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Hauert Dünger

Es war nie sein Traum, Düngemittelhersteller zu werden. Philipp Hauert führt einfach fort, was seine Familie seit elf Generationen getan hat. Die Geschichte eines nüchternen Unternehmers.





• Eigentlich hatte er Anfang des neuen Jahrtausends den größtmöglichen Abstand zwischen sich und das Unternehmen seiner Familie gebracht. Hatte sich als Ingenieur in Melbourne tief in die Physik von Elektromotoren und ihrer Wirkungsgrade eingearbeitet, erfolgreich Solarmobile quer durch den fünften Kontinent geschickt und überlegt, in die E-Bike-Branche einzusteigen. Da erreichte ihn die Nachricht aus Grossaffoltern, einem kleinen Schweizer Dorf zwischen Biel und Bern: Sein Vater wolle die familieneigene Düngemittelfabrik verkaufen. Philipp Hauert kam nach Hause und verhinderte das, indem er selbst die Nachfolge antrat.

Neun Jahre später steht er neben den Silos, die bergeweise mit Pulver und Mehl in allen möglichen Braun-, Grau- und Gelbtönen gefüllt sind. Es riecht muffig in der engen Halle, so als hätte sich die Abluft einer Brauerei mit dem Gestank einer Kläranlage vermischt. In der Fabrik werden aus Malz, Harnstoff, Horn und anderen organischen Stoffen tonnenweise Pellets und Granulate gepresst, die Hobbygärtner, Platzwarte und Baumschulgärtner später auf Rasen und Beeten verteilen. Das ist jetzt Philipp Hauerts Welt.

Dabei hatte er von etwas anderem geträumt, von Solarmobilen, E-Bikes. Das klingt nach Visionen, Leidenschaft und Pionierarbeit. Warum hat sich Hauert stattdessen für Tradition und Nachfolge entschieden, für Grossaffoltern statt Melbourne?

Die Firma Hauert steht in der Schweiz für Gartendünger wie Tempo in Deutschland für Taschentücher. Jedes Kind kennt den grünen, geschwungenen Schriftzug, das Unternehmen hält 60 Prozent am eidgenössischen Markt für Düngemittel. Außerdem gehört es zu den ältesten des Landes, seit 1663 in Familienbesitz, damals als Gerberei gegründet. Es sei ein Glücksfall gewesen, hat Philipp Hauert einmal gesagt, dass die Urgroßvätergeneration die Industrialisierung in der Lederindustrie verschlafen hatte. Denn als kleine Gerberei hätten sie nie überlebt. Alexander Hauert und sein Bruder Fritz verlegten sich damals, als das Gerben von Leder zum Massengeschäft wurde und sie nicht mehr mithalten konnten, zunächst auf den Obsthandel. Nebenher produzierten sie mit der alten Knochenmühle, die Teil der Gerberei war, Tierfutter und Dünger. Mit Horn- und Knochenmehl begann der Aufstieg des Düngemittelherstellers Hauert.

Eine stolze Unternehmensgeschichte, zwölf Generationen lang. Die Hauerts sind Protestanten, ohne dynastische Allüren. Philipp Hauerts Vater hatte keines seiner vier Kinder auf die Nachfolge vorbereitet. Er hätte den Betrieb damals, als kein Kind Interesse daran zeigte, wirklich verkauft. „Was hätte er sonst tun sollen?“, fragt der Sohn.

Als Drittältester hatte er früh den Abstand zum Elternhaus gesucht. Er habe immer Probleme mit Autoritäten gehabt, sagt er. Mit 14 zog er von zu Hause aus, ging freiwillig ins Internat, die Schule hat er dann aber geschmissen. Hauert machte eine Lehre, verweigerte den Wehrdienst und holte auf dem zweiten Bildungsweg den Schulabschluss nach. Danach studierte er erst ein paar Semester Physik, dann Maschinenbau.

Einen Brief seines Vaters aus dieser Zeit, ob er irgendwann einmal den Betrieb übernehmen wolle, ließ er unbeantwortet. Er war damals 26. „Alle meine Geschwister hatten mehr mit Dünger und Garten zu tun“, sagt Hauert, außer der Schwester vielleicht, die Kulturwissenschaftlerin geworden ist.

Ein paar Jahre später kehrte er zurück in die Schweiz, die er oft als eng empfunden hatte. Er verließ die Solarmobile in Australien und auch seine damalige Freundin. „Das volle Programm“, sagt er, „ich weiß auch nicht genau, warum ich das getan habe.“ Pflichtgefühl sei wohl dabei gewesen und die entlastende Überlegung, dass, wenn es elf Generationen zuvor gelungen war, das Unternehmen gut zu leiten, er es in der zwölften vielleicht auch schaffen könnte. Leidenschaft war jedenfalls nicht der Grund. Seine Geschwister zogen ihn auf, jetzt sei die Nachfolge so geregelt wie früher bei den Bergbauern: Der Dümmste übernimmt den Hof. Hauert grinst.

Dünger ist nicht gleich Dünger: das Sortiment

Kühler Stratege 

Philipp Hauert kann einiges vorweisen. Seitdem er den Betrieb führt, ist der Umsatz (der liegt zwischen 30 und 50 Millionen Franken, genauer will er das nicht sagen) um mehr als die Hälfte gestiegen. 102 Mitarbeiter hat das Unternehmen heute, 25 davon in Deutschland. Im vergangenen Jahr ist der Umsatz wieder um sieben Prozent gestiegen. Doch er sagt nüchtern: „Mit einer Düngemittelfabrik gewinnen Sie keinen Schönheitspreis.“

Die Nachfolge begann abrupt. Sein Vater übergab damals von einem auf den anderen Tag alles an seinen Sohn. Hans-Jürg Hauert lässt sich seitdem nur noch selten blicken. „Mein Vater war das Gehirn des Unternehmens“, sagt Philip Hauert. Wenn etwas unklar war, habe man ihn gefragt. Und heute? „Heute ist der Computerserver das Gehirn.“

Er habe gelernt, dass Unternehmer zu sein bedeute, verschiedene Rollen einzunehmen, etwa die des Gesellschafters, der auf das Kapital achtet, oder die des Geschäftsführers, der das Unternehmen voranbringt. Der Geschäftsführer in ihm sieht zum Beispiel gute Chancen für die Produkte in Deutschland. Der Gesellschafter Hauert hat zugestimmt, als sich die Chance bot, den Konkurrenten Günther Cornufera zu übernehmen, und mehrere Millionen investiert. Weder der Gesellschafter noch der Geschäftsführer in ihm ist ein Fußballfan, aber als die Firma zum Exklusivlieferanten für Borussia Dortmunds Stadionrasendünger werden konnte, hat er zugegriffen. Inzwischen düngt Hauert das Grün mehrerer Bundesligavereine in Deutschland.

Die Fußballclubs sind eine große Hilfe für die Offensive auf dem deutschen Markt. Die Gärtner hierzulande kaufen am liebsten Profiprodukte, damit kann Hauert jetzt werben. „Der deutsche Markt ist wichtig“, sagt er, die Schweiz sei zu klein und zudem gebe es dort für die Firma nur noch wenig zu gewinnen. Von den großen europaweit tätigen Gartencentern sind viele aus Deutschland. Wer es hier ins Sortiment schaffe, sei daher auch international dabei.

„Hauert positioniert sich auf dem deutschen Markt sehr geschickt“, sagt Alwin Reintjes, Düngerexperte beim Industrieverband Garten. Organischer Dünger sei ein erklärungsbedürftiges Produkt, aber Kunden erwarteten immer häufiger natürliche Präparate, „und da passen die Hauert-Produkte gut in die Zeit“. Außerdem habe sich die Firma vor einigen Jahren, als beim BSE-Skandal auch der organische Dünger ins Gerede kam, mit sachlichen Informationen einen Namen gemacht. Von dieser Aufklärungsarbeit habe damals die ganze Branche profitiert, auch in Deutschland.

Seine Nüchternheit schadet dem Unternehmer Hauert offenbar nicht. Dabei ist es ihm am Anfang schwergefallen, sich in die Materie einzuarbeiten. Düngemittel herzustellen ist nicht sehr kompliziert. „Die wesentlichen Wirkstoffe sind seit Justus von Liebig bekannt“, sagt Hauerts Laborchef Hans-Peter Wegmüller.

Liebig erforschte zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Wirkung von Phosphaten, Stickstoff und Kalium auf das Pflanzenwachstum. Das sind die Stoffe, die auch der organische Dünger beinhaltet, den Hauert herstellt. Aber wie welche Zusammensetzung auf unterschiedliche Pflanzen in unterschiedlichen Böden wirkt, das ist oft schwer vorherzusagen. Zu viele Faktoren spielen dabei eine Rolle. Daran musste sich Hauert, der als Ingenieur präzise berechenbare Wirkungsgrade gewohnt war, erst gewöhnen.

Gedüngt wird, damit Pflanzen sich die Energie, die sie in Blätter, Blüten und Früchte stecken, aus den Nährstoffen im Boden wieder holen können. Man kann Kunstdünger verwenden, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch die von Fritz Haber und Carl Bosch erfundene Ammoniaksynthese möglich wurde. Oder man kann organischen Dünger verwenden.

