Genuss in China

Beim chinesischen Genussmittel Nummer eins liegen Genuss und Angeberei nah beieinander.





• Machen wir ein Gedankenexperiment: Es ist Mitte des 19. Jahrhunderts, und Großbritannien führt Krieg gegen Frankreich. Gekämpft wird allerdings nicht um die Vorherrschaft in Europa oder ferne Kolonien. Es geht um Bordeaux. Die Briten wollen Zugang zu Frankreichs berühmter Weinbauregion. Nach blutigen Schlachten erobern sie die Weingüter und stellen aus den Trauben fortan Essig her, um darin zu Hause saure Gurken einzulegen.

Eine absurde Vorstellung? Nicht für Chinesen. Die Geschichte von Chinas Eintritt ins globale Zeitalter lässt sich durchaus so lesen: 1839 greift die britische Flotte Südchina an. Die Briten wollen das abgeschlossene Reich der Mitte zum Handel zwingen. Besonders haben sie es auf chinesischen Tee abgesehen, den sie mit Opium bezahlen. Für das stolze Kaiserreich ist der Opiumkrieg der Anfang vom Ende; das Trauma des historischen Absturzes wirkt bis heute nach. Dass die Briten Chinas feine Tees daheim mit Milch und Zucker panschten, bestärkt die Chinesen in der Überzeugung, Opfer von Barbaren geworden zu sein.

Tee ist für Chinesen, was für Europäer der Wein ist: das Genussmittel Nummer eins. Oder zumindest das, worum der größte Zauber gemacht wird. Tee wird in China nicht nur getrunken, um den Kreislauf in Schwung zu bringen. Tee ist Alltagsfreude, Kulturgut, Hausmittel und Statussymbol. Etwas von Tee zu verstehen gilt als Zeichen von Kultiviertheit, und weil kultivierte Menschen manchmal reich sind und Reiche fast immer kultiviert wirken wollen, kann edler Tee horrend teuer sein. Genuss und Angeberei liegen nah beieinander.

Wie Weinliebhaber haben auch Teetrinker in der Regel einen Händler ihres Vertrauens, einen Profi, der ihnen das Schmecken beibringt und die Geschichten erzählt, die aus getrockneten Blättern und heißem Wasser eine Kultur machen. Meine Vertrauenshändlerin heißt Vivian Mak und betreibt in Hongkong das Teehaus Mingcha. Genau genommen ist das Teehaus eine halbe Etage im zwölften Stock eines Fabrikgebäudes, in dem sich auch eine Druckerei und eine Autowerkstatt befinden. Früher hatte Vivian ihr Lokal in bester Hongkonger Einkaufslage, aber als die Miete zu teuer wurde, machte Vivian aus der Not eine Tugend. „Für wirklich guten Tee gehen die Leute überall hin“, sagte sie ihren Kunden, die sich seitdem in dem Gefühl sonnen können, einen echten Geheimtipp zu kennen.

Dabei ist das Sortiment klassisch: Es gibt frischen Grüntee aus den Drachenbrunnenbergen, der nach dem Pflücken in großen Woks von Hand getrocknet wird. Es gibt Oolong-Tees, die je nach Fermentierung blumig leicht oder rauchig schwer schmecken können. Es gibt Pu’er-Tee, der zu Ziegeln gepresst jahrelang reift und in der Tasse nach Torfmoor riecht. Es gibt Blumentees aus sorgfältig gefalteten Blüten, die sich im Wasser wieder öffnen. Und es gibt Zubehör: Kännchen aus unglasiertem Ton, der nur in wenigen Bergregionen zu finden ist, und handbemalte Schälchen aus feinem Porzellan, alles winzig klein, denn wirklich guter Tee lässt sich nicht in großen Pötten brühen.

Ihre Ware ist kein Massenprodukt. Sie bezieht sie von chinesischen Bauern alter Schule, die mit ihren Teebüschen per Du sind wie Winzer mit ihren besten Reben. So erzählt sie es jedenfalls, und ihre Erzählungen sind der halbe Genuss. Sie erzählt von Familien, die schon für die chinesischen Kaiser Tee anbauten. Von Sträuchern, die Hunderte Jahre alt und so berühmt sind, dass ihre Ernte jährlich versteigert wird. Von Teebauern, die ihre Blätter nach ursprünglicher Art mit dem Duft von Jasminblüten aromatisieren (statt die Jasminblüten einfach unter den Tee zu mischen, wie es heute üblich ist.).

In der Erntezeit reist Vivian zu ihren Lieferanten und kündigt ihren Stammkunden von unterwegs per E-Mail an, wie viele Kilo sie diesmal mitbringt. Wenn sie dann zurück ist, sitzt sie wie eine Apothekerin in ihrem Teehaus und testet mit Thermometer und Stoppuhr die richtige Brühweise. Den Tee verkauft sie dann mit präzisen Rezepten. Einer meiner Lieblingstees etwa, ein Oolong namens Phoenix, kommt mit der Angabe: 85 Grad heißes Wasser, erster Aufguss je nach Geschmack 15 bis 45 Sekunden, danach jeder weitere Aufguss 15 Prozent länger, insgesamt fünf Aufgüsse.

Ist solche Finesse an mir verschwendet? Mag sein, aber ich fühle mich in guter Gesellschaft. Denn was die Liebe zu gutem Tee angeht, ist China derzeit selbst auf der Suche. Seitdem der Opiumkrieg das Reich der Mitte in anderthalb turbulente Jahrhunderte stürzte, sind viele chinesische Traditionen unter die Räder der Geschichte gekommen. Sozialismus und Globalisierung arbeiteten Hand in Hand, um aus Hochkultur Massenware zu machen. Doch mit Wohlstand und Stabilität geht auch eine Rückbesinnung auf alte Werte einher und der Wunsch, inmitten aller westlichen Neuerungen auch chinesische Traditionen zu bewahren. Und was eignete sich besser dazu als Tee?

Geschäftsleute treffen sich nicht mehr nur in Coffeeshops, sondern auch in den neu eröffneten Teehäusern. In chinesischen Großstädten entstehen Teeclubs. Reisebüros bieten Touren in berühmte Anbaugebiete an. Guter Tee ist wieder ein Geschenk, mit dem man Eindruck schinden – und immer häufiger auch eine Freude machen kann.

Die Bedeutung von Tee zeigt sich allerdings auch in einem der gängigsten Euphemismen, der im Chinesischen derzeit gebräuchlich ist. „Lass uns mal Tee trinken“ ist nicht nur eine Einladung zu etwas Schönem, sondern kann auch das Gegenteil bedeuten: eine Vorladung bei der Polizei oder Staatssicherheit. Die Eliten wussten eben schon immer, was gut ist. ---