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Autodesk Cloud Services

Autodesks erstes Produkt hieß AutoCAD und war revolutionär. Nach mehr als 30 Jahren im Geschäft für computergestütztes Design will die Firma an ihre Pioniertage anknüpfen. Und setzt radikal auf die Cloud.





• AutoCAD ist Teil der IT-Schöpfungsgeschichte. Das Programm zum computergestützten Entwerfen komplizierter Bauteile und Gebäude kam 1982 auf den Markt. Architekten und Ingenieure konnten damit am PC erledigen, was zuvor nur am teuren Großrechner möglich war. Eine Revolution. Außerdem kostete die Design-Software der jungen Firma nur ein Hundertstel dessen, was solche Programme bislang gekostet hatten. Autodesks exzentrischer Gründer, der Programmierer John Walker, konnte schon nach drei Jahren einen Umsatz von zehn Millionen Dollar melden und das Unternehmen an die Börse bringen. Heute macht Autodesk einen Umsatz von 2,3 Milliarden Dollar mit 7300 Mitarbeitern weltweit.

Im Alter von 32 Jahren ist es nun Zeit für einen Neuanfang. Autodesk setzt auf das Entwerfen und Abspeichern komplexer dreidimensionaler Designs in der Cloud und dem Bearbeiten mit mobilen Geräten und in virtuellen Teams. Das Unternehmen streckt seine Fühler in exotische Geschäftsbereiche wie 3D-Druck und am Rechner entworfene Prothesen aus.

Was das bedeutet, erfährt man in einem Pier 9 genannten alten Lagerhaus in San Francisco. Hier wuselt der ehemalige MIT-Professor Eric Wilhelm durch die Gänge. Er trägt einen lila Anzug, sein Haar etwas wirr und erinnert ein wenig an Willy Wonka aus der berühmten Schokoladenfabrik. Der 36-Jährige strahlt beim Vorführen all der Geräte. Hier eine um fünf Achsen bewegliche CNC-Fräse, dort eine Wasserschneid-Maschine, im ersten Stock eine ganze Batterie von 3D-Druckern, die am Rechner entworfene Teile Millimeter für Millimeter aus Kunststoff, Metallpulver oder sogar normalem Papier „drucken“ – von einer dekorativen Büste bis zum kompletten Kugellager.

Im Erdgeschoss tüfteln Experten an der ganz großen Frage, ob und wie man einzelne Atome manipulieren kann, um etwa neues Gewebe zu „drucken“. „Wir haben hier richtig viel Geld in die Hand genommen, um den besten Tech Shop der Welt einzurichten“, sagt Wilhelm über die 2500 Quadratmeter große Werkstatt. Im September 2013 wurde sie eröffnet, bis Jahresende hat Wilhelm rund 2000 Besucher und 4000 Autodesk-Angestellte durch Pier 9 geführt: „Wir wollen die Schnittstelle zwischen Hardware und Software ausloten, an die Grenzen des Möglichen bei Design und Herstellung gehen. Erst dann wird den meisten Leuten klar, was sie sich ausdenken und auch herstellen können.“

Die goldene Ingenieurs-Ära

Der Anschauungsunterricht dient der Neuorientierung der Firma. Man will weg vom angestaubten Image des Softwareherstellers für Architekten und Ingenieure. Kollaboration, gemeinsames Arbeiten in der Cloud soll das nächste große Ding werden. Wenn 3D-Drucker erst einmal allgegenwärtig sein werden, will Autodesk an der neuen Arbeit mit ihnen verdienen.

Noch ist es nicht so weit: Der Vorstandsvorsitzende Carl Bass tut erst gar nicht so, als ob schon alles in trockenen Tüchern wäre. Der Mathematiker leitet das Unternehmen seit 2006 und hat es auf einen radikal neuen Kurs gebracht. Er sieht drei wichtige Trends: gemeinsames Arbeiten mit Mobilgeräten, Rechenleistung aus der Steckdose und sogenanntes Additives Manufacturing, bei dem Maschinen dreidimensionale Teile ausspucken – vom personalisierten Laufschuh bis zu Triebwerken für Jets. „Alte Vorstellungen sterben nur langsam. Die meisten unserer Sachen sind wirklich für Fachleute, und das wird noch eine Weile so bleiben“, gibt Bass unumwunden zu.

