Regenbogenpresse

Die ältesten Leser wollen den jüngsten Klatsch. Die Regenbogenpresse liefert ihn – und gibt der Realität die Sporen.





• Das Leben schreibe die besten Geschichten, heißt es. In Wirklichkeit aber dominiert der langweilige Alltag. Beispielsweise bei der Schlagersängerin Andrea Berg. Seit 2014 passierte bei ihr wenig Aufregendes: zwei Tourneen, ein Album, viel Familienleben. Viel bewegender wäre es, wenn sie, sagen wir, an Krebs erkrankt wäre: „Andrea Berg – Ihr tapferer Kampf gegen Krebs“ (»Echo der Frau«). Vielleicht könnte zusätzlich noch ihre Ehe zerbrechen: „Andrea Berg – Ehe am Ende?“ (»Freizeit im Blick«). Das wäre nicht erfreulich für Frau Berg, aber spannend. Am Ende sollte natürlich alles gut ausgehen. Und siehe da, keine zwei Monate später kommt ihre Tochter zur Welt: „Andrea Berg – Neues Glück – Endlich hat sie ihre kleine Prinzessin“ (»Viel Spaß«). So sorgt das Leben der anderen für gute Unterhaltung.

Dunst und Nebel

Das ist das Motto der Regenbogenpresse, die ihren Namen ihrer farbenfrohen Aufmachung verdankt. Er ist aber auch aus einem anderen Grund treffend: Wie ein Regenbogen zeichnet diese Publizistik die Welt in einem zauberhaften, kitschigen Licht und löst sich in Luft auf, sobald man sie aus der Nähe betrachtet. Wer das tut, erfährt zum Beispiel, dass Andrea Bergs „tapferer Kampf gegen Krebs“ lediglich in einem Facebook-Aufruf an ihre Fans bestand, sich bei der Deutschen Knochenmarkspenderdatei registrieren zu lassen. Dass der Anlass für die Spekulationen über ihre Ehe eine Fernsehsendung war, in der sie mit ihrem Mann betont harmonisch einen Christstollen buk. Und dass die „kleine Prinzessin“ nicht etwa ihre Tochter ist, sondern das Fohlen eines Pferdes auf ihrem Bauernhof.

Dies ließ sich den jeweiligen Artikeln entnehmen. Die Titelblätter aber, die den ersten und oft einzigen Eindruck prägen, ließen davon nichts erkennen. Ihre Gestaltung folgt einem klassischen Muster: Aus einer realen Begebenheit werden abenteuerliche Spekulationen abgeleitet.

Kaiserwetter

Die Masche macht sich bezahlt, die Auflagenzahlen der Regenbogenpresse sind seit Jahrzehnten praktisch konstant. In Redaktionen, die es mit journalistischen Grundsätzen genauer nehmen, kann man von so viel Wetterfestigkeit nur träumen. Eine der Ursachen liegt im Angebot von Online-Nachrichten, die sich nur schwer zu Geld machen lassen und oftmals durch Einnahmen aus dem Print-Geschäft quersubventioniert werden müssen. Das bekommen auch die sogenannten People-Magazine zu spüren, die Promi-News auf etwas höherem Niveau als die Yellow Press für eine etwas jüngere Kundschaft produzieren. Die verkaufte Auflage des stärksten Titels »Bunte« ging in den vergangenen drei Jahren um gut 22 Prozent zurück, gleichzeitig legten die Besucherzahlen bei Bunte.de um 264 Prozent zu.

Die Regenbogenpresse hat dieses Problem noch nicht, wie Kommunikationswissenschaftler Andreas Vogel erläutert: „Die Zielgruppe ist 50 und älter, die wollen ihre Nachrichten nicht auf dem Tablet lesen. Die gehen zum Kiosk und nehmen oft gleich mehrere Hefte auf einmal mit. Das ist ein Ritual, das alle Neuerungen des Medienwandels überdauert hat.“

Daher hatten diese Blätter im Jahr 2014 zwar praktisch keine Online-Präsenzen, dafür aber eine gedruckte Gesamtauflage von mehr als 500 Millionen Exemplaren, die zu Preisen zwischen weniger als einem und weniger als zwei Euro über den Tresen wandern und das Segment zu einem der umsatzstärksten im Zeitschriftengeschäft machen. Zum Vergleich: Die drei Wochenmagazine »Spiegel«, »Stern« und »Focus« kosten zwar ein paar Euro mehr, sind aber auch weitaus teurer in der Produktion – und kamen im selben Zeitraum gemeinsam nur auf gut 130 Millionen gedruckte Hefte.

Lichtermeer

Wie groß der Markt für Klatschnachrichten ist, kann leicht übersehen, wer nicht zur Zielgruppe zählt. Die Verlage aber kennen ihre Kunden und bieten ihnen ein überwältigendes Angebot. Gab es in den Siebzigerjahren noch rund ein Dutzend Regenbogenzeitschriften, hat sich ihre Zahl bis heute verfünffacht.

Es ist ein mediales Ökosystem entstanden, das nach eigentümlichen Gesetzen funktioniert. Eines besteht darin, möglichst viele Personen zu Prominenten zu erklären, um über sie schreiben zu können. „Seit dem Neunzigerjahre-Boom der Reality- und Casting-Formate im Fernsehen können die Hefte hier aus einem reichen Fundus schöpfen“, sagt Vogel. Von C- und D-Promis ist zudem kaum mit Protest zu rechnen, wenn Geschichten überdreht oder frei erfunden werden: Wer ohnehin nur in der Klatschpresse auftaucht, beugt sich wohl oder übel ihren Regeln.

Hinzu kommt die Untreue der Leser, die zum allergrößten Teil keine Abonnenten sind. Viele, heißt es aus Verlagskreisen, hätten zwar ein Stammblatt, würden dazu aber noch ein bis zwei weitere kaufen, deren Cover sie besonders ansprächen. Für die Verkaufszahlen könne das einen Ausschlag um etwa 15 Prozent nach oben oder unten bedeuten; bei einem Heft, das durchschnittlich 200 000 Exemplare zu je einem Euro absetzt, stehen also pro Ausgabe 30 000 Euro auf dem Spiel. Das trägt zum Wettbewerb um die steilste Schlagzeile bei.

Fixsterne und Trabanten

Zu den Marktführern der Branche zählen seit Jahrzehnten die »Freizeit Revue« (Burda Verlag, 764 617 wöchentlich verkaufte Exemplare im dritten Quartal 2015) sowie die »Neue Post« (Bauer Verlag, 609 990 wöchentlich verkaufte Exemplare). Jeweils rund ein Dutzend Redakteure kümmert sich dort um die Prominenz. In vielen Punkten arbeiten sie nicht anders als in anderen Redaktionen: Sie beobachten das Geschehen, stellen Fragen, verfolgen Trends und versuchen, Entwicklungen vorauszuahnen. Um Exklusives zu erhalten, suchen sie die persönliche Nähe zu Stars und Sternchen – auch um den Preis kritischer Distanz. Eine Besonderheit ist die episodenhafte Erzählform, die mitunter fast an einen Fortsetzungsroman erinnert. Im Versuch, Leser zu binden, schreiben einzelne Hefte den Stars bestimmte Rollenbilder zu, an denen sie hartnäckig festhalten. Für die einen ist Charlène von Monaco eine leidende Unschuld, für die anderen eine intrigante Furie – und aus ein und demselben Anlass werden völlig unterschiedliche Geschichten gestrickt.

Die Platzhirsche geraten allerdings durch eine Vielzahl von aufwandsarm erstellten Neuerscheinungen unter Druck. Ihre Urheber werden branchenintern abschätzig als „Garagenverlage“ bezeichnet. Dort erstellt häufig eine Redaktion eine Vielzahl von Heften, wobei als Faustregel gilt, dass für jeden neuen Titel ein neuer Redakteur benötigt wird. Dass ein Großteil des Gedruckten da nicht selbst recherchiert, sondern von anderen Medien ungeprüft zusammengeklau(b)t wird, liegt auf der Hand. Zudem werden erfolgreiche Titel schamlos kopiert, eine Art Realsatire auf die eigene Austauschbarkeit.

So taucht der Begriff Freizeit in mehr als 20 verschiedenen Titelvarianten auf, darunter »Freizeit pur«, »Freizeit Blitz« und »Freizeit Illustrierte« („Das einzige Original!“). Die Inhalte der Billigblätter scheinen zudem oft vom verfügbaren Bildmaterial abzuhängen. „Es wirkt so“, sagt Jörg Thomann, Autor der Kolumne „Herzblatt-Geschichten“ in der »Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung«, „als bekämen manche Redaktionen einen Packen Agenturfotos auf den Tisch, zu denen sie sich dann die passenden Geschichten einfallen lassen.“ Zusätzlich anreichern lässt sich diese Quellenlage durch Blog- und Facebook-Posts aus der Promi-Szene, (bewusst) missverstandene Meldungen und natürlich exklusive Gerüchte aus einem Kreis ominöser Insider, die aus Diskretionsgründen leider anonym bleiben müssen.

Blendwerk und Irrlicht

Moritz Tschermak arbeitet sich mit seinem Kollegen Mats Schönauer seit 2013 regelmäßig an den Publikationen der Regenbogenpresse ab; besonders haarsträubende Fälle dokumentieren sie in ihrem Watchblog Topfvollgold und alle zwei Wochen im »Berliner Tagesspiegel«. Gelegentlich befragen die beiden auch Käufer am Kiosk. „Die meisten sagen dann, dass sie den Heften so zu 60 Prozent glauben – was besser ist als 100, aber immer noch 55 zu viel“, resümiert Tschermak.

Das hänge auch mit einem gewissen Grundvertrauen in das gedruckte Wort zusammen, welches gerade bei älteren Lesern noch stark vorhanden sei. Das ist die Mehrheit: Gemäß einer Auswertung öffentlicher Mediadaten durch Topfvollgold sind 37,1 Prozent der Käufer 70 oder älter; nicht einmal jeder Vierte ist unter 50. Mehr als 80 Prozent sind weiblich und verfügen über bescheidene Einkommen, ihr häufigster Abschluss stammt von der Haupt- oder Volksschule. Auf dieses Publikum zielen auch die obligatorischen Gesundheitsratgeber der Regenbogenhefte, bei denen die Grenzen zwischen redaktionellem und bezahltem Inhalt häufig fließend sind.

Blitz und Donner

Mit leichtgläubigen Lesern und leichtfertigen Schlagzeilen lässt sich gut verdienen, auf Kosten der Prominenten, die für die Geschichten herhalten müssen. Manche Stars und viele Sternchen lassen sich bereitwillig in einem falschen Licht zeichnen – wenigstens solange es ein vorteilhaftes ist. Andere, wie der Fernsehmoderator Günther Jauch, gehen hingegen drakonisch vor: Er lässt abmahnen, was abmahnbar ist, auch unbedeutende Falschaussagen wie jene, er baue Rotwein an (tatsächlich ist es Weißwein). Gegenüber Topfvollgold begründete er die harte Linie mit seinem Ärger über die Irreführung von Lesern und dem teilweisen Verlust seiner persönlichen Freiheit. Er sei gezwungen, zu Aspekten seines Lebens öffentlich zu schweigen, da das Gesagte sonst verdreht und zudem als Einladung verstanden werde, weitere Details seines Privatlebens ans Licht zu zerren.

Ein Verlagsvertreter, der nicht genannt werden will, sieht in der Methode Jauch vor allem eine Einnahmequelle. Der juristische Feldzug wegen faktischer Kleinigkeiten habe sich für manche Stars zu einem Geschäftsmodell entwickelt, seit die schwedische Prinzessin Madeleine im Jahr 2009 die Rekordsumme von 400 000 Euro gegen den Klambt-Verlag erstritt. Größere Regenbogenhefte, so der Mann, müssten inzwischen Hunderttausende Euro pro Jahr für Rechtsstreitigkeiten aufwenden – auch wenn viele davon gewonnen würden.

Kleinigkeiten waren es im Fall von Madeleine allerdings nicht. Über einen Zeitraum von gut vier Jahren waren ihr unter anderem 42 Falschzitate, 52 Fotomontagen (drei davon mit einem Baby im Arm, neun im Hochzeitskleid), drei Verlobungen, 17 bevorstehende Hochzeiten und vier Schwangerschaften untergeschoben worden. Die dafür verantwortlichen Publikationen »Woche der Frau« und »Frau mit Herz« (beide Klambt-Verlag) hatten offenbar nicht mit Gegenwehr gerechnet. Ausländische Prominente gelten in der Branche als dankbar, weil sie die Berichte oft nicht wahrnehmen oder nicht über Landesgrenzen hinweg verfolgen wollen.

Die Mittel des Presserats zur Ahndung solcher Fälle heißen Hinweis, Missbilligung oder Rüge und sind für ihre Adressaten so wenig furchteinflößend, wie sie sich anhören. Der Gang vor Gericht hingegen ist mit Unsicherheiten behaftet: Viele Redaktionen stimmen ihre Schlagzeilen mit der Rechtsabteilung ab, die weiß, wie weit Meinungs- und Pressefreiheit reichen. Ein „Schock!“ oder „Skandal!“ etwa gehen leicht als legitime Wertung durch, wenn sie sich auf eine nichtige, aber richtige Tatsache beziehen. Neben dem Unwillen, die bunten Blättchen durch Klagen aufzuwerten, gibt es auch gute juristische Gründe, von Klagen Abstand zu nehmen.

Nach Ansicht des Rechtsanwalts Christian Schertz, der unter anderen Günther Jauch vertritt, kalkulieren bestimmte Verlage kaltblütig: Überstiegen die durch eine Persönlichkeitsrechtsverletzung erwarteten Einnahmen die erwartete Höhe ihrer Sanktionierung, werde sie abgedruckt.

Aufklaren

Verdienen Medien, die so arbeiten, das Privileg Presse mit damit einhergehenden Vergünstigungen? So können sie sich vor Gericht auf Quellenschutz berufen. Auf ihre Preise müssen sie nur 7 statt 19 Prozent Mehrwertsteuer aufschlagen, und von Vorschriften des Datenschutzes sind sie in Teilen ausgenommen. Doch wer soll die Grenze ziehen? Wie viel Prozent aller Meldungen müssten unwahr, tendenziös oder sinnentstellend sein, damit sie in Summe nicht mehr als Journalismus durchgehen? Weil es auf diese Fragen keine befriedigenden Antworten gibt, müssen wir mit manch Fragwürdigem leben. ---

„Regenbogen“,

„Was ist gescheh’n?“,

„Ich weiß es noch“,

„Dieser Sommer mit dir“,

„Ich hab dich geliebt“,

„Zwischen tausend Gefühlen.“

„Es wird nie wieder so sein“,

„Auch wenn ich fühl’ wie du“,

„Vielleicht verstehst du mich nicht“,

„Die Gefühle haben Schweigepflicht.“

„Ich weiß, dass du mich belügst“,

„Weinen kann ich auch ohne dich“,

„Dich soll der Teufel hol’n“,

„Nie mehr du und ich.“

„Der Abschiedskuss“,

„Ich tanz’ den Blues allein“,

„Und dann fehlt mir der Mut“,

„Ohne dich hab ich schon oft die Nacht verflucht“,

„Weil du ein Zauberer bist.“

„Bin nicht so stark“,

„Es fängt schon wieder an“,

„Mach mir schöne Augen“,

„So wie beim ersten Mal“,

„Bin ich von allen guten Geistern verlassen?“

„Frag nicht“,

„Schenk mir diese eine Nacht“,

„Wehrlos in der Nacht“,

„Bittersüße Zärtlichkeit.“

„Morgen werd’ ich gehen“,

„Mach diese Nacht unendlich“,

„Lass mich einfach weiter träumen.“

(Komponiert aus Original-Songtiteln von Andrea Berg)