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Manfred Pokrandt

Ein Berliner Altrocker wird Unternehmer. Und zieht die erste Suchmaschine der Welt für Live-Musik-Termine hoch.




- Es mag sein, dass er für einen Jungunternehmer schon etwas alt ist. Gut möglich auch, dass sein Vorname eher zu einem Lastwagenfahrer zu passen scheint als zu einem Mann, der sich anschickt, das Google für Live-Musik-Termine auf die Beine zu stellen. Und sehr viel mehr als nur sehr wahrscheinlich ist, dass dieser breite Kerl, der aussieht wie eine Eiche mit Mittelscheitel, mit seinen langen blonden Haaren, seiner Vorliebe für bequemes Schuhwerk und seiner Abneigung gegen Anzug und Krawatte im Kosmos der smarten Entrepreneure seltsam fremd wirkt und deplatziert.

Man unterschätzt ihn leicht.

Manne Pokrandt, 56 Jahre alt, gebürtiger Cottbuser, Bluesrocker, Tonstudiobetreiber. Neugieriger.

Vor dem ersten Pitch seines Lebens, vor gut einem Jahr in der EMI-Firmenzentrale in London, musste Manne fleißig üben. Englisch und er, das ist so eine Sache. Mit seinem Finanzierungsberater lief er vor der Präsentation durch den Hyde Park. Immer wieder übten sie den vorbereiteten Dialog.

Manne: "Imagine you are in Berlin and want to go to a concert. Rock, Jazz, Metal, Classics - where could you go?"

Finanzierungsberater: "A question Google does not answer well at all. We have the solution."

Was Google nicht zuwege bringt, schüttelt Manne Pokrandt locker aus dem Ärmel? Ein in die Jahre gekommener Rocker mit DDR-Vita, der seit 26 Jahren mit demselben ostdeutschen Bluesrock-Quartett namens Engerling durch die Clubs und Säle der Republik zieht? Ost-Rockmusiker, sind das nicht mehrheitlich Gestalten, die gemeinsam mit ihrem allmählich vergreisenden Publikum vermeintlich besseren Zeiten hinterherweinen?

Wer so denkt, ist dem Mann noch nie begegnet. Denn wenn es darum geht, jemanden zu finden, der mit offenen Augen durch Welt und Zeit geht, die richtigen Fragen stellt und aus den Antworten seinen Lebenslauf schmiedet, dann ist Pokrandt eine gute Wahl. Eine Mischung aus Neugier, Lebenslust, Können und mitunter an Sturheit grenzende Beharrlichkeit führte den einstigen Mathematiker, der seine Diplomarbeit über die Lösung steifer Differenzialgleichungen mit dem kombinierten Simulationssystem Simkom S/80 irgendwo zu Hause herumliegen hat, zu den Stationen seines Lebens.

Nachdem ein Berufsmusiker ihm während der Armeezeit erzählt hatte, was selbst in der DDR hinter der Bühne so alles los ist, war ihm klar: Ich werde Musiker. Das Schlagzeugspiel lernte er, weil seine damalige Band dringend einen Trommler brauchte und weil er es leid war, auf Familienfeiern "La Paloma" auf dem Akkordeon zu spielen. Zum Bass kam er, weil der etatmäßige Basser ein paar Stunden vor dem Auftritt hingeworfen hatte. "Du weißt doch, wo die Töne sind", sagten die Kollegen zu Manne. Und als eines Tages, irgendwann in den Achtzigern, ein Bekannter anfragte, ob er fürs Stadttheater Anklam vielleicht die Hymne "O Anklam meine Perle" aufnehmen könne, legte er den Grundstein für sein privates Aufnahmestudio, zu DDR-Zeiten fast ein Unding, das er seit damals erfolgreich betreibt. Jedes Mal stellte er sich die gleichen Fragen: "Geht das eigentlich? Kann ich das?"

Wer verstehen will, warum Manfred Pokrandt, den fast alle Manne nennen, noch mal richtig loslegte und ein Unternehmen gründete, in einem Alter, in dem andere schon die Jahre bis zur Rente zählen, muss ihn gedanklich zurück ins Jahr 2005 begleiten. Vor dem Abflug in den Urlaub auf den Philippinen sah er im Internet nach, welche Bands während seiner Urlaubszeit in Manila spielten. Er wollte abends Musik hören, was normal ist, wenn man selbst Musiker ist. "Im Internet habe ich nichts, aber auch gar nichts gefunden", erinnert er sich. "Dann war ich in Manila und stellte fest: Jeden Abend spielt an jeder Ecke eine Band."

