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Wir pfeifen auf eurenWohlstand

Wieso südafrikanische Dandys in aller Öffentlichkeit ihr Geld verbrennen.





• Ein Samstagmittag im Johannesburger Township Katlehong. Durch das Armenviertel fahren zwei aufgemotzte Minibusse, deren Insassen bei lauter Musik und offenen Schiebetüren lässig in ihren Sitzen fläzen. Als sie auf einem Platz aussteigen, sieht man, dass sie feinste Designerware tragen: italienische Schuhe, Diesel-Jeans mit Gürteln von Louis Vuitton und Sakkos, an denen noch die Preisschilder hängen. Schnell bildet sich eine Menschenmenge aus vorwiegend jugendlichen Schaulustigen. Sie ahnen, was jetzt kommen wird. Die beiden vierköpfigen Gruppen beginnen, sich wild gestikulierend und zur Musik tänzelnd gegenseitig zu provozieren. „Dein T-Shirt ist ja schon verschlissen“, höhnt einer. „Du kannst dir diese Klamotten doch gar nicht leisten“, kontert ein anderer. Dann zieht einer sein Sakko aus, wirft es in den Staub und trampelt darauf herum. Der Verlust des edlen Tuches lässt ihn sichtbar kalt. Unter Begeisterungsschreien der versammelten Mädchen entledigt sich auch die Gegenseite Teile ihrer Kleidung. Sie tragen zu diesem Zweck sogar zwei Paar Hosen, das erste wird kurzerhand zerrissen. Dann holen sie mehrere Flaschen teuren Whiskeys aus dem Auto, deren Inhalt sie achtlos auf den Boden leeren, ein paar Hundert-Rand-Scheine gehen in Flammen auf. Einer wirft schließlich noch sein iPhone in einen Wassereimer. Die in chinesische Billigware gekleideten Zuschauer kreischen begeistert auf.

Bei dem Spektakel in der schwarzen Armensiedlung handelt es sich um einen Wettkampf zwischen den Born Agains und den Overspendern: Repräsentanten einer Jugendkultur, die sich Izikhothane nennen und die südafrikanische Öffentlichkeit empören. Der Begriff setzt sich aus den Zulu-Worten izikhotha (lecken) und ukukhothana (veräppeln) zusammen. Womit einerseits das beim Geldscheinzählen übliche Befeuchten der Finger, andererseits die ironische Grundeinstellung der Akteure ausgedrückt werden soll. Die Izikhothane sind keine Abkömmlinge der Black Diamonds, der neureichen schwarzen Oberschicht, die sich solche Eskapaden tatsächlich leisten könnten. Es handelt sich vielmehr um gewöhnliche Jugendliche, die sich und ihre Familien mit solch teuren Happenings in arge Bedrängnis bringen. Es wurde schon von Izikhothanes berichtet, die wegen ihrer Schulden Selbstmord begingen. Bis zu 10 000 Rand (rund 700 Euro) pflegt ein „Lecker“ bei einem Wettkampf zu vernichten: Davon kann – oder muss – eine vierköpfige südafrikanische Durchschnittsfamilie ein Vierteljahr lang leben.

Warum machen die das? Handelt es sich um eine radikale Form des Protestes? Den Izikhothane selbst scheint Auflehnung als Motiv nicht in den Sinn zu kommen. Sie wollen beachtet werden und die begeisterten Schreie der Mädchen hören, gibt einer der Born Agains zu verstehen. Dafür müsse man heutzutage schon etwas investieren. Ihr Idol sei Kenny Kunene, ein ehemaliger Gangster, der es zum Unternehmer mit Einfluss im regierenden ANC brachte. Kunene wurde landesweit berühmt, weil er in seinen Nachtclubs Sushi von den Körpern nur mit Reizwäsche bekleideter Frauen aß. Der Porschefahrer ist zum Inbegriff der südafrikanischen Conspicuous-Consumption-Kultur geworden: des unverhohlenen Konsumismus.

Man muss nur die Parkplätze bei Parteitagen des regierenden ANC über die Jahre hinweg vergleichen. Standen vor zwei Jahrzehnten noch Volkswagen oder Toyotas vor der Messehalle, so dominieren heute allradgetriebene Geländewagen aus München oder Untertürkheim, auch einzelne Jaguars oder gar Maseratis befinden sich darunter. Abends pflegen sich die einstigen Befreiungshelden in edle Etablissements zurückzuziehen. Dort gönnen sie sich kubanische Zigarren und zwölf Jahre alten Whiskey. Von Scham keine Spur.

