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Annette Patzelt

Ein Sultan lässt mitten in der Wüste einen gewaltigen Garten anlegen. Von einer Botanikerin aus Wolfenbüttel.




- Die langen, turnhallengroßen Gebäude aus Glas und Metall, umgeben von felsigem Terrain, wirken wie eine menschliche Siedlung auf einem fremden Planeten. In den Häusern ist es ganz still, bis auf das eintönige Surren der Klimaanlagen. Frauen mit Kopftüchern und in langen, schwarzen Gewändern hantieren an Arbeitsflächen aus mattiertem Edelstahl, setzen grüne Stecklinge aus winzigen in etwas größere Töpfchen um. Mehr als 100000 Pflanzen wachsen hier heran, die Vorhut für ein weltweit einmaliges Vorhaben, das erstmals ein ganzes Land in einem Garten abbilden soll. Mitten in der arabischen Wüste.

So will es Seine Majestät, Qabus Bin Said Al Said, der Herrscher im Sultanat Oman.

Damit beauftragen ließ er Annette Patzelt, eine Botanikerin aus Wolfenbüttel. Die hat den Sultan selbst noch nie gesehen. Es heißt aber, er besuche das Gelände hin und wieder unerkannt, um das Entstehen seines Gartens in Augenschein zu nehmen.

Wobei: Von Garten kann noch lange keine Rede sein. Es sind 420 Hektar Hügel, Geröll und Sand, zirka 20 Kilometer außerhalb der Hauptstadt Maskat. Eine riesige Baustelle, über deren Pisten die Lastwagen dröhnen, hinter sich einen riesigen Schweif aus Staub, derweil an anderer Stelle Arbeiter von Hand Kieselsteine auslegen und penibel die ersten Habitate drapieren.

Annette Patzelt, graues Kleid, dunkle Jeans, das brünette Haar vom Wind zerzaust, streift entschlossen durch dieses Durcheinander, mit Plänen, die jeder Pflanze einen bestimmten Platz zuordnen. Sämtliche in Oman heimischen Arten sollen eines Tages hier vertreten sein. Die bereits Auserwählten wachsen gerade in den Gewächshäusern heran. Mehr als 300000 Pflanzen wird Patzelt allein für den Erstbesatz brauchen, so hat es ein Computerprogramm ausgerechnet.

Die Zöglinge sollen später auf Schauplätzen gedeihen, die den ursprünglichen Habitaten nachempfunden sind. Berghänge aus Schotter und Geröll, ausgetrocknete Flussbetten - teilweise wurden der Wüste ganze Sanddünen entnommen und per Lastwagen herangekarrt. Ganz Oman - Wüsten, Hochgebirge, Wadis - wird im Kleinen erlebbar sein. In einigen Habitaten sollen unter riesigen Kunststoffsegeln sogar Klima und Jahreszeiten wechseln, alles gesteuert von Menschenhand.

Kurzum: ein Traum. Für den Sultan. Und für eine Botanikerin. "Den Neubau eines Botanischen Gartens wissenschaftlich zu verantworten, das ist eine Lebensaufgabe und nur wenigen Pflanzenkundlern vergönnt", sagt Annette Patzelt. Zwar gibt es weltweit mehr als 2500 Botanische Gärten mit insgesamt mehr als vier Millionen Pflanzen, tatsächlich neu angelegt aber werden kaum eine Handvoll pro Jahr.

Dass ausgerechnet sie in Oman, in der Wüste, den weltweit größten Botanischen Garten betreut, bei dessen Budget Kollegen in Deutschland nur tief seufzen können, verdankt Annette Patzelt ihrem Tick: immer auf den Boden schauen zu müssen.

Dass sie damit so weit kommen würde, war nicht abzusehen, jedenfalls nicht in jener Nacht, als sie vor 15 Jahren in einem Taxi durch Maskat fuhr, auf dem Schoß ein Baby, die kleine Tochter neben sich, vorn saß ihr Mann. Die Autofenster waren weit geöffnet, doch was sie von zu Hause als Fahrtwind kannte, legte sich nun als warme, feuchte Luft wie ein nasser Waschlappen auf ihr Gesicht. "Ich wusste nicht, was mich erwartete, aber es fühlte sich in diesem Moment richtig an, hier zu sein."

