Partner von
Partner von

Urlaub im Kuhschwimmbad

Vom Planerfüllungsgehilfen zum Unternehmer: die Geschichte zweier Bauernhöfe in der Eifel. Und eines Wiedersehens nach 20 Jahren.





• Markus Kockelmanns Mutter braucht die Kragen der weißen Hemden mit dem Raiffeisenbank-Logo am Revers nicht mehr zu stärken. Ihr Sohn trägt jetzt andere Arbeitskleidung: Overall, Gummischürze, Gummistiefel. Die ist notwendig im Stall, allein schon wegen der Fladen, die ständig vor ihm herunterklatschen, wenn er, das milchpralle Euter vor der Nase, den Kühen das Melkgeschirr anlegt.

Es war kalt, es goss, ein halber Sturm wehte, und vor uns lagen wie eine Mauer die schwarzen Forsten der Schnee-Eifel, wo die Drachen hausten. Ernest Hemingway, 49 Depeschen

Im vergangenen Herbst hat Markus Kockelmann seinen Job als Firmenkundenberater bei der Bank gekündigt; seitdem ist der 42-Jährige Bauer. Mit seinem jüngeren Bruder Bernd bewirtschaftet er den Hof der Familie im Eifeldorf Lichtenborn, wenige Kilometer von der Grenze zu Luxemburg entfernt. Mancher im Ort fasst sich an die Stirn: Wie kann denn der Markus eine gesicherte Existenz, einen gut bezahlten Job im warmen Büro tauschen gegen die Schinderei im Kuhstall?

In Lichtenborn stehen eine Menge Ställe, aus denen in den vergangenen Jahren die letzten Kühe herausgetrieben wurden. Die Kockelmann-Brüder setzen alles daran, dass wenigstens ihr Hof überlebt, als einziger von ehemals vier Dutzend Milchbetrieben. Einen halben Kilometer außerhalb des Dorfes haben sie vorigen Sommer einen neuen Kuhstall auf den Acker gesetzt, den größten weit und breit. Mit Platz für 500 Kühe. 2,4 Millionen Euro haben sie in den Neubau investiert. So viel kostet heute offenbar die Zukunft der Landwirtschaft in der Eifel.

Derselbe Bauernhof, an einem Tag Anfang 1994. „Die Moral ist schlecht!“, ruft der Altbauer Stefan Kockelmann vom Kuhstall herüber. „So schlecht war die Stimmung nach dem Krieg noch nie!“ Neben ihm sein Sohn Bernd, in Gummistiefeln, Blaumann und Käppi, mit seinen erst 19 Jahren schon ein Bauer von echtem Schrot und Korn. Die Kockelmanns haben keinen großen Betrieb, 60, 70 Kühe, aber er ist auf dem neuesten Stand. Und alles tipptopp – jede Forke an ihrem Platz. Drei Jahre zuvor haben sie für 300 000 Mark einen neuen Boxenlaufstall für die Milchkühe gebaut, mit computergesteuerter Futterdosierung. „Wenn wir nicht zur rechten Zeit investiert hätten“, sagt der Altbauer, „wären wir schon längst weg. Entweder du bleibst in dem Teufelskreis, oder du gehst kaputt.“ Und er prognostiziert: „Wenn Sie in fünf Jahren wiederkommen, sind von den zwölf Betrieben im Dorf wieder vier oder fünf kaputtgegangen.“ Dann zählt er die Namen auf.

Später, in der guten Stube. Über dem Sofa hängt ein Ölgemälde: Bauer hinter Pflug. Frau Kockelmann hat Ohren in die grünen Samtkissen geschlagen. Bernd nimmt einen Holzrahmen von der Wand. „Hier“, sagt er ehrfürchtig, „vom Heiligen Lukas.“ Ein Knochensplitterchen unter Glas, mit Echtheitszertifikat vom Vatikan, datiert 1763.

Bernds älterer Bruder Markus kommt herein, mit feiner schwarzer Hose, weißem Hemd und weißen Socken. Auch er hat Landwirtschaft gelernt, aber jetzt macht er eine zweite Lehre bei der Bank. Das ist sicherer.

