“, fügt sie hinzu. Denn je länger die jüngste Katastrophe zurückliege, desto geringer sei die Bereitschaft der Bevölkerung, Geld für die eigene Sicherheit auszugeben. Oudkerk Pool ist weit davon entfernt, Panik zu schüren, dennoch wiederholt sie in jeder Broschüre und auf jedem Vortrag ihr Mantra: Nichtstun ist keine Option.

„Wir können nicht vorhersagen, wie schnell sich das Klima verändert – aber wenn wir warten, bis wir es sicher wissen, ist es zu spät“, sagt die Stadtplanerin. Auf das Wort Klimawandel versucht sie zu verzichten. Das widerspricht zwar ihrer Überzeugung, doch in einer Stadt, deren größte politische Kraft die rechtspopulistische Leefbaar Rotterdam ist, will sie die Finanzierung des Projektes nicht gefährden. „Der Begriff hat hier einen linken Beigeschmack“, sagt sie, „damit zählt man schnell zur Wollsockenfraktion.“ Und so betont sie lieber die Vorteile für Stadt und Wirtschaft. Ein grüneres Rotterdam sei attraktiver und schaffe Arbeitsplätze. Rotterdams Ingenieure sind weltbekannt für ihre Lösungen im Umgang mit dem Wasser. 3600 Jobs in der Region hingen unmittelbar mit dem Küstenschutz zusammen, sagt sie.

Noch zehre man vom Wissen um die Hollandsturmflut von 1953, doch dieses Wissen versickert. Es mehren sich die Stimmen, denen der Küstenschutz zu teuer ist. „Aber je früher wir investieren, desto billiger wird es“, sagt Oudkerk Pool, „noch verstehen das zum Glück die meisten.“ Ende 2014 hat die niederländische Regierung zugesichert, bis 2028 jährlich eine Milliarde Euro in den Küstenschutz zu investieren.

New York – the City that sleeps

Von einer Handlungsbereitschaft dieses Ausmaßes ist New York 3160 Seemeilen entfernt. Ob das Meer bis zum Jahr 2100 nun um einige Meter steigt, wie James Hansen prophezeit oder nur um 1,8 Meter, wie das New York City Panel on Climate Change errechnet hat – es wird eng für Manhattan. Doch seit den Anschlägen vom 11. September 2001 gilt nicht die Natur, sondern der Mensch als größter Risikofaktor. Seitdem wurden mindestens 1,7 Billionen Dollar für den Kampf gegen Terror ausgegeben.

Klaus H. Jacob wäre froh, wenn nur ein Bruchteil dieser Summe in den Katastrophenschutz investiert würde. Der in Deutschland geborene Geophysiker forscht seit mehr als 40 Jahren an der New Yorker Columbia University und ist Experte für Risikomanagement, Erdbeben und den Klimawandel. Im Jahr 2011 warnte er in einer Studie, dass ein Hurrikan vor der Küste New Yorks einen Großteil der tief liegenden Tunnel binnen 40 Minuten fluten würde. Die Prophezeiungen des 79-jährigen Forschers dienten der Presse als schöne Schauergeschichte – doch weil die entscheidenden Stellen die immensen Kosten scheuten, blieben sie folgenlos.

Dann kam Sandy. Nachdem der Hurrikan Jamaika, Kuba und die Bahamas verwüstet hatte, traf er auf New York. In der Metropolregion starben 53 Menschen; der geschätzte Schaden betrug 32 Milliarden Dollar. Brücken begannen zu bröckeln, Highways wurden unbefahrbar und die Tunnels der Subway überflutet. Die Prophezeiungen des Klaus H. Jacob erfüllten sich erschreckend exakt. Kurz darauf wählte ihn das Magazin »Time« in ihre „People Who Mattered in 2012“-Liste und nannte ihn New Yorks Kassandra. Seitdem haben die politisch Verantwortlichen zwar vieles angekündigt, doch wenig verändert. Und so versucht Jacob weiterhin zu erklären, warum es klüger ist, heute viel Geld zu investieren als morgen noch viel mehr.

