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Ausgeben und angeben

Weshalb Amerikaner lernten, über Geld zu reden und auf Pump zu leben.





• Was das Plastikgeld angeht, liege ich über dem Durchschnitt. Genau acht Kreditkarten befinden sich in meinem Portemonnaie, die mir theoretisch einen Kreditrahmen von mehr als 160 000 Dollar gewähren. In der ganzen Familie sind es 15 Karten – fast doppelt so viele wie der Durchschnitt. Und die Banken werden nicht müde, uns alle zwei bis drei Wochen per Brief dazu zu ermuntern, sich „alle Wünsche zu erfüllen“.

Die hartnäckige Einladung zum Konsum hat einen einfachen Grund: Ich begleiche meinen Saldo jeden Monat, im Gegensatz zur überwiegenden Mehrheit der US-Bürger. Im Branchenjargon bin ich damit ein Deadbeat, ein Versager, mit dem sich nicht viel Geld verdienen lässt. Denn Amerikas Wirtschaft funktioniert auch nach der jüngsten Krise weiterhin auf Pump, für den sich niemand schämen muss.

Dementsprechend hoch sind die durchschnittlichen Kreditkartenschulden eines US-Haushalts: Im April 2014 lagen sie bei 15 191 Dollar. Das ist zwar deutlich weniger als der historische Höchststand von 19 000 Dollar im Januar 2009. Doch das liegt nicht an neuer Sparsamkeit, sondern an drastisch gestiegenen Abschreibungen der Banken nach der jüngsten Rezession.

Der sorglose Umgang mit den Finanzen beschäf-tigt den Princeton-Professor Sheldon Garon seit Langem. Er nahm detailliert unter die Lupe, wie Amerikaner, Deutsche und Japaner mit ihrem Ersparten und ihren Schulden umgehen. „Es gibt ganz klare Unterschiede“, sagt Garon. „Die Deutschen sind, wie man es erwartet, konservativ. Amerikaner liegen am anderen Ende des Spektrums und lieben das Risiko.“

Seit vergangenem Winter kann der Historiker noch besser vergleichen, denn er lebt vorübergehend in Berlin, um dort für ein neues Buch zu forschen. Trotz seiner historischen Perspektive und der Lebenserfahrung eines 62-Jährigen ist er verblüfft über die Sorglosigkeit seiner Landsleute in Finanzfragen und das Missverhältnis von niedriger Sparquote und hohen Schulden.

„Jüngere Kollegen erzählen mir ungefragt von ihren Vermögensverhältnissen. Das hätte sich niemand aus meiner Generation träumen lassen. Sie nehmen wohl an, dass diese Informationen ohnehin öffentlich sind.“ Die Deutschen beschwiegen das Thema dagegen. „Hier geben nicht einmal Unternehmer mit ihrem Gewinn an, als ob sie sich für ihren Erfolg schämten.“

In den USA werden schon College-Studenten auf dem Campus mit den ersten Kreditkarten geködert. Das vordergründige Verkaufsargument: Es sei sinnvoll, sich eine gute „Credit History“ aufzubauen. In Wahrheit geht es darum, den Banken genügend Daten zu liefern, um zum kalkulierbaren Dauerschuldner heranzuwachsen.

Dafür lassen sich nur begrenzt kulturelle Unterschiede verantwortlich machen. Der wagemutige Umgang der Amerikaner mit Soll und Haben entwickelte sich, folgt man Garons Studien, erst in der jüngeren Vergangenheit und hat mit dem wirtschaftlichen Aufstieg der Mittelklasse zu tun. Die lernte, dass Schulden zu machen und Wohlstand zur Schau zu stellen kein Widerspruch sein muss.

Ein Grund dafür war die Verbreitung der Kreditkarten als Zahlungsmittel. Bis in die Achtzigerjahre waren sie der Elite vorbehalten. Die American-Express-Karte etwa war ein Statussymbol, die Rechnung zahlte man tunlichst jeden Monat. Dann aber hatten Millionen US-Bürger die Chance, mithilfe eines Stückchens Plastik ungehemmt zu konsumieren – und die Begleichung ihrer Schulden auf die lange Bank zu schieben. Bis 1986 waren sogar die Zinsen auf Kreditkartenschulden steuerlich absetzbar. Mit einer umfassenden Steuerreform unter Ronald Reagan wurde dieses Privileg zwar abgeschafft. Doch zum Ausgleich wurden die Zinsen auf Hypotheken und Hauskredite absetzbar – eine Einladung, sein Eigenheim zu beleihen.

