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Helfen Effizienzklassen beim Energiesparen?

Verbrauchs-Label auf Elektrogeräten oder Autos sollen Kunden bei ihrer Entscheidung helfen. In der Praxis stiften sie vor allem Verwirrung.




• Die Reporter der Nachrichtenagenturen hatten noch den frischen Weihnachtsspeck auf den Hüften, da neckte sie Rainer Brüderle Anfang 2011 mit einer Wortschöpfung, die in Hugo Egon Balders Rate-Show „Genial daneben“ gepasst hätte: Gänsebratenspitze.

Alle Jahre wieder, am Vormittag des 25. Dezember, schießt der Stromverbrauch deutscher Privathaushalte in die Höhe. Statistisch gesehen, verbrät jeder Bundesbürger am ersten Weihnachtsfeiertag zwei Kilowattstunden mehr Strom als an einem gewöhnlichen Tag, so der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), bei dem sich der damalige Wirtschaftsminister den Gag ausgeborgt hatte.

So prägnant das Schlagwort ist, so wenig taugt es als Beispiel für Brüderles Thema, die Vermeidung von Lastspitzen durch intelligente Netze, die den Kunden für antizyklisches Verhalten belohnen. Niemand würde seine Weihnachtsgans erst am 27. Dezember ins Rohr schieben, selbst wenn der Strom dann nur die Hälfte kostete.

Die Gänsebratenspitze hilft jedoch, sich einen Eindruck vom Sinn der Energiekennzeichnung von Elektrogeräten zu verschaffen: Wer im Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) einen Haushaltsbackofen verkaufen will, muss das Gerät mit einem strikt genormten Etikett versehen, das ihm eine Effizienzklasse zuweist. Letztere ergibt sich aus der Strommenge, die der Ofen benötigt, um einen nassen Ziegelstein auf Gar-Temperatur zu bringen.

Ein Kompakt-Ofen der Effizienzklasse A, in den maximal eine Wildente passt, schafft das mit weniger als 0,6 Kilowattstunden (kWh). Einen Gar-Raum, in den problemlos eine Gans passt, auf die nötige Hitze zu bringen, verschlingt naturgemäß deutlich mehr Energie. In der Kompaktklasse gilt alles unter 0,8 kWh als A, ein truthahntaugliches Backrohr geht selbst dann noch als A durch, wenn es nicht mehr als 0,99 kWh verheizt.

Frisst jedoch der kleine Ofen beim Schmoren des Backsteins exakt diese Menge Strom, ist der Händler verpflichtet, seine Kunden mit einem C-Label vor dem Kauf zu warnen, obwohl die Stromkosten beim großen A-Ofen keinen Cent günstiger wären. Die entscheidende Frage lautet also nicht: A, B oder C? Sondern: Klasse A ist gesetzt, aber will ich bei jeder Tiefkühlpizza zwei Drittel mehr Strom verbrauchen, nur damit ich an Weihnachten eine Pute braten kann?

Die Logik hinter der Klassifizierung gilt für alle Produkte – vom Fernseher über Lampe, Spülmaschine, Wäschetrockner und Autoreifen bis zum Auto. Anhand des Buchstabens oder der Zahl der Pluszeichen hinter dem A lässt sich nur vergleichen, was die Brüsseler Bürokratie für vergleichbar hält.

So banal es klingt: Selbst ein hocheffizienter großer TV-Empfänger kann die Stromrechnung stärker belasten als ein veraltetes Modell mit bescheideneren Ausmaßen. Nie repräsentieren die Klassen absolute Verbrauchswerte, immer nur relative Genügsamkeit. Es gibt auch keine feste Formel, anhand derer sich aus der Klasse die prozentuale Stromersparnis ableiten ließe. Die genaue Abstufung wird für jede Produktgattung separat festgelegt. Bei Fernsehern richtet sich die Einstufung strikt nach der Bildfläche, bei Kühlschränken nach dem Rauminhalt, bei Autos nicht etwa nach der Zahl der Sitzplätze, sondern nach dem Gesamtgewicht.

Ein schneller Vergleich wird zusätzlich dadurch erschwert, dass Standardmaße wie der 82-Zentimeter-Bildschirm oder der 140-Liter-Kühlschrank in einer bizarren Produktvielfalt untergegangen sind.

