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Hendrik Brandis (Earlybird) im Interview

In Deutschland fehlt Wagniskapital in Milliardenhöhe. Warum das so ist und was man dagegen tun kann, erklärt Hendrik Brandis, Gründer und Partner des Venture-Capital-Unternehmens Earlybird.





brand eins: Herr Brandis, laut Branchenverband BVK wurden 2013 in Deutschland gerade mal 674 Millionen Euro Wagniskapital investiert. In den USA waren es weit mehr als 20 Milliarden. Warum ist Venture Capital bei uns ein so schwieriges Geschäft?

Hendrik Brandis: Das Platzen der New-Economy-Blase und die Krise nach 2008 haben den Ruf unserer Branche schwer beschädigt. Hinzu kommt, dass die Venture-Performance in den Jahren 2000 bis 2010 im Schnitt tatsächlich schlecht war. Ich würde sagen, die Branche hat in dieser Zeit unterm Strich Geld verloren, und zwar in der ganzen Welt. Und Investoren machen ihre Entscheidungen nun mal meist vom Blick in den Rückspiegel abhängig. Sie sind verständlicherweise skeptisch. Aber: Wer Chancen wahrnehmen will, muss nach vorne schauen.

In den USA ist die Skepsis nicht so groß.

Dort blickt Venture Capital auch auf eine lange Geschichte zurück und hat über Jahrzehnte tolle Gewinne erwirtschaftet, bevor in der vergangenen Dekade ein oder zwei Fondsgenerationen Geld verloren haben. In Deutschland ist die Venture-Branche erst Ende der Neunzigerjahre entstanden und damit gleich zum Start in stürmische See geraten. Zudem investieren in den USA Pensions- und Staatsfonds sowie Stiftungen den Löwenanteil des Kapitals in die Venture-Fonds. Diese Investoren gibt es in Deutschland kaum: Das deutsche Rentensystem funktioniert nach dem Umlageverfahren und basiert nicht auf Fonds. Und Banken und Versicherungen müssen per Gesetz ein sehr hohes Eigenkapital nachweisen, wenn sie Risiken eingehen wollen. Das können sich aber nur wenige Institutionen und auch nur in Ausnahmefällen erlauben.

Vielleicht gibt es in Deutschland auch einfach keine Ideen?

Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass es uns nicht daran mangelt – es mangelt uns an Venture Capital, um Ideen zum Erfolg zu führen. Schauen Sie nach Berlin. Dort hat sich in den vergangenen Jahren eine Gründer-Szene entwickelt, die zeigt, welches Potenzial es bei uns gibt. Der Boom zeigt auch, dass wir in der Gründungsfinanzierung mittlerweile recht gut aufgestellt sind. Es gibt viele Business Angels und Gründer-Fonds, die jungen Unternehmern ein paar Tausend oder auch ein paar Hunderttausend Euro zur Verfügung stellen. Die Schwierigkeiten entstehen, wenn ein Start-up mehr Geld braucht, um zu wachsen. Sagen wir eine, drei oder fünf Millionen Euro. Dann findet es plötzlich kaum noch Geldgeber. Das ist das Tal des Todes. Die meisten überleben es leider nicht.

Und dann kommen Sie und springen mit Geld zur Seite?

Richtig, das ist unsere Aufgabe. Aber es gibt eben kaum noch zehn Venture-Fonds in Deutschland – und nicht mehr hundert wie im Jahr 2000. Das ist das Nadelöhr, da fehlt es schlicht an Kapitalgebern. Für diejenigen, die das Tal des Todes durchschritten haben, finden sich dann übrigens wieder Investoren. Dann ist es auch egal, ob sie 15, 20 oder 25 Millionen Euro brauchen, weil der globale Finanzmarkt ins Spiel kommt.

Könnte man nicht auch sagen: Nur die Besten kommen durch?

Das ist sicher richtig, aber niemand weiß genau, wer künftig erfolgreich sein wird. Auch wir nicht, und – glauben Sie mir – wir betreiben einen großen Aufwand, um genau das einzuschätzen. Sie müssen immer vielen eine Chance geben, um einige zum Erfolg zu führen – und unterm Strich Gewinn zu machen. Darin liegt das Risiko unseres Geschäfts und natürlich auch die Chance und der Reiz. Wenn Sie richtig liegen, können Sie Ihr Geld verfünfzigfachen. Wenn Sie ganz falsch liegen, ist es weg. Bei uns sorgen 20 Prozent der Start-ups für etwa 90 Prozent des Wertes.

Was könnte gegen das Tal des Todes helfen?

Wir brauchen Lead-Investoren in Deutschland, die geduldiges Kapital mitbringen. So wäre es sehr hilfreich, die Fonds-Investmentprogramme der Förderbank KfW wiederzubeleben, die im Zuge der Finanzkrise von 2008 eingestellt wurden. Die KfW als führender Investor in Fonds würde Vertrauen bei ausländischen Kapitalgebern schaffen und so eine große Hebelwirkung entwickeln. In den USA wurde zum Beispiel für strukturschwächere Regionen das SBIC-Programm aufgelegt, bei dem der Staat auf einen Teil der Rendite verzichtet. Das erhöht die potenziellen Gewinne der übrigen Investoren. Die Folge: Öffentliches Geld zieht privates nach sich. Das kann einen viel größeren Wirkungsgrad haben, als Milliarden Euro in direkte Technologieförderung zu stecken.

Ist die nicht auch wichtig?

Sicher, die große Stärke unserer Wissenschaft und Wirtschaft ist es ja, bestehende Technik zu perfektionieren. Der deutsche Mittelstand ist hochinnovativ und wird zu Recht gefördert. Davon unabhängig müssen wir aber weiter versuchen, ganz neue Technologien oder Dienstleistungen zu erfinden – sonst gibt es irgendwann nichts mehr, was wir weiterentwickeln könnten. Und wir brauchen eine Infrastruktur, die revolutionäre Technologien marktfähig machen kann. Das MP3-Format wurde am Fraunhofer-Institut entwickelt – in den USA wurde es zu Geld gemacht. Wir sind in der Forschung wettbewerbsfähig, nicht aber in der Kommerzialisierung von Forschungsergebnissen, weil das hierfür notwendige Kapital fehlt.

Manche sagen, bei neuer Technik haben wir das Rennen gegen die USA längst verloren.

Ganz im Gegenteil! Die Bedingungen für einen globalen Erfolg waren dank Internet nie besser als jetzt. 2001 waren rund 100 Millionen Menschen online, bald sind es mehr als drei Milliarden. Das verschafft europäischen Gründern Zugang zu einem gigantischen Markt. Heute muss man dafür nicht mehr aus dem Silicon Valley kommen, das geht auch von Schweden aus, siehe Spotify. Oder von Deutschland, wie das Start-up 6Wunderkinder mit Wunderlist zeigt, einer Plattform, die hilft, Beruf und Freizeit zu organisieren. Allein in den vergangenen drei Jahren sind 17 europäische mit Risikokapital finanzierte Start-ups mit mehr als einer Milliarde Dollar bewertet worden. Zum Vergleich: In den zehn Jahren von 2000 bis 2010 waren es nur drei.

Wann stehen die Chancen für den Erfolg eines Start-ups gut?

Es gibt kein Patentrezept, aber ein paar Kriterien, die erfüllt werden müssen. Es müssen die richtigen Persönlichkeiten an der Spitze des Unternehmens stehen. Der Markt muss groß genug sein, damit er Platz für nachhaltiges signifikantes Wachstum bietet. Und schließlich muss die Idee stimmen. Wenn Sie sich als Neuling gegen Etablierte durchsetzen wollen, brauchen Sie einen „unfairen Wettbewerbsvorteil“. Das können Patente sein oder, gerade im Internet, sogenannte Netzwerkeffekte, die es Nachahmern schwer machen. Wenn Sie heute mit einer neuen Auktionsplattform à la Ebay kommen wollten, hätten Sie keine Chance.

Das Bundeswirtschaftsministerium hat Steuererleichterungen für Wagniskapitalgeber angekündigt und will die Einführung eines Börsensegments für Start-ups prüfen. Kann das helfen?

Direkte Steuererleichterungen sind ein heikles Thema. Meine Sorge ist, dass sie Fondsmanager auf den Plan rufen könnten, die viel vom Steuern-Sparen verstehen und wenig von Venture Capital. Es ist niemandem geholfen, wenn viel unintelligentes Geld zur Verfügung gestellt wird. Wir brauchen mehr qualifiziertes Wagniskapital. Ich bin auch skeptisch, ob ein neues Börsensegment neue Dynamik entfalten würde. Es war ja damals nicht der Neue Markt, der die Fantasien angeregt hat, sondern die Internetblase.

Was würden Sie ändern?

Das deutsche Steuerrecht hat so einige Besonderheiten, die man prüfen sollte. Die „Verlustverrechnungsbegrenzung“ zum Beispiel. Ein bestehendes Unternehmen kann seine Forschungsausgaben direkt und voll gegen den Gewinn verrechnen und damit die Hälfte der Kosten von der Steuerschuld abziehen. Ein Start-up hat in der Regel keine Gewinne und muss die Verluste deshalb in den Büchern vortragen. Die Möglichkeiten hierfür sind aber in den vergangenen Jahren immer weiter eingeschränkt worden, so dass Verlustvorträge früher oder später verfallen und junge Firmen effektiv fast doppelt so viel für Entwicklungsleistungen ausgeben müssen wie etablierte Unternehmen.

Das könnte helfen, leitet aber nicht unbedingt die Wende ein.

Wenn es die eine Lösung gäbe, hätte man sie sicher längst umgesetzt. Aber es helfen wohl nur Veränderungen auf vielen Ebenen: Erleichterungen für Venture Capital durch den Gesetzgeber. Nationale Lead-Investoren, die relevantes Kapital investieren und im Ausland für Vertrauen sorgen. Und mehr junge Unternehmer mit ein wenig gesundem Größenwahn. Nehmen Sie Elon Musk. Der entwickelte das Bezahlsystem Paypal, brachte die kommerzielle Raumfahrt voran und gründete nebenbei die Automobilfirma Tesla und ein Solarstromunternehmen. Gerade plant er eine Doppelröhre zwischen Los Angeles und San Francisco, in der ein Zug mit Schallgeschwindigkeit fahren soll. Klingt verrückt? Aber er hat Dinge hinbekommen, die nur wenige für möglich gehalten haben.

Ohne eine große Vision wäre das nicht möglich gewesen. Sein Erfolg inspiriert andere, in die Zukunft zu denken. Wer nur zurückschaut, wird die Welt nicht verändern. ---

Hendrik Brandis, Jahrgang 1963, hat Maschinenbau studiert und in Luft- und Raumfahrttechnik promoviert. Er ist einer der Mitbegründer des Venture-Capital-Unternehmens Earlybird (1997), das heute zu den erfolgreichsten in Deutschland zählt. Als Mitglied im Vorstand des Branchenverbands European Private Equity & Venture Capital Association (EVCA) setzt er sich in Brüssel für bessere Rahmenbedingungen für Wagniskapital ein. Wenn er neben seiner Patchwork-Familie mit acht Kindern Zeit findet, geht er segeln.