Partner von
Partner von

Manfred Klimek Kolumne

Unser Autor findet: Rollkoffer-Zieher sind an allem schuld.
Eine Abrechnung.




• Überall Rollkoffer. Früher haben nur Stewardessen Rollkoffer gezogen. Männer trugen Koffer ohne Rollen. Das sollten sie auch heute tun, auch wenn die Koffer schwer sind und ihr Rücken das nicht mitmacht. Egal. Nichts wirkt jämmerlicher als ein Mann, der so ein Ding hinter sich herzieht. Noch schlimmer, wenn es sich um einen halbhohen Aktenkoffer handelt. Oder um einen Pilotenkoffer!

Zu Lebzeiten von Tony Curtis war der Pilotenkoffer noch Statussymbol jener tollkühnen Männer, die Hunderte Tonnen Metall mitsamt Passagieren auf 8000 Meter Höhe bugsieren können. Heute hingegen hält man sie für raffgierige Realitätsverweigerer, die nicht erkennen, dass der moderne Kapitalismus keine Gehaltswünsche berücksichtigen kann, die sich am längst verloren gegangenen Nimbus einer Berufsgruppe orientieren. Außerdem fliegen Flugzeuge inzwischen von allein.

Warum gibt es immer noch so viele Geschäftsreisen? Kann man diese Meetings nicht durch Videokonferenzen ersetzen? Da jagen die Vorstände seit Jahren ihre Controller durch die Betriebe, überall auf Suche nach Einsparmöglichkeiten, und dann darf Herr Lars Behner (Name von der Redaktion geändert), der genau jetzt an meinem Nebentisch sitzt und für einen großen deutschen Technologiekonzern arbeitet, dessen Hochgeschwindigkeitszüge meist nur verspätet und mit mindestens drei ausgefallenen Toiletten ihr Ziel erreichen, mit einem „freien Kreativberater“ (Eigendefinition) im Sterne-Restaurant bei einem schlanken Vier-Gänge-Menü (sehr viel Gemüse, das ist derzeit gerade hip) über „die emotionale Schwingung“ eines neuen medizinischen Hochleistungs-Scanners parlieren. So etwas kann man auch telefonisch erörtern! Aber wenn das alle tun, geht wohl die ganze Hotellerie zugrunde. Das wäre dann nicht in meinem Sinne, wie ich gerade merke. Zurück zum Thema.

Ade, Madame Glamour

Die Rollkoffer-Seuche. Auch im Hotel. Aus zivilem Widerstand habe ich meine 20 Jahre alte, völlig verrottete Prada-Tasche aus dem Depot für Erinnerungsstücke geholt und das ziemlich verschlissene, aber unkaputtbare Ding wieder mit Kleidung und Toilettenartikeln vollgestopft, bis es 15 Kilo schwer und noch schwerer zu tragen war. Nach hundert Metern verliere ich zwar den aufrechten Gang, doch das gute Ding hängt lässig über der Schulter. So habe ich stets einen exzellenten Auftritt an der Rezeption, wo die Dame mir mit ihrem Augenaufschlag zu verstehen gibt, dass sie mich keineswegs zur Sippe derjenigen zählt, die hier ihre Extras mit einer blassen, von Werbeaufdrucken der Bank zugemüllten Karte zahlen und für das große Ganze laut auf die Kostenübernahme ihrer Firma hinweisen.

Etwas off-topic, aber da wir gerade im Small-Talk-Modus sind: Josef Ackermann, dem ich einmal zufällig begegnet bin, hat lediglich eine grüne American-Express-Karte und zahlte damals mit dem unauffälligen Rechteck seine Hotelrechnung. Das Ding mit der Kostenübernahme käme dem keine Sekunde in den Sinn. Von Ackermann lernen heißt Understatement lernen. Okay, das Foto mit dem Victory-Zeichen mal ausgenommen.

Apropos Kreditkarte: Hat irgendwer noch eine Diners-Club-Karte? Eben! Wäre es da nicht wieder hip, sich eine Diners-Club-Karte zuzulegen? Jetzt, da man ohnehin alles mit der banalen EC-Karte begleichen kann, darf man sich doch durchaus mit der Karte einer Organisation schmücken, die nur noch bei Maßschneidern der Savile Row als Zahlungsmittel gültig ist.

Ich hatte mal eine goldene Amex. Von 1989 bis 1993, glaube ich. Dann wurde sie mir weggenommen. In London. Die goldene Amex war – neben der Rolex, dem Dupont und acht Paar handgenähte Schuhe – eines der Statussymbole, die ein Gossenjunge wie ich zur Bestätigung brauchte. Weggenommen wurde mir die Karte in einem Schuhgeschäft von einem näselnden Verkäufer mit Föhnfrisur, nachdem das damals technisch neue und folglich störungsanfällige elektronische Lesegerät die Bestätigung des Zahlungseingangs verweigerte. So nahm der Mann, der mich wohl für einen Russen hielt, das Paar kalbslederne Allen Edmonds wieder vom Tresen, kam mit einer großen Schere und einem Berechtigungsschreiben zurück und zerschnitt mit sichtlichem Vergnügen vor den Augen der anderen Verkäufer und Kunden meine Karte so langsam es ging. Es war wie in diesem Tom-Wolfe-Roman „Fegefeuer der Eitelkeiten“: Ich wurde meines Seins und Scheins beraubt – ein lehrreicher Moment.

Visa tarnt inzwischen seine Platin-Karte. Correctness-Camouflage. Sie ist schwarz und unterscheidet sich kaum von anderen schwarzen Visa-Karten, die es zuhauf gibt. Das sagt alles: Madame Glamour und ihre geistig behinderte Schwester Mademoiselle Angeberei sind für die Bourgeoisie untragbar geworden. Das ist den Rollkoffer-Menschen zu verdanken, die der Uniformität huldigen und es bequem haben wollen.

Nehmen wir etwa Fünf-Sterne-Hotels. Die müssen rund um die Uhr Roomservice anbieten. Das ist erfreulich, wenn man weit nach Mitternacht nicht bei McDonald’s gemeinsam mit 30 Untoten einen verschrumpelten Burger mampfen will. Da solche Häuser meist auch renommierte Restaurants besitzen – allesamt defizitär, aber notwendig – war es früher gute Sitte, dass auch der Roomservice top zu sein hatte. Ich kann mich noch gut erinnern, dass ich mir einmal spätnachts im One Aldwych sechs Austern und einen Hummer Thermidor an die Badewanne bringen ließ. Dazu eine kleine Flasche Dom Pérignon, und die Nacht wurde gut.

Heute kann man von solchem Service nur noch träumen, denn die Controller haben den Koch durch eine Küchenhilfe ersetzt, die vorgefertigte Standardgerichte finalisiert. Rollkoffer-Menschen gehen früh zu Bett.

Diese Gruppe Reisender hat auch den Gepäckträger auf dem Gewissen. Wie angenehm, seine Koffer nicht aus dem Kofferraum hieven zu müssen und sie nach dem Einchecken bereits im Zimmer vorzufinden. Heute wird man selbst im Pariser Ritz komisch angesehen, wenn man nach jemandem verlangt, der einem zur Hand gehen soll. Neulich sah ich dort eine ältere Dame auf einem ihrer drei angejahrten, mit feiner Patina veredelten Louis- Vuitton-Koffern sitzen. Sie wartete auf ihr Taxi, und sie hatte – typisch Paris – lange zu warten. Das Personal ließ sie draußen einfach sitzen. Ein PR-Desaster. Man darf die Frage stellen, ob die im Ritz schon mal von Social Media gehört haben. Gibt es dort überhaupt Internet?

Fazit: Da kann mein Kreuz schmerzen wie der Kopf von Klitschkos Gegnern: Ich werde niemals einen Rollkoffer hinter mir herziehen. „Widerstand muss schmerzen“, sagte Rudi Dutschke, als ihn der Strahl des Wasserwerfers an der Joachimstaler Straße Ecke Ku’damm in die Büsche schoss. Und so stelle ich meine Tasche ab, strecke mich gerade und sage: „Aua.“ ---