Beispiel Fernseher: Ein großes Warenhaus bewirbt in seinem Flyer acht TV-Geräte mit sieben Bildschirmdiagonalen von 81 bis 152 Zentimetern und Labels von C bis A+. Eines der billigsten Modelle kommt mit 58 Watt aus; es ist der zweitbeste Wert, selbst der auf Seite 1 groß herausgestellte Fernsehapparat mit A+ verbraucht ein paar Watt mehr. Weil es kleiner ist, hat es aber nur ein B bekommen – das gleiche Zertifikat wie das zweitgrößte und energiehungrigste Gerät, obwohl sich dieses 124 Prozent mehr Strom genehmigt.

Wer nüchtern rechnet, wird sich wohl für eines der B-Modelle entscheiden: Der A+-Fernseher hat zwar ein paar Extras mehr, ist aber so teuer wie jene beiden zusammen. Seine tolle Effizienz zahlt sich deshalb womöglich ökologisch aus, nicht aber ökonomisch.

Gegenüber dem vermeintlichen Stromfresser Klasse B mit 1,27-Meter-Bild spart er 67 Watt. Bei einer TV-Tagesdosis von drei Stunden dauert es somit fünf Tage, bis auch nur eine zusätzliche Kilowattstunde auf den Zähler kommt. Der Käufer würde 350 Euro mehr hinlegen, um im Jahr 20 Euro zu sparen. Die gleiche Ersparnis kann er erzielen, wenn er vier herkömmliche 60-Watt-Glühlampen (Klasse F), die rund drei Stunden täglich brennen, durch die neuen Halogen-Glühlampen (42 Watt, Klasse C) ersetzt. Die kosten im Zehnerpack 1,50 Euro pro Stück, geben ein wärmeres Licht als Leuchtstoff-Sparlampen und halten ein bis zwei Jahre.

Guter Trick zum Sparen: die Kühlschranktür schließen

Auch bei der weißen Ware sorgt das Effizienz-Label für Verwirrung: Hersteller von Elektrogroßgeräten wie Gefrierschränken oder Waschmaschinen waren derart erfolgreich beim Verbessern ihrer Produkte, dass die einstige Spitzenklasse A längst für vorgestrige Stromvergeuder steht. Zwar ist jeder Klasse ein Farbton zugeordnet, von Tiefgrün bei A+++ über Gelb bei A bis Orangerot bei C.

Aber wer ernsthaft die Auswirkung des Kaufs auf seine Stromrechnung kalkulieren möchte, dem bleibt gar nichts anderes übrig, als konkrete Leistungsdaten zu studieren. Doch nicht einmal auf die scheinbar präzisen Kilowattstunden-Angaben, die auf jedem Label zu lesen sind, ist Verlass.

So muss bei Waschmaschinen und Geschirrspülern nicht einmal mehr der Stromverbrauch pro Waschgang genannt werden, es reicht der Jahresverbrauch – ohne dass verraten würde, welche Haushaltsgröße, welche Wassertemperatur oder welches der Programme zugrunde gelegt wurde. Dabei stopft eine Familie mit mehreren Kindern nahezu täglich die Maschine voll, ein Single lässt sie vielleicht zweimal pro Woche laufen.

Bei Wäschetrocknern dagegen ist die Verbrauchsangabe je Trocknungsvorgang obligatorisch. Doch dem zusätzlich angegebenen geschätzten Jahresverbrauch liegen mal 70, mal 200 Durchgänge zugrunde. Dabei ist gerade bei diesen Geräten die Effizienz besonders wichtig: Neue Kondensationstrockner mit Wärmepumpe sind mit 1,5 bis 2 Kilowattstunden pro Durchgang zwar immer noch enorme Stromfresser, brauchen aber weniger als die Hälfte alter Geräte. Wer sämtliche Wäsche so trocknen muss, spart leicht 200 Kilowattstunden oder 50 Euro im Jahr. Wer einen Garten hat, investiert allerdings besser in eine Wäschespinne.

Die beste Methode, den Verbrauch zu senken, kommt ohne Label aus. Es ist die bewusste Nutzung der Elektrizität. Ein Kühlschrank mit A+++ ist vor allem besser isoliert als einer mit A. Steht die Tür häufig offen, braucht er fast so viel Strom wie der andere. Vorausschauendes Kochen heißt, die Nachhitze der Platten zu nutzen. Und in leeren Zimmern muss kein Licht brennen. Stark übertrieben war allerdings die Warnung des bayerischen Umweltministers Marcel Huber vor angeblich dramatischer Stromverschwendung durch Fernseher oder Festplattenrekorder im Stand-by-Modus. Der Politiker hatte die Daten mit denen für den Normalbetrieb verwechselt. ---