Als er zurück in Berlin war, fragte er sich, warum es keine Suchmaschine für Live-Musik-Termine gibt. Und zwar nicht nur für eine Stadt, sondern für ganz Deutschland. Ach was, für die ganze Welt! Am besten gleich mit einem Filter, der eine Vorauswahl nach Musik-Genres trifft. Weil der Volksmusik-Fan auf Death-Metal-Konzerttipps in der Regel ganz gut verzichten kann. Aber wie geht das? Kriegt man so was hin?

Und weil ihm niemand eine befriedigende Antwort geben konnte, entschloss er sich, die Antwort selbst zu geben. "Keine Ahnung, ob's funktioniert, aber ich versuch's einfach." Den Zeitpunkt hielt er für günstig - immer wieder "Mama Wilson", immer der gleiche Basslauf bei "Riders on the storm", das konnte es nicht gewesen sein. Auch die CD-Produktionen in seinem Tonstudio waren zur Routine geworden. Eine Reise mit ungewissem Ausgang kam ihm gerade recht.

Der Name für seine Suchmaschine war schnell gefunden, gemeinsam mit einem Freund kam Manne auf Hoolp, aber die entsprechende Internet-Adresse war schon vergeben. Also packte er noch ein "o" dazu: Hooolp. Das war der leichte Teil. Der schwerere begann mit einem Blick auf die Landkarte. "So, da unten links ist also das Saarland", grummelte er vor sich hin. "Und woher soll ich nun wissen, welche Bands da spielen, in Saarbrücken, Blieskastel oder Kleinblittersdorf?"

Fehler sind dafür da, dass man sie macht

Er stellte eine kleine Truppe zusammen, überwiegend Schüler und Studenten. Sie grasten Stadtmagazine, Tageszeitungen und Internet-Portale ab und hackten alle Konzerttermine, die sie fanden, in die Tastatur. Ein hoffnungsloses Unterfangen. "Auf diese Weise kriegen wir nie alle Termine zusammen", wurde Manne klar. Wer sollte Millionen von Konzertdaten eingeben? Und woher sollte man sie überhaupt bekommen? Seine Leute schrieben etwa tausend Konzertveranstalter und Clubs an, auf dass sie ihm ihre Termine durchgeben. Kaum jemand antwortete. Wer, bitte schön, war Hooolp? Es gab Abende, da war er drauf und dran, die Sache zu beerdigen - und jedes Mal sagte er sich am Morgen danach wieder: Aber die Idee ist doch gut!

Er grübelte, wie er ohne großen Aufwand an die Konzertdaten herankommen könnte. Die Termine gab es ja - sie schlummerten auf den Servern der Veranstalter und Ticket-Agenturen. "Warum lassen wir unsere Datenbank eigentlich nicht direkt mit der EDV der Clubs und Ticket-Anbieter kommunizieren und holen die Termine direkt von dort?", fragte er sich. Mit seinem Programmierer bastelte er Schnittstellen und entwarf in monatelanger Arbeit einen Standard, damit der Hooolp-Server die Termine halbwegs lesbar importieren konnte. Die Konzertveranstalter für die Idee zu gewinnen erwies sich im Vergleich zu den technischen Tücken der Zusammenführung unterschiedlicher IT-Welten als leichte Aufgabe. Schließlich wollten sie Tickets verkaufen, da war ihnen jede Promotion recht - vor allem wenn sie nichts dafür bezahlen mussten. Schon bald standen die Konzertdaten auf den Hooolp-Servern, auch die der Branchengrößen wie Karsten Jahnke und Deutsche Entertainment AG.

Der Gründer begann, Geld in die Firma zu stecken. Mal waren es 1000 Euro im Monat, mal 2000, manchmal auch mehr. Schließlich musste er den Programmierer bezahlen, die Studenten und einen Content Manager. Er brauchte dringend eine verlässlichere Einnahmequelle als den Online-Konzertkalender. Es wurmte ihn, dass er seine Kunden virtuell zu ihren Wunschkonzerten geleitete, aber nicht dabei war, wenn das meiste Geld in der Wertschöpfungskette verdient wurde: beim Ticketverkauf. "Wer auf die Hooolp-Website geht, könnte doch für das ausgewählte Konzert gleich ein Ticket kaufen", überlegte sich Manne. "Und wir sagen ihm, wo er das möglichst günstig bekommt."

