Südkoreas Wirtschaft

In den vergangenen 50 Jahren hat sich Südkoreas Wirtschaft rasant entwickelt und wächst bis heute überdurchschnittlich. Was hinter dem Höhenflug steckt, erklärt der Sozialwissenschaftler Daniel Schwekendiek.





brand eins: Herr Schwekendiek, wann haben Sie das erste Mal den koreanischen Ausdruck „ppalli ppalli“– „schnell, schnell“ – gehört?

Daniel Schwekendiek: Schon ganz früh, als ich aus familiären Gründen in Südkorea war. Aber ppalli ppalli ist keine uralte Redewendung, sondern kam erst später auf, unter japanischer Leitkultur. In Japan war die Industrialisierung viel früher gekommen – um aufzuschließen, musste in Südkorea die Geschwindigkeit erhöht werden. Dass das Land dann schneller als jede andere Volkswirtschaft der Erde wachsen würde, hätte jedoch damals auch keiner gedacht. Aber ganz ehrlich, ich halte nicht viel davon, wenn man Südkoreas Art des Wirtschaftens nur auf das ppalli ppalli reduziert.

Aber es ist doch ein zentrales Merkmal?

Es ist eher Ausdruck eines kurzfristigen Trends, aber mich interessieren eher langfristige kulturelle Einflüsse. Typische Errungenschaften wie Kalligrafie und Meditation weisen eher auf eine Langsamkeit in der Kultur hin. Im Konfuzianismus gilt zum Beispiel der langsame Weg als der bessere. Das kann man auch an dem viel berühmteren koreanischen Ausdruck hören, den ich jeden Tag sehr oft höre: die Begrüßung „Annyeonghaseyo“. Sie bedeutet „Sind Sie in Frieden?“

Südkorea lebt mit seinem einzigen Nachbarn Nordkorea in einem immer wieder brüchigen Waffenstillstand. Welchen Einfluss hatte das auf die Wirtschaftsentwicklung?

Den wohl wichtigsten. Wachstum war hier im Süden die einzige Möglichkeit, eine Dominanz gegenüber dem feindlichen Norden zu zeigen. Zumal es Nordkorea in den Sechzigerjahren zunächst besser ging als Südkorea. Der Putsch von Park Chung Hee im Jahr 1961 war der erste erfolgreiche seit der Gründung der Joseon-Dynastie 1392. Park versprach, das Land voranzutreiben. Der Aufschwung war die einzige Legitimation, die er hatte. Da war es egal, dass er sich direkt am japanischen Modell der Modernisierung orientierte.

Wie funktionierte das System?

Sehr hierarchisch. Der Präsident war beim Militär und ebenso fast alle Minister. Der Vorteil war, dass Entscheidungen schnell gefällt und kurz danach schon umgesetzt wurden. Es wurde nicht viel diskutiert. Der Militärdienst dauerte damals drei Jahre, und die dort herrschenden Gesetze wurden auf die Gesellschaft übertragen – das gilt bis heute.

Die ständige Angst vor dem Norden trug vermutlich zur Stabilisierung dieses Systems bei.

Die meisten Südkoreaner hatten ohnehin Erfahrungen mit Krieg, dadurch wurde der Aufbau des Landes quasi zusätzlich eine patriotische Pflicht. Nehmen wir die Asienkrise von 1997, da standen Südkoreaner Schlange, um ihr Familiengold zu spenden. Man kann sich schon fragen, warum andere Völker in Krisenzeiten ihre letzten Groschen lieber im Ausland verstecken. Außerdem haben die Südkoreaner durch den Krieg an der Seite der USA gesehen, wie große Ziele gemeinsam erreicht werden können.

Gibt es einen Ort, an dem das sichtbar wird?

Am besten wohl in den südkoreanischen Hafenstädten Pohang und Ulsan, dort residiert der Stahlbauer Posco. Kilometerlang stehen die riesigen Bauten nebeneinander. In den ersten Jahren mussten die Stahlarbeiter in den Fabriken in langen Schichten am Limit schuften. Die Vorgaben waren streng, wurden aber oft eingehalten. Eine derartige Militär-Mentalität führt manchmal zu extremen Maßnahmen. Koreaner wollen den Krieg gewinnen, und Krieg fordert, dass man an sein Limit geht.

Woher kommt diese Haltung?

Dazu muss man Konfuzius und seine Ideale kennen. Zum einen soll man die Familie ehren, und das kann man heutzutage am besten, indem man finanziell für sie sorgt. Aber noch etwas ist wichtig: das besondere Machtprinzip in Korea. Der König ist für das Volk zuständig, aber das Volk auch umgekehrt für den König. Das gilt auch für die Beziehung zwischen Firmenchef und Angestellten. Dieser Zusammenhalt gegen Kräfte von außen hat historische Ursachen, er war überlebenswichtig. Die „Garnele“ Korea lag eben immer schon zwischen den „Walen“ Japan und China – wie ein koreanisches Sprichwort sagt.

