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Kohle her!

Warum Chinesen in Knoblauch, Wunderwürmer und Blüten investieren.





• Als junger Mann, vor rund 40 Jahren, war Wang Jianlin ein einfacher Soldat. Heute ist er 60 und der reichste Mann Chinas. Mit seinem Immobilienimperium Wanda hat er 14 Milliarden Dollar verdient, hat das US-Wirtschaftsmagazin »Forbes« für seine aktuelle Liste der wohlhabendsten Chinesen recherchiert.

Wang steht zum ersten Mal an der Spitze des Rankings, doch seine biografischen Eckdaten sind denen seiner Vorgänger zum Verwechseln ähnlich. Beim vergangenen Mal stand Zong Qinghou an erster Stelle, ein ehemaliger Fabrikarbeiter, dessen Unternehmerkarriere mit einem kleinen Schulkiosk begann. Daraus erwuchs Chinas größter Getränkekonzern, Wahaha. Ein Jahr zuvor kürte »Forbes« Liang Wengen zum reichsten Chinesen, einen Bauernjungen, der aus einer kleinen Hinterhofschweißerei den Baumaschinenkonzern Sany schuf. Der ist seit der Übernahme des traditionsreichen schwäbischen Betonpumpenherstellers Putzmeister auch außerhalb Chinas ein Begriff.

Chinas Reichste waren alle einmal arm, denn noch vor einer Generation handelte es sich um sozialistisches Entwicklungsland, in dem selbst die Privilegierten so wenig hatten, dass sie bei Auslandsreisen verstohlen benutzte Teebeutel einsteckten.

Doch wie es mit sagenhaften Aufstiegsgeschichten so ist: Die weniger Glücklichen sehen in ihnen vor allem das Versprechen, dass plötzlicher Reichtum möglich ist, wenn man nur den richtigen Riecher hat. Und nach Geld riecht es in China überall. Ständig steigt den Chinesen der Geruch einer neuen großen Chance in die Nase. Als 2013 der Preis für die virtuelle Währung Bitcoin in die Höhe schnellte, steckten dahinter maßgeblich chinesische Investoren – und das war noch eine der rationaleren Geldanlagen. Auch Knoblauch, Tee oder ominöse Heilmittel haben China in den vergangenen Jahren schon ins Spekulationsfieber gestürzt.

Dahinter steckt nichts anderes als die alte Verkäuferweisheit, dass ein gutes Produkt eine gute Geschichte braucht. Wobei sich die besten Geschichten ganz von selbst schreiben. Eine begann als Gesundheitstipp: Als 2009 im Reich der Mitte die Schweinegrippe grassierte und mit ihr die Angst vor einem neuen Supervirus, verwiesen chinesische Medien auf die immunsystemfördernde Wirkung von Knoblauch. Familien, Schulküchen und Firmenkantinen begannen, Vorräte anzulegen. Bald kursierte das Gerücht, Knoblauch könne knapp werden – und damit wertvoll. Aus Gerede wurde eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Spekulanten begannen, das Lauchgemüse lastwagenweise aufzukaufen, in Lagerhäusern zu horten und von einer weltmarktbestimmenden Rolle zu träumen. Immerhin komme 75 Prozent des weltweit erzeugten Knoblauchs aus China, hieß es (eine der vielen Weltmarktstatistiken, deren Herkunft im Dunkeln liegt). Im Internet entstanden Handelsforen, innerhalb weniger Monate stieg der Knoblauchpreis um das 40-fache. In chinesischen Medien, wo Alltagsmärchen von plötzlichem Reichtum ein eigenes Genre sind, häuften sich die Storys von erfolgreichen Zockern: Ein Chauffeur investierte die gesammelten Ersparnisse von Familie und Freunden, umgerechnet rund 40 000 Euro, in 300 Tonnen Knoblauch und stieß ihn einige Monate später mit einem Profit von 50 000 Euro wieder ab, was mehr als zehn guten Jahresgehältern entspricht. Ein arbeitsloser 22-Jähriger brachte es mit Knoblauchgeschäften zu einer Luxuslimousine, ein anderer Händler führte Journalisten sogar durch eine 300 Quadratmeter große Villa, die er angeblich allein dem Zwiebelgewächs verdankte.

Natürlich erfüllte sich der Traum vom Knoblauchreichtum nur für wenige. Von der Massenspekulation alarmiert, ließ die Regierung gegen die Mär von der medizinischen Wirkkraft anschreiben. Mit der nächsten Ernte entwich dann die letzte Luft aus der Blase. Chinas Bauern hatten in der Hoffnung auf hohe Gewinne massenhaft Knoblauch angebaut – und mussten ihn nun zum Teil wieder unterpflügen. Den Medien war das kaum noch eine Randnotiz wert. Geld zu verlieren ist keine Story.

Bei so viel Streben nach Geld ist es logisch, dass auch das Objekt der Begierde selbst zur Handelsware geworden ist: Im Internet gibt es Dutzende Websites von Falschgeld-Anbietern. „Absolute Glaubwürdigkeit“ verspricht etwa ein Blütenhändler, der sich Herr Long nennt und für die Kontaktaufnahme eine Handynummer angibt. „Sicherheit und Ehrlichkeit sind in unserem Geschäft entscheidend“, wirbt er um Vertrauen. Ein anderer gibt an, sein Geld werde in Taiwan auf modernsten Maschinen gedruckt. „Exquisite Verarbeitung, Wasserzeichen, Farbe – alles wie bei richtigem Geld. Selbst das Rascheln der Geldbündel klingt echt.“

Der Wechselkurs zur echten Währung richtet sich nach der Qualität, die besten Blüten kosten bis zu einem Drittel des Nennwertes. Sie sind so verbreitet, dass sie sogar von den Staatsbanken oft nicht einkassiert, sondern wieder in Umlauf gebracht werden. Wer am Automaten Geld abhebt, muss damit rechnen auch den einen oder anderen falschen Schein untergejubelt zu bekommen. Ob die Banker dabei aus den gleichen Motiven handeln wie die Normalbürger oder ob ihre Prüftechnik versagt, ist Thema wilder Spekulationen. Um sich davor zu schützen, kann man in China Handys mit eingebautem Wasserzeichenprüfer kaufen. Aber solange man Falschgeld problemlos ausgeben kann, steht es dem echten Geld im Wert kaum nach. ---