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Europa ohne Zollschranken

Damit Europa zusammenwachsen konnte, brauchte es im 19. Jahrhundert keine EU. Ein freiheitsliebender Engländer genügte.




- Sie waren sehr vorsichtig. Sie durften nicht auffallen. Im Oktober 1859 reiste Richard Cobden von England nach Paris, als Privatmann. Er war verabredet mit Michel Chevalier, der zu dieser Zeit ebenso wie Cobden kein Amt innehatte. Und doch verhandelten beide im Auftrag ihrer Regierungen: Cobden für den britischen Finanzminister Edward Gladstone, Chevalier für Napoleon III. Als sie sich geeinigt hatten, schrieb Madame Chevalier persönlich den Vertragsentwurf ab, damit das Geheimpapier nicht publik wurde, ehe die Regierungen es gesehen hatten. Denn es war brisant: Die beiden Männer hatten ein Freihandelsabkommen zwischen ihren Ländern auf den Weg gebracht. Am 23. Januar 1860 trat es offiziell in Kraft.

Cobden war von seiner Mission tief überzeugt. Jahre zuvor war es dem Unternehmer aus Manchester gelungen, den Einfuhrzoll auf Getreide nach England abzuschaffen. Freihandel, glaubte er, diene nicht nur dem Wohlstand. "Friede wird auf der Erde herrschen, wenn die Menschen mehr miteinander zu tun haben werden und die Regierungen immer weniger."

Der Vertrag bescherte Europa in den 1860er-Jahren eine Phase des Wachstums. Der Handel zwischen England und Frankreich verdoppelte sich. Überall in Europa wurden die Zollschranken beseitigt. Frankreich legte den Cobden-Chevalier-Vertrag zugrunde, als es ähnliche Abkommen mit Belgien (1861), Italien, dem Deutschen Zollverein (1862), der Schweiz, Schweden, Norwegen, der Hanse, den Niederlanden (1864), Spanien (1865), Portugal und Österreich (1866) schloss. In den folgenden 15 Jahren traten auf dem Kontinent 56 Abkommen in Kraft, die den Warenverkehr erleichterten. Dem Handelsraum Europa wurden erst 1892 von den Franzosen Grenzen gesetzt. Agrarminister Jules Méline erließ Schutzzölle, um einen den Franzosen extrem wichtigen Sektor zu schützen: die Landwirtschaft. -