Aus der Idee wurde das Hooolp-Produkt "Best Price Ticket": ein Ticket-Preisvergleich, der den Nutzer mit einem Klick zum billigsten Online-Konzertkarten-Shop weiterleitet. In der Zwischenzeit sind Apps fürs iPhone und für Android-Smartphones hinzugekommen. Wer die App installiert, kann die MP3-Sammlung auf seinem Smartphone per sekundenschnellem Scan der Bandnamen auf anstehende Konzerttermine durchchecken. Zwischen zwei und sieben Prozent Provision zahlen die Ticket-Anbieter für jede verkaufte Konzertkarte an Hooolp. Seit es das Best Price Ticket gibt, muss Manne nicht mehr zubuttern.

Knapp vier Jahre nach dem Online-Start ist die Suchmaschine beachtlich weit gekommen: Die Datenbank umfasst ständig 20000 bis 25000 zukünftige Konzerttermine und mehr als 20000 Locations für Live-Musik in Deutschland. Damit verfügt man über den mit Abstand sowohl größten als auch aktuellsten Live-Musik-Datenbestand der Republik - inklusive integriertem Google Maps, das den Konzertbesucher zum Veranstaltungsort navigiert. "Das haben wir alles mit Bordmitteln geschafft, ohne externes Kapital. Das musst du erst mal hinkriegen." Er sagt das nicht ohne Stolz.

"Wenn uns einer toppen will, muss er sich schon ganz schön kümmern." Ein Manager eines sehr großen, finanzstarken Ticket-Anbieters wollte es testen. "Nun gut", reizte er Manne, "dann nehmen wir jetzt mal 50000 Euro in die Hand und bauen die Live-Musik-Suchmaschine nach." Zum ersten Mal fragte sich der Unternehmer ernsthaft, wie viel seine Firma eigentlich wert ist. "Rechne doch mal grob aus, was es kosten würde, wenn du den Auftrag bekämest, eine Plattform wie Hooolp von null aufzubauen, mit sämtlichen Features, die wir mittlerweile haben", bat er einen Bekannten, Bereichsleiter für Programmierung bei einem großen Unternehmen. "So zwischen 800000 Euro und einer Million", meldete der IT-Mann nach ein paar Tagen. "Das zahlt dir aber keiner", sagte der Manager des Ticket-Anbieters, als Manne ihm das Ergebnis präsentierte.

Seid umschlungen, Millionen!

Genau das ist sein Problem. Seit fünf Jahren hängt er mit Hooolp auf der Startbahn fest. Damit seine Firma richtig abheben kann, benötigt er Geld. Wie viel genau, mag er nicht verraten. Die Investoren, mit denen er Gespräche führt, würden das ungern aus der Zeitung erfahren, sagt er. "Aber mit 100000 Euro für ein Jahr kämen wir schon einen Schritt weiter." Damit könnte er einen Programmierer und einen Content Manager fest einstellen, eine Marketing-Aktion starten und sich vielleicht endlich ein kleines Gehalt als Geschäftsführer zahlen. "Wenn wir Hooolp auf die nächste Stufe heben wollen, geht das nur mit Fremdkapital", sagt er. "Manchmal denke ich, dass ich ganz nah dran bin."

Bislang nicht nah genug. Lob erntet er mehr als genug, aber der Weg zu den Geldtöpfen blieb ihm bislang versperrt. Dabei geben allein die Deutschen online jährlich fast eine Milliarde Euro für Konzert- und Veranstaltungskarten aus. Bei durchschnittlich drei Prozent Provision beim Ticket-Verkauf ergibt das 30 Millionen. "Wenn wir davon zehn Prozent abschöpfen, sind das drei Millionen im Jahr."

Manne hätte nichts dagegen, mit Hooolp Geld zu verdienen, richtig viel Geld. An seinem alten Renault 19 hängt er auch nicht so besonders. Er kokettiert gern mit dem Jargon der Startup-Szene und amüsiert sich darüber, dass die Investoren immer gleich nach Excel-Tabellen fragen. Also schreibt er welche: Marketingausgaben, Personalausgaben, Zugriffszahlen, Ad Impression, Einnahmen aus Provisionen, Umsatz, Gewinn. Vierzehn Millionen Euro Umsatz und fast sechs Millionen Gewinn vor Steuern in Jahr vier - solche Prognosen lesen die Investoren gern. "Die Steigerungsraten, die diesen Zahlen zugrunde liegen, sind allerdings weitgehend spekulativ", sagt Manne. Er glaubt, dass die Investoren das durchaus wissen. "Und trotzdem wollen sie immer wieder diese Excel-Charts sehen." Das leuchtet ihm nicht ein.

Jüngst haben sich Anleger, die schon abgesprungen waren, wieder zurückgemeldet. Sie hatten von einem neuen, größere Chancen versprechenden Hooolp-Produkt gehört: die Band-Box, eine leicht handhabbare virtuelle Visitenkarte für Amateur- und Profimusiker, die sich komplett über Werbebanner finanziert. Sie können dort Videos und Hörbeispiele einstellen, Tourdaten anzeigen und Infos an ihre Fans weitergeben. Bislang fand man all dies meist über mehrere Portale verstreut vor.

Viele Bands betreiben eine Website, haben eine Facebook-Präsenz und einen MySpace-Eintrag, sie füttern Twitter mit News und präsentieren ihre Videos auf Youtube. Ein sehr pflegebedürftiges, unübersichtliches und auf dem Smartphone kaum darstellbares Sammelsurium. "Man müsste eine virtuelle Kiste konstruieren, in die eine Band sämtliche Inhalte packen kann, die auf allen Plattformen gleich aussieht und sich leicht bedienen lässt", dachte Manne. Im Oktober präsentierte Hooolp mit der Beta-Version der Band-Box als Erste ein Tool für sämtliche Plattformen. Mobile Versionen für iPhone und Android, eine Facebook- sowie eine Windows-8-App machen das Ganze tauglich für Smartphones und Tablets. "Sagt sofort Bescheid, wenn ihr das fertig habt, dann kann ich den ganzen anderen Mist zumachen", sagten Musiker, als Manne ihnen von der Idee erzählte.

Er schätzt das wirtschaftliche Potenzial der Band-Box weit größer ein als das von Suchmaschine und Best Price Ticket. "Die Zielgruppe ist von vornherein die ganze Welt, auch eine Band aus Ghana kann problemlos ihre Band-Box aufstellen. Bei der Suchmaschine brauche ich über solche Länder gar nicht erst nachzudenken. Wie soll ich denn an Ticket-Anbieter und Veranstalter aus Ghana kommen?" Weltweit existieren viele Millionen Musikgruppen. 100000 Band-Boxen in vier Jahren hält Manne für realistisch. "Wenn die im Durchschnitt auch nur 100 Fans haben, bewegen wir uns bei der Reichweite schon im zweistelligen Millionenbereich", sagt er. "Dann brauchen sich diejenigen, die uns Kapital geben, keine Sorgen mehr zu machen."

Die Herren von der EMI gaben Manne in London genau drei Minuten, also legte er gleich los und brachte den einstudierten Text unfallfrei zum Vortrag: "Imagine you are in Berlin ..." Anschließend wurden noch Fragen gestellt. Ob sie von den Ticket-Anbietern denn eine Provision kriegen, wollte einer wissen. "Ja, kriegen wir", antwortete Manne. "Alle Achtung!", sagte der Mann. Und Manne dachte: "Ja glaubt der denn, wir hätten drei Jahre geschnarcht?" Geld gab es nicht, obwohl die EMI-Leute Hooolp ziemlich klasse fanden, da ist sich Manne sicher. "Wir sind nicht die Sieger, doch wir waren gut", sagte er beim Rausgehen zu sich selbst. Genauso heißt es auch in einem alten Song seiner Band Engerling.

Dass es nicht geklappt hat bei seinem ersten Pitch, das konnte ihn nicht umhauen. Und er wird auch nicht von der Idee abrücken, von allen Rädern immer nur das größte drehen zu wollen. Andere würden es eine Vision nennen und von Performance sprechen. Er sagt: "Das läuft jetzt heiß." Fünf Jahre Arbeit, Geld und Energie hat er in sein Unternehmen gesteckt, und Manne findet, Hooolp könnte jetzt mal langsam so richtig abheben.

Und wenn nicht? "Dann waren es die fünf spannendsten Jahre meines Lebens." -