Es sah damals nicht danach aus, als hätte die Landwirtschaft in der Eifel eine Zukunft. Nicht hier, in dieser abgelegenen, dünn besiedelten, rauen Gegend zwischen Aachen, Trier und Koblenz, früher „Preußisch Sibirien“ genannt, gestraft mit früh hereinbrechenden Wintern, mit Nachtfrost fast das ganze Jahr über und einem Wind, der kalt über die Höhenzüge jagt. Der Milchpreis fiel und fiel; in vielen Betrieben reichten die Einnahmen schon nicht mehr für den Schuldendienst. Es gab Bauern, die aus Geldnot eigene Äcker verkauften und dann fremdes Land pachteten, um irgendwie weiterwursteln zu können. „Sorg dafür, dass dein Sohn was anderes wird als Bauer“ war der einzige Ratschlag, den die Betriebsberater der Landwirtschaftsschule solchen Hoffnungslosen noch geben konnten.

Michael Horper aus Niederüttfeld, nur wenige Kilometer vom Hof der Kockelmanns entfernt, gehörte zu jenen, die sich nicht entmutigen ließen. „Wenn es so weitergeht, wird er Bauer“, sagte er damals stolz über seinen zwölfjährigen Sohn Volker, der schon akkurat pflügen konnte. Damit gab es eine Perspektive für den Betrieb, immerhin. Nur auf einem Viertel der Höfe im Landkreis war die Hofnachfolge geklärt. Aber was half es, wenn ein Bauer wie Horper klug und umsichtig wirtschaftete, solange die Brüsseler Agrarbürokratie ihn in einem System der organisierten Unwirtschaftlichkeit gefangen hielt, einem undurchschaubaren Regelwerk aus Quoten, Produktionsanreizen, Stilllegungsprämien und Garantiepreisen? „Voriges Jahr durfte ich die Milch drei Monate lang nicht an die Molkerei abliefern“, erzählte der Bauer mit ernstem Gesicht. Der Betrieb hatte die ihm zustehende Milchquote überschritten. Und was geschah mit der guten Milch, fast 100 000 Liter? „Die haben wir an unsere Kühe und Kälber verfüttert“, sagte Horper. „Sonst hätten wir sie wegkippen müssen.“

Seitdem sind zwei Jahrzehnte vergangen. Minister kamen und gingen – und mit ihnen ungezählte EU-Agrarreformen, Milchpreisverordnungen, Preissenkungsrunden, Marktneuordnungen und Flächenstilllegungsprogramme. Die Trecker-Trecks mit protestierenden Bauern rollten zuerst nach Bonn, dann nach Berlin.

Bernd Kockelmann hat keine Zeit für Kundgebungen, auf denen frustrierte Bauern den Passanten Milch vor die Füße kippen. Aus dem debattierfreudigen Heißsporn, der mit der Landjugend schwarze Fahnen aufstellte – für jeden auf-gegebenen Hof eine –, ist ein selbstbewusster Landwirt geworden. Die gleichen frischen, rosigen Wangen wie damals, der gleiche feste, prüfende Blick aus blauen Augen. „Die Haare sind flöten gegangen im Lauf der Jahre“, lacht er und lupft das Käppi. Die Leistungsdaten sämtlicher Kühe hat er immer noch im Kopf, auch wenn es jetzt fünfmal so viele sind wie ehedem.

In Lichtenborn ist seit einigen Monaten eine Zäsur zu bestaunen: Nicht mehr die Kirche ist das größte Gebäude, sondern der neue Kockelmann’sche Kuhstall. Ach, was, kein Stall, eine Kathedrale. Mit zurückfahrbarem Dach und Frischluftzufuhr von den Seiten. Mit Umkleiden, Toiletten, Kitchenette und Büroraum. Kein Vergleich zu dem niedrigen, dunklen, engen und miefigen Stall von damals. Der Computer dokumentiert die „Milch-History“ jeder Kuh und vergleicht aktuelle und erwartete Leistung. Früher musste der Bauer genau hinschauen, ob eine Kuh brünstig war und ihre Artgenossen sie bespringen könnten, heute misst ein Transponder am linken Vorderfuß die Aktivität der Tiere. Ein Blick auf den Monitor sagt Bernd Kockelmann, „dass Nummer 54 610 nach dem Melken raussortiert wird. Die kriegt heute noch den Bullen zu sehen.“ Die Tiere liegen gelenkschonend auf weichen Kunststoffmatratzen. „Für unsere Hochleistungssportler tun wir alles“, sagt der junge Bauer stolz. Vor 20 Jahren gab eine gute Kuh 7000 Liter Milch im Jahr, heute muss sie mindestens 9000 Liter liefern. Eine Weide werden Kockelmanns Spitzenathleten allerdings nie betreten. Viel zu groß ist bei Hunderten von Kühen das Risiko von Verletzungen, wenn die Tiere auf der Koppel ihre Rangordnung untereinander klären. Und: Woher sollen die Kockelmanns die Zeit nehmen, zweimal täglich die Rindviecher von der Weide zum Melkkarussell zu treiben? Mit pittoresker Bauernhofidylle hat Viehhaltung im großen Maßstab nichts zu tun.

Mehr Kühe, mehr Technik, mehr Druck. Milchwirtschaft ist ein hartes Geschäft

Ein kühler Morgen. Stockfinster ist es draußen noch. Im Kockelmann’schen Stall, der neonhell erleuchtet ist wie eine Fabrikhalle, drängen sich die in der Kälte dampfenden Kühe vor dem Einlass zum Melkkarussell, das sich langsam im Uhrzeigersinn dreht. Die 300 schwarz- und rotbunten Holsteiner müssen sich zum Melken einreihen; es passt immer nur eine Kuh durch den schmalen Gang.

Knapp zwei Stunden sind einkalkuliert fürs morgendliche Melken; das erzwingt strikte Arbeitsteilung und genau getaktete Verrichtungen. Taylorismus im Kuhstall. Bernds Kockelmanns Bruder Markus übernimmt das Vormelken und stimuliert dadurch die Kuh, die Milch freizugeben. Er zieht an den Zitzen, lässt jeweils drei Strahl Milch ab und überprüft, ob am Euter alles in Ordnung ist. Ein paar Meter weiter hängt Bernd das Melkgeschirr an, das seine Frau Nadine den leer gemolkenen Kühen kurz vor dem Ausgang aus dem Karussell wieder abnimmt. Zum Schluss schmiert sie die Zitzen mit einer blauen Desinfektions- und Pflegepaste ein. Der ehemalige Bankangestellte Markus hängt beim Tempo hinterher. Er muss sich noch an seinen neuen Arbeitsplatz gewöhnen. Immer wieder prasseln Urin und Fladen herab, da heißt es flink beiseitespringen und dann die Bescherung schnell in den Ausguss schippen.

Mit ihrer Hightech-Kuharena versuchen die Kockelmanns, der Preisfalle zu entrinnen. Während die Lebensmittel-Discounter mit ihrer Marktmacht dafür sorgen, dass die Bauern für ihre Milch kaum mehr bekommen als vor 20 Jahren, hat sich der Dieselpreis verdreifacht, ein Trecker kostet mindestens das Doppelte, und auch Futter, Saatgut und Dünger sind deutlich teurer geworden. Der Preisdruck zwingt die Milchbauern zu mehr Umsatz. Vor 20 Jahren galten Betriebe mit 20, 30 Kühen als chancenlos; mittlerweile geben Bauern mit 80 oder 100 Tieren auf. Die Höfe werden von jenen geschluckt, die Mut haben, eine gesicherte Nachfolge – und keine Angst vor Schulden.

Die Kockelmanns wollten nicht länger Getriebene des Strukturwandels sein, sondern endlich vorneweg marschieren. Der neue Stall bietet Platz für weitere 160 Kühe. „Wir könnten den gleichen Stall noch mal danebenstellen“, sagt Bernd Kockelmann. Mit knapp 1000 Kühen wäre der Hof dann endgültig in der industriellen Landwirtschaft angekommen.

Auch der mittlerweile 56-jährige Michael Horper und sein Sohn Volker standen vor ein paar Jahren vor der Frage, wie sie den Hof zukunftsfähig machen wollten. Sie hätten den gleichen Weg beschreiten können wie die Kockelmanns. Einen neuen Stall bauen, vielleicht für 400 000 Euro zwei Melkroboter anschaffen, der spart Arbeitskräfte und langt für 300 Kühe.