An einen Garten dachte sie nicht, über den Sultan hatte sie kaum etwas gehört - sie kam mit ihrem Mann aus München, weil auf ihn in Oman ein Job wartete. Annette Patzelt hatte ihre Stelle als Botanikerin an der Technischen Universität München dafür aufgegeben. Die Entscheidung sei ihr schwer gefallen, denn sie sei Wissenschaftlerin mit ganzem Herzen.

Das merkt man immer wieder, wenn sie während der Arbeit auf der Baustelle, aus der einmal ein Garten werden soll, nicht am Schreibtisch über den Papieren sitzen muss, sondern das Büro verlässt und unverhofft in die Anpflanzung der ersten Baobab-Bäume platzt, sich ganz selbstverständlich sofort neben den Arbeitern in den Sand kniet, zuletzt mit den Händen den Boden festklopft und dann mit ihren Gärtnern das kleine Werk bestaunt. Steht da, mit dreckiger Hose, bei 40 Grad im Schatten und sagt glücklich strahlend in die Runde: "Toll."

Annette Patzelt ist in Pflanzen vernarrt. Sie kennt die wissenschaftlichen Bezeichnungen für mehrere Tausend Gewächse auf Latein, Deutsch und Englisch, dazu Familie, Gattung, Art und Unterart. Auch sämtliche Merkmale der Pflanzen, selbst wenn sich diese mitunter nur in den gestielten oder ungestielten Drüsenhärchen entlang des Blattrandes unterscheiden. Vor allem aber hat sie den Drang, wo immer sie ist, auf den Boden zu schauen. Weil dort etwas wächst. Das ist in Wolfenbüttel so und - wie sie bald erfahren sollte - in der Wüste erst recht.

Sie fand einen Job an der staatlichen Universität Omans, die der Sultan 1986 in Maskat gegründet hatte. Dort lehrt sie im Fach Botanik. In der Freizeit widmete sie sich den Wüsten, Plateaus, Tälern und Gebirgen, entdeckte ständig neue Pflanzen, sammelte, bestimmte, lernte - und wusste eines Tages über die omanische Flora mehr als irgendjemand sonst. 2004, während einer Konferenz auf Hawaii, las sie in einer E-Mail etwas über Pläne zum Aufbau eines Botanischen Gartens in Oman. Und drei Jahre später war sie dessen erste Mitarbeiterin.

Pflanzen haben Annette Patzelt schon als kleines Mädchen fasziniert. Andere Kinder träumten Löcher in die Luft, sie schaute neugierig auf den Boden. Sagte der Vater, im Garten müsse mal wieder Unkraut gejätet werden, gab es nichts, was sie lieber getan hätte. Als Zehnjährige präsentierte sie den Eltern ihren ersten Plan zur Neugestaltung des Blumen- und Gemüsebeetes im Vorgarten. Mit zwölf wünschte sie sich nichts sehnlicher als einen Chemiebaukasten, und als sie den bekam, experimentierte sie im Keller und ging neben den eingelagerten Kartoffeln etwa der Frage nach, warum Pflanzen grün, süß, bitter oder giftig sind.

Was weckt den Samen der Rose auf?

Sie sagt: "Das Glück meiner Kindheit bestand darin, keine Termine gehabt zu haben." Einmal die Woche Cello-Unterricht, die übrige Freizeit blieb für den Garten, die Getreidefelder der Umgebung, den Chemiebaukasten im Keller. Dabei lernte sie das Fragen und die geduldige Suche nach Antwort. Aktuell ist es die Frage, wie man den Samen der Wüstenrose zum Keimen bringt. Das dauert schon vier Jahre. Keine Lösung in Sicht.

Sie steht in einem der Gewächshäuser neben Khalid Al Farsi, einem jungen Omaner, der für die Aufzucht der Pflanzen zuständig ist. Beide sind ratlos. Der Mitarbeiter hat eine tief weinrote Bohne von der Länge einer Zigarre in der Hand und zuckt immer wieder mit den Schultern. Vor ihm stehen einige Dutzend Töpfchen mit Erde. In jedem steckt ein Samen der renitenten Wüstenrose und ein Fähnchen mit den Jahreszahlen: 2009, 2010, 2011, 2012 - aber keine Spur von einem Keimling.

