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Blick in die Bilanz: Heimlichtuer

Der angeschlagene japanische Elektronikriese Sony könnte ein sehr profitabler Konzern sein – wenn er sich auf das konzentrierte, womit er mit Abstand am meisten verdient: Finanzgeschäfte.




Sony hatte bei der Veröffentlichung der Halbjahreszahlen für 2012 eine gute Nachricht zu bieten: Nach jahrelangen Verlusten hatte der Konzern zumindest im zuletzt auch defizitären operativen Geschäft endlich mal wieder Geld verdient, 36,5 Milliarden Yen in den ersten sechs Monaten 2012, umgerechnet 468 Millionen Dollar (aktuell rund 340 Millionen Euro). Zwar stand nach Abzug weiterer Ausgaben für beispielsweise Zinsen und Steuern immer noch ein Nettoverlust da, 514 Millionen Dollar umgerechnet. Aber der war immerhin geringer als in der Vorjahresperiode.

Das klingt zunächst, als könne dem einstigen Star der Unterhaltungselektronik und Erfinder des Walkman der Wiederaufstieg gelingen, trotz der ungeheuren Stärke neuer Konkurrenten wie Apple und Samsung. Doch so ist es nicht. Nahezu alle produzierenden Sparten des Konzerns sind defizitär oder auf dem Weg dorthin. Das Geschäft mit Kameras und Medizintechnik etwa (Imaging Products & Solutions), in dem Sony immerhin noch einer der Marktführer weltweit ist, hat fast die Hälfte seines operativen Gewinns eingebüßt, vor allem durch einen dramatischen Umsatzrückgang bei günstigen Digitalkameras, die mittlerweile immer mehr durch Smartphones mit Fotofunktion ersetzt werden. Unter der Aufrüstung der Handys leidet auch der Absatz von Sony-Spielkonsolen (Game). Die konzerneigenen Mobiltelefone (Mobile Products & Communications) wiederum kommen gegen die übermächtige Konkurrenz von Apple und Samsung nicht an, der Vorjahrsverlust stieg um mehr als das Zehnfache. Auch bei den Fernsehern (Home Entertainment & Sound) brach der Umsatz ein – aber immerhin verringerte sich hier der Verlust um mehr als 50 Prozent dank rigider Sparmaßnahmen. Der Musikverlag (Sony Music Entertainment) und das Filmgeschäft sind zwar profitabel, aber die Gewinne schmelzen rapide.

Ein einziger Bereich prosperiert: Financial Services, wohinter sich ein boomendes Lebensversicherungsgeschäft (Sony Life) und eine Bank (Sony Bank) verbergen. Vor allem der Verkauf von Policen und die damit verbundenen Prämieneinnahmen legten zu, außerdem trug laut Sony eine deutlich verbesserte Performance bei der Anlage der Kundengelder zum Erfolg bei. Um 10,6 Prozent stieg der operative Gewinn der Finanzaktivitäten im ersten Halbjahr. Das Wachstum beschleunigte sich in dessen zweiter Hälfte noch, auf ein Plus von 27,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Das Geschäft ist mittlerweile für den Konzern so wichtig, dass er seine Bilanz, Gewinn- und Verlustrechnung sowie die Liquiditätsrechnung (Fachbegriff: Cashflow) jeweils in drei Varianten veröffentlicht: Sony without Financial Services, Financial Services allein und Consolidated, also alles zusammen.

Die separaten Aufstellungen zeigen ein erschreckendes Bild vom Zustand des Kerngeschäftes: Ohne die Finanzsparte steckte Sony mit einem Verlust von 301 Millionen Dollar auch operativ weiter tief in den roten Zahlen. Der Nettoverlust vergrößerte sich von jetzt 514 auf 758 Millionen Dollar. Sony Bank und Sony Life indes sind hoch profitabel, sie warfen im ersten Halbjahr umgerechnet 517 Millionen Dollar Gewinn ab, ein Plus gegenüber dem Vorjahr von 15,8 Prozent.

Allein die Bilanz sieht durch den Einfluss der Finanzaktivitäten nicht besser aus. Sie blähen die Bilanzsumme auf, die mehr als doppelt so hoch ist, bezieht man Bank und Lebensversicherung mit ein. Das Eigenkapital indes liegt nur um 48 Prozent höher, was zweierlei zeigt. Zum einen: Geldinstitute sind schlechter kapitalisiert als Industrieunternehmen, das gilt auch bei Sony. Die Eigenkapitalquote des Gesamtkonzerns (Total equity geteilt durch Total liabilities and equity) liegt bei 17,6 Prozent, ohne die Finanzsparte betrüge sie 28,9 Prozent. Zum anderen: Die Strategie der Japaner birgt Risiken. Bei ihren Finanzaktivitäten arbeiten sie mit einer deutlich höheren Verschuldung als im Kerngeschäft. Auch deswegen sind Bank und Versicherung so profitabel. Das kann sch iefgehen. Und Investoren überzeugt das Konzept auch nicht: Der Aktienkurs von Sony bewegt sich aktuell auf dem Niveau des Jahres 1980.

Sony wurde 1946 als Tokyo Tsushin Kogyo Kabushiki Kaisha gegründet und produzierte zunächst Reiskocher. Der Einstieg in die Unterhaltungselektronik begann mit Transistorradios, die die Japaner in Lizenz für die amerikanischen Bell Laboratories produzierten. 1958 gab sich die Firma als erste in Japan mit Sony einen Namen in lateinischen Buchstaben, was für öffentliche Kritik sorgte, der Marke aber guttat. Der Walkman, 1979 auf den Markt gebracht, wurde ebenso zum Verkaufsschlager wie diverse andere Erfindungen, etwa die Compact Disc, die Sony 1982 gemeinsam mit Philips herausbrachte, oder die Sony Playstation (1994). Ende der Neunzigerjahre begann der Niedergang, die Innovationskraft schwand, Konkurrenz aus den USA drängte auf den Markt, Sony begann Verluste zu machen, der Aktienkurs verlor bis heute mehr als 90 Prozent an Wert. Sony ist nach wie vor weltweit tätig und beschäftigt knapp 163000 Mitarbeiter.