Der hünenhafte Firmenchef sitzt im zweiten großen Vorzeigebau seiner Firma, der Autodesk Gallery in San Franciscos Market Street. Dort macht man Kunden und Schulklassen das Entwerfen am Rechner schmackhaft. Das Unternehmen bietet Programme an, mit denen sich so gut wie alles gestalten lässt – bis hin zur Animation und zu Spezialeffekten für Hollywood-Filme und Spiele. Ein wichtiges Standbein des Unternehmens ist Software für die industrielle Fertigung und den Hoch- und Tiefbau, mit der Firmenkunden Autoteile, ganze Maschinenstraßen, Krankenhäuser, Bahntrassen oder Flugzeuge entwerfen und planen können. Ständig kauft Autodesk kleine Firmen hinzu, die Software für bestimmte Branchen anbieten.

Seit 2011 verfolgt die Firma zudem eine ehrgeizige Cloud-Strategie, um möglichst alle Software-Angebote ins Netz zu verlagern – vom Projektmanagement mit Hunderten von Mitarbeitern bis zu kompletten Designdateien im Umfang von mehreren Hundert Megabyte. Kunden zahlen für den Zugang pro Monat oder Projekt, statt wie früher Software auf den eigenen Rechnern zu installieren. Autodesk verspricht, die Dateien sicher zu speichern, jederzeit zugänglich zu machen und in Rechenzentren von Amerika bis Europa komplexe dreidimensionale Simulationen und Visualisierungen möglich zu machen. Kleine und mittelgroße Unternehmen kommen so an sonst für sie unerschwingliche Technik. Carl Bass verspricht eine fantastische Zukunft: „Wir bewegen uns auf eine Welt zu, in der wir jedes gewünschte Objekt in 3D entwerfen und quasi mit einem Knopfdruck kreieren können. Unser erster CEO sprach in den Achtzigerjahren davon, dass wir Werkzeuge für das goldene Zeitalter des Ingenieurwesens bauen würden. So weit sind wir damals nicht gekommen, aber jetzt stehen wir kurz davor.“

Heute sind mehr Menschen und Unternehmen im Netz denn je. Sie arbeiten mit Dateien und Programmen, die bis vor Kurzem Experten vorbehalten waren. Autodesk stößt aggressiv in diesen Verbrauchermarkt vor. So verschenkt das Unternehmen Apps, mit denen man aus einer Handvoll Handy-Schnappschüsse ein dreidimensionales Modell errechnen kann. „Wir beobachteten, dass immer mehr Menschen kreative Werkzeuge einsetzen, und machten ein Experiment daraus“, sagt Bass zur Einführung von Sketchbook, einem Programm, das es ermöglicht, mit den Fingern auf einem Touchscreen zu zeichnen. „Viele von uns, mich eingeschlossen, hielten das für die dümmste Idee, aber es stellte sich heraus, dass 25 Millionen Leute anderer Meinung sind.“ Solche Testballons sollen Erkenntnis bringen. Gratis-Apps und die Hightech-Werkstatt machen die Firma und ihre Produkte bekannt. Und erlauben Marktforschung am lebenden Objekt.

„Bei Verbrauchern entstehen die Trends, die auf uns zukommen“, sagt Amar Hanspal, der seit mehr als 30 Jahren bei Autodesk arbeitet und heute für Informations-Modellierung verantwortlich ist. „Apple hat es mit dem Touchscreen und dem App Store vorgemacht. Das sind Dinge, die belächelt wurden, aber die jetzt ganze Industrien revolutionieren.“ Mit neuer Technik könne man Prozesse in Fabriken viel besser organisieren oder zum Beispiel auf einer Baustelle dafür sorgen, dass alle Beteiligten automatisch die neuesten Daten sehen können, statt Pläne zu wälzen.

„Das Unternehmen befindet sich in seiner dritten Phase, was Produkte, Märkte, das Geschäftsmodell und CEOs angeht“, fährt Hanspal fort. „In den ersten zehn Jahren unseres Bestehens waren wir ein typisches Start-up, in dem wild experimentiert wurde und das mit einem Produkt groß rauskam. Dann ging es um den Umbau zu einem großen Unternehmen mit effizienten Strukturen und gutem Vertrieb, das in neue Märkte vorstieß.“ Sprich, ein Buchhalter-Typ musste her, der Ordnung in den Laden brachte. Das leistete Carol Bartz als Vorstandsvorsitzende von 1992 bis 2006. Sie konsolidierte, organisierte und begrenzte die zuweilen chaotische Tüftelei. Und hob Autodesk über die Milliardenschwelle beim Umsatz.

