Der nützliche Schädling

Norwegens Meeresfauna wird von einem ungebetenen Besucher bedroht: der Königskrabbe. Glücklicherweise gibt es eine leckere Lösung für das Problem.




• Es ist nicht ausgemacht, dass heute ein Schiff kommt. Der Nachthimmel war klar, mit Nordlicht, doch der starke Wind schleudert umher, was nicht festgemacht ist. Für die Fischer, die im Dunkeln aufbrachen, um die Käfige einzuholen, die sie an langen Seilen bis zum Meeresgrund hinabließen, kann das nicht gut sein. In Honningsvag aber, am nördlichen Ende Europas, steht Björn Ronald Olsen bloß seelenruhig am Fabrikfenster und sagt: „Da kommt heute nichts rein.“

Ein unerbetenes Geschenk aus Russland

Besorgt klingt das nicht. Zehn Tonnen Fracht hat Olsen vorgestern in den Flieger gepackt. Das zweite Flugzeug in dieser Woche hebt nächste Nacht ab. Aber sein Vorrat an Königskrabben, für deren Beinfleisch die Kunden mehr bezahlen als für andere Schalentiere, ist groß genug. Abertausende lagern lebendig in den Hallen von Cape Fish, eingesperrt in weiße, durch ein Pumpensystem ständig mit frischem Meerwasser durchflutete Plastikcontainer.

Hier können sie keinen Schaden anrichten. Am Meeresboden dagegen schon. Die Tiere fressen alles, was ihnen in die Quere kommt, vermehren sich wie wild und bedrohen das Ökosystem. Wer sie fängt und verkauft, tut also Gutes und verdient auch noch Geld damit.

Die Fischer an der norwegisch-russischen Grenze, denen in den Achtziger- und Neunzigerjahren zunehmend Königskrabben ins Netz gingen, die sich verlaufen zu haben schienen, konnten den Boom noch nicht absehen. Sie fragten sich, wie die auch Kamtschatka-Krabben genannten Schalentiere, die ursprünglich aus dem Pazifik stammen, in ihre Fjorde gelangt waren.

Die Antwort fanden sie in Russland. Ein Wissenschaftler namens Yuri Orlov, dessen Heldengrab sich heute gleich neben dem des Kalaschnikow-Erfinders befinden soll, hatte die ersten Bestände in den Sechzigern von der Halbinsel Kamtschatka im ostasiatischen Teil des Landes nach Murmansk gebracht und ausgesetzt, um die Versorgung mit eiweißreicher Kost zu verbessern und den Fischern zu helfen. Dass sie sich unkontrollierbar bis Norwegen vermehren und eine Spur der Verwüstung hinterlassen würden, Unterwasserlandschaften, die als regelrecht leblos beschrieben werden, hatte er nicht geplant.

Na prima, stöhnten sie in Nordnorwegen. Als ob sie mit den schwankenden Kabeljaubeständen, den immer größeren Trawlern und den großen Fischereikonzernen, in deren Hand das Fischereigeschäft war, nicht genug Ärger hatten! Um Arbeit und Nerven zu verlieren, brauchte es damals nicht viel. Wer jung war, zog bei erstbester Gelegenheit fort.

Die miese Stimmung schwand allerdings in dem Maße, in dem die Fischer das wirtschaftliche Potenzial der Krabben entdeckten. Zwar war der Fang ab 1994 zunächst nur aus experimentellen Gründen erlaubt. Trotzdem konnten die Fischer die Königskrabben in kleinen Mengen verkaufen, sie reisten nach Alaska, um sich von der traditionsreichen Krabbenindustrie im Pazifik die notwendigen Geräte zu besorgen. Bald bemerkten sie, dass der Preis für die Krabben schon der kurzen Saison wegen hoch war. Einen Schwarzmarkt gab’s auch.