"Wir haben alles versucht", sagt Al Farsi. Er meint das übliche Repertoire: abschaben, einritzen, in Chemikalien baden, zuletzt von Vögeln fressen lassen und den Samen dann wieder aus den Exkrementen klauben. Es gibt Samen, die erst nach einem Jahr keimen, manche brauchen Frost, andere Hitze oder Trockenheit, manche müssen den Verdauungstrakt eines Vogels passieren. Was hat es zu bedeuten, wenn sich auch nach vier Jahren noch immer nichts unter der Krume regt?

Die Mitarbeiter ziehen alle Pflanzen aus zuvor gesammelten Samen. Kein Gewächs darf einfach irgendwo ausgegraben werden. Nur durch höhere Gewalt heimatlose Pflanzen erhalten im Garten des Sultans so etwas wie Asyl. Dazu später mehr. Annette Patzelt hat mit ihrem Team bisher mehr als zehn Millionen Samen gesammelt. Einige sind groß wie Zigarren, andere fein wie Staub. Seit 15 Jahren reist die deutsche Botanikerin durch das Land und macht dabei eine Inventur der Flora Omans. Mehr als 1400 Arten sind bislang zusammengekommen, fast 200 davon gelten als sogenannte Erstfunde oder Neuentdeckungen. Die meisten dieser Gewächse sind wissenschaftlich kaum oder gar nicht beschrieben. So fand sie in keinem Fachbuch der Welt einen Hinweis, wie sich die Samen des "unscheinbaren Endemiten" zum Keimen bringen lassen. Häufig wusste sie nicht einmal, wie die Samen einer solchen Art überhaupt aussehen. Über Monate reist sie mit ihrem Team mehrfach zu ein und derselben Pflanze, um den Moment abzupassen, in dem sie endlich Samen trägt.

Viele der einheimischen Mitarbeiter Patzelts gehören zu den ersten Absolventen der Universität Omans. Derzeit bezahlt der Sultan jedem Studenten eine Art majestätisches Bafög und eine Wohnung. Noch vor vier Jahrzehnten gab es in diesem Land im Süden der Arabischen Halbinsel sieben Kilometer betonierte Straße, drei Schulen, einen Lehrer, ein Krankenhaus und einen Arzt. Die Bevölkerung lebte von Kamelen und Datteln.

Dann kam das Öl. Und besagter neuer Sultan, der seinen Vorgänger - es war sein Vater - nach einer wilden Schießerei aus dem Palast vertrieb. Ein Gerücht besagt, das familiäre Scharmützel sei dadurch entschieden worden, dass sich der Vater aus Versehen in den eigenen Fuß schoss.

Der neue Sultan, der längst auch schon ein älterer Herr ist, versucht seit vier Jahrzehnten, mit den Ölmilliarden klüger und weitsichtiger umzugehen als die Potentaten der Nachbarschaft. Wolkenkratzer sind in Oman verboten. Der Sultan, selbst in England ausgebildet, lässt Universitäten, Straßen und Krankenhäuser bauen - und nun einen Garten anlegen mit allen Pflanzen des Landes darin.

Er will, so sieht es aus, seinem Volk mit diesem Garten auch das eigene Land zurückgeben.

Was man von Medizinmännern lernen kann

Die Arabische Halbinsel ist in der Welt der Botanik wohl so etwas wie der letzte weiße Fleck. Sie ist wenig erforscht, die einzigen Experten sind eine Professorin aus Wolfenbüttel und ein Wissenschaftler aus Edinburgh. Arabische Fachleute gibt es nicht.

Auch im Garten des Sultans zeigt sich das: Die Bauarbeiter aus Indien, die Landschaftsarchitekten aus Europa, eine Spezialfirma aus den USA legt die künstlichen Wadis an, die riesigen Kunststoffsegel kommen ebenfalls aus dem Ausland. Sogar das Erdöl, durch dessen Verkauf das Projekt finanziert wird, wird von ausländischen Unternehmen gefördert. Im gesamten arabischen Raum werden pro Jahr kaum mehr als 70 Patente angemeldet.

Der Botanische Garten Omans soll nicht nur Pflanzen und Lebensräume zeigen, sondern bei den Menschen Interesse an der Natur wecken und Wissenschaftlern eine Forschungsstätte sein. Annette Patzelt sagt: "Der Auftrag ist nicht nur, eine Touristenattraktion zu bauen. Es wird zuallererst ein Garten für die Omaner."

