Partner von
Partner von

Echte Kerle und Schlauchbootlippen

Warum der Rubel in der Großstadt viel und in der Provinz wenig gilt.





• Haben Sie einmal in der Berliner U-Bahn ein Geldstück fallen lassen? Es klimpert, und um Sie herum wird es still. Menschen verharren, verdrehen die Köpfe: Ist das Geld etwa mir aus der Tasche gefallen?

Werfen Sie eine Münze auf die Eingangsstufen der Moskauer Metro, klingelt sie auch, das Volk jedoch hastet weiter, dies Geklimper interessiert hier niemanden. Die Moskauer kümmern sich nicht um Geld. Zumindest nicht um Kleingeld. In den Ecken Moskauer Postschalter liegen staubige 10- und 50-Kopeken-Stücke herum, Wechselgeld, das, gerade mal einen Cent wert, liegen geblieben ist. Die Stadt mit den meisten Dollarmilliardären der Welt (78) ehrt den Pfennig nicht.

In Provinzpostämtern bleiben keine Kopeken liegen. Im Vergleich zur Hauptstadt ist die Provinz bettelarm. Und wenn eine nationale Währung landesweit die Maßeinheit für Waren, Dienst- und Arbeitsleistungen sein soll, dann ist der russische Rubel glatt gescheitert. In Moskau liegt das Monatsdurchschnittseinkommen bei umgerechnet knapp 1200 Euro, in Tambow, 400 Kilometer weiter, bei 350 Euro. In den russischen Dörfern, zum großen Teil noch immer bankrotte Kolchosen, gelten gar 100 Euro als gutes Auskommen. Man versorgt sich dort aus dem eigenen Kuhstall und vom Kartoffelacker. Selbst gebrannter Schnaps, aber auch gegenseitiges Vertrauen stechen den Rubel als Währung aus. Dort gilt noch das alte russische Sprichwort: „Was ein Mann wirklich taugt, zeigt er im Krieg oder in der Taiga.“

In der Taiga aber ist Geld eine kaum konvertierbare Währung. Jener Autokranfahrer, der am westsibirischen Irtysch meinen verunglückten Lada Niva aus der Böschung zog, wollte sich dafür nicht bezahlen lassen: „Denkst du, wir Sibirier helfen nur für Geld?“ Dort, in Westsibirien, wo die nächste Tankstelle oft Hunderte Kilometer entfernt ist, habe ich mir angewöhnt, immer einen vollen Benzinkanister dabeizuhaben. Und Geld abzulehnen, wenn ich irgendwo auf einer verschneiten Endlospiste einem liegen gebliebenen Kleinwagenfahrer mit Benzin aus diesem Kanister aushalf. In der Hoffnung, dass auch meine Botschaft ankommt: „Denkt ihr, ich mit meinem fremden deutschen Akzent helfe nur für Geld?“

Die Russen interessieren sich nicht für Geld. Davon sind sie überzeugt, seit je. Ihre großen Schriftsteller ließen die eigenen Helden reihenweise bankrottgehen, weil ihnen der Mammon zu schnöde war. Von Tschechows Gutsbesitzer über Tolstois Gardejunker bis zu Dostojewskis Rodion Raskolnikow. Der vielleicht berühmteste Raubmörder der Weltliteratur schlägt eine alte Pfandleiherin mit der Axt tot, nicht aus Geldgier, sondern um eine unausgegorene philosophische Idee vom Übermenschentum in der Praxis zu erproben.

Dann kamen Revolution, Bürgerkrieg und mehr als 70 Jahre sowjetische Defizitwirtschaft, die die Russen lehrte, dass Geld wenig wert ist. Was nützt es dir, wenn du weder Klopapier noch einen Kleinwagen dafür kaufen kannst?

Es folgte der Schock der postsowjetischen Inflation, die Milliarden Kleinsparer-Rubel verbrannte. Geld riecht für viele Russen nicht nach Sicherheit.

Nur in Moskau, in Petersburg oder Krasnodar verbreitet es andere Gerüche. Es duftet nach dem Echtleder ausländischer Limousinensitze, nach schönen und teuer parfümierten Frauen, nach Tüchtigkeit, Talent und Glück. In der Großstadt ist Geld zum sozialen Ordnungshauptfaktor geworden.

Nicht die Taiga zeigt jetzt, was ein Mann taugt, sondern sein Geld. Understatement ist nicht angesagt. Kapital, Rücklagen, Sparguthaben, die man besitzt, aber nicht zeigt, gelten als so tot wie die vergrabenen Talente in der Bibel.

Am Samstag sitze ich mit ein paar Jungs aus Magadan im Schwitzbad, Provinzrussen, einfache, offene Kerle. Einer, Wadim, ein in seiner Freizeit boxender Geschäftsmann, hat seine metallisch glänzende Taucheruhr auf dem Wandsims des Raumes platziert, wo wir Bier trinken. Schöne Uhr, nur schenkt ihr keiner von uns Aufmerksamkeit. Wadim hält es nicht mehr aus. „Was“, fragt er mich scheinheilig, „hältst du von der Marke Tag Heuer?“

Der Moskauer Mittelstand behaust meist schäbige Ein- bis Zweiraumwohnungen in Plattenbauten. Davor aber parken vierrädrige Statussymbole, vor allem Parkettjeeps, die so wuchtig glitzern wie Wadims Taucheruhr. Wie ein Großteil der Plattenbauwohnungen sind sie auf Pump gekauft. Nicht nur die Hochzinspolitik der russischen Zentralbank, sondern auch das übermächtige Verlangen der Russen, Geld in zur Schau gestellten Selbstwert zu verwandeln, hat die Zinsen für Verbraucherkredite und Hypotheken auf 16 bis 25 Prozent steigen lassen. Scherten sich die Leute hier wirklich nicht um Geld, wäre es bei ihnen kaum so teuer.

Zu Sowjetzeiten waren die Russen Stoßarbeiter, jetzt sind sie Rekordkonsumenten. Urlaub in Thailand, Tag Heuer oder Toyota, man investiert nicht in die Zukunft, sondern ins Hier und Jetzt. Werte schaffen? Lebensversicherung? Altersversorgung? Die russische Pensionskasse gilt als löchriges Selbstbedienungssäckel für alle möglichen und oft korrupten Staatsprojekte. Fragt man jemanden in Moskau, wie viel Rente er denn mal erhalten wird, winkt er grinsend ab. Ob sie Geld haben oder nicht, die Russen wollen ihr Leben nicht auf dessen Abend verschieben.

Viele Moskauerinnen, die oft schon mit 26 in ihrer Lebensmitte-Krise zu stecken scheinen, laufen mit viel zu aufgespritzten Lippen herum. Jahrelang nährten die zahlreichen Schlauchbootlippen im Stadtbild meine Überzeugung, dass die Moskauer Schönheitschirurgen skrupellose Kurpfuscher sind und Reichtum die Russinnen mit Dummheit schlägt. Bis mir, Mila, 32, die intime Wahrheit enthüllte: „Wozu für 15 000 Rubel teures Zeug in die Lippen spritzen lassen, wenn es hinterher keiner sieht?“ Zwecklos, ihr zu erklären, dass das Prinzip, Geld möglichst spektakulär aus dem Fenster zu schmeißen, nicht wirklich schön macht. ---