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Zukunft der Banken, Teil 2: Goldene Zeiten

Lange war das Verhältnis zwischen Banken und ihrer mittelständischen Kundschaft unausgeglichen: Die Geldhäuser waren die Stärkeren, die Firmen ihnen häufig ausgeliefert. Das ist vorbei.




• Früher, noch vor fünf oder sechs Jahren, wäre die Lage von Matthias Blunck schwierig, wenn nicht aussichtslos, in jedem Fall aber verzweifelt gewesen. Der gebürtige Rheinländer, ausgestattet mit reichlich Mutterwitz und Verkaufstalent, hatte die Schlosshersteller aufgemischt: eine Branche, dominiert von konservativen Familienunternehmen, beheimatet vorwiegend im Bergischen Land mit – vorsichtig formuliert – wenig Sinn für das neuzeitliche Streben nach Innovation. "Schlüssel rein, fertig, ist auch egal, wie's aussieht", beschreibt Blunck die Haltung seiner damaligen Konkurrenz. Was ihn erst zur Gründung eines eigenen Betriebs und schließlich zu einer Erfindung veranlasste, die Büroschränke verändert: Knopfförmige, schlichte Elektrozahlenschlösser, montierbar auf jedem Möbel, codierfähig per Computer, zum Preis von durchschnittlich 27 Euro – ein Schnäppchen, kostet doch ein Ersatzschlüssel für ein konventionelles Schloss, das hat Blunck ermittelt, im Schnitt 31 Euro. Und die braucht dank seines Produkts kein Mensch mehr.

Ende 2011 war er fertig mit der Entwicklung – und sämtliche Reserven aufgebraucht, der Kontokorrentkredit ausgeschöpft und jedes verfügbare Pfand der Familie Blunck als Sicherheit bei der Commerzbank hinterlegt. Der Unternehmer verliert kein schlechtes Wort über seine Hausbank, im Gegenteil: "Die haben immer an mich geglaubt und mich unterstützt, wo sie konnten." Aber irgendwann konnten die Banker nun mal nicht mehr. Ausgerechnet, als Blunck Aufträge für eine Million Euro von namhaften Firmen wie Würth und Karstadt Quelle akquiriert hatte – und keine Ahnung, wie er sie vorfinanzieren sollte, um Material, Produktion und Löhne zu bezahlen.

Wer Blunck erlebt, wie er mit weinrotem, offenem Hemd, passenden Ärmelflicken auf dem Glencheck-Jackett und flapsigen Sprüchen Leben in das eher triste Büro seiner Wuppertaler Firma Beloxx bringt, ahnt: Der Mann lässt sich so schnell nicht unterkriegen. Und so kamen Joachim Schluchter und Hans-Jürgen Sopper ins Spiel, Partner der Augsburger Vermögensverwaltung Dr. Willburger & Schluchter, die bei vermögenden Anlegern Geld sammelt, um Leute wie Blunck zu finanzieren. Das Prinzip ist einfach, wenn auch nicht ganz billig: Bluncks Firma Beloxx begibt eine Genussrechtsanleihe, die Schluchter und Sopper, zwei ehemalige Banker, für einen in Luxemburg beheimateten Fonds kaufen, an dem sich Investoren beteiligen. Über den Zins der Anleihe verhandeln sie noch, er wird aber zwischen zwölf und 15 Prozent pro Jahr liegen. Das ist die marktübliche Rate für Genussrechtskapital. Blunck wollte diese teurere Form von Finanzierung, weil er sie aufs Eigenkapital anrechnen und damit seine schwache Quote steigern kann. Er muss keine Sicherheiten stellen, haftet auch nicht mit seinem Privatvermögen, bezahlt eine Bearbeitungsgebühr von gut drei Prozent – und bekommt dafür eine halbe Million Euro. "Genug", sagt er grinsend, "um einen Großeinkauf zu machen und die ersten Aufträge zu bedienen. Alles Weitere kann ich dann hoffentlich aus meinen Erlösen finanzieren."

Und noch zwei Dinge freuen ihn. Sein neuester Kunde ist Ebay, er stattet alle Büros europaweit aus. Und: Die Commerzbank habe, als er sie über den Deal informierte, ganz enttäuscht gefragt, ob er denn dann gar keinen Kontokorrentkredit mehr brauche. Blunck grinst wieder: "Ich bin jetzt ein gefragter Kunde."