Die Kassandra von New York: der Geophysiker Klaus H. Jacob

brand eins: Herr Jacob, seit Jahrzehnten mahnen Sie, mehr für den Katastrophenschutz auszugeben – warum hört Ihnen keiner zu?

Klaus H. Jacob: Die kürzeste Antwort ist Geld. Dabei kostet es viermal mehr, nichts zu tun. Wir haben ausgerechnet, dass wir für jeden Dollar, den wir jetzt klug investieren, vier Dollar zurückbekommen – nicht in bar, aber in Form nicht entstandener Verluste.

Keine leichte Rechnung für Politiker, die alle vier Jahre neu gewählt werden.

Die psychologische Hürde ist enorm. Wann bekomme ich das Geld zurück? Es gibt keinen Termin für den nächsten Hurrikan. Wenn man den verhinderten Schaden nicht sieht, dankt einem das keiner. Das war auch im August 2011 das Problem, bei Hurrikan Irene.

Damals wurde die U-Bahn 24 Stunden vor Ankunft des Sturms komplett geschlossen – unter anderem weil Ihre Studien vorhersagten, dass große Teile des Tunnelsystems geflutet würden.

Genau, aber die Flut blieb 30 Zentimeter unter dem kritischen Pegel, und die Tunnel blieben trocken. In der Folge wurde die Betreibergesellschaft MTA furchtbar beschimpft: Ihr bringt die ganze Wirtschaft zum Stillstand, obwohl nichts passiert.

Aber dann kam Sandy.

Zum Glück ist die MTA ihrer Strategie treu geblieben und hat die Subway 36 Stunden vor dem Eintreffen des Hurrikans geschlossen, denn diesmal wurde der Pegel erreicht. Außerdem haben sie alle Signale und Steuereinheiten aus den gefährdeten Tunnel entfernt und vor dem Salzwasser in Sicherheit gebracht. Damit haben sie die anschließenden Reparaturarbeiten um Wochen reduziert. Das war klug.

Die Grundlage dafür war ein 3D-Modell aus Ihrer Abteilung, das erstmals zeigte, welche Abschnitte gefährdet sind. Beschleicht einen da nicht – trotz allem Leid, das Sandy mit sich gebracht hat – eine gewisse Genugtuung?

Auf einer persönlichen Ebene vielleicht, aber das interessiert mich sehr wenig. Mein Ziel ist es, die Situation zu verändern, nicht recht gehabt zu haben. Das nützt ja nichts.

Was hat sich nach Sandy getan?

Nach solch einer Katastrophe öffnen sich gewisse Türen, aber man muss sehr aufpassen, dass man diese Gelegenheiten nutzt. Denn dieses Bewusstsein verblasst sehr schnell, wir haben eine wahnsinnig kurze Aufmerksamkeitsspanne. Leider fließt Geld sehr langsam. Bis es ankommt, wo es gebraucht wird, dauert es Jahre, und bis dahin hat die Öffentlichkeit wieder das Interesse verloren.

Die Menschen wären also sicherer, wenn häufiger etwas passierte?

Paradoxerweise ja. Dort, wo regelmäßig die Erde bebt, gibt es ein Gefahrenbewusstsein. In Kalifornien hat beinahe jede Familie einen Notfallrucksack für den Erdbebenfall in der Ecke stehen. In New York ist niemand auf so etwas vorbereitet.

Eilt es denn?

Natürlich! Wer weiß denn, wann der nächste Sturm kommt? Es ist immer eilig. Aber das ist das Problem: Wenn es für die Politik immer eilig ist, dann ist es nie eilig. Wir haben hier ein Sprichwort: „How do you get to Carnegie Hall? – Practice, practice, practice!“

Wie weit ist New York bisher mit dem Üben gekommen?

Es geht so. Ein paar Dinge wurden angeschoben, unser kurzfristiger Plan ist besser als keiner – aber es fehlt die große Strategie.

Was passiert, wenn sich gar nichts tut?

Dann sitzen wir in der Scheiße.

Woher müssen jetzt die grundlegenden Antworten kommen?

Ingenieuren fehlt manchmal der historische Überblick, die Wissenschaft hilft uns, das große Ganze zu sehen. Sie müssen die Frage der Wahrscheinlichkeit beantworten. Das versteht die Öffentlichkeit oft nicht. Dabei ist das im Alltagsleben ganz klar: Wenn der Wetterbericht zu 10 Prozent Regen vorhersagt, nehme ich keinen Schirm mit, bei 30 überlege ich es mir und bei 60 Prozent nehme ich ihn sicher mit. Beim Katastrophenschutz ist das schwerer zu vermitteln.

Was folgt auf die Grundlagenforschung?

Im zweiten Schritt müssen Ingenieure, Architekten und Städteplaner ran. Die müssen den Politikern ihre Pläne und Kosten auf den Tisch legen und sagen: Das sind eure Möglichkeiten, das sind die Kosten, und das sind die Konsequenzen für euch und eure Enkelkinder. Und wenn all diese Dinge klar sind, dann kommt die politische Entscheidung.

Hier müssen wohl die schmerzhaftesten Kompromisse geschlossen werden.

Ja, das zeigt sich ganz gut am Big U, dem geplanten Riesendeich, der tief liegende Gebiete von Manhattan vor dem Wasser schützen soll. Ich war als Berater an diesem Projekt beteiligt. Das Team hatte herausragende Arbeit geleistet und kurzfristige Maßnahmen mit langfristigen Strategien verwoben. Das Problem begann, als die Vorschläge mit Anwohnern und Politikern besprochen wurden. Die waren nur an den kurzfristigen Lösungen orientiert, weil sie an ihrer unmittelbaren Sicherheit interessiert sind. So haben wir im Krebsgang all die fortschrittlichen Gedanken auf kurzfristige Maßnahmen herunterschrauben müssen, sodass Big U technisch nur noch für das Jahr 2050 ausgelegt ist. Das ist politisch verständlich, aber wissenschaftlich viel zu kurz gedacht.

Bis zum Jahr 2050 ist aber auch noch etwas Zeit, da könnte man das System doch noch später erweitern?

Ich zweifle, ob das passieren wird. Ein reiner Schutzdeich wiegt die Bevölkerung in einer trügerischen Sicherheit. Sie verlassen sich dann nämlich auf den Wall und vernachlässigen den Gedanken an morgen und übermorgen. Im Jahr 2100 wird das Wasser an einem ruhigen Sommertag aber dort sein, wo es heute bei einer Sturmflut ist.

Was täten Sie, wenn man Sie ließe?

Wenn ich Bürgermeister von New York wäre, würde ich erst einmal verbieten, in Küstennähe und auf Meereshöhe zu bauen – eine Sünde der vergangenen 200 Jahre. Wenigstens so lange, bis wir schwimmende Alternativen haben. Außerdem würde ich einen Katastrophen-Fonds auflegen, in den jedes Jahr eingezahlt wird und mit dem investiert wird, wenn sich eine Möglichkeit ergibt. Man könnte damit den Menschen in tief liegenden Gebieten einen Umzug auf sichereres Terrain finanzieren.

Sie raten zum strategischen Rückzug?

Nicht für Downtown Manhattan, das ist viel zu dicht besiedelt. Aber für dünn besiedelte Gegenden ist das auf Dauer die beste Lösung. Wir haben zum Beispiel in Queens große Friedhöfe in höheren Lagen. Wenn wir Menschen dorthin umsiedelten, würden uns die Toten das sicher verzeihen. Manchmal sind drastische Maßnahmen gefragt. Ich bin 1936 in Stuttgart geboren. Als der Krieg ausbrach, war mein Vater so schlau, unser Haus in der Innenstadt zu verkaufen und mit uns nach Bayern aufs Land zu ziehen. Er glaubte, wir seien dort sicherer. Zwei Jahre später fielen die Bomben, und die neuen Besitzer unseres Hauses in Stuttgart wurden getötet. Ich verdanke mein Leben dem Risikomanagements meines Vaters.