„Wer Kühe hält, muss Kühe lieben“, sagt Michael Horper. „Aber wer viele Kühe hält wie die Kockelmanns, muss auch Menschen lieben, denn er braucht Arbeitskräfte, um die Tiere zu versorgen.“ Und die findet er in der Eifel nicht. In Luxemburg, wenige Kilometer weiter, liegt der gesetzliche Mindestlohn für Ungelernte bei 11,10 Euro, Pflegekräfte verdienen dort 3000 Euro. Netto. „Wie soll ich da jemanden finden, der sich für sieben oder acht Euro die Stunde in den Kuhstall stellt?“ Fast überall seien die Melkerinnen in den Betrieben über 50. „Wenn die aus dem Melkstand rausgehen, weil sie nicht mehr können, sind die Kühe bald auch weg.“

Die Horpers beschlossen, anders als die Kockelmanns, nicht alles auf eine Karte zu setzen. Vor neun Jahren gehörten sie zu den ersten Eifelbauern, die eine Biogasanlage bauten – genau zum richtigen Zeitpunkt. Heute würde die Anlage, in die sie damals 600 000 Euro investierten, angesichts der mehrfach verschärften Umweltauflagen mindestens das Doppelte kosten – und das bei sinkenden Vergütungen für den Strom. „Wer jetzt noch so eine Anlage baut, riskiert die Insolvenz“, sagt Michael Horper und steuert auf die beiden runden Tanks hinter dem Wohnhaus zu. Sie sind das Herz der Anlage – Fermenter, in denen Billiarden Bakterien aus Biomasse genug Methangas erzeugen, um 700 Haushalte mit Strom zu versorgen. Aus der Abwärme der mit dem Methangas befeuerten Motoren zweigt Horper demnächst noch Heizwärme für 15 Wohnhäuser ab. Rund um die Uhr versorgt eine Pumpe die Anlage mit frischer Jauche aus dem Stall. Ob es eine ideale Konsistenz für die Gülle gibt? Horper überlegt kurz. „Am besten sahnig“, sagt er dann, „so richtig schön sahnig, das ist am besten für die Bakterien, dann können sie an den Güllepartikeln kleben und fleißig produzieren.“

So mancher Eifelbauer hat in den vergangenen Jahren eine Metamorphose durchlaufen: vom Land- zum Energiewirt. Die zeitweise üppige Förderung hat einen nie dagewesenen Run auf den Boden ausgelöst. Auf Äckern, die einst – mit Subventionen versüßt – vom Pflug genommen wurden, reckt sich jetzt Mais für wiederum subventioniertes Biogas. Die Politik, die den Boom befeuert hat, dreht jetzt allerdings den Hahn zu. Bis August soll die Förderung der erneuerbaren Energien neu geregelt sein – mit drastisch gekürzten Fördersätzen.

Im Landkreis Bitburg-Prüm zeigt sich das Resultat der Strategie in Gestalt von mittlerweile 47 Biogasanlagen. Auf immerhin einem Achtel der Ackerfläche wächst Mais zur Energieerzeugung. „Es gibt Landwirte, die haben die Kühe ganz rausgeschmissen“, sagt Andreas Lenz, der Geschäftsführer des Kreisbauernverbands, „die machen nur noch Biogas.“

Das würde Michael Horper nie einfallen. Auf der Weide gleich hinter der Terrasse an dem schmucken Wohnhaus, das von einem hart erarbeiteten, bescheidenen Wohlstand zeugt, grasen seine 60 Schwarzbunten idyllisch wie vor 20 Jahren. „Die Kühe werden bleiben“, sagt Horper entschlossen, „die haben uns durch die Generationen gebracht.“

Er führt den Hof jetzt, genau wie er es sich einst erträumte, gemeinsam mit seinem Sohn Volker. „Ein guter Ackerbauer“, sagt der Vater. „Er kennt den Boden.“ Betrachtet ihn nicht nur als Produktionsfaktor, Preisfaktor, Knappheitsfaktor, sondern als den Ort, an dem unablässig Leben entsteht und vergeht. Michael Horper hat das von seinem Großvater gelernt. „Ich musste als Junge mit aufs Feld, zum Kartoffel- und Rübenhacken“, erzählt er. „Und dann hat der Opa den Boden in die Hand genommen und mir die Würmer gezeigt und die Käfer und alles, was da so kreucht und fleucht.“ Wer sich darum nicht schere, der baue auf der gleichen Fläche zehn Jahre hintereinander Mais an, um den Profit zu maximieren. „Irgendwann sagt der Boden Nein, und zwar für Jahre.“ Ausgelaugt, ohne Leben. „Das unterscheidet einen guten Bauern von einem schlechten Bauern.“

Horper hat fast vergessen, wie defensiv, fast ängstlich er vor 20 Jahren war. „Damals hieß es: Wir haben Butterberge, Fleischberge und Milchseen. Wir brauchen euch Bauern nicht mehr. Heute spüren wir: Ohne uns geht nicht viel.“

Nachdem die Agrarbürokratie jahrzehntelang versucht hatte, den Landwirten den letzten Rest von Unternehmergeist auszutreiben, wirken heute die Kräfte des Marktes auch in den unwirtlichen Höhen der Eifel. Ein Landwirt wie Michael Horper kann heute handeln, entscheiden, auswählen.

