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PayPal

PayPal konnte den Zahlungsverkehr im Netz erobern, weil die Finanzbranche geschlafen hat. Nun ist sie aufgewacht.





I. Die Vorgeschichte

Wäre es nach Ebay gegangen, gäbe es PayPal heute nicht. Der weltweit erfolgreichste Dienstleister für Geldtransfers im Internet hieße Ebay Payments, die Weiterentwicklung eines Bezahlsystems namens Billpoint. Das hatte Ebay 1999 gekauft und mit neuem Namen zur offiziellen Zahlungsfunktion für sein kräftig wachsendes Auktionskaufhaus gemacht. Es brachte für die damals in der Mehrzahl noch privaten Verkäufer große Vorteile – nun mussten sie nicht mehr auf den Briefträger mit dem Scheck warten, eine in den USA verbreitete Form des Geldtransfers. Und dass für den digitalen Bezahlservice Gebühren fällig wurden, war den Amerikanern auch nicht schwer zu vermitteln, das kannten sie von ihren Kreditkarten.

Ebay Payments war ein Selbstläufer. Das Online-Auktionshaus bewarb den Service kräftig bei seinen Kunden, doch die Nutzer mochten PayPal lieber. Der „Bezahlfreund“ war im März 2000 aus dem Zusammenschluss von zwei kleineren Anbietern hervorgegangen – X.com, gegründet von Elon Musk, und Confinity des deutschen Unternehmers Peter Thiel.

Ebay versuchte mit zahlreichen Tricks, PayPal kleinzuhalten. Doch 2001, kurz bevor die erste Internetblase platzte, vermittelte die Firma bei mehr als der Hälfte aller Ebay-Transaktionen das Geld von Käufer zu Verkäufer. Im Oktober 2002 verkauften die Gründer PayPal für 1,5 Milliarden Dollar an Ebay. Es war der erste große Deal nach dem Internet-Crash.* Musk und Thiel hatten den sogenannten PayPal-War gewonnen. Sie hießen fortan die PayPal-Mafia und investierten ihr Geld aus dem Unternehmensverkauf unter anderem in Youtube, Yelp, LinkedIn, Tesla Motors, Palantir Technologies und Yammer.

II. Die Erfolgsgeschichte

Gut zehn Jahre später ist in der PayPal-Zentrale auf dem Ebay-Campus in Dreilinden bei Berlin von innerbetrieblichen Spannungen nichts mehr zu spüren. Das wäre auch sehr seltsam. Erfolg eint bekanntlich. Und Erfolgsgeschichten lassen sich in der Welt der etablierten Finanzdienstleistungen am besten mit Zahlen erzählen. Auf dem Besprechungstisch vor dem Deutschland-Chef Arnulf Keese liegt ein „Fact-Sheet“ mit „Key-Figures“. Auf dem steht für das Jahr 2013:

• PayPal machte weltweit einen Umsatz von 6,6 Milliarden Dollar. 20 Prozent mehr als im Jahr zuvor.

• Die Nutzer der knapp 150 Millionen PayPal-Konten überwiesen 180 Milliarden Dollar mithilfe des Dienstes.

• PayPal erwirtschaftete 41 Prozent vom Ebay-Umsatz.

Keese sagt: „Wir haben nie einen Trend erfunden. Wir folgen schlicht und einfach dem Verhalten der Nutzer.“ Und die wünschten es sich unkompliziert und sicher. „Drei Klicks pro Überweisung, verbunden mit umfassendem Schutz für Käufer und Verkäufer. Das ist der Kern unseres Angebots beim Onlinehandel. Und auf dem bauen wir jetzt bei mobilen Zahlungsanwendungen auf.“

Warum haben die Banken nicht hinbekommen, was PayPal gelang? Zu den Angeboten „der Konkurrenz“ möchte sich Keese „grundsätzlich nicht äußern“. Etwas später stellt er dann aber zwei Fragen in den Raum, die eigentlich nur die Konkurrenz beantworten könnte: „Der Kunde fragt sich, warum im Jahr 2014 eine 22-stellige IBAN eingeführt wird, die man sich nicht merken kann? Warum kann eine Kontonummer nicht einfach name@meinebank.de lauten?“

Den Kunden Arnulf Keese mögen IBAN und BIC-Code nerven. In seiner Rolle als PayPal-Geschäftsführer dürfte er die Umstellung als glückliche Fügung wahrnehmen. In einem Onlineshop eine alte Kontonummer aus dem Kopf einzutippen ist nicht besonders bequem, aber für die meisten Leute machbar. Den irgendwo notierten IBAN-Code abzutippen dürfte die Mehrheit der Kunden als Zumutung empfinden. So manche werden auf alternativem Wege zahlen. Onlineshops bieten in Deutschland im Schnitt 5,5 Methoden an. Fast alle haben auch das blaue PayPal-Logo eingebunden.