Prinzip Spielwiese

In der dritten Phase, sagt Hanspal, gehe es wieder darum, Pionier zu sein. „Eine Firma, die Innovationen vorantreibt und Neues erfindet. Wie viele Cloud-Projekte haben wir in Arbeit? Sicher mehr als hundert!“ Es handelt sich um Spielwiesen, die zu profitablen Ideen führen sollen. Passend dazu leistet sich Autodesk seit April 2013 einen hauseigenen Zukunftsforscher, der mit einem kleinen Team firmenübergreifend Trends aufspüren soll. Beispielsweise entwarf er für den von dem Tesla-Chef Elon Musk angeregten Hochgeschwindigkeitszug Hyperloop einen vakuumierten Tunnel aus Kohlefaser-Bauteilen. So bringt sich Autodesk als visionäres Unternehmen ins Gespräch. Diese Strategie scheint aufzugehen.

In den Geschäftsjahren 2010 bis 2013 wuchs der Umsatz um jährlich rund zehn Prozent, und in drei der vergangenen zwölf Quartale schlug das Unternehmen die Erwartungen der Wall Street. Mit einer Nettogewinnspanne von um die zehn Prozent liegt Autodesk gleichauf mit Adobe, einem seiner wichtigsten Konkurrenten, der seine Software für Multimedia-Design ebenfalls in die Cloud verlagern will.

Wie Autodesk nicht nur junge Firmen mit kleinen Budgets anlocken, sondern seinen Bestandskunden den Umstieg in die Cloud schmackhaft machen kann, ist allerdings noch offen. Bei seiner alljährlichen Nutzerkonferenz im Dezember präsentierte das Unternehmen deswegen Statistiken, die den Erfolg des Strategiewechsels belegen sollen. Autodesk 360 etwa, eine Art Facebook für Profis, verfügte demnach über 26 Millionen Kunden, die dort bislang 5,6 Millionen Designs berechnen oder grafisch darstellen ließen. Eine Onlineplattform zum interaktiven Design von Gebäuden bringt es auf 15 000 aktive Nutzer pro Monat, Siemens und die New Yorker Verkehrsbetriebe MTA zählen dazu. Das entspricht einem Zuwachs von mehr 60 Prozent innerhalb eines Jahres. Als nächstes großes Thema soll die computergestützte Fertigung im Netz hinzukommen.

Doch wer als Industriedesigner, Ingenieur oder Architekt mit großen Dateien arbeitet oder für eine Automarke streng geheime, neue Modelle entwirft, will seine Arbeit vielleicht gar nicht im Netz erledigen. Wie steht’s um den Datenschutz? Kommt man an die Dateien immer schnell und ungehindert heran? Außerhalb der USA sind solche Bedenken ausgeprägt – und insofern wichtig, da ein großer Teil des Umsatzes (38 Prozent) aus Europa stammt. „Ob die Cloud die beste oder die dümmste Entscheidung meiner Amtszeit war, wird sich erst herausstellen“, sagt Carl Bass. Autodesk ist vorgeprescht und nun in der Pole Position im Rennen um die neuen Kunden. Das Unternehmen baut seine Rechenzentren von den USA bis Asien aus und mietet Kapazitäten von Amazon Web Services dazu, damit auch große Dateien schnell verarbeitet werden können – etwa um den Lichteinfall oder den Energieverbrauch eines Hochhauses zu simulieren, während der Firmenkunde am Laptop wartet.

Außerdem arbeitet die Firma an dem ehrgeizigen Vorhaben, jedes beliebige Objekt einscannen zu lassen, statt beim Design mit einem leeren Bildschirm anzufangen. Einmal im Rechner, lassen sich ganze Fabrikhallen oder sämtliche Ampelanlagen, Laternen und Leitplanken einer Autobahn modifizieren. „Wirklichkeits-Computing“ nennt sich dieses Konzept.

„Funktioniert alles reibungslos? Noch nicht. Aber das ist nur eine Frage der Zeit, denn an diesem Problem arbeiten neben uns auch Google, Netflix und viele andere“, sagt Bass. Er ist davon überzeugt, dass immer mehr Anwender die neue Welt des Computings für sich entdecken werden. „Wir als Firma haben unsere gesamten E-Mails, unser Personalwesen, unsere Buchhaltung, eigentlich alles in der Cloud. Wenn mir jemand weismachen will, dass Unternehmen in fünf Jahren alles im Netz haben, nur nicht Ingenieur- und Design-Arbeiten, dann halte ich das für unwahrscheinlich.“

Fraglich ist auch, ob sich der Vorstoß ins 3D-Drucken lohnen wird. Noch zeichnet sich kein Massenmarkt ab. Allerdings experimentieren Unternehmen wie Rolls Royce oder General Electric damit, anspruchsvolle Komponenten wie Flugzeugteile oder maßgeschneiderte Prothesen mit dieser neuen Fertigungstechnik herzustellen. Bewährt sich dies, könnten beispielsweise Produkte für örtliche Gegebenheiten angepasst und dezentral gefertigt werden, statt sie um die halbe Welt zu transportieren.

Die Technik sei heute dort, wo man in der IT-Industrie war, als der Apple II, der erste frei verfügbare Mikrocomputer, auf den Markt kam, also 1977, so Chris Williams, ein Professor am Polytechnic Institute. Williams leitet ein Labor namens Dreams, das neue Werkstoffe, Hardware und Software wie die von Autodesk testet und außerdem die nächste Generation Designer heranziehen soll. „Wir versuchen 10 bis 15 Jahre vorauszuschauen, aber gegenwärtig scheitert diese Art der Fertigung für den Alltagsbetrieb nicht an den Maschinen oder den Werkstoffen, sondern an der Software“, sagt er.

„Einer meiner Studenten kann sich überlegen, wie der perfekte Knieschoner aus Kunststoff aussehen sollte, aber es gibt heute keine Software, die in der Lage ist, wirklich komplexes Design in ein Modell zu übersetzen, nach dem man einfach drucken kann“, sagt Williams. Hier sieht sich Autodesk heute in der Rolle, die früher Microsoft zukam. Es ist die Firma, die die Standards setzt, an denen kaum einer vorbeikommt. Dabei hilft, dass Autodesk seine Software für Schulen und Universitäten kostenlos zugänglich macht. Da bald in jeder Hochschule mindestens ein 3D-Drucker stehen wird, lernen Studenten, mit den Programmen zu arbeiten, und werden sie später am Arbeitsplatz erwarten oder sogar verlangen. Diese Strategie verfolgte in den Neunzigerjahren auch eine Computermarke: Apple.

Autodesk sorgt mit seinen unorthodoxen Methoden zudem für Talent-Nachschub – ein gewichtiges Argument, um im heiß umkämpften Arbeitsmarkt des Silicon Valley mit anderen Firmen von Adobe bis Google mithalten zu können. Wer wie Autodesk mit Pier 9 und der Galerie gleich zwei hochmodern eingerichtete Brückenköpfe in San Francisco unterhält und dort Forschern freie Hand lässt, statt die Belegschaft zum Pendeln zu zwingen, fällt positiv auf und lockt kluge Köpfe an.

MIT-Forscher und Pier-9-Chef Eric Wilhelm etwa hatte eine erfolgreiche Web-Gemeinde für Selbermacher namens „Instructables“ mit knapp 20 Millionen monatlichen Besuchern aufgebaut, bevor er sie an Autodesk verkaufte. „Wir hatten andere Angebote“, aber die seien nicht attraktiv gewesen, weil kein wirkliches Interesse an den Mitarbeitern spürbar gewesen sei. „Bei Autodesk fühlte sich das anders an. Da ist Neugier vorhanden, und wir können ein viel größeres Unternehmen von innen heraus mit neuen Ideen infizieren“, beschreibt Wilhelm die Rolle seines 30-köpfigen Teams.

Bis Gestalten wirklich zum neuen Volkssport und lukrativen Geschäft geworden ist, muss Autodesk allerdings noch Überzeugungsarbeit leisten. Analysten erwarten, dass der Umstieg in die Cloud frühestens 2015 finanziell Früchte tragen wird. Und manche Großkunden schütteln weiterhin nur den Kopf.

So führte der Unternehmenschef Carl Bass kürzlich die Delegation eines deutschen Autobauers durch seine Labors. „Sie waren vollauf begeistert“, erinnert er sich. Als Autodesks Chef die Deutschen fragte, ob sie ihre Designarbeit nun in die Cloud verlagern wollten, kam die Antwort wie aus der Pistole geschossen: „Nie im Leben.“ ---