Genuss in Brasilien

Die Klischees über Brasilien stimmen.Fast.





• Zwei Stunden schon standen wir im Stau, es war heiß und feucht und stank nach Abgasen. Unser Wochenende am Strand war noch 43 Kilometer entfernt und wer weiß wie viele Stunden. Im Wagen vor uns dröhnte Brasiliens krachender Hip-Hop, hinter uns ließ der Fahrer seine Füße aus dem Fenster baumeln, und auf der Rückbank spielten die Kinder auf dem iPad. Nebenan im Radio sang Zeca Pagadinho seinen geschmeidigen Samba „Deixa a vida me levar“, lass die Dinge laufen, egal, was da kommen mag – „ich lass mich vom Leben treiben“.

Ob es das ist, das brasilianische Verständnis von Genuss? Klar, sagte später unser Freund Luciano, sofern dreierlei hinzukommt: Fußball, Familie, Strand. Vor allem der Strand. Hör auf, wehrte ich ab, das ist doch ein Klischee! Luciano schüttelte den Kopf. „Nein“, sagt er, „um Gottes willen, nein.“

Fußball, Familie, na gut. Aber die Sache mit dem Strand? Wir könnten das selbst überprüfen, stünden wir nicht hier herum, unruhig, mit jeder Minute mehr genervt. Alle anderen wirkten ziemlich entspannt. Brasilianer warten ohne Gemecker. Selten mal, dass einer hupt. Warten regt niemanden auf, egal wo, ob in der Schlange im Supermarkt, in der Bank oder jetzt im Stau.

Es scheint, als schauten Brasilianer wirklich immer nur positiv aufs Leben. Jetzt, da São Paulo, die größte Stadt des Landes, wegen der Dürre das Wasser auszugehen droht, lachen viele bloß darüber. Ist halt wie früher, sagen sie und zucken mit den Schultern. Allein die Begrüßung! Die Antwort auf „Wie geht’s?“ ist kein muffeliges „Muss ja!“, sondern heißt „herrlich“, „wunderbar“, „ausgezeichnet“. Alles ist immerzu gut, besser, am besten. Selbst an dem Tag, als der Sohn unserer Haushälterin für sechs Jahre in den Knast einfuhr, weil er beim Dealen erwischt worden war, grüßte sie uns wie immer mit „tudo beleza“, alles ist wunderschön. Erst darauf brach sie in Tränen aus.

Unser Stau quälte sich in die dritte Stunde. Jungs aus dem nahen Dorf verkauften Wasser und geröstete Erdnüsse auf der Straße. Ein gutes Geschäft, bis wieder Bewegung in die Blechlawine kam. Langsam ging es weiter, vorbei am ewig grünen Regenwald und den Schornsteinen einer Fabrik, bis wir schließlich unseren Badeort erreichten, Guarujá, einst mondäne „Perle des Atlantik“, heute verbaut mit Hochhäusern. So kann das laufen im Sommer, Wochenende um Wochenende. Kilometer: 78, Fahrzeit: Schaun mer mal.

Endlich lag das Meer vor uns, blau schimmernd, leichter Wellengang. Nur vom Strand war wenig zu sehen. Er wimmelte vor Menschen. São Paulo hat 13 Millionen Einwohner – und sie alle hatten sich heute hier verabredet, wie es schien. Es war kaum Platz zum Liegen, und in der Luft hing der Duft frittierter Tintenfischringe. Hin und wieder wehte der Wind einen Fetzen Musik aus einer der Strandbars herüber.

Unser Großer sprang sofort ins Wasser. Der Kleine zog sich unbeholfen aus, ließ seine Badehose links liegen und hüpfte nackend am Strand entlang. Die Leute blickten sich um. Irgendwas stimmte nicht. Vielleicht ein Überfall? Gar nicht so abwegig. Unsere Freunde hatten es gerade erlebt, in Rio de Janeiro, am Strand von Ipanema. 50, 60 Jugendliche, Jungen und Mädchen, einige mit Messern bewaffnet, stürmten plötzlich über den Strand, rissen alles an sich, was sie greifen konnten, Ketten, Ringe, Handys, Taschen. Kurz darauf rannten ihnen schwer bewaffnete Polizisten hinterher, Schreie hallten über den Strand, einige Diebe verzogen sich ins Meer, andere bekamen Schlagstöcke zu spüren.

Aber das war hier offenbar nicht das Problem. Die Frau neben uns lächelte. „Welche Sprache sprechen Sie da?“, fragte sie. „Ah, Deutsch?“ Sie lächelte immer noch. „Das klingt aber gut.“ In fernen Ländern hatten wir schon einiges über das Deutsche gehört: Es sei knödelig; und manch einer erinnerte sich, dieses Bellen sei ihm aus B-Movies mit Nazi-Chargen noch im Ohr. Wohlklingend, das war neu. Was meinte unsere Strandnachbarin wirklich? Denn jemandem etwas direkt ins Gesicht zu sagen gilt Brasilianern als unhöflich. Langsam glitt ihr Blick über den Strand und heftete sich an unseren jüngsten Sohn, der im Sand spielte. „Es ist schön, wenn Kinder so freizügig erzogen werden.“ Ah, das Problem war also: die fehlende Badehose.

Was hätte uns dazu einfallen sollen? Etwa der Karneval und die grenzenlos nackte Haut dort, bejubelt von Millionen. Auch die Sommerbikinis, kaum breiter als Bindfäden. Oder die Inflation an Tattoos, die nun wirklich mal Brasiliens Klassenschranken überwinden, weil sie fast jeder trägt. Wir hätten über Schönheitsoperationen reden können, Fett absaugen, Nase korrigieren, Silikon für Brust und Po, 820 000 jedes Jahr, darunter 91 000 bei 14- bis 18-jährigen Jugendlichen. Über den Körperkult des brasilianischen Mannes, dessen Aufwendungen für Leibesoptimierung in den vergangenen 16 Jahren um 273 Prozent gestiegen sind, wie die Brasilianische Gesellschaft für Plastische Chirurgie frohlockt. Spitzenreiter 2013: die Fettmodulation. Das heißt, man lässt sich einen Sixpack basteln. Das ist gerade „superlegal“, also: supergeil. Nur ein Dreijähriger ohne Badehose am Strand geht gar nicht. Sich treiben zu lassen heißt schließlich nicht, sich gehen zu lassen.

Dann fiel mir ein, dass wir einmal im Shoppingcenter einen Bikini und eine Badehose in Größe „Supermini“ gesehen hatten, also schätzungsweise für Säuglinge im dritten Monat. Das hätten wir uns merken sollen. Meine Frau seufzte, rief den Kleinen zu uns und zog ihm die Hose an. Unsere Strandnachbarin war zufrieden: „Oh, wie süß.“ Und ihr Mann hielt mir eine Büchse Bier hin. „Hey“, sagte er, „schön hier, oder?“ Lächelte und legte die Hand auf meine Schulter. Genießen wir den Tag. ---