„Warum soll es anstößig sein, wenn ein Schwarzer im Luxus schwelgt, während es bei Weißen selbstverständlich ist?“, hält Kenny Kunene seinen Kritikern entgegen – als Nummernschild einer seiner Limousinen hat er sich die Buchstabenkombination „so what“ gesichert. „It’s our time to eat“ lautet ein Slogan unter den neureichen Schwarzen – altreiche gibt es nicht. Über Jahrhunderte hinweg wurde die schwarze Bevölkerung Südafrikas ihres Landes beraubt, unterdrückt und ausgebeutet, während sich die weißen Kolonialisten auf dem Rücken schwarzer Farm- und Minenarbeiter ein Leben im Überfluss leisteten. Wohingegen so gut wie jeder Schwarze am eigenen Leib zu spüren bekam, was Armut ist: nicht nur ein permanenter Notstand, der den Magen knurren lässt und den Körper schwächt. Sondern ein Affront gegen die Würde vor allem von Familienoberhäuptern, die ihren Frauen und Kindern nicht einmal das Nötigste bieten können. Wer arm ist, ist kein rechter Mann.

Schon seit Jahrzehnten versuchen Afrikaner, dem etwas entgegenzusetzen. Minenarbeiter aus dem Zululand, die gewöhnlich in Lumpen gekleidet waren oder in uniformierter Arbeitskluft unter Tage schufteten, sparten, um sich feinste Kleider, oft weiße Anzüge, Hüte und Schuhe, leisten zu können, und veranstalteten sonntags in den Arbeiterbaracken Wettbewerbe, um den elegantesten Kumpel zu küren. Ihre Feste dienten den sogenannten Swankers zur zumindest vorübergehenden Wiederherstellung der Würde – ein Phänomen, das nicht auf Südafrika beschränkt ist. Noch heute kann man in kongolesischen Elendsvierteln den Sapeurs begegnen: schrill gekleidete Dandys, die den Frauen die Köpfe verdrehen. Sich nicht vom allgemeinen Elend unterkriegen zu lassen ist in Afrika eine Befreiungstat.

Deshalb ist es auch nicht anstößig, wenn einer seinen Reichtum zeigt. In Südafrika stellte sich kürzlich neben Kenny Kunene auch Julius Malema zur Wahl. Der ehemalige Jugendligapräsident des ANC gibt sich als „Champion der Armen“ aus. Keiner der armen Schlucker, die ihm zu Hunderttausenden ihre Stimme gaben, scheint sich daran zu stören, dass sich der „Oberbefehlshaber“ der Economic Freedom Fighters, so der Name seiner neu gegründeten Partei, mit fragwürdigen Mitteln eine Villa in Südafrikas teuerstem Quartier errichten wollte und sich inzwischen wegen Steuerhinterziehung zu verantworten hat. „Für einen Afrikaner ist es wesentlich schlimmer, wenn sein König arm ist, als wenn er in anstößigem Reichtum schwelgt“, sagt der Johannesburger Anthropologieprofessor David Coplan.

Damit erklärt sich auch der Umstand, dass es zumindest im südlich der Sahara gelegenen Afrika zwar regelmäßig zu Machtkämpfen innerhalb der Oberschicht kommt, doch so gut wie nie zu Rebellionen der unterdrückten Völker, und seien die Diktatoren auch noch so schamlos. Bauernaufstände und Guillotinen für prunksüchtige Potentaten kennt der Kontinent der Krisen, Krankheiten und Katastrophen nicht. Dass jemand seinen Reichtum zumindest auch anderen verdankt und deshalb gut daran tut, ihn nicht zu sehr zur Schau zu stellen, ist hier kein relevanter Gedanke. Wer reich ist, darf auch stolz darauf sein.

Das erklärt allerdings noch nicht, warum die Izikhothane in Südafrikas Townships ihren relativen Reichtum gleich wieder vernichten. Der Anthropologe Coplan erkennt darin eine gewisse Distanz, ja eine Verachtung des in Südafrika allgegenwärtigen Materialismus – auch wenn die jungen Dandys das selbst gar nicht so wahrnähmen. Es handle sich um eine Parodie, eine typisch afrikanische Art der Artikulation des Missmuts. Auch die kongolesischen Sapeurs bedienten sich dieses Mittels, um mit ihren grellbunten westlichen Anzügen die einstige Indigenisierungs-Politik Mobutu Sese Sekos auf die Schippe zu nehmen. Der Diktator ordnete für seine Untergebenen Abacosts an – von Maos Rotchina inspirierte Anzüge mit hohen Kragen und ohne Krawatte.

Ob sie es selbst wahrnehmen oder nicht: Mit ihren öffentlichen Zerstörungsorgien bringen die Izikhothane außer den Beinen ihrer Zuschauerinnen auch deren Köpfe in Bewegung. Wir pfeifen auf eure Label-Klamotten, euren alternden Whiskey und die allmächtigen Scheine, lautet die Botschaft, die bei ihren Spektakeln zumindest mitschwingt. ---