Nirgends zeigt sich das deutlicher als bei der Milch. Früher ging es allein um die Milchquote. „Der Kockelmann hätte damals gar keine Chance gehabt, so einen neuen Stall zu bauen“, erklärt Michael Horper. „Er hätte erst mal Quote kaufen müssen.“ Allein für die 40 Kühe, die Kockelmanns kürzlich dazugekauft haben, hätten sie mindestens 300 000 Euro Quoten-Obolus entrichten müssen – an einen anderen Bauern, der Quote abgibt. „Wir Landwirte haben uns das Geld ständig gegenseitig aus der Tasche gezogen.“ Aber der Milchpreis war trotzdem im Keller.

Heute darf Horper so viel Milch produzieren, wie er will – in dem Vertrauen, dass es irgendwo auf der Welt jemanden geben wird, der sie kauft. In Pronsfeld, wenige Kilometer vom Hof der Horpers entfernt, führt seit anderthalb Jahren der schwedisch-dänische Arla-Konzern Regie über die Molkerei, an die fast alle Bauern der Region ihre Milch liefern. Von Pronsfeld bis zum niederländischen Überseehafen Rotterdam sind es nur gut zwei Lastwagenstunden. So manche Palette mit H-Milch-Tetrapaks, die auf dem Hof der Molkerei in Seecontainer geladen werden, trägt chinesische Aufschriften. Der Export lohnt sich für die Eifelbauern, denn eine 1,5-Kilo-Dose Babymilchpulver koste hierzulande im Schnitt 26 Euro, rechnet Horper vor – in China aber 90 Euro. „Wenn die Chinesen unser Milchpulver haben wollen, weil sie ihren eigenen Produkten nicht trauen, während bei uns der Verbraucher immer nur den Schnäppchen hinterherrennt, dann bin ich doch glücklich, dass unsere Produkte nach China gehen.“

Ob aus Bauer Horpers Weizen Brot, Viehfutter oder Energie wird, entscheidet allein der Preis

Genauso rational agiert der Unternehmer auch beim Betrieb seiner Biogasreaktoren. Er kippt nämlich nicht nur die Gülle seiner Kühe in die Fermenter, sondern auch Mais und Weizen, die auf seinen Äckern wachsen. „Was schon mal durch die Kuh gegangen ist, da ist die Energie weitgehend raus“, so die Begründung des Bauern aus Niederüttfeld. Für die Kockelmanns überschreiten Landwirte damit die Grenze zum moralisch Verwerflichen. „Der Mais für die Biogasanlagen steht doch auf Ackerflächen, wo früher Lebensmittel produziert wurden“, redet sich Bernd Kockelmann in Rage. „Dass wir Bauern den Ertrag unserer Äcker in die Kuhscheiße reindeuen, während anderswo Menschen hungern – nein, das wollen wir nicht!“ Ein Disput unter Landwirten: hier Kockelmann, wertkonservativ bis in die Knochen, dort Horper, der Tradition mit Kalkül verbindet.

Horper fragt sich, was wie viel bringt. Soll er seinen Weizen an die Mühle liefern oder doch besser in den Tank der Biogasanlage kippen? Der Nahrungsmittelmarkt sei erst bei einem Weizenpreis von 20 Euro pro Doppelzentner attraktiv. Im vorigen Jahr bot der Landhandel 15 bis 16 Euro. Ein Großteil des Getreides landete daher im Fermenter, der Rest im Futtertrog der Kühe. Horper kaufte sogar noch 800 Tonnen Weizen für die Biogasanlage hinzu. Die kosteten zwar 120 000 Euro, aber er spekuliert auf steigende Preise in diesem Jahr. „Dann müssen die anderen Bauern für die 800 Tonnen 170 000 Euro bezahlen.“ Und er hätte einen Kostenvorteil von 50 000 Euro. „Ja, das ist Spekulation. So hat vor 20 Jahren kein Bauer gedacht. Aber dieses ökonomische Denken macht doch mehr Spaß, als nur die Quotenvorgaben irgendwelcher Bürokraten zu erfüllen.“