Plastikgeld und Immobilienkredite befeuerten das Leben auf Pump. Man konnte entweder alle Kreditkarten ausreizen oder sein Haus beleihen – im unverrückbaren Glauben, dass es bald mehr wert wäre. „Wer bei diesen Anreizen sein Geld sparte, galt als dumm“, sagt Garon. „Während Japan der Welt vorgeführt hatte, dass eine hohe Sparquote der Schlüssel zum Wirtschaftswunder war, lautete das amerikanische Modell, ohne Sparen und mit großen Schulden erfolgreich zu sein.“

Daher werde ich seit Langem von Freunden und Bekannten dafür belächelt, dass ich keine dicke Hypothek und keine Geschäftsidee mit einer Handvoll Kreditkarten finanziert habe. Selbst nach dem Crash 2008 ist das im Land der unbegrenzten Möglichkeiten noch gang und gäbe. Die Religion des „einfachen Geldes“ hat nach wie vor mehrere Hundert Millionen Anhänger.

Wer sich in den USA lange genug mit Bekannten oder auch Wildfremden unterhält, gerät automatisch in den Sog dieses Glaubens. Da wird freimütig verraten, wer wie viel mit welchen Aktien verdient oder wer nach einer persönlichen Bankrotterklärung einen halbwegs sauberen Neustart hingelegt habe. „Schau’n Sie mal, drei Plastikkarten! Und die neue habe ich gerade bestellt“, prahlte unlängst ein Partygast und zückte gleich die Brieftasche. „Sobald die neue da ist, werde ich meine alten Schulden übertragen und ein halbes Jahr lang keine Zinsen zahlen. Super, oder?“

Ob solche Storys stimmen, lässt sich schwer prüfen. Sie sind jedenfalls Ausdruck eines tief empfundenen Bedürfnisses, die eigene Geschicklichkeit oder den eigenen Wagemut im Umgang mit materiellen Gütern hervorzuheben.

Selbst das Lamentieren über ständig steigende Kosten dient als indirekter Beweis der eigenen Potenz. „Wenn Titel oder Herkunft keinen großen kulturellen Wert besitzen, müssen andere Messgrößen her“, sagt meine Bekannte Jeanne Firth, die in New Orleans ein Programm für urbanes Gärtnern leitet. Dort vollführt sie einen täglichen Spagat zwischen Jugendlichen aus armen Stadtvierteln, die unter ihrer Leitung Gemüse anbauen, und renommierten Restaurants und vermögenden Sponsoren, denen Ideen wie das urbane Grünzeug verkauft werden wollen. Auch sie beherrscht die Kunst des Angebens durch die Blume: „Man sollte nicht zu sehr prahlen, also gibt man mit den Kosten an. Wie viel ich investiere oder spende, wie teuer die Renovierung war.“

Das Internet macht es obendrein einfacher denn je, sich auf allen Kanälen als vermögend und erfolgreich darzustellen. Etwa durch interaktive Tabellen, die die eigene Leistung ins rechte Licht rücken. Von diesem Spiel mit der Begehrlichkeit und der Eitelkeit leben zahllose Websites und Apps, die dazu ermuntern, der Welt den eigenen Wohstand zu präsentieren.

Das Netz lädt neugierige Mitbürger ohnehin ein, die finanzielle Situation ihrer Nachbarn oder Arbeitskollegen auszuspähen. Alles, was in öffentlichen Registern verzeichnet ist, lässt sich mit ein paar Klicks aufrufen – auch ein detaillierter Blick auf den Eckpfeiler des amerikanischen Selbstwertgefühls: das Eigenheim. Die Adresse genügt, um auf Websites wie zillow.com nachzulesen, wann ein Haus oder eine Wohnung für welchen Betrag den Eigentümer wechselte und wie viele Schlaf- und Badezimmer das Objekt hat. Selbst dass mein Vermieter im Jahr 17 700 Dollar Grundsteuer fürs Haus zahlen muss, ist dort festgehalten.

So kann ich mich mit ein paar Klicks vor der Einladung zum Abendessen mit dem finanziellen Hintergrund eines flüchtig bekannten Gastgebers bewaffnen. Der ideale Anknüpfungspunkt, um noch vor dem Hauptgang die eigene Kreditkartensammlung aus der Tasche zu ziehen: „Sehen Sie mal, alles schuldenfrei!“

Das sorgt immerhin für ein Gesprächsthema. ---