Und was das Wichtigste war: Gekocht oder gebraten schmeckt das Beinfleisch sensationell. Leicht süßlich, leicht salzig, zart. Und wie groß die Happen sind! Da legte sich sogar die Angst, die „Monsterkrabben“ könnten so verstrahlt sein wie die U-Boote, die seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion in den russischen Eismeerhäfen vor sich hinrosteten. Norwegens Umweltschützer blieben skeptisch. Ein einziges Königskrabbenweibchen kann rund 10 000 Nachkommen in die Welt setzen. Sie haben im Nordmeer keine natürlichen Feinde und werden ausgeklappt schnell mal anderthalb Meter groß. Die Pessimisten fürchten, dass sie eines Tages die ganze Küste befallen.

In arktischen Orten wie Bugöynes aber, nahe der russischen Grenze – das sich 1989 noch per Zeitungsanzeige zum Verkauf angeboten hatte, um auf seine verzweifelte Lage aufmerksam zu machen, und dann zum ersten Zentrum des neuen Wirtschaftszweigs wurde –, herrschte echte Aufbruchstimmung, als im Oktober 2002 der kommerzielle Krabbenfang in Norwegen begann. Ungefähr 120 Fischerboote sollen sich damals ans Werk gemacht haben. Heute sind es 500 in der ganzen Region. In den Lokalnachrichten heißt es, immer mehr junge Leute interessierten sich wieder für den Fischerberuf.

Das Geschäft ist mit den Krabben nach Westen gewandert – bis nach Honningsvag am Nordkap, einem schlichten, bloß von einer Küstenstraße zusammengehaltenen 2400-Seelen-Städtchen mit Kiosk, Jugendherberge und Fähranleger, wo sich die Fabrik von Cape Fish befindet. Sie gehört Björn Ronald Olsen.

Der Vater dreier Töchter ist einer, der die Dinge konsequent angeht. Als die alte Fischfabrik 1991 pleiteging, sah der Fischerei-Ökonom seine Chance auf ein eigenes Unternehmen gekommen. Er kaufte die Anlage, beendete die unprofitable Filetproduktion, entließ 70 von 90 Mitarbeitern und machte in gesalzenem Fisch.

Ein Unternehmer mit dem richtigen Riecher

Vor allem aber hörte er den Fischern zu, wenn die über den Vormarsch der Krabbenarmee sprachen. „In einigen Jahren“, sagte Olsen 2003 zu Radio Nordkap, „wird sich das Königskrabbengeschäft auch im Westen der Finnmark abspielen.“ Drei Jahre später war es so weit. Die Banken zögerten zwar. „Doch ich wollte nicht warten. Ich investierte alles, was ich lockermachen konnte. Ich machte meine Taschen ganz leer.“ Von einem Amerikaner, dessen Geräte irgendwie in Murmansk gestrandet waren, bekam er zu einem guten Preis Maschinen sowie Tipps zum Schneiden, Kochen und Einfrieren schmackhafter Königskrabbenbeine.

Dann legte er los: Olsen brachte es von 30 Tonnen im ersten Jahr auf 180 Tonnen im zweiten und 1000 Tonnen im dritten. Besonders in Asien war man entzückt, angesichts der zurückgehenden Krabbenbestände im Pazifik.

Lebendig sind sie lukrativer

Auch bei der Weiterentwicklung des Geschäfts bewies Björn Ronald Olsen den richtigen Instinkt. Er hatte gehört, dass lebendige Krabben ein Drittel mehr einbrächten als Krabbenfleisch. Allerdings: Wo es Lebendtransporte von Königskrabben gab, lag die Sterblichkeitsrate bei 30 Prozent. Also ließ Olsen sich von Leuten beraten, die seit jeher mit lebenden Tieren handeln: Experten für Hummer. Nach welchen Kriterien werden Tiere für den Lebendverkauf ausgewählt? Wie kühlt man ihren Stoffwechsel herunter und verpackt sie richtig? All dies lernte Olsen, der sich auch an Tierschutz- und Qualitätsstudien beteiligt. „Die Sterblichkeitsrate der Königskrabben“, sagt er, „sank daraufhin auf fünf Prozent.“

Am 26. Juli vergangenen Jahres luden sie die ersten zehn Tonnen Krabben in einen Laster, um sie zu einem 165 Kilometer entfernt wartenden Charterflugzeug in Lakselv zu bringen, das die empfindliche Fracht in Oslo wiederum in einen Korean-Air-Flieger zum Export nach Seoul umlud.