Natürlich haben sich auch die Gebrüder Kockelmann längst zu Agrar-Entrepreneuren gewandelt, auch wenn Bernd das nicht wahrhaben will. „Ich bin kein Unternehmer“, sagt er trotzig, „ich bin Bauer!“ Momentan hat er noch weniger Zeit als früher. Er muss ständig überlegen, was er im Stall oder an der Melkanlage noch optimieren kann, wo sich Arbeitszeit oder Kosten einsparen lassen, und sei es für Reinigungsmittel.

Eigentlich hatten die Brüder gehofft, dass sie durch die rationelleren Abläufe im neuen Stall endlich mal ein bisschen mehr Zeit für die Familie hätten und für sich selbst. Kein Luxus, sondern mal ein freier Tag. Aber die Rechnung geht nur auf, wenn sie eine zusätzliche Arbeitskraft einstellen. Schließlich müssen mehr als doppelt so viele Kühe gemolken und versorgt werden wie bisher. Der Altbauer kann nach seinem Herzinfarkt vor sechs Jahren kaum noch mit anpacken. Die letzten Milchbauern aus Lichtenborn haben nur eine Hilfskraft, eine gelernte Melkerin aus Sachsen, die ihnen morgens im Stall zur Hand geht. Wenn sie Urlaub hat, muss Bernds Frau ran. Letztens hatten sie endlich jemanden gefunden, der sich nicht zu schade war für die Arbeit im Melkstand. Aber dann zögerten die Brüder zu lange – und der Mann fand woanders einen Job. Jetzt hoffen die Kockelmanns, dass der Lehrling, der demnächst auf dem Hof anfängt, nicht zu jenen gehört, die vor der Arbeit weglaufen. Insbesondere Bernd schuftet bis zum Umfallen, er quetscht die letzten Reserven aus sich heraus. „Der Bernd schafft sich tot, seine Frau auch“, kommentiert Michael Horper fassungslos. „Die Eltern sind schon kaputtgeschafft. Das kann es doch nicht sein.“

Landwirtschaft bleibt Familiensache. Und trotz allem Fortschritt ist kein Urlaub drin

Horper öffnet stolz das Tor zur Maschinenhalle. Dort stehen, dicht an dicht, PS-strotzende Schlepper, Häcksler, Pflüge, Grubber, Eggen und Transportfahrzeuge. Mit seinem Nachbarn und Standeskollegen Heinz Hoffmann hat Horper ein Gemeinschaftsunternehmen gegründet, in den vergangenen Jahren rund eine Million Euro Kredit aufgenommen und einen stattlichen Maschinenpark zusammengekauft. Damit treiben die Geschäftspartner die Arbeitsteilung voran, allerdings nicht primär in ihren eigenen Betrieben. Denn Horper und Hoffmann pflügen, säen und ernten mit ihrem Gerät vor allem auf den Feldern von Kollegen, die immer mehr Zeit mit immer mehr Kühen in immer größeren Ställen verbringen – und nicht mehr wissen, wie sie die Feldarbeit bewältigen sollen.

Diese Dienstleistung wurde Standbein Nummer drei für die Horper’sche Familienwirtschaft. Mit den Einnahmen aus Biogasanlage und Lohnunternehmen ließe sich auch eine längere Milchpreisflaute überbrücken. Der Hof ist damit weniger anfällig als jene, die ausschließlich auf die Milch setzen. „Und die jungen Männer im Dorf haben Spaß an den großen Geräten“, freut sich Michael Horper, der keine Probleme hat, genug Treckerfahrer für die Aufträge zu finden, „die sitzen doch viel lieber auf einem 150-PS-Schlepper, als sich im Kuhstall krummzumachen.“

In einem jedoch sind die Kockelmanns den Horpers – zumindest momentan – voraus. Die nächste Generation ist schon am Start. „Fünf neue Kockelmänner gibt es auf dem Hof“, sagt Bernd voller Vaterstolz. Zwei Söhne, Anton und Jakob, sind darunter. Jakob hat mit seinen zweieinhalb Jahren die Ernte mit seinem Spielzeug nachgestellt – und am Tag vor dem richtigen Erntebeginn kaum geschlafen vor Aufregung. Die größeren Kinder, erzählt Bernds Frau Nadine, spielten nicht Mutter und Kind, sondern Besamer und Tierarzt.

Aber in den Urlaub fahren kann die Familie nicht. Die Freunde im Kindergarten erzählten nach den Sommerferien von ihren Reisen, vom Meer und von den Bergen. „Wir waren im Kuhschwimmbad“, entgegneten die Kockelmann-Kinder. „Das ist so ein Bach hier in der Nähe“, erzählt die Mutter, „mit einem Betonstahlrohr, aus dem die Kühe saufen können.“

In 20 Jahren könnten Anton und Jakob in den Betrieb einsteigen. Bis dahin muss der neue Stall abbezahlt sein. Die Millioneninvestition ist eine Wette auf die Zukunft, kalkuliert mit einem Milchpreis von 30 Pfennig pro Liter. „Bei 20 Cent können wir nicht mal das Futter bezahlen, das wir zukaufen müssen“, sagt Bernd, „vom Schuldendienst ganz zu schweigen.“ Wenn es schiefgeht, kann es leicht das gesamte, über Generationen erarbeitete Familienvermögen kosten.

Doch der neue Kuhstall hat mehr verändert als nur die Sicht einer alteingesessenen Eifeler Bauernfamilie auf das unternehmerische Risiko. Mit einem Mal sind die Kockelmanns nicht mehr nur der einzige Milchbetrieb in Lichtenborn, sondern der größte weit und breit. Wie wird sich das soziale Gefüge dadurch verändern? Welche Rolle spielen Neid und Gehässigkeit, die Michael Horper als wichtigste soziale Triebfedern in den Dörfern ausmacht? Da gibt es sicher welche, die darauf lauern, dass bei den Kockelmanns was schiefgeht. Was reden die Bauern, die in den vergangenen Jahren aufgegeben haben, wenn Bernd und Markus abends den Dorfkrug verlassen, weil sie am nächsten Morgen wieder bei ihren Kühen stehen müssen?

Nicht zuletzt das Verhältnis der Brüder muss sich neu einpegeln. Es gibt jetzt zwei Hofnachfolger, nicht mehr nur einen. „Mein Bruder ist der Bauer, ich bin der Unternehmer“, sagt Markus. Bei der Bank war er Spezialist für landwirtschaftliche Betriebe, kennt also vermutlich jeden Bauern, jeden Kuhstall weit und breit. Wenn er von einer Herzblut-Entscheidung für seine Wandlung vom Banker zum Bauern spricht, klingt es seltsam gestelzt. Für das Gespräch hat er sich ein frisches weißes Hemd angezogen. Bernd hat das nicht nötig. Die Hosenträger am Overall sind verdreht? Die Fingernägel tragen schwarze Ränder aus Kuhstalldreck? – Na und? Er ist Bauer! Es fällt auf, dass Markus seinem Bruder, als es ums Finanzielle geht, ein paar Mal das Wort abschneidet. Und Bernd lässt es geschehen.

Während Bernd überlegt, wie weit es sich mit Trecker und Pflug zu fahren lohnt, 10 oder 20 Kilometer bis zum entferntesten Acker, schaut Markus weit über die Höhenzüge der Eifel hinaus. Vor der Entscheidung über den Neubau war er zehn Wochen in den USA und hat sich dort Betriebe angesehen, in Wisconsin, Ohio und Michigan. Er hätte auch kein Problem, weit in den Osten Europas zu ziehen und dort die Felder zu bestellen, erzählt er, als wir vor dem neuen Stall stehen und Bernd nicht dabei ist. Äcker, die bis zum Horizont reichen. Und nie mehr Kuhscheiße. Es gibt Leute, die Markus den passionierten Bauern nicht abnehmen und sagen: „Der hat das nur gemacht, damit er in der Kneipe erzählen kann, wie toll er ist.“ Das ist vermutlich nicht gerecht – aber ein sozialer Aufstieg ist der Einstieg in den Hof für Markus auf jeden Fall: „Dickster Bauer“ zählt in der Eifel immer noch mehr als Kundenberater bei der Raiffeisenbank. ---