Sie tragen Ihre Forderungen unverblümt vor, können Sie auch diplomatisch sein?

Nein, ich bin ausgesprochen undiplomatisch. Ich bin in den Sechzigerjahren in Deutschland sozialisiert worden. Da waren wir es gewohnt, nicht herumzusitzen, sondern die Dinge anzupacken. Diese Haltung habe ich bis heute nicht abgelegt. Der Elfenbeinturm ist nichts für mich.

Lassen Sie uns noch einen Blick nach Europa werfen, die Niederlande gelten als Vorzeigeland in Sachen Katastrophenschutz – was kann New York von Rotterdam lernen?

Nach der großen Flut von 1953 haben die all ihr Vertrauen auf die Ingenieure gesetzt. Mit Erfolg. Dort wurden Deiche für die 10 000-Jahres-Flut gebaut. Das ist ein Sicherheitsfaktor, der hundertmal höher ist als in den USA. Die haben sich damals gesagt, so ein Unglück darf nie wieder geschehen. Das Problem für die Niederlande ist, dass man damals noch nichts vom steigenden Meeresspiegel wusste. Die müssen jetzt umdenken und haben mit dem gleichen Problem zu kämpfen, das ich beim Big U sehe – sie fühlen sich zu sicher.

Die Maßnahmen gehen doch schon sehr weit.

Sie waren perfekt – ohne den Klimawandel. Auf dieser Seite können wir noch eine Menge von ihnen lernen. Zu Recht arbeiten wir hier mit vielen niederländischen Firmen zusammen. Sie müssen nur aufpassen, nicht ihre alten Lösungen auf die neuen Probleme zu übertragen, wie das St. Petersburg oder Venedig machen. Als die Niederländer nach Hurrikan Sandy mit ihren 30, 40 Jahre alten Plänen zu uns kamen, habe ich gesagt: Hört auf, uns eure alten Sachen zu verkaufen; wir haben jetzt die Chance, eure Erfahrung mit unserer Erkenntnis zu verbinden. Die können auch etwas von uns lernen, zum Beispiel im Katastrophenschutz. Die Niederländer haben keine Evakuierungspläne, weil sie sich so sicher fühlen.

Könnte man voneinander lernen?

Ja. Der Austausch ist immens wichtig. Wir waren neulich in Bangladesch und haben gesehen, dass sie dort Bäume auf ihren Deichen haben. Warum? Weil die bei Sonnenschein Schatten spenden – und weil man bei einer Flut hinaufklettern kann. Für New York heißt das nicht, dass wir jetzt Bäume pflanzen, aber dass wir für verlässliche Rückzugsgebiete in höhere Stockwerke sorgen. Die Wolkenkratzer sind unsere Bäume. Wir brauchen mehr Hochgärten, wie den High-Line-Park, der zur Lebensader wird, wenn die Straßen darunter überschwemmt sind.

In den Niederlanden wird dem Wasser der geplante Zutritt zur Stadt gewährt – wie sieht es damit in New York aus?

Das ist noch Zukunftsmusik. Ich kann mir aber vorstellen, dass eines Tages die Wall Street geflutet wird.

Das zählt wieder zu den eher undiplomatischen Forderungen.

Aber es wäre pragmatisch. Die Gegend dort ist viel zu teuer, um sie verloren zu geben. Die Gebäude dort sind so hoch, wir bräuchten nur die unterste Etage aufgeben und neue Transportsysteme schaffen, dann könnten wir alle restlichen Stockwerke weiter nutzen. Als New York als niederländische Kolonie noch New Amsterdam hieß, waren dort auch Kanäle.

Sind Sie manchmal verzweifelt ob der politischen Trägheit?

Eher enttäuscht. Aber jede Enttäuschung ist auch eine Herausforderung. Optimismus ist gefragt. Solange die Leute das Offensichtliche nicht sehen, werde ich weitermachen. ---