Von den 221 Tonnen Lebendkrabben, die von Norwegen 2013 nach Südkorea verkauft wurden, stammten laut Olsen am Ende um die 160 aus der Cape-Fish-Fabrik. Seitdem interessieren sich auch die anderen norwegischen Krabbenunternehmer für den südkoreanischen Markt. Ihren Kunden erzählen sie, so ganz anders zu sein als ihre amerikanischen Kollegen, die viele aus der Dokumentation „Deadliest Catch“ kennen. Die Krabben aus Norwegen, dem Land der kleinen Fischer und des liebevoll alles und jeden umsorgenden Staates, werden behutsam behandelt, ja fast per Business Class zum Kunden gebracht.

Bis sie dort als imposanter Höhepunkt einer Firmen- oder Familienfeier vernascht werden. Dass man den Biestern eine fruchtbarkeitsfördernde Wirkung nachsagt, versteht sich von selbst.

Das Telefon klingelt. Am Apparat ist Olsens Kollege, der in der zweiten Cape-Fish-Anlage in Kamøyvær arbeitet. Es kommt doch noch ein Boot! Olsen hastet zum Auto, er jagt den Wagen noch einige Kilometer weiter Richtung Norden hinauf. Unterwegs zeigt er auf eine kleine Bucht mit Kuttern: „Die gehören auch zu den rund 90 Booten, deren Fischer mit uns zusammenarbeiten.“ Die Fischer an Bord sind ihr eigener Chef. Sie bestimmen selbst, was sie tun und an welche der 16 Königskrabbenfabriken sie ihren Fang verkaufen.

Der Mann mit der schiefen Mütze, der an der kleinen Fabrikhalle die „Marlov Senior“ festmacht, seinen Fang ablädt und stumm die faltbaren Körbe für den Krabbenfang zeigt, fühlt sich trotzdem fremdbestimmt – vom norwegischen Staat.

Ja, ja, sagt er, das mit den Krabben sei schon ganz nett. Ein Kilo Kabeljau werde derzeit mit 1,53 Euro entlohnt, ein Kilo Krabbe mit 11,21 Euro. Und der Fang sei weder schwer noch riskant. Die Bestände vor der steil abfallenden norwegischen Küste sind nach einer vergleichsweise kurzen Fahrt erreicht. „Aber die Quote ist zu niedrig, während sich die Krabben vermehren wie nix. So bringen sie mir nur knapp 25 000 Euro extra. Es könnte mehr sein. Es müsste mehr sein, um diese Plage einzudämmen.“

Der Mann spricht jetzt fast wie ein Vertreter des norwegischen WWF. Nur dass die Naturschützer die Königskrabben gern vollständig abfischen lassen würden, weil sie eine ökologische Katastrophe befürchten.

Die Klage der Fischer ist für Branchenkenner eher der Normalfall. Sie beschwerten sich immer über zu niedrige Quoten. „Für die Fischer und selbst die Tourismusindustrie ist die Königskrabbe schon jetzt ein gutes Geschäft“, sagt Sten Siikavuopio vom Forschungsinstitut Nofima in Tromsö. Er betont, dass sich dieses Geschäft im Herbst abspiele, der für die Fischer vormals eher ruhig gewesen sei. „Mit der Königskrabbe können sie im quotierten Gebiet je nach Saison innerhalb von etwa 14 Tagen die Hälfte ihres gewohnten Jahreseinkommens einfahren. Die Quote schützt diese Einnahmequelle.“

Und es lassen sich noch viel mehr Krabben fangen. Denn die norwegische Regierung hat den Fang westlich vom Nordkap nicht begrenzt, um dort die Ausbreitung der Königskrabbe zu bremsen. Björn Olsens Unternehmen steht insofern am richtigen Fleck. Er kann sowohl Königskrabben aus den quotierten wie auch aus den freigegebenen Gebieten ankaufen. Allerdings sind sie dort jünger und kleiner.

Ob die norwegische Rechnung langfristig aufgeht, sowohl was die Artenvielfalt als auch die Fischereiwirtschaft betrifft, ist eine andere Frage.