Im Zuge seiner rasanten Entwicklung in jüngster Zeit hat das Land womöglich vieles von dem verloren, was seine ursprüngliche Kultur ausmacht. Das uralte Wissen über die einheimischen Pflanzen und Landschaften bedeutet modernen Omanern wenig, zumindest können sie damit nichts mehr anfangen. Selbst ein diplomierter Gärtner wie Khalid Al Farsi hielt im Garten des Sultans erstmals den Samen einer Wüstenrose in Händen.

Für einen Großteil der Bevölkerung ist das eigene Land nur eine Art leblose Sandkiste. Entsprechend leichtfertig werden jahrhundertealte Wüstenrosen gerodet, wenn sie beim Bau neuer Straßen im Weg sind, weil niemand auch nur ahnt, dass sie etwas Geheimnisvolles an sich haben: Wie lässt diese Pflanze ihre Samen keimen?

Die Botanikerin Patzelt sucht daher auf ihren Reisen nicht nur Pflanzen, sondern sammelt auch Wissen, das ebenso bedroht ist wie seltene Gewächse. Sie steigt auf die Berge zu den Medizinmännern vom Stamm der Jibbali oder trifft Obstbauern in den Oasen. Gemeinsam mit einer schottischen Ethnologin erkundigt sie sich nach Erfahrungen und Legenden im Umgang mit einheimischen Pflanzen. Junge Dattelbäume etwa sollen mit Kameldung besser wachsen als mit Ziegendung, vergorene Sardinen gelten als formidabler Dünger, der Saft der giftigen Wüstenrose helfe bei Herzschwäche (dazu umrunde man die Pflanze nach der Entnahme dreimal und schaue sie dann drei Jahre nicht mehr an). Es könnte sich für die Omaner auszahlen, wenn das uralte Wissen nicht sang- und klanglos verschwände. Etwa weil Pharmafirmen neue Wirkstoffe entdecken oder die Düngemittelindustrie neugierig wird, wie es die Kleinbauern schaffen, ihre Äcker mitten in der Wüste seit Jahrhunderten fruchtbar zu halten.

Nur der Wert der alten Legende über den Baobab-Baum müsste sich wohl erst noch erweisen. Es heißt, man dürfe ihm niemals trauen, vor allem nicht nachts. Es seien schon Menschen verschwunden.

In der Realität sieht es eher danach aus, als ließen Menschen die Baobabs verschwinden. Denn von den majestätischen Bäumen existieren in Oman nur noch 35 Exemplare. Aus Sorge um die kostbaren Pflanzen beschaffte sich Annette Patzelt die Pläne sämtlicher Bauvorhaben im Land. Sie nahm Kontakt zu den Baufirmen auf, ließ Wüstenrosen, Weihrauchbäume oder Baobabs an geplanten Trassen vorsichtig ausgraben und auf Sattelschleppern in den Garten schaffen, oft über Hunderte von Kilometern hinweg. Mehr als 3500 Pflanzen fanden auf diese Weise im Garten Asyl.

Sie schaut auf die Uhr. Sie ist spät dran. Sie muss ihre Tochter von der Schule abholen. Doch vorher will sie uns noch schnell etwas zeigen und führt uns zu einer überdachten Fläche neben einem der Gewächshäuser. Wie in der Pflanzenabteilung eines Baumarkts stehen dort Hunderte junger Bäume und Sträucher. In einer Ecke streben fingergroße Triebe aus dem Erdreich. Sie sehen aus wie Miniaturpalmen. "300 kleine Baobabs", sagt Patzelt und lächelt. Es hat nicht viel gefehlt, und sie wären verschwunden, vergessen wie das Märchen, dass man sich vor ihnen fürchten müsse. "Um Leute verschwinden zu lassen, sind sie noch viel zu klein", sagt die Forscherin.

Bei der Eröffnung des Gartens werden sie nicht zu übersehen sein. Vielleicht trifft die Botanikerin aus Wolfenbüttel dann auch einmal den Sultan persönlich. Wann? Das ist völlig offen. Botanische Gärten baut man für die Ewigkeit, also ohne Eile. Vorher will Annette Patzelt auch unbedingt noch herausfinden, wie man die Samen der Wüstenrose zum Keimen bringt. -