Der Fall Beloxx steht stellvertretend für eine neue Welt, die sich Mittelständlern hierzulande auftut: eine Welt, in der Banken in puncto Finanzierung nicht mehr das Maß aller Dinge sind; eine Welt, in der sich beständig neue Möglichkeiten ergeben, auch wenn sie ihren Preis haben. Doch das macht nichts. Denn es ist auch eine Welt, in der sich langsam, aber sicher die Überzeugung durchsetzt, dass der Preis für Kredit, der Zins also, für Mittelständler heute viel weniger relevant ist als früher – auch, aber nicht nur aufgrund des geringen Zinsniveaus. Vor allem aber ist es eine Welt, die neue Perspektiven im Umgang mit Banken bietet, in der lang gehegte Wünsche realisierbar werden – vorausgesetzt, Unternehmer und Geschäftsführer kennen die veränderten Spielregeln in der Finanzbranche.

1. Ein großes Missverständnis

Ana-Christina Grohnert ist eine erfahrene Managerin; sie war jahrelang für Kreditinstitute tätig, verantwortete unter anderem strukturierte Finanzierungen bei der DG Hyp. Dann wechselte sie auf die Beraterseite zum Wirtschaftsprüfer Ernst & Young, arbeitete dort an komplexen Fällen wie der Sanierung der skandalgebeutelten Kölner Privatbank Sal. Oppenheim mit. Heute ist sie Managing Partner, und im Finanzsektor kann Grohnert so leicht nichts mehr überraschen.
Eigentlich.

"Ich bin jetzt ein gefragter Kunde": Unternehmer Blunck (Mitte) mit Geldgebern Sopper und Schluchter (rechts)

Die Ergebnisse der jüngsten Kreditmarktstudie, die unter ihrer Ägide entstand und für die Ernst & Young Vorstände und Geschäftsführer von 120 Banken und 550 Firmen befragte, brachten selbst die Expertin zum Staunen: "Die Unternehmen sind viel zu pessimistisch, was die Strategie der Banken betrifft. Das könnte gefährlich werden, wenn sie – aus Angst, keinen Kredit zu bekommen – wichtige Investitionen verschieben." Besonders augenfällig wurde die Fehleinschätzung bei der Frage: "Was wird Ihre Bank bei der Gewährung von Neukrediten in den nächsten zwölf Monaten verändern?" Fast ein Viertel der Unternehmen erwartet die Kündigung von Kreditlinien – aber nur drei Prozent der Geldhäuser planen dies tatsächlich. Mehr als 40 Prozent der Firmen rechnen damit, keine neuen Darlehen zu bekommen – aber nur 18 Prozent der Banken teilen diese Einschätzung.

Ähnliche Missverständnisse gibt es bei nahezu allen wichtigen Fragen. Ob es um die Kürzung von Geldmitteln – die sogenannten covenants, also die Darlehensbedingungen – oder die Höhe der Nebenkosten geht: Immer rechnen die Kunden mit einer spürbaren Verschlechterung der Konditionen, während die meisten Banken Derartiges nicht vor haben. Grohnert ahnt, warum: "Die Banken müssten mit ihren Kunden viel intensiver kommunizieren. Auch das zeigt unsere Studie. Die Unternehmen haben das Gefühl, dass die Institute weit weg von ihren Bedürfnissen sind, was die Geldhäuser wiederum überhaupt nicht wahrnehmen."

Eine Umfrage der Commerzbank von Anfang 2012 unter 4000 Mittelständlern liefert eine weitere Erklärung dafür, warum die Firmensicht derart eingetrübt ist: Die Verantwortlichen fürchten negative Auswirkungen der Finanzmarktrichtlinie Basel III. 80 Prozent rechnen mit einem erschwerten Kreditzugang, 77 Prozent mit schlechteren Konditionen. Eine Stabilisierung des Bankensektors im Sinne von mehr Solidität und Verlässlichkeit, das eigentliche Ziel der neuen Regulierung, versprechen sich dagegen nur 37 Prozent.

Auch diese Sicht ist deutlich zu pessimistisch: Basel III verpflichtet zwar die Banken, höhere Eigenkapitalquoten und mehr Liquidität für den Krisenfall vorzuhalten. Außerdem erschwert das Regelwerk die Finanzierung langfristiger Ausleihungen mit kurzfristigen Geldern, die sogenannte Fristentransformation. Insgesamt wird die Geldbeschaffung für die Banken also teurer. Doch Geschäftsbereiche wie das Investmentbanking, aber auch langfristige Projektfinanzierungen, etwa bei Immobilien, sind deutlich stärker davon betroffen als das Geschäft mit dem Mittelstand.

"Die Firmenkunden sind viel zu pessimistisch", sagt die Bankenexpertin Ana-Christina Grohnert

Die Schätzungen über das Ausmaß gehen überdies weit auseinander: Eckart Windhagen, Leiter der Bankberatung von McKinsey in Deutschland, sieht Unternehmenskredite kaum beeinträchtigt, unter anderem deshalb, weil sie häufig besichert sind. Damit wird die Refinanzierung günstiger. Ulrich Schürenkrämer, Co-Chef der Deutschen Bank für das gehobene Mittelstandssegment ab 25 Millionen Euro Jahresumsatz, erwartet gar keine Auswirkungen: "Basel II hat vieles grundsätzlich verändert, aber von Basel III ist das klassische Kreditgeschäft kaum betroffen." Einzig Markus Beumer, Mittelstandsvorstand der Commerzbank, die bei kleineren Firmen präsenter ist als die Deutsche Bank, rechnet mit einer möglichen Verteuerung von 0,5 Prozentpunkten im Schnitt. Bei Beumer könnte der Wunsch Vater des Gedankens sein: Sein Institut muss dringend profitabler werden; da kann es nicht schaden, Kunden auf eine Preiserhöhung einzustimmen, ob die Zinsen nun tatsächlich steigen oder nicht.

Fest steht: Keiner der Fachleute geht von einer Verknappung des Angebots aus. Deutschbanker Ulrich Schürenkrämer attestiert Firmenkunden eine geradezu ideale Verhandlungsposition: "Was wir im Moment sehen, ist ein Käufermarkt."

2. Back to Basics

Friedrich von Waitz hat mit seiner Hausbank, der Deutschen Bank, durchwachsene Erfahrungen gemacht. Ende der Neunzigerjahre, er steckte mitten im Umbau des Kasseler Familienunternehmens vom Bergwerksbetrieb zum Beteiligungsunternehmen, flatterte ein Kalender des Billigablegers Deutsche Bank 24 in sein Büro. Zu dem wurde die Firma abgeschoben. Gleichzeitig wurden aus der lokalen Zweigstelle Kreditbetreuer und Rating-Experten nach Frankfurt abgezogen. An der Finanzierung einer neuen US-Tochter bekundeten die Banker schlicht kein Interesse: "Ich hatte das Gefühl, die wollten uns loswerden", erinnert sich von Waitz.

Er suchte sich damals zusätzliche Institute, das Bankhaus Warburg in Hamburg und eine lokale Volksbank, blieb aber der Deutschen Bank trotzdem treu – und sie ihm am Ende auch. Heute – das Kapitel Bergbau ist abgeschlossen, die Firmengruppe wächst und gedeiht und macht im Spezialmaschinenbau weltweit rund 40 Millionen Euro Umsatz – ist die Beziehung stabil. Die Frankfurter sind der Hauptgeschäftspartner unter den Geldhäusern und "sehr engagiert", wie von Waitz mit breitem Lächeln bemerkt. Das allerdings gelte nicht nur für die Deutsche Bank. "Die Finanzhäuser rennen uns im Moment die Türen ein."

Den Mittelstand im Visier: Impressionen aus dem Frankfurter Bankenviertel

Es sind Institute aus allen Sektoren, die sich nicht nur auf von Waitz, sondern auf den gesamten Mittelstand stürzen: Die Deutsche Bank will bis 2015 ihr Kreditbuch in diesem Segment um zehn Milliarden Euro ausweiten. Für Commerzbank-Vorstand Beumer ist das Mittelstandsgeschäft "der Value-Driver des Konzerns. Kapital, das durch den Abbau von Krediten in anderen Bereichen, etwa bei Immobilien oder in der Schifffahrt, frei wird, fließt dort rein." Landesbanken wie die Stuttgarter LBBW und die Bayerische Landesbank umwerben die mittelständischen Kunden ebenso wie ausländische Institute, etwa die britische HSBC oder die französische BNP Paribas, aber auch der Spezialfinanzierer IKB, das erste Opfer der US-Subprime-Krise hierzulande. Die Düsseldorfer hatten das Mittelstandsgeschäft zugunsten ihrer Übersee-Investments zurückgefahren und mussten nicht zuletzt deshalb von der Staatsbank KfW gerettet werden.

Nicht alle Institute verliefen sich derart wie die IKB. Aber ein Großteil vernachlässigte über Jahre hinweg das Firmenkreditgeschäft zugunsten des scheinbar lukrativeren Investmentbankings. Nachdem diese Träume geplatzt sind, orientieren sie sich nun wieder um. Der McKinsey-Mann Windhagen sagt: "Geschäftspolitisch ist das leicht zu erklären. Zum einen: Es gibt praktisch keine Alternativen. Das Investmentbanking schrumpft, das Privatkundengeschäft ist hart umkämpft und wenig rentabel. Zum anderen ist der Mittelstand als Sektor sehr attraktiv. Die Firmen haben ihre Hausaufgaben gemacht und stehen heute viel besser da als vor der Finanzkrise."

Alfred Lütkenhaus, Vorstand der Frankfurter Sparkasse (Fraspa), der viertgrößten hierzulande, sieht das genauso: "Die Firmen haben ihre Bonität im Schnitt merklich verbessert, haben ein höheres Eigenkapital, ein besseres Forderungsmanagement, kümmern sich intensiver um das Thema Finanzierung. Der ganze Sektor ist krisenresistenter, risikoärmer und damit für Banken attraktiver geworden." Und mit einem Seitenhieb auf die private Konkurrenz fügt er hinzu: "Die Sparkassen haben sich nie zurückgezogen. Heute stehen wir nach wie vor da und sind bereit, unser Geschäft deutlich auszuweiten."

Die Bemerkung von Lütkenhaus zum Thema Risiko und Attraktivität von Kundenbeziehungen lässt aufhorchen. Hier gibt ein Banker zu, was die Branche trotz aller Wachstumsfantasien offenbar immer noch kennzeichnet: Sie mag kein Risiko. Ja, Friedrich von Waitz kann sich heute vor Finanzierungsangeboten kaum retten – aber heute steht auch seine Bonität nicht mehr infrage. Das Rating der Familienfirma liegt gerade über der magischen Investment-Grade-Marke, was – vereinfacht gesprochen – bedeutet: Die Banken trauen ihm zu, Zins und Tilgung locker zu bedienen, sofern die Konjunktur nicht dramatisch einbricht. Was aber ist mit Unternehmen, die weniger komfortabel ausgestattet sind? Mit all jenen, die die Investment-Grade-Latte reißen? Denn sie sind immer noch die Mehrheit des deutschen Mittelstandes.

3. Ein historisches Dilemma – und eine Lösung

Roland Jetter ist ein alter Hase im Mittelstandsgeschäft. Lange Jahre war er selbst Bankangestellter, heute berät er mit seiner Stuttgarter Firma Fion größere Unternehmen im Umgang mit seinen Ex- Arbeitgebern. Seine Erfahrungen: Um Firmen mit erstklassiger Bonität oder großem Namen schlügen sie sich tatsächlich, so Jetter, und zwar nicht selten mit Kampfpreisen. Für kleinere Firmen und vor allem solche mit schwacher Bonität werde es oft schwierig. "Banken neigen zu Ja-Nein-Entscheidungen: Entweder sie wollen einen Kunden unbedingt oder gar nicht." Allerdings sei Bewegung in der Branche – und die könne man sich als Kunde zunutze machen.

Zum besseren Verständnis der Chance, auf die Jetter hinweist, ein kurzer Exkurs in die zwar trostlose, aber doch sehr aufschlussreiche Realität des deutschen Kreditgeschäfts: Die Banken verdienen damit kein Geld. Betriebswirtschaftlich präzise formuliert: Das Darlehen als solches ohne Nebengeschäfte, die nackte Finanzierung also, bringt wegen der hohen Wettbewerbsintensität für die Institute im Schnitt nicht genug ein, um ihre Kapitalkosten zu decken (also das, was die Eigentümer der Bank an Rendite auf das von ihnen investierte Geld erwarten). Eine McKinsey-Studie belegt das eindrücklich: 39 Basispunkte, 0,39 Prozent, betrug der Untersuchung zufolge 2012 die Vorsteuer-Gewinnmarge deutscher Banken bei Krediten an mittelständische Unternehmen.

Das bedeutet: An einem Darlehen über 100.000 Euro verdienen die Geldhäuser nach Abzug aller Kosten für die Refinanzierung, die Risikoübernahme und die Bearbeitung 390 Euro im Jahr. Um ihre Kapitalkosten zu decken und ihre Eigner zufriedenzustellen, müssten sie aber 1000 Euro verdienen. Denn ein Kredit von 100.000 Euro muss, grob kalkuliert, mit rund 10.000 Euro Eigenkapital unterlegt werden, für das die Investoren wiederum etwa zehn Prozent Rendite erwarten. Das Problem der mangelnden Profitabilität des Kerngeschäfts quält die Branche schon ewig.

Einer wie Commerzbanker Beumer, der behauptet, mit dem reinen Kredit im Schnitt seine Kapitalkosten zu decken, gilt fast schon als Angeber. 2006 ging es kurzfristig bergauf, die Marge stieg auf gerade mal kostendeckende 107 Basispunkte. Doch dann ging sie wieder zurück. 2007 kümmerte sich nur niemand darum, denn die Finanzmärkte boomten, und die Banken glaubten, mit sogenannten Kreditersatzgeschäften, vulgo: Subprime-Schrott, reich werden zu können. Heute ist die Lage anders. Sie müssen im Mittelstandsgeschäft profitabel sein. Wo sonst?

Genau da setzt Roland Jetter an. "Ich versuche, in schwierigen Fällen eine Konstellation zu schaffen, in der die Bank für das Risiko, das sie eingeht, angemessen vergütet wird." Für Jetters Kunden kann das beispielsweise bedeuten, dass in den covenants, den Kreditbedingungen, eine höhere Marge für die Bank vereinbart wird, sobald sich die wirtschaftliche Situation der Firma, gemessen an einer vorher bestimmten Kennzahl, verschlechtert. "Man nimmt da meist das Verhältnis von Verschuldung zum sogenannten EBITDA, also dem Bruttogewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen. Wenn der sinkt, wird's für die Bank riskanter und für den Kunden teurer. Das ist fair, und die Firma muss nicht gleich mit einer Kreditkündigung rechnen, wenn's mal schlechter läuft", erläutert der Berater.

Eine andere Variante: Der Kunde macht mit der Bank zusätzliche, provisionsträchtige Geschäfte; übergibt ihr etwa seinen Zahlungsverkehr, Vermögen zur Anlage, Absicherungsgeschäfte mit Zinsen oder Währungen oder ein Beratungsmandat bei einer Fusion oder Übernahme. Denkbar sind aber auch weitere Sicherheiten oder strengere Berichts pflichten. Beides senkt für die Bank das Risiko, selbst bei gleicher Marge kommt sie dann besser auf ihre Kosten.

Schon klar, es ist eine ungewohnte Perspektive. Der Kunde soll seiner Bank helfen, an ihm zu verdienen? Ausgerechnet einer Bank? Andererseits: Die Zeiten ändern sich. Was kostet es ein Unternehmen, in einer Phase extrem niedriger Zinsen wie der heutigen etwas mehr zu zahlen und dafür eine verlässlichere – oder überhaupt eine – Finanzierung zu bekommen? Wie wichtig sind die Zinskosten für den wirtschaftlichen Erfolg einer Firma? In der Diagnose Mittelstand 2012 des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV) findet sich dazu eine interessante Zahl. Es ist der Anteil der Zinskosten am Umsatz mittelständischer Firmen (Umsatz eine Million bis 50 Millionen Euro). Er beträgt 0,9 Prozent.

4. Was Unabhängigkeit wert ist

Es wäre übertrieben zu behaupten, dass sich die Idee einer neuen Form von Partnerschaft zwischen Banken und Kunden bereits durchgesetzt hätte. Dass ein Kreditinstitut, ähnlich wie ein Investor, ein hohes Risiko aufs Buch nimmt und dann dafür einen entsprechend hohen Zins verlangt, ist nach wie vor unüblich. "Wir sind keine Unternehmer", gibt Markus Beumer freimütig zu. Sein Kollege Lütkenhaus von der Fraspa hielte das auch nicht für angemessen: "Ein Investor gibt eigenes Geld, wir arbeiten mit den Einlagen unserer Kunden. Wir haben daher nicht nur unsere eigenen Interessen zu wahren, müssen vorsichtiger sein, auf Sicherheiten achten." Basel III verschärft diesen Denkansatz. Besicherte Kredite müssen mit weniger Eigenkapital unterlegt werden.

Und doch lässt sich die Prognose wagen, dass die Branche unter Veränderungsdruck gerät. Denn die Kunden bewegen sich schneller in die neue Welt. Zu Joachim Schluchter kommen nicht nur Unternehmer wie Matthias Blunck, der von den Banken abgewiesen wurde. Zu zwei Dritteln sind es Firmen, die sich problemlos über ein Kreditinstitut finanzieren könnten. Auch solche Unternehmen gehören in den Mittelstandsfonds, die Mischung muss stimmen, um Investoren für das neue Produkt zu begeistern. Bislang hat Schluchter Zusagen für 15 Millionen Euro, zum größten Teil von vermögenden Anlegern, die oft selbst Unternehmer sind. Dem stehen Finanzierungsanfragen zwischen 250000 und 2,5 Millionen Euro von 25 Firmen gegenüber. Die Kaltner Mediagroup in Bobingen ist ein idealer Kandidat: ein Familienunternehmen mit drei Millionen Euro Umsatz, 40 Prozent Eigenkapitalquote, Investment-Grade-Rating und namhaften Verlagskunden wie Klett, Langenscheidt und Cornelsen.

Der Chef Dieter Kaltner will Kunden beim Aufbau von Marketingdatenbanken helfen, braucht dafür mehr Personal, Technik, muss Software entwickeln. 300.000 Euro nimmt er in Form einer zehnjährigen Inhaberschuldverschreibung beim Mittelstandsfonds auf, und zwar ohne persönliche Haftung, wie es bei den Banken meist üblich ist. Die Zusage hatte er innerhalb von fünf Wochen, danach war die Due-Diligence-Prüfung durch Schluchter und dessen Kollegen abgeschlossen. Kreditinstitute brauchen nicht selten Monate für diesen Prozess. Als Sicherheit tritt Kaltner Forderungen ab. Der Zins wird zwischen 6,5 und 9,5 Prozent liegen, sicher gut zwei Prozent mehr, als er an ein Kreditinstitut hätte zahlen müssen. Finanzier Schluchter: "Der Preis ist für unsere Kunden nicht wirklich entscheidend. Sie wünschen sich einen Partner, der unternehmerisch nach vorn denkt, schnell und flexibel ist. Und sie wollen unabhängiger von Banken werden."

"Ruhiges Geld auf der Passivseite", nennt Dirk Elberskirch das, was Kaltner sich besorgt hat. Elberskirchs Kunden sind Mittelständler mit der gleichen Zielsetzung wie der Augsburger, nur deutlich größer. Er leitet das Mittelstandssegment der Düsseldorfer Börse, an dem in den vergangenen zwei Jahren etablierte Firmen wie Underberg, Katjes oder der Verlag Bastei-Lübbe Anleihen platzierten. Letzterer hätte sich laut Inhaber Stefan Lübbe alternativ über eine Bank für 1,25 Prozent Zinsen weniger pro Jahr finanzieren können. Für die Anleihe habe aber, so Lübbe, "die größere Flexibilität" gesprochen.

Der Commerzbank-Vorstand Markus Beumer drückt sich denglisch aus: "Der Mittelstand ist unser Value-Driver"
Impressionen aus dem Frankfurter Bankenviertel

5. Die Aussichten: heiter bis wolkig

In den vergangenen zwei Jahren wurden Mittelstandsanleihen im Volumen von rund 2,7 Milliarden Euro in Deutschland begeben. Andere alternative Finanzierungsformen wie Leasing, Factoring oder die Ausgabe von Schuldscheindarlehen, kommen zusammen immerhin auf rund 200 Milliarden Euro. Dem gegenüber steht ein Kreditvolumen von gut zwei Billionen Euro. Bankdarlehen sind nach wie vor die wichtigste Form von Fremdfinanzierung für den Mittelstand. Aber: Die Bedeutung der neuen Kapitalquellen wächst schnell.

Kein Wunder, die Stimmung unter den potenziellen Kunden ist gut. Dem Mittelstandsbarometer von Ernst & Young zufolge erwarteten im Januar 90 Prozent der befragten Unternehmen eine stabile oder sich verbessernde Geschäftslage, 82 Prozent hatten vor, ihre Investitionen zu steigern oder zumindest konstant zu halten. Und das Bankgeschäft? "Nach unserer Kenntnis", sagt der Commerzbankvorstand Beumer, "war die Kreditnachfrage noch nie so gering wie heute." ---