Wie viele Kunden es hierzulande anklicken, steht auf Keeses Faktenblatt leider nicht. Die Firma veröffentlicht keine nach Ländern aufgeschlüsselten Zahlen. Eine Studie des E-Commerce-Centers Köln schätzt nach Händlerbefragungen, dass PayPal bei knapp 30 Prozent der Onlinekäufe das Geld transferiert. Es ist damit der beliebteste Bezahldienst im deutschen Netz. 25 Prozent der Käufer zahlen laut Studie per Rechnung. Mit Kreditkarte, lange vor der Internet-Ära erfunden, zahlen nur 20 Prozent.

III. Die Schwächen der anderen

Dass sich PayPal in Deutschland durchsetzen konnte, ist erklärungsbedürftig, denn der Kreditkarte gelang dies als Zahlungsmittel für die Massen nicht. Händlern und Kunden waren die vergleichsweise hohen Gebühren immer suspekt. Und mit der EC-Karte gab es bald eine billigere bargeldlose Konkurrentin.

Auch PayPal ist auf den ersten Blick eine teure Lösung. Der Geldempfänger, also meist ein Onlinehändler, muss wie bei Kreditkarten Gebühren zahlen, rund zwei Prozent des Kaufpreises – bei Auslandstransaktionen unter Umständen deutlich mehr. Davon lebt PayPal und kassiert gleich doppelt, wenn der Empfänger das Geld nicht auf ein Bankkonto weiterleitet, sondern mit seinem PayPal-Guthaben Rechnungen begleicht. Die Gebühr zahlt in der Regel der neue Empfänger. Auch online geht es bekanntlich billiger. Wenn der Kunde die Ware per Bankeinzug bezahlt, kostet das den Händler nur rund zwei Promille des Kaufpreises. Überweist der Käufer das Geld von seinem Konto an den Händler, kostet das beide Parteien in der Regel gar nichts. Daher stellt sich die Frage: Warum ist PayPal trotz hoher Gebühren so erfolgreich?

Die Konsum-Wissenschaftlerin Karin Frick, Leiterin Research des Gottlieb Duttweiler Instituts in Zürich, weiß das aus eigener Erfahrung: „Ich selbst bezahle online eigentlich immer mit PayPal. Weil es erstens so bequem ist und zweitens besonders beim Zahlungsverkehr Vertrauen durch Vertrautheit entsteht.“ Auch Frick kann sich – so viel zum Thema Bequemlichkeit – ihre Kreditkartennummer einfach nicht merken.

Beim Thema Vertrauen muss sie etwas weiter ausholen. Denn eigentlich hatte die Finanzbranche alle Trümpfe in der Hand. Die Leute trauen Banken in Europa zumindest so weit, dass sie Geld zuverlässig von Konto A auf Konto B überweisen. Und von den Kreditkartenfirmen weiß man, dass es sich um solvente Gesellschaften handelt, die ein hohes Maß an Sicherheit garantieren.

Allerdings, so Fricks Deutung, sind Kunden konservativ. Am liebsten würden sie bar bezahlen, aber das geht online nun mal nicht. Und: Sicherheit ist vor allem gefühlte Sicherheit. PayPal hat seinen Kunden diesen Eindruck mit dem Versprechen des „Käuferschutzes“ vermittelt. Je öfter ein neuer Kunde den Service nutzt, desto sicherer fühlt er sich. Nach ein paar Zahlungsvorgängen denkt er nicht mehr über eine Alternative nach.

Die Kreditkarten haben dagegen ein Imageproblem. Viele Leute haben Angst, ihre Daten im Internet zu übermitteln, denn jeder hat schon mal von Missbrauch gehört. Und einem Unbekannten Zugang zum Konto per Lastschrift zu geben erscheint vorsichtigen Kunden verwegen. Beim subjektiven Sicherheitsgefühl spielen nach Fricks Einschätzung die Fakten eine untergeordnete Rolle. Denn natürlich können Kriminelle auch PayPal-Konten knacken und illegale Zahlungsvorgänge auslösen. Dann muss sich der Geschädigte ebenso mit der Firma auseinandersetzen, wie er es bei gestohlenen Kreditkartendaten oder einem illegalen Bankeinzug tun muss.

Die Ironie der Geschichte ist: Vor lauter Sicherheitsdenken haben Banken einen Anbieter groß werden lassen, der sicher erscheint. Und mit Bequemlichkeit punktet. PayPals Erfolg ist vor allem ein Ausdruck der fehlenden Innovationsfreude der Banken. Dabei gab es auch dort vor zehn Jahren Ideen für Onlinebezahlmethoden. Aber jedes neue System birgt Risiken, was die Juristen in den Konzernen nervös machte. Das Ergebnis war laut Frick „keine innovative Zahlungsanwendung, sondern viel Frustration bei Projektleitern“.

Hinzu kommt: Kaum jemand weiß, dass die Kreditkarten im Onlinehandel ebenfalls „Käuferschutz“ bieten, weil die Anbieter diese Garantie nicht so nennen und nicht damit werben. Denn, so ein Bank-Insider: „Du findest bei uns immer einen Juristen, der immer einen Einzelfall findet, bei dem das dann nicht so genau zutrifft. Und weil immer irgendein Vorstand Angst hat, man könnte Leute animieren, von einem möglichen Rückerstattungsrecht Gebrauch zu machen.“ Der Insider sagt aber auch: „Der Erfolg von PayPal hat die Branche aufgeweckt.“

IV. Der Gegenschlag

Die Antworten der Banken und Kreditkartenanbieter heißen V.me und MasterPass. Die digitalen Geldbörsen von Visa und Mastercard gibt es bereits in anderen europäischen Ländern. In der zweiten Jahreshälfte soll man auch hierzulande mit ihnen am Rechner, auf dem Tablet oder unterwegs mit dem Smartphone bezahlen können. Offenbar ist nun auch bei den Großen in der Finanzbranche der Groschen gefallen: Im Internet ist Bequemlichkeit ein erheblicher Wettbewerbsvorteil. Den nehmen sie nun PayPal weg: Auch bei V.me und MasterPass muss der Onlinekunde lediglich dreimal klicken und hat damit bezahlt.

Der Aufwand für die Konzerne hielt sich in Grenzen. „Beim Nutzererlebnis, also insbesondere dem Frontend, mussten wir das Rad nicht neu erfinden“, sagt Michael Hoffmann, Leiter der Strategischen Planung bei Visa Deutschland. „Und beim Marktzugang haben wir viele Partner in Deutschland und Europa. Bei den Prozessen im Backend können wir auf die bestehende Infrastruktur und jahrelange Erfahrung zurückgreifen.“

Rund 15 Jahre nach der Gründung von PayPal mögen die Banken und Kreditkartenanbieter bei Onlinebezahlangeboten spät aufgewacht sein. Aber vermutlich nicht zu spät. Für Interessierte wird es einfach sein, an eine digitale Geldbörse zu kommen. Denn die ist de facto nur eine vertragliche Erweiterung des bereits bestehenden Giro- oder Kreditkartenkontos. Bestandskunden von einer bequemen und kostenlosen Zusatzbezahlfunktion zu überzeugen ist keine hohe Hürde.

Das zweite Hindernis gilt es bei den Händlern zu überwinden, um eine kritische Masse zu erreichen. Die Kreditkartenanbieter sind bereits nahezu überall vertreten, wo man online bezahlen kann. Dank ihrer über Jahrzehnte gewachsenen Geschäftsbeziehungen zu Privatkunden und Händlern können sie also beide Hürden in einem Sprung nehmen. Und falls das Handy in absehbarer Zeit zur Geldbörse im stationären Handel werden sollte, haben die Platzhirsche sogar einen strategischen Vorsprung. Mit ihren Lesegeräten sind sie schon fast überall vor Ort.

Im sogenannten Backend, der Verwaltungsoberfläche, will man dann seine „Erfahrung beim Skalieren von Prozessen, beim Risikomanagement und der Abwicklung von Zahlungstransaktionen einbringen“, wie der Visa-Mann Hoffmann es ausdrückt. Im Klartext: Es geht um die Masse. Nur wer viele Zahlungen mit guter Technik abwickelt, für möglichst wenige Zahlungsausfälle durch unzuverlässige Kunden oder unseriöse Händler aufkommen muss und zudem Cyberkriminelle außen vor hält, wird langfristig gute Geschäfte machen. Das können Banken, Visa und Mastercard.

