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Fixit: Aerogel Dämmputz

Denkmalgeschützte Altbauten sind schwer zu dämmen. Nun haben Schweizer eine Lösung für das Problem gefunden.





• Immer wenn Severin Hartmeier in den vergangenen Jahren in Zürichs Altstadt rund um das Fraumünster spazieren ging, schaute er sich mit dem Blick des Fachmanns die historischen Gebäude an. Wegen all der Erker, Giebel und Vorsprünge konnten sie mit herkömmlichen Platten nicht gedämmt werden. Da erinnerte sich der Entwickler der Fixit AG – mit 160 Mitarbeitern der nach eigenen Angaben größte Schweizer Putzhersteller – an sein Chemiestudium. Und an einen Stoff, mit dem er damals häufig umging und der ihn faszinierte: Aerogel.

Das Silikat schützte bereits in den Sechzigerjahren Raumanzüge vor der Kälte des Weltalls. Bis heute gilt es als hervorragender Isolator und besonders leichter Feststoff. Die durchsichtigen, stecknadelkopfgroßen Kügelchen wiegen so wenig, dass man sie auf der Haut kaum spürt. Allerdings zerfallen sie schon bei leichtem Druck zu Pulver.

Das war zunächst ein Problem, denn Hartmeier hatte die verwegene Idee, „dieses fragile Material mit einem Putz zu vermischen, durch eine Maschine zu jagen und an die Wand zu bringen, ohne dass es dabei kaputtgeht“. Bis das funktionierte, hat der 41-jährige Produktmanager Dutzende Versuche gebraucht. Zusammen mit der Empa, der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt in Dübendorf bei Zürich, tüftelte er seit 2009 an der Mischung aus feinem und groben Material, dann war die richtige Rezeptur gefunden. Der „222 Aerogel Hochleistungsdämmputz“ ist mittlerweile patentiert, das Verfahren zu seiner Herstellung natürlich geheim.

Kürzlich erhielten Empa und Fixit für ihre Erfindung den Schweizer Umweltpreis in der Kategorie „Innovation“. Ein kleiner Beitrag zur Ressourcenschonung, der in der Summe aber große Wirkung zeitigen könnte. Bis jetzt wurden 35 Gebäude in der Schweiz mit dem neuen Material saniert, darunter auch die ehemalige Mühle aus dem 15. Jahrhundert in Sissach bei Basel. Der Baustoff isoliert mindestens doppelt so gut wie herkömmliche Produkte, denn die Kügelchen bestehen zu 95 Prozent aus Luft, die Wärme sehr gut speichert. Schon eine fünf Zentimeter dicke Schicht verbessert laut Angaben des Herstellers die Dämmung um bis zu 80 Prozent. „Sie müssen sich das wie einen neuen Lack für das Auto vorstellen. Nur dass es danach nicht nur viel besser aussieht, sondern auch ein Drittel weniger Sprit verbraucht“, sagt der Fixit-Geschäftsführer Reto Galliard, 47.

Das bestätigt auch der Bauherr Emil Franov. „Es ist irre. Wir konnten den Energieverbrauch tatsächlich um zwei Drittel senken. Als wir die Mühle in Sissach vor sechs Jahren kauften, waren wir ratlos, wie wir diese Bruchwände dämmen sollten.“ Nachdem er von dem neuen Putz hört hatte, wandte er sich „quasi monatlich“ an den Hersteller, der sich die Mühle 2012 als Pilotprojekt vornahm.

„Wir hätten es nie für möglich gehalten“, sagt Franov, „dass wir ein 700 Jahre altes Gebäude energetisch so gut hinbekommen.“ Dafür nimmt er auch Nachteile in Kauf: Der innovative Putz ist weicher als herkömmlicher. „Wir mussten schon einige Kratzer von Autofahrern ausbessern, auch auf Schläge reagiert er empfindlich.“ Wie viele Besitzer historischer Bauten ist er froh, endlich effektiv dämmen zu können; nur Flüssig-Putz kann so angebracht werden, dass Denkmalschutz-Auflagen erfüllt werden.

Wie das neue Produkt genau hergestellt wird, will der Hersteller lieber nicht zeigen, denn aktuell arbeiten in Europa einige Konkurrenten an ähnlichen Projekten. „Viele sind noch nicht marktreif, daher ist die Fixit AG offenbar früh dran“, sagt Ralf Kilian, Experte für Denkmalpflege am Fraunhofer-Institut für Bauphysik. Im oberbayerischen Kloster Benediktbeuern testen die Wissenschaftler seit 2010 in einem auf mindestens zehn Jahre angelegten Projekt verschiedene Dämm-Techniken für historische Gebäude.

„Als ich davon hörte, musste ich schmunzeln“, sagt Hartmeier. „Warum rufen sie nicht bei uns an?“ Das passende Produkt liege ja bereits im Regal. „Gerne testen wir auch diesen Aerogel-Dämmputz“, entgegnet Kilian.

In diesem Jahr wird das neue Material auch in Deutschland angeboten. Der Markt ist lukrativ, es gibt hierzulande geschätzte 19 Millionen Altbauten ohne Wärmedämmung. Allerdings hat der Aerogel-Putz seinen Preis, der vor allem dem teuren Rohstoff geschuldet ist. Die Hasit AG in Freising, die den Baustoff in Deutschland vertreibt, rechnet mit etwa 200 Euro pro Quadratmeter inklusive Verarbeitung durch extra geschulte Fachkräfte. Das ist ein Vielfaches herkömmlicher Dämmungen.

Die besonderen Eigenschaften des Putzes aus dem All haben sich mittlerweile bis an die Ostküste der USA herumgesprochen. Kürzlich waren Galliard und Hartmeier in der altehrwürdigen Universität Harvard, um ihre Innovation dort vorzustellen. ---

Kontakt: www.fixit.ch