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Reisefreiheit

Grenzen sind wichtig, weil ohne sie nichts mehr zu erkennen ist. Begrenzungen hingegen machen kurzsichtig.




1. KLEINE TASCHENAQUARIEN!

Jaroslav Hasek kennen die meisten als Schöpfer des braven Soldaten Schwejk. Die Moral dieses Werkes ist von zeitloser Schönheit: Wer klug ist, stellt sich in schwierigen Zeiten besser dumm.

Das ist bis heute die freundlichste Erklärung für das Verhalten vieler Mitmenschen geblieben. Eine weniger freundliche Annahme wäre, dass die Leute wirklich so sind, wie sie sich verhalten, nämlich beschränkt, sich also in engen intellektuellