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Venetien

Das im Nordosten Italiens gelegene Venetien hat eine glorreiche Geschichte – die in der aktuellen Krise wie eine zusätzliche Bürde wirkt. Porträt einer verunsicherten Region, in der viele Unternehmer verzweifeln und das Vertrauen in den Staat erodiert.





• Verstörende Meldungen. Die eine ist vom März dieses Jahres. In einem Referendum ging es um die Frage, ob die reiche Region Venetien im Nordosten Italiens unabhängig werden soll. Den Angaben der Initiatoren zufolge nahmen 63 Prozent der knapp vier Millionen Wahlberechtigten teil. 89 Prozent sollen für die Loslösung von Italien gestimmt haben. Zwar wurde das Ergebnis von vielen Seiten angezweifelt, weil es keine behördlich überwachte Wahl war, sondern eine von Separatisten organisierte Online-Abstimmung. Doch der Soziologe Ilvo Diamanti mahnte, die Unabhängigkeitsbestrebungen ernst zu nehmen. Autonomie sei eine attraktive Perspektive für eine Mehrheit der Bewohner, wie eine Umfrage seines Forschungsinstituts ergeben habe.

Begeisterung erzeugte der italienische Staat in Venetien noch nie. Die Region ist seit Jahrzehnten die Lokomotive des Landes und sorgt für einen überproportionalen Teil der Steuereinnahmen, die der Staat vorwiegend im ärmeren Süden ausgibt. Vielen Venetern ist das seit Langem ein Dorn im Auge – den Wunsch nach Unabhängigkeit aber erklärt das noch nicht.

Verstörend ist zudem die Meldung von den Selbstmorden. Gut hundert venetische Kleinunternehmer nahmen sich allein in den Jahren 2012 und 2013 aus wirtschaftlichen Gründen das Leben, ergab eine Analyse der privaten Link Campus University in Rom.

Die Krise hat die Unternehmer hart getroffen. Zwar ist Venetien gemessen am Bruttoinlandsprodukt pro Kopf noch immer die fünftstärkste Region Italiens; auch die Arbeitslosenquote (7,6 Prozent) liegt nach wie vor deutlich unter dem Landesdurchschnitt (12,2 Prozent). Doch nirgendwo hat die Krise so starke Auswirkungen wie in der Gegend zwischen den Dolomiten und der Adria mit Städten wie Verona, Vicenza, Padua, Treviso und Venedig. Das regionale Bruttoinlandsprodukt ist seit 2007 um 10,5 Prozentpunkte gefallen, die Arbeitslosenquote um vier Prozentpunkte gestiegen. 10 000 Betriebe mussten schließen. Zig andere ringen um die Existenz. Begründet das die Selbstmorde?

Eine Reise durch die Region soll Aufschluss geben. Was ist los im Nordosten Italiens? Warum haben so viele Veneter das Vertrauen in den Staat und ihre eigene Zukunft verloren?

Verletzter Stolz 

Eine Werkhalle an einer Landstraße in der Provinz Vicenza. Lärmende Maschinen, ein paar Arbeiter, stapelweise Metallringe. „Diebe sind das. Diebe, Mörder und Betrüger“, platzt es aus Antonio Costalunga heraus. Er war gerade dabei, über die wirtschaftliche Lage zu reden, als er beim Gedanken an die politische Klasse Italiens die Contenance verliert.

Er ist 67 Jahre alt, groß, drahtig, hat ölverschmierte Hände und ist in einer Arbeiterfamilie in der wenige Kilometer entfernten Ortschaft Schio aufgewachsen. Er hat es mit Fleiß und Mut zu Wohlstand gebracht. Seit einigen Jahren aber geht es mit seinem Metallbetrieb bergab. Er musste Mitarbeiter entlassen, kriegt von seiner Bank keinen Kredit mehr. Costalunga kann seinen Zorn kaum im Zaum halten. „Ich habe meinen Teil zum Aufbau Italiens beigetragen“, ruft er. „Und jetzt, wo es mir schlecht geht, lässt mich der Staat im Stich.“

Costalunga ist einer von 600.000 venetischen Unternehmern. „Die Politiker haben das Land ruiniert, und wir müssen es ausbaden“, schimpft er. „Wir zahlen die höchsten Steuern in Europa und kriegen von den Banken kein Geld mehr.“ Einmal war er in der Fernseh-Talkshow „Servizio Pubblico“ zu sehen. Es ging um die Selbstmorde. Costalunga wurde eingeladen, weil er mit einem jener Unternehmer in einer Altherrentruppe Fußball gespielt hatte. Elia Marcante hieß der. Sein Betrieb baute Maschinen für die Holzverarbeitung. 14 Mitarbeiter, darunter seine beiden Kinder. Eines Abends im März 2013 fand seine Tochter ihn erhängt in der Firma. Die Talkshow-Diskussion war im vollen Gange, als Costalunga plötzlich losbrüllte: „Schämt euch“, schrie er den Politikern zu, „schämt euch, denn ihr seid es, die Marcante und all die anderen auf dem Gewissen haben.“ Es war der Auftritt eines stolzen Mannes, der sein Lebenswerk bedroht sieht.

Costalunga hatte sich Ende der Sechzigerjahre nach acht Schuljahren und ein paar Aushilfsjobs selbstständig gemacht. Er hinterließ einen entschlossenen Eindruck, das genügte damals, um den ortsansässigen Bankdirektor davon zu überzeugen, ihm einen Kredit für die Ausstattung seiner Dreherei zu geben.

Der Betrieb wuchs und gedieh. Costalunga ackerte, ging fast nur zum Schlafen nach Hause. Vor gut zehn Jahren begann er neben der Stahlverarbeitung mit der Produktion von Pellet-Öfen. Um sich die Gewerkschaften vom Leib zu halten und nicht an den rigiden Kündigungsschutz gebunden zu sein, blieb er immer knapp unter der Schwelle von 15 Beschäftigten. Meist hätte er mehr Leute gebrauchen können. Heute aber sind selbst die zehn verbliebenen zu viel. Die Italiener könnten sich keine Öfen mehr leisten, sagt er, darum habe er diesen Teil der Firma verkauft.

Zudem wartet er immer noch auf Schadenersatz. Ein Dienstleister hat vor neun Jahren Mist gebaut, hat Hunderte seiner Öfen mit einer Farbe lackiert, die sich bei starker Hitze auflöste. Vier Jahre dauerte es, bis ein vom Gericht bestellter Gutachter den Fehler bestätigte. Ein abschließendes Urteil fehlt bis heute. „So ist sie, die italienische Justiz: Dreck“, schimpft Costalunga.

Trotz aller Schwierigkeiten hält er an seiner Dreherei fest, steht er ab vier Uhr morgens im Blaumann in der Halle und kämpft um seine Ehre. „Meine Leute“, ruft er, „habe ich bisher immer bezahlt. Immer!“

Was die Krise für die Region bedeutet, kann kaum einer so gut erklären wie Daniele Marini. Der Sozialwissenschaftler der Universität Padua ist auf den Nordosten Italiens spezialisiert. Venetien, erzählt er, war nach dem Zweiten Weltkrieg eine der ärmsten Regionen des Landes. Viele Bewohner wanderten aus, um woanders ihr Glück zu versuchen. In den Fünfziger- und vor allem Sechzigerjahren aber ging es steil bergauf. Der Motor waren kleine familiengeführte Produktionsbetriebe, die auch heute noch das Rückgrat der Wirtschaft bilden. Bis in die Neunzigerjahre bescherten sie der Region jährliche Wachstumsraten zwischen sieben und acht Prozent. „Damit einher gingen extreme soziale Aufstiege“, sagt Marini. 60 Prozent der Unternehmer sind ehemalige Arbeiter, die sich in der Textil- oder Holzverarbeitung, als Mechaniker oder Papierhersteller selbstständig gemacht haben und dadurch enorm an Wohlstand gewannen. Die Kleinunternehmer seien trotz ihres Katholizismus von einem calvinistischen Arbeitsethos geprägt. „Sie vereint ein hohes Verantwortungsbewusstsein, ein paternalistischer Führungsstil und großer Stolz auf das Erreichte.“

Umso stärker trifft sie nun der Abstieg. Ihr Stolz ist verletzt. Das, so Marini, müsse man berücksichtigen, wolle man die Selbstmorde verstehen. „Als Unternehmer Erfolg zu haben ist in Venetien das Größte. Scheitern hingegen das Schlimmste.“

Viele Veneter wünschen sich die Loslösung von Italien. „Via da Roma“ – weg von Rom, lautet eine gängige Protestparole

Latenter Separatismus 

Dem Professor zufolge tragen die Unternehmer durchaus eine Mitschuld. Einige wenige, die sich über die Jahrzehnte hinweg fortentwickelt und international ausgerichtet hätten, seien problemlos durch die Krise gekommen. Die meisten aber seien zu wenig innovativ. 90 Prozent der venetischen Firmen haben weniger als zehn Mitarbeiter. Sie konnten sich als Billiganbieter auf dem Markt behaupten, bis ihr Trumpf durch die Globalisierung verloren ging. „Ob Schuhe, Stühle oder Papierwaren“, sagt Daniele Marini, „plötzlich konkurrierten sie mit Chinesen, die ähnlich gute Produkte viel günstiger anboten.“

Diese Sichtweise ist in Venetien wenig populär. Hier macht man lieber die Politik für die Misere verantwortlich. Und die Süditaliener. Die Diskrepanz zwischen dem reichen Norden und dem armen Süden hat in Regionen wie der Lombardei, dem Piemont, Ligurien und Venetien schon in den Achtzigerjahren Unabhängigkeitsbestrebungen befördert. Aus anfänglich regionalen Einzelgruppen ging später die Lega Nord hervor, eine rechtspopulistische Bewegung, die sich den „Kampf gegen die korrupten Politiker in Rom“ sowie mehr Autonomie für die „fleißigen Norditaliener“ auf die Fahnen schrieb.

Sie profitierte davon, dass Anfang der Neunzigerjahre Tangentopoli aufgedeckt wurde, das Geflecht aus Korruption, Amtsmissbrauch und illegaler Parteienfinanzierung, welches das politische System Italiens seit der Nachkriegszeit geprägt hatte. In der Folge brachen die wichtigsten Parteien zusammen, das Ende der Ersten Republik wurde ausgerufen. Die Lega Nord avancierte zur Massenpartei.

Latenten Separatismus gibt es also schon lange. Mit der Krise, die Italien an den Rand der Staatspleite gebracht hat, hat er neue Nahrung bekommen. In Venetien kommt ein wesentlicher Faktor hinzu: Im kollektiven Gedächtnis der Bewohner schwirrt immer noch die alte Republik Venedig herum, jene unabhängige See- und Wirtschaftsmacht, die 1797 unterging.

Einer, der schon lange von deren Wiederbelebung träumt, ist Gianluca Busato. Er hat das Referendum im März dieses Jahres initiiert. Seitdem ist er gefragt. Er hält Reden vor vielen Menschen, tritt regelmäßig im Fernsehen auf. Vorbei die Zeiten, in denen er mit ein paar Gesinnungsgenossen heimlich separatistische Zirkel abhielt. Busato, 45, ist IT-Unternehmer, er trägt Jeans und ein weißes Poloshirt, blickt freundlich drein, formuliert gewählt. Keine Spur von einem Agitator. Mitte der Neunzigerjahre wurde er aus der Lega Nord ausgeschlossen, weil sein militantes Eintreten für ein unabhängiges Norditalien nicht mehr zu der Partei passte, die inzwischen eine Regierungskoalition mit Silvio Berlusconis Forza Italia und der in Süditalien verankerten Alleanza Nazionale eingegangen war.

Busato hörte nie auf, für sein Ziel zu kämpfen. 2012 versuchte er erstmals, eine Volksabstimmung zu erwirken. Er sammelte Unterschriften für eine Petition, die er bei der Regionalregierung und der EU einreichte. Als das erfolglos blieb, begann er, das Referendum auf eigene Faust zu organisieren, er richtete eine digitale Plattform ein, auf der die Bürger Venetiens sich registrieren und ihre Stimme abgeben konnten. Das Ergebnis verkündete er am 21. März dieses Jahres unter dem Jubel von ein paar Tausend Gleichgesinnten auf der Piazza dei Signori in Treviso. „Das war ein großer Moment.“

Für die Veneter sei es unerträglich, in die Tiefe gezogen zu werden – „von einem Staat, der zu den höchstverschuldeten der Welt gehört und jedes Jahr 21 Milliarden Euro Steuergelder aus Venetien abzieht, um woanders Haushaltslöcher zu stopfen“. Um die „Bestie auszuhungern“, wie Busato in freundlichem Ton sagt, habe er die Veneter aufgefordert, keine Steuern mehr zu zahlen. Und im Frühjahr 2015, bei den Regionalwahlen, soll das Volk eine weitere Option neben den üblichen Parteien haben: die Unabhängigkeit. Und dann? „Setzen wir sie um.“ Und wenn der italienische Staat das nicht zulässt? „Werden wir kämpfen.“

Gepflegte Wohnsiedlung und das Kleingewerbe gleich nebenan: Impression aus Verona

Entnervte Eliten 

Nicht nur fanatische Separatisten wie Busato haben das Vertrauen in den Staat verloren. Das Italien von heute ist „ein benommenes Land, dessen Bürger nicht mehr wissen, an was sie glauben sollen“, sagt der Soziologe Ilvo Diamanti. Sein Forschungsinstitut Demos & Pi befragt einmal im Jahr die Bürger nach ihrem Verhältnis zum Staat. Zwischen 2001 und 2010 hatten rund 30 Prozent Vertrauen in ihn – ein ohnehin geringer Wert, der in der jüngsten Umfrage vom Dezember 2013 auf bedenkliche 19 Prozent abgesackt ist. Das Vertrauen in die Regional- und Gemeindeverwaltungen sowie die Europäische Union schrumpft ebenfalls. Und an die Parteien glauben sogar nur noch fünf Prozent der Italiener.

Auch Massimo Colomban, 66, ist politikverdrossen. Der schwerreiche Ex-Industrielle will das Land verändern. Er hat mit venetischen Unternehmern, Managern und Präsidenten von diversen Verbänden und Handelskammern ein Netzwerk zur Rettung Italiens gegründet. „Si, Salviamo L’Italia“ heißt es und will den Politikern die Arbeit abnehmen: Gesetze entwickeln, die das Land von Grund auf reformieren sollen.

Will man zu Colomban gelangen, muss man nach Cison di Valmarino fahren, ein alter Ort am Fuße der Dolomiten. Von dort bringt eine Seilbahn den Besucher zu einer prachtvollen Burg, die in römischer Zeit als Festung diente und heute ein Luxushotel mit riesigen Parks sowie mehrere Museen beherbergt. Colomban hat das Anwesen vor einigen Jahren gekauft und für 40 Millionen Euro restauriert. Reich geworden ist er durch das Bauunternehmen Permasteelisa, das er in den Siebzigern gegründet und dann zu einem weltweit agierenden Konzern aufgebaut hat. Heute ist er als Investor und Berater tätig.

Er nimmt in der Hotelbar einen Schluck von seinem Martini auf Eis, lässt den Blick über das weite Tal schweifen, das ihm hier zu Füßen liegt. „Ohne Bestechung geht in Italien nichts“, sagt er. Als Unternehmer müsse man ständig zahlen, Gefallen tun, die Söhne von irgendwelchen Leuten protegieren. Jährlich 60 Milliarden Euro koste den Staat die Korruption. „Italien ist zur Privatsache einer Kaste von korrupten Politikern, Beamten und Funktionären geworden.“

Eines der Gesetze, das er und seine Leute sich wünschen, lautet: „Wer Korruption fördert oder sich ihrer bedient und so dem Staat Schaden zufügt, muss das Doppelte des unrechtmäßig erhaltenen Betrages ersetzen und wird auf Lebenszeit von allen öffentlichen Ämtern, Parteien, Verbänden und Firmen mit staatlicher Beteiligung ausgeschlossen.“

Nur so könne der Staat gesäubert werden, sagt Colomban. Schule, Arbeit, Gesundheit, Justiz – für alles brauche man neue Gesetze. Die Regulierungswut und die maßlose Steuerlast müssten gestoppt werden. Der Pastahersteller Rana etwa habe sich für die Errichtung einer Produktionsstätte in Venetien sieben Jahre lang mit den Behörden herumschlagen müssen, während er in den USA vom Kauf des Grundstücks bis zur Herstellung der ersten Tortellinis nur elf Monate gebraucht habe, erzählt Colomban. Mit seinem durchdringenden Blick und seiner Stimme, die mal drohend, mal beschwörend klingt, wirkt der glatzköpfige Burgherr zuweilen unheimlich.

Manche Unternehmen müssten Steuern in Höhe von mehr als 70 Prozent des Bruttogewinns zahlen, sagt er. Da die Regionalsteuer IRAP keine Abschreibungen auf Personal- und Finanzierungskosten ermögliche, seien Unternehmen mit hoher Mitarbeiterzahl und geringer Kapitaldecke besonders benachteiligt. „Wir sind das Land mit einer der höchsten Arbeitslosenraten in Europa und leisten uns eine Steuer auf Beschäftigung. Das ist doch krank.“

Gespannt beobachten die Medien, was der einflussreiche Mann hinter den Mauern seiner Burg ausheckt. Sie waren irritiert, als er dort im vergangenen Jahr lokale Unternehmer mit Aktivisten der Fünf-Sterne-Bewegung zusammenbrachte, der Protestpartei des Komikers Beppe Grillo, der sich als Wüterich gegen das gesamte politische Establishment hervorgetan und bei den Parlamentswahlen im Februar 2013 auf Anhieb mehr als 25 Prozent der Stimmen gewonnen hatte. Später war zu lesen, dass Colomban den amtierenden Ministerpräsidenten Matteo Renzi bei seinen Reformbemühungen unterstützt. Und zuletzt wurde bekannt, dass er mit der venetischen Unabhängigkeitsbewegung sympathisiert. Separatistenführer Gianluca Busato verkündete stolz, dass Colomban seine Burg als Sitz der Verfassungsgebenden Versammlung für die neue Republik Venetien zur Verfügung stellt.

Hat Busato den Glauben an Italien verloren? Er überlegt. Dann sagt er mit versteinerter Miene: „Wir befinden uns im Notstand. Wir brauchen jetzt sofort den radikalen Neustart. Wenn die Regierung mitmacht, gerne. Wenn nicht, machen wir ihn ohne sie.“

Nichts prägt den Nordosten Italiens stärker als die Hunderttausende Kleinunternehmen, die der Region einst zum Aufstieg verhalfen

Wetternde Bürgermeister 

In Venetien kann man derzeit gut beobachten, was in einer Gesellschaft passiert, die das Vertrauen in den Staat verliert. Neben dem Separatismus bricht sich hier Intoleranz gegenüber Fremden und Außenseitern Bahn. Sie wird angestachelt von zahlreichen Bürgermeistern, die wegen ihrer zentralstaatsfeindlichen Haltung gewählt wurden und durch anhaltende Hetze ihre Popularität festigen. Eine Negativspirale, die das Vertrauen weiter erodieren lässt. Der Prototyp des ewig wetternden Bürgermeisters ist Luca Claudio aus Abano Terme. Wimpel mit dem Konterfei des „Duce“ und andere Mussolini-Souvenirs schmücken sein Amtszimmer. „Ein Geschenk von Bürgern“, sagt er. Mit den langen Haaren und der braun gebrannten Haut erinnert er an den Thomas Anders der Modern-Talking-Ära. Die Selbstmorde der Unternehmer waren für ihn ein gefundenes Fressen. In einem an den Ministerpräsidenten und den Staatspräsidenten gerichteten Appell, den er auch dem Papst und dem Präsidenten der EU-Kommission zukommen ließ, forderte Claudio medienwirksam konkrete Maßnahmen gegen die Taten, die sich „wie ein Ölfleck ausweiten und einen gefährlichen Mechanismus der Nachahmung erzeugen“ würden. Abano Terme ist ein reicher Kurort mit 20 000 Einwohnern. Kaum Arbeitslose, wenig Kriminalität. Das hielt Claudio nicht davon ab, private Bürgerwehren zu organisieren. Und über im Ort verteilte Leuchttafeln ermunterte er die Bürger zum Auswandern, weil der Staat Emigranten besser behandle als die Einheimischen. „Das war eine bewusste Provokation“, sagt er lächelnd.

Auch über Verona, der Stadt von Romeo und Julia, hängt seit Jahren der Mief der Intoleranz. Als Goethe auf seiner „Italienischen Reise“ Halt in Verona machte, beschrieb er seinen Eindruck folgendermaßen: „Übrigens schreien, schäkern und singen sie den ganzen Tag, werfen und balgen sich, jauchzen und lachen unaufhörlich. Die milde Luft, die wohlfeile Nahrung lässt sie leicht leben.“

Davon ist rund 230 Jahre später wenig zu spüren. Der Bürgermeister hat sich gerade die Säuberung der historischen Innenstadt zur Aufgabe gemacht. Erst verbot er seinen Bürgern, Obdachlose mit Lebensmitteln zu versorgen; wer sich der Anordnung widersetzt, muss mit einer Geldstrafe zwischen 25 und 500 Euro rechnen. Dann ließ er im Zentrum die Bänke abbauen, um zu verhindern, dass Bedürftige dort ihr Schläfchen abhalten.