Im Restaurant kostet ein Kilo 80 Euro

In Honningsvag kommt ein weiteres Boot an. Die Besatzung der Boy Angel hat trotz des Sturms einige Käfige im Porsangerfjord eingeholt. Als Olsen die Fabrik erreicht, hebt ein Kran eine Metallkiste nach der anderen aus dem Bootsrumpf. Ein Gabelstapler bringt sie herein, hebt sie hoch, dreht sie um. Auf der Metallrampe, an der zwei Mitarbeiter die Krabben wiegen und nach Zustand und Gewicht sortieren, versucht sich ein ganzes Knäuel gepanzerter Tiere zu orientieren.

Zehn Minuten später liegt jedes von ihnen in einem Meerwasserbad. Olsen nickt erfreut, als seine Tochter Hanne ihm am Rechner die ausgeladene Menge anzeigt: 1135 Kilo Königskrabben! „Jetzt haben wir rund 14 Tonnen in der Halle“, sagt er. „Im Restaurant in Südkorea wird man ein Kilo Krabbe für etwa 80 Euro bekommen.“ Er träumt schon vom chinesischen, vielleicht auch amerikanischen Markt.

Und will unbedingt noch den Rest der Fabrik zeigen: die hölzernen Gerüste am Ufer, auf denen sie zur Saison den Kabeljau trocknen wie auf den Lofoten. Die Lager, in denen stapelweise Bacalao für den südeuropäischen Markt liegt. Der Raum unter dem Dach, in dem die abgetrennten Fischköpfe liegen, deren Proteingehalt von afrikanischen Suppenköchen geschätzt wird.

Olsen will eben nicht von einem Produkt abhängig sein. Auch bei den Königskrabben splittet er auf: Etwa 70 Prozent werden lebendig verkauft, 30 Prozent in Form von Krabbenfleisch, wie man das in Europa liebt. „Hier oben musst du auf mehreren Standbeinen stehen und flexibel sein“, sagt er, „sonst geht es uns wie den vielen Fischfabriken, die im Norden schon dichtmachen mussten.“ Er will ein Loblied auf inhabergeführte Unternehmen anstimmen, aber die Zeit drängt.

Draußen tobt immer stärker der Sturm. Die nächtliche Lasterfahrt zum Flughafen, zwei Stunden mit 4000 Krabben an Bord, links das peitschende Meer, rechts der Fels, wird wohl nicht nur für die Schalentiere in ihren frostigen Kisten zu einem Abenteuer werden. ---

Die Königskrabben

stammen ursprünglich aus dem Nordpazifik und der Beringsee. In Alaska konnte sich so schon viel früher als in Norwegen eine Krabbenindustrie entwickeln. Ihre Hochphase erlebte sie, bevor die Bestände 1983 drastisch zurückgingen. Sie haben sich bis heute nicht richtig erholt. Nach staatlichen Angaben gingen die Bestände in der Bristol Bay seit 2009 sogar noch einmal um 39 Prozent zurück. Die amerikanische Krabbenindustrie ist mit einer Fangquote von aktuell 4530 Tonnen zwar kleiner als die russische, die in der Barentssee und im Pazifik derzeit deutlich mehr als 10 000 Tonnen produzieren kann. Aber sie ist weit größer als die in Norwegen, wo der Fang im Jahr 2014 auf 1100 Tonnen begrenzt war. Hinzu kommen einige Hundert Tonnen aus der quotenfreien Zone westlich des Nordkaps.

Anders als in Norwegen, wo 2014 etwas mehr als die Hälfte der gefangenen Krabben lebend verkauft wird, sind es in Alaska nur fünf Prozent der gefangenen Krabben. Das liegt auch daran, dass die Krabbenfischer in der Beringsee weiter aufs Meer hinaus müssen als ihre Kollegen. Der Fang geht hier vor allem nach Japan. Und auf den amerikanischen Heimatmarkt, der seit 2005 durch die populäre Doku-Serie „Deadliest Catch“ („Der gefährlichste Job Alaskas“) belebt worden sein soll. Einer der Hauptdarsteller ist übrigens ein Mann mit norwegischen Wurzeln.