„Wir haben nichts gegen Kunstdünger“, sagt Hauert. Ohne künstlichen Stickstoffdünger könne man die Weltbevölkerung nicht ernähren, aber für Gärten sei das Blaukorn weniger geeignet, weil es den Boden auslauge und die Gefahr der Überdüngung bestünde. Hauerts Dünger besteht aus Malz, gemahlenem Huf oder – ganz speziell – geröstetem Horn, das aus Indien geliefert wird. Organische Dünger wirken langsamer als Kunstdünger. Sie bieten Nahrung für Mikroorganismen, die den Dünger verstoffwecheln und so Nährstoffe für die Pflanzen bilden. Ein natürlicher Kreislauf, der Wochen und Monate dauern kann. „Der Boden ist so etwas wie der Magen der Pflanze“, erklärt Laborchef Wegmüller. Der Dünger müsse auf die Beschaffenheit des Bodens abgestimmt sein. Deshalb kann der Kunde ihn auch im Labor von Hauert analysieren lassen und erhält direkt eine Düngeempfehlung, die durchaus auch mal mineralische Stoffe enthalten kann. „Wir sind da konfessionslos“, sagt der Chef. Erlaubt ist, was wirkt.

Hauerts Mann fürs Marketing: Peter Oester

Undogmatischer Produzent 

Marketingchef Peter Oester vertritt die Meinung, dass man es mit der reinen Lehre nicht übertreiben solle. „Wenn wir unsere Produkte zu ernst nehmen, haben wir die Rechnung ohne den Wirt gemacht“, sagt er. Viele Kunden griffen zum Kunstdünger, weil der einfach anzuwenden sei und schnelle Ergebnisse bringe.

Und auch beim Marketing gibt es Grenzen. Als Konzerne wie Henkel in den Achtzigerjahren versuchten, Dünger wie Waschmittel zu verkaufen, scheiterten sie kläglich. Die Marken Lorano, Compo und Seramis sind noch heute ein Begriff, aber einen Verkaufserfolg haben sie nicht gebracht. Der Kunde erweist sich beim Dünger als wenig markentreu. Dabei gibt es durchaus Qualitätsunterschiede, doch dem durchschnittlichen Hobbygärtner sind diese nicht bewusst. Er kauft einmal im Jahr zu Beginn der Gartensaison Dünger, zusammen mit Erde, Töpfen und Pflanzenschutzmitteln, immer öfter richtet er sich dabei nach dem Preis.

Wichtiger, so die Erfahrung von Philipp Hauert, sei „unkompliziertes Handling“. Damit Düngen nicht so eine staubige Angelegenheit ist, haben sie zum Beispiel mit Flüssigdünger experimentiert. Die Marketing-Abteilung hatte sich dafür eine praktisch erscheinende Dosierhilfe gewünscht. Einen Aufsatz wie beim Toilettenreiniger.

Alle waren begeistert, auch die Markttests waren erfolgreich gelaufen. Nur eine Kollegin aus der Buchhaltung, der man eine Flasche zum Testen mit nach Hause gegeben hatte und die mit der Dosierung nicht zurechtgekommen war, blieb skeptisch. „Frau Büchi hat recht behalten“, sagt Oester. Den Flüssigdünger mit Dosierhilfe habe keiner haben wollen.

Flüssig oder fest, mehr Horn oder mehr Mineralstoffe, das sind die Fragen, mit denen sich Hauert nun seit neun Jahren beschäftigt. Sehnt er sich manchmal nach seinen Solarmobilen zurück? „Jooh …“ sagt er so gedehnt, wie er das immer tut, wenn er eine Pause zum Nachdenken braucht. Dann antwortet er entschieden: „Nein.“

Man merkt ihm an, dass er die Düngerbranche nicht für die aufregendeste und die Entwicklung von Solarmobilen in technischer Hinsicht für die größere Herausforderung hält. Dennoch hat er nach und nach Gefallen an seiner Aufgabe gefunden. Er habe in den vergangenen Jahren viel über Dünger gelernt, sagt Hauert, und noch mehr darüber, wie man Menschen führe. Die Firma sei wie ein Werkzeugkasten: Die Produktion, das Marketing, die Laboranalyse und die Produktentwicklung – wenn all diese Werkzeuge professionell genutzt würden, könne man damit erfolgreich Produkte auf den Markt bringen.

Philipp Hauert mag die Vorstellung vom Werkzeugkasten. Sogar für den Ingenieur in ihm klingt die Unternehmensnachfolge so nach genau der richtigen Aufgabe. ---