„Die Stadt hat ihr fröhliches Flair verloren“, sagt Alice Peres, eine 39-jährige Straßenkünstlerin, die sich mit ihrem Lebensgefährten und ihrem fünfjährigen Sohn vor dem berühmten Amphitheater postiert hat, um Touristen mit akrobatischen Nummern zu einer Spende zu bewegen. Sie zückt ein Dokument aus dem Rucksack, es ist das neue Regularium für Straßenkünstler. Demnach dürfen diese den öffentlichen Raum nur an sieben Tagen im Monat für ihre Darbietungen nutzen. Ihr Lebensgefährte wurde einmal zu einer Strafe von 168 Euro verdonnert, weil er ohne Lizenz einen antiken Römer mimte. Seitdem hat das Paar jeden Tag Angst, erwischt zu werden.

Flüchtige Jugend 

Eine Reise durch die Region ist heute eine Reise in eine verunsicherte Gesellschaft. Stefano Allievi, Soziologe von der Universität Padua, sieht in dem Wunsch nach Unabhängigkeit den Versuch, vor den eigentlichen Problemen zu fliehen. Im heutigen Venetien sei so gut wie nichts übrig von der kosmopolitischen Kultur und der wirtschaftlichen Vorreiterstellung der alten Republik. Vielmehr handle es sich um „eine verschlossene Gesellschaft, wirtschaftlich in großen Teilen provinziell, digital rückständig und überwiegend ohne Fremdsprachenkenntnisse“. Wollten sie den weiteren Abstieg abwenden, müssten die Veneter aus dem Schatten der Vergangenheit treten und sich für die Veränderungen der globalisierten und vernetzten Welt öffnen.

Allievis Hoffnung liegt auf der Jugend, aber für die ist es auch nicht leicht, wie man an den fünf Mittzwanzigern sehen kann, die in einem Veroneser Gewerbegebiet an ihrer Zukunft arbeiten. Einer von ihnen ist Davide Corporali, er hat Betriebswirtschaft studiert und erzählt, was Berufseinsteiger in Italien verdienen. Im ersten halben Jahr bekäme man gewöhnlich nur eine Aufwandsentschädigung in Höhe von 500 Euro, dann drei Jahre lang 1000 Euro. „Dass man anschließend in ein reguläres Arbeitsverhältnis übernommen wird, ist eher unwahrscheinlich.“ 40 Prozent der Italiener unter 25 sind arbeitslos. Jeder vierte Hochschulabgänger verlässt das Land.

Lieber ein Unternehmen gründen, dachten sich Corporali und seine Freunde im vergangenen Jahr. Sie bringen regionale Lebensmittelproduzenten mit Konsumenten zusammen. Ob Fleisch, Obst, Gemüse, Brot, Käse, Pasta oder Wein – in ihrem Internetshop bieten die Gründer frische Lebensmittel aller Art an. Sie haben Verträge mit ausgesuchten Erzeugern abgeschlossen, holen die Waren mit ihrem Wagen direkt bei ihnen ab und liefern sie drei Tage nach der Bestellung den Kunden nach Hause. Das Unternehmen ist noch in der Experimentierphase. Verona sei der ideale Ort dafür, „denn Städte in dieser Größe gibt es in Italien etliche“, sagt Corporali. Sobald das Geschäft hier laufe, könne man es woanders genauso aufziehen.

Hilfe kriegen die fünf Freunde nicht. Staatliche Förderungsprogramme, private Kapitalgeber und Inkubatoren für Start-ups sind in Italien äußerst rar. Viele junge Gründer zieht es daher ins Ausland. Corporali und seine Mitstreiter haben die 25 000 Euro Startkapital aus ihren Ersparnissen aufgebracht. Alle Einnahmen stecken sie wieder in die Firma. Das Geld für ihren Lebensunterhalt verdienen sie mit Nebenjobs. Corporali beispielsweise steht abends hinter dem Tresen einer Bar. „Im Moment“, sagt er, „ist das noch in Ordnung.“ ---