Durch das schnelle Wachstum setzte ein regelrechter Ansturm auf die Städte ein. Das brachte auch Probleme mit sich.

Ja, aber Park Chung Hee hat versucht dagegenzuwirken. In den Siebzigerjahren wurden mit der „Bewegung Neues Dorf“ (Saemaeul Undong) ländliche Regionen systematisch entwickelt, was noch heute sichtbar ist. Ich habe das einmal untersucht und festgestellt, dass von 94 untersuchten Staaten Südkorea die geringste Stadt-Land-Differenz hat, zumindest was Ernährung und andere grundlegende Lebensstandards angeht.

Das war die Zeit, als die Menschen Fernseher und Kühlschränke aus den Städten zu Festtagen mit nach Hause brachten.

Dafür braucht man Strom, den damals noch nicht alle hatten. Es wurden viele Hochhäuser gebaut, dabei konnte auf Ästhetik oder Nachhaltigkeit nicht geachtet werden. Es musste eben schnell gehen.

Dieses Hauruck-Prinzip wirkt bis heute fort, etwa bei der Markteinführung von neuen elektronischen Geräten. Was bringt es?

Es fördert den Absatz der Unternehmen. Es gibt wohl in keinem anderen Land mehr Early Adopter, also Menschen, die immer das neueste Produkt kaufen. Selbst in der plastischen Chirurgie werden Dinge einfach gemacht, die man in Deutschland erst sehr lange testen würde.

Als beim Fährunglück der „Sewol“ im April 2014 mehr als 300 Menschen starben, waren auch Sicherheitsstandards ein Thema. Geht Geschwindigkeit vor?

Es gibt keine öffentliche Debatte darüber. Aber es ist schon so, dass jeder, der das südkoreanische Prinzip in Zweifel zieht, als unpatriotisch gilt. Es gibt eben immer jemanden im Norden, dem man Stärke beweisen muss. Zumindest öffentlich. Auch wenn sich Großunternehmen einen Fehler leisten, wird dies nicht kritisiert, der Firmenchef beispielsweise trotz nachweisbarer Steuerhinterziehung vom Präsidenten per Dekret begnadigt.

Werden die Südkoreaner zu einer unkritischen Haltung erzogen?

Die Geisteswissenschaften und Soft Skills werden in jedem Fall vernachlässigt. Kritisches Denken wird in Deutschland schon in der Mittelstufe geschult, hier haben viele Studenten bis zum Doktorgrad noch keinen einzigen Essay geschrieben.

Wie wird sich das wirtschaftlich auswirken?

Noch können die Südkoreaner fehlende Kreativität derzeit gut mit technischem Know-how ausgleichen. In der Halbleiter- oder der Schifffahrtsindustrie etwa gelten sie als führend. Das Problem liegt eher bei innovativen Konsumgütern wie denen von Apple. Fähigkeiten, die mit Psychologie zu tun haben, werden in Korea nicht geschult.

Ändert sich denn am Bildungssystem etwas?

Langsam. Rund zehn Prozent der Professoren sind jetzt keine Koreaner, und man hofft, dass sich das kritische Denken, das sie mitbringen, irgendwann auch in der Firmenkultur wiederfindet.

Derzeit reden viele junge Südkoreaner offen davon, das Land zu verlassen. Ein Roman brachte das geflügelte Wort „Hell Joseon“ (Hölle Korea) in die Alltagssprache. Woran liegt das?

Das hat sicher mit dem Stress im Alltag zu tun. Schon als Schüler muss man konstant viel lernen, um auf ein gutes Gymnasium zu kommen, und dann dort wiederum seine Chancen verbessern. Dann noch der Militärdienst. Hinzu kommen die relativ hohen Lebenshaltungskosten in der Hauptstadt Seoul und eine wirtschaftliche Unsicherheit sowie eine geringe soziale Absicherung. Klar, dass viele junge Leute nach Europa mit seinen Sozialsystemen schauen. Dass die durch hohe Steuern und Abgaben bezahlt werden, ist hier nicht so bekannt.

Präsidentschaftskandidaten versprechen den Wählern nach wie vor Wachstum, aber nie Sozialleistungen. Warum?

Das Wachstum war immer schon die Maxime. Soziale Probleme werden verschwiegen, sie gelten als das Thema des Nordens. Wer sie öffentlich diskutierte, konnte früher sogar mit dem Nationalen Sicherheitsgesetz in Konflikt kommen und wurde unter Park Chung Hee sogar verhaftet.

Wie lange wird dieses System noch Bestand haben?

So lange es die Teilung gibt, wird zumindest das Geld in Wirtschaft und Militär gesteckt werden. Da bleibt für soziale Programme nicht viel übrig.

Wie erklären Sie sich, dass Südkorea das Land mit den höchsten Privatschulden unter den Schwellenländern ist?

Das hat zwei Gründe. Die Überidentifizierung mit dem Kapitalismus hat dazu geführt, dass es eine extreme Luxusfixiertheit im Alltag gibt. Menschen nehmen Kredite auf, damit sie schnell neue Produkte kaufen können. Vor allem im Alter stürzen sie sich in Schulden. Da die Rente oft nicht ausreicht oder in vielen Fällen gar nicht vorhanden ist, nehmen viele Menschen einen hohen Kredit auf, um ein kleines Unternehmen zu gründen. Wenn das dann nicht funktioniert, gibt es ein Problem.

Ist das der Grund für die hohe Altersarmut in Südkorea?

Ja, aber man muss auch bedenken, dass es eine konfuzianische Verpflichtung ist, dass Kinder für ihre Eltern sorgen. Außerdem wurde in den vergangenen Jahren zumindest von großen Firmen ein Pensionssystem eingeführt.

Warum so spät?

Nun, der Erfolg hat den Südkoreanern bislang recht gegeben. Viele Wirtschaftsdaten sind sehr gut, auch die medizinische Versorgung funktioniert, und sogar die Körpergröße der Koreaner ist die größte in Ostasien. Auch das macht sie stolz.

Was können Deutsche von Südkoreanern lernen?

Es ist manchmal wichtig, Entscheidungen schnell zu treffen. In Deutschland gibt es zu viele Gruppen, die Entscheidungen blockieren können. Wer etwas verändern will, etwa im Gesundheitswesen oder der Bildung, der hat mit vielen Widerständen zu kämpfen. Man weiß zwar, dass etwas getan werden muss. Da sind sich alle einig, aber dann diskutiert man so lange, bis vom großen Vorhaben nur noch Marginales übrig bleibt.

Haben Sie dafür ein Beispiel?

In Südkorea wurde in wenigen Jahren das Universitätensystem so verändert, dass es in internationalen Ranglisten schnell aufgeschlossen hat, während Deutschland mit Exzellenz-Clustern und ähnlichen Reformen nur wenig erreicht hat. ---

Der 1975 in Südkorea geborene Sozialwissenschaftler Daniel Schwekendiek wurde im Alter von zwei Jahren von einer deutschen Familie adoptiert, machte in Tübingen seinen Doktor in Wirtschaftswissenschaften und kehrte 2007 nach Südkorea zurück. Zunächst für Forschungsaufenthalte und seit 2011 an die Sungkyunkwan-Universität als Professor. Einer seiner Hauptschwerpunkte in der Forschung ist die sozioökonomische Entwicklung in Nord- und Südkorea.

Eine kurze Geschichte Südkoreas

Nach dem Ende des Koreakriegs 1953 hatte Südkorea nicht nur eine Million Tote zu beklagen, sondern auch eine völlig zerstörte Infrastruktur. Der Großteil der Menschen lebte noch in ärmlichen Verhältnissen, oft ohne fließendes Wasser und Strom, besonders auf dem Land. Im Jahr 1961 übernahm General Park Chung Hee durch einen Putsch die Macht und ordnete in den folgenden Jahren dem wirtschaftlichen Erfolg alles unter – auch die Menschenrechte. Er ließ zunächst das Bildungssystem reformieren, steckte die Reparationszahlungen Japans komplett in den Aufbau einer Schiffbau-, Stahl- und Betonindustrie an der Südküste sowie in arbeitskraftintensive Manufakturen in der Gegend um Seoul. Zudem ließ sich Park Chung Hee bei einem Besuch in Deutschland vom „Wunder am Rhein“ inspirieren und schloss 1963 ein Abkommen, durch das rund 18 000 Koreaner als Minenarbeiter und Krankenschwestern nach Westdeutschland gingen. Südkorea erhielt von Deutschland günstige Kredite, die wiederum zu einem „Wunder am Han-Fluss“ beitrugen.

Nach dem Schock der Asienkrise 1997 erwies sich der demokratisch gewählte Präsident Kim Dae Jung als Reformer. Er zerschlug die Macht der Chaebol, der Großkonzerne, und befolgte die Auflagen des Internationalen Währungsfonds. So kam Südkorea schneller aus der Krise als andere Staaten. Kim Dae Jung bekannte sich zur Marktwirtschaft, öffnete das Land für ausländische Investoren und ließ zum Beispiel die Korean Telecom privatisieren.

Heute ist Südkorea weltweit führend in der Herstellung von Unterhaltungselektronik, Smartphones und Breitband-Internetanschlüssen. Das Bruttoinlandsprodukt wuchs zwischen 1962 und 2014 von 2,7 Milliarden auf 1410 Milliarden Dollar. Das Pro-Kopf-Einkommen stieg im selben Zeitraum von 104 auf 28 180 Dollar (2014). Das Wachstum betrug über die Jahre durchschnittlich rund acht Prozent; für 2015 wird ein Plus von knapp vier Prozent erwartet.