V. Man schlägt sich, man verträgt sich

Wer macht das Rennen? Vielleicht ist das die falsche Frage. Denn einiges deutet darauf hin, dass sich Platzhirsche und Newcomer zunehmend auf das konzentrieren, was sie besonders gut können – und die Gebühren dann untereinander aufteilen. Die Kreditkartenunternehmen mögen die Bezeichnung Kreditkartenunternehmen gar nicht mehr so gern, sondern positionieren sich als Technikanbieter, die zum Beispiel für Vodafone die mobilen Zahlungsapplikationen entwickeln. Google verliert seit Jahren Milliardenbeträge mit seiner eigenen Bezahlfunktion Google-Wallet. Dort hat man offenkundig die rechtliche und technische Komplexität des Projekts unterschätzt und könnte nach neuen Verbindungen Ausschau halten. Kundenkartenanbieter wie Payback werden ebenfalls als interessante Partner gehandelt, falls sie auf dem Markt Fuß fassen, sobald das Handy zum wichtigen Zahlungsmittel an der Supermarktkasse wird.

Und auch das Verhältnis zwischen Banken und ihren Kreditkartenmarken auf der einen und PayPal auf der anderen Seite ist komplexer, als ein mit harten Bandagen geführter Kampf um Marktanteile bei den Online-Payments vermuten lässt.

Denn PayPal ist nicht nur Konkurrent, sondern zugleich ein sehr wichtiger Kunde von Visa und Mastercard. Wenn PayPal-Nutzer in ihrem Konto eine Kreditkarte als Zahlungsquelle hinterlegen, muss PayPal bei jeder Transaktion dem Kreditkartenanbieter eine Gebühr zahlen. In diesem Fall wird es für den Geldempfänger besonders teuer: PayPal erhöht dann nämlich die eigenen Gebühren um rund zwei Prozent, was vielen Onlinehändlern das Geschäft vermiest. Grundsätzlich ist PayPal deshalb daran interessiert, dass seine Kunden möglichst viel Geld auf dem hauseigenen Konto deponieren oder den Bankeinzug gestatten. Dann bleibt die Transfer-Dienstleistung relativ günstig, die Banken haben die Arbeit, und PayPal hat den finanziellen Vorteil.

Auf die Sicherheit einer hinterlegten Kreditkarte will die Ebay-Tochter aber lieber nicht verzichten. Das spüren alle PayPal-Kontoinhaber, wenn ihre Kreditkarte ausläuft. Dann bombardiert PayPal sie mit E-Mails und dem Hinweis: „Bitte aktualisieren Sie das Gültigkeitsdatum Ihrer Kreditkarte, damit Sie weiterhin schnell mit PayPal bezahlen können.“ ---

Wie funktioniert PayPal?

Die Nutzer des Dienstes haben ein virtuelles Konto. Es hat keine Nummer, sondern wird durch die E-Mail-Adresse des Inhabers identifiziert. Um Beträge auf ein anderes PayPal-Konto überweisen zu können, müssen die Inhaber ihres mit Geld aufladen, eine Kreditkarte hinterlegen, das GiroPay-Verfahren nutzen oder PayPal eine Bankeinzugsermächtigung erteilen. Der große Vorteil des Dienstes: Bei einer Überweisung wird dem Empfänger der Betrag sofort gutgeschrieben. Ein Onlinehändler kann seine Ware also umgehend verschicken. Abgesehen vom Zahlungseingang erhält der Händler von PayPal keine Daten des Überweisenden. Das soll den Missbrauch deutlich erschweren.

Das PayPal-Konto ist kostenlos. Die Gebühren bei einer Überweisung von rund zwei Prozent muss der Empfänger bezahlen. In Europa hat die Ebay-Tochter seit 2007 eine Banklizenz. Der europäische Sitz ist in Luxemburg.

Kritiker werfen PayPal vor, dass der im Marketing verwendete Begriff „Käuferschutz“ irreführend sei. Den Allgemeinen Geschäftsbedingungen des Unternehmens zufolge handle es sich in wesentlichen Teilen nicht um ein Recht, das der Geschädigte von PayPal einfordern könne.

* Den Kampf um die Vorherrschaft in der Frühphase des Onlinebezahlens beschreibt im Stil eines Insider-Thrillers das Buch „The PayPal Wars“ des Mitgründers Eric Jackson.