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Jugend forsch

Kinder brauchen Freiräume. Die finden sie heute im Internet. Und das ist gut so.




- Ein scharfes Taschenmesser. Eine noch schärfere Rasierklinge. Eine halb volle Schachtel Zigaretten.

Das war's, was wir in einer Pappschachtel hinter einer Schornsteinklappe auf dem ungenutzten Dachboden des Wohnhauses meines besten Freundes gebunkert hatten. Nach der Schule schlichen wir dorthin, kletterten auf einer morschen Holzleiter nach oben, um die Klappe zu erreichen, kramten unsere Schätze hervor, jeder paffte drei Züge, und wir fühlten uns wunderbar gefährdet dabei, obwohl es noch nicht auf der Packung stand.

Wir waren etwa zehn Jahre alt, und unsere Sammlung konnte sich sehen lassen: Messer und Rasierklingen waren zweifellos gefährlich, Zigaretten strikt verboten. Diese drei Dinge befriedigten fürs Erste unsere heimliche Neugier nach dem Verbotenen, nach alledem, was die Erwachsenen uns sonst vorenthielten.

Im Fernsehen, wo sich immer wieder mal Schulkinder in Erich-Kästner-Verfilmungen gegenseitig auf die Nase hauten und Ingrid Steegers kaum bedeckte Brüste wippten, hatte ich einen Zauberer gesehen, der eine Rasierklinge von der damals noch üblichen, dünnen Stahlblättchen-Art an den Schnittseiten zwischen Daumen und Zeigefinger geklemmt und sie durch leichten Druck verbogen hatte, ohne sich zu verletzen. Die ausdrückliche Warnung an junge Zuschauer, diesen Zaubertrick um Gottes willen nicht nachzumachen, wirkte prompt: Bald darauf nämlich stiegen wir auf unseren Dachboden, wo mir das gleiche Kunststück so lange gelang, bis mein Kumpel mir die Klinge mit den Worten "Lass mich auch mal!" zwischen den Fingern wegzog. Die Sorte Schmerz von damals ist mir bis heute so präsent, dass es sogar wehtut, darüber zu schreiben. Es blieb eine Erfahrung fürs Leben.

Nicht sehr wahrscheinlich, dass heute Zehnjährige noch Rasierklingen und Kippen auf Dachböden verstecken. Bei täglich sieben Stunden Schule mit anschließender Betreuung unter der Obhut von Lehrpersonal fehlen ihnen schlicht die Zeit und Gelegenheit. Sie stehen danach unter Aufsicht ihrer ständig über ihnen kreisenden Helikopter-Eltern und sind auch nach der Schule fast nie allein. Ganz nebenbei: Aus den Dachböden von einst sind längst Lofts mit gesicherten Schornsteinklappen geworden.

Hundertprozentig sicher ist aber, dass es die Schachtel für all jene spannenden Dinge noch gibt, die wir Erwachsenen den Kindern vorenthalten, weil sie zu Verletzungen führen könnten. Sie ist aber nicht mehr aus Pappe, sondern aus Kunststoff und Metall und heißt Computer oder Smartphone.

Jeder Zwölfjährige weiß, wie man Dateien auf einem PC oder Mac unsichtbar macht, denn Google kennt die Lösung, und so ersetzt der Suchdienst nicht, wie irrtümlich angenommen, das Wissen selbst, sondern den Weg zu genau der Erkenntnis, die gerade benötigt wird: Welche App man braucht, um gewisse Fotos auf einem Smartphone hinter einem Code zu verstecken. Oder wie man bei Facebook dafür sorgt, dass Eltern die wichtigen Posts nicht lesen können. Vorsprung durch Technik? Unsere Töchter und Söhne wissen, was sie uns voraushaben.

Und dazu haben sie jedes Recht der Welt. Denn wer Kindern keine unbeobachteten Freiräume mehr lässt, der wird sich wundern - und sollte froh und stolz darüber sein, wenn er erfährt, wie sie sich diese Freiräume verschaffen. Auch wenn das manch einen schmerzt. Denn wir sorgen uns doch in Wahrheit nicht um das Böse aus dem Internet, sondern weil wir uns selbst noch daran erinnern, wie gern sich Jugendliche von der Neugier auf das Verbotene und Gefährliche locken und treiben lassen. Wir wissen, dass ein pornografisches Bild nicht einfach so und unerwartet auf dem Handy-Display unseres Sohnes auftaucht, sondern dass er es gesucht und angeklickt hat. Wir glauben nicht wirklich, dass unsere Tochter keine Ahnung hat, wie man jemanden aus dem Chat aussperrt, sondern fürchten, dass ihre jugendliche Eitelkeit entgegen ihrer sonstigen Vernunft auf dumpfe Komplimente wildfremder Typen anspringen könnte.

Wenn wir ehrlich sind, wissen wir auch, wie wichtig die Neugier für ihre eigenen Erfahrungen und ihre Entwicklung ist. Was die Hitze des Kerzenlichts wirklich bedeutet, versteht jeder Mensch, sobald er sich einmal daran verbrannt hat. Es bleibt für Eltern natürlich wichtig, wachsam zu sein, Ratschläge zu geben, zu reden, zu warnen, notfalls auch zu verbieten. Dafür sind Eltern schließlich da, den mutwilligen Griff auf die Herdplatte abzuwenden. Niemand will seine Kinder ins Verderben rennen lassen.

Genauso wichtig ist jedoch der aufmerksame Blick dafür, was mit Kindern geschieht, wenn sie Computerspiele spielen oder Youtube-Videos anklicken, statt diese Tätigkeiten pauschal als Unsinn zu verdammen (und auch noch so zu tun, als hätten Kinder keinen Anspruch auf Unsinn). Während das Spiel Reaktionsfähigkeit, Teamgeist, das Verständnis für komplexe Systeme und den Umgang mit ihnen schult, kann die Videoplattform schon Minderjährige dazu inspirieren, selbst zum Sender zu werden. Diese Möglichkeit hätte ich als vor dem Fernseher sitzender Junge nie in Betracht gezogen.

Gerade als sich Ende der Siebzigerjahre die Bilder des entführten und später ermordeten Hanns Martin Schleyer ins Gedächtnis gebrannt und mich nächtelang beschäftigt hatten, explodierte der Punkrock und setzte Berlin unter Strom. Schon mit 14 Jahren besuchte ich mehrere Konzerte pro Woche. Nicht selten schmuggelte ich mich mangels Taschengeldes mit selbst gefälschten Tickets in die Hallen oder kletterte über Dächer, um den Konzertsaal über eine unverschlossene Hintertür im Hof zu erreichen. Die Energie der Bands, die ich erlebte, stachelte mich an. Ihre Botschaft "Das kannst du auch!" forderte mich heraus. Und so gründete ich wenige Monate später meine erste Band. Wir probten, bis wir die nötigen drei Akkorde mehr schlecht als recht spielen konnten, und traten nach wenigen Wochen zum ersten Mal vor fünf Freunden auf. Übrigens in einem Transvestiten-Club, dessen Besitzer uns "süß" fand. Eigentlich illegale und pädagogisch betrachtet nicht sonderlich förderungswürdige Aktivitäten hatten mich an einen Punkt gebracht, an dem meine Neugier zum Ausbruch eigener Kreativität geführt hatte - auf zunächst zweifelhaftem Terrain.

Sie haben das Netz erobert, ganz selbstständig

Meinen Söhnen wäre heute, als frühen Teenagern, der Besuch von Konzerten in Berlin unmöglich. Kein Türsteher würde sie in den von Kameras überwachten Saal lassen, selbst wenn sie die fälschungssicheren Tickets bezahlen könnten. So stillen sie ihren Durst nach Unbekanntem eben im Internet, das ihnen an vielen Stellen genau das Gleiche sagt wie mir damals meine Lieblingsbands: "Das kannst du auch."

Für eine Generation, die im Alltag unter Dauerbeobachtung und Dauerverdacht steht, sind das Netz und digitale Geräte heute, was für uns der heimliche Treffpunkt, das Schatzkästchen, die verbotene Zigarette war. Sie bieten Einblicke in die Erwachsenenwelt. Diese Generation findet selbst heraus, wie man Songs aus den Youtube-Videos so extrahiert, dass sie auf dem Handy des Kumpels laufen. Sie löst Herausforderungen bei der Installation und Anpassung eigener Game-Server mit der Hilfe von Gleichaltrigen. Sie bespricht und plant garantiert nicht nur Hausaufgaben mit Freunden, für die neben der Schule kaum noch Zeit bleibt, die aber dank Smartphone bei allem dabei und immer informiert sind. Ohne dass Eltern jedes Wort mitbekommen.

Diese Generation verdient Anerkennung dafür, dass sie den Kulturraum Internet mit Neugier, aber meist ohne erwachsene Anleitung erkundet und sich angeeignet hat, denn sie schult sich damit für die eigene Zukunft. Neben unserer Aufmerksamkeit und Begleitung braucht sie vor allem Vertrauen, das hoffentlich zu Selbstbewusstsein und Kritikfähigkeit beiträgt. Keine technische Kontrolle und kein elterliches Verbot bewahrt junge Leute davor, dass sie aus lauter Neugier tatsächlich heikle Erfahrungen im Netz machen. Vertrauen vonseiten der Eltern und gesundes Selbstvertrauen helfen entschieden mehr.

Von dem, was Kinder und Jugendliche gelegentlich im Netz treiben, mag einem manches nicht gefallen. Aber lassen wir sie forschen. Und lassen wir sie forsch. -

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Johnny Haeusler, 48, ist Blogger, Musiker und Radio-Moderator. Gemeinsam mit seiner Frau hat er gerade das Elternbuch "Netzgemüse - Aufzucht und Pflege der Generation Internet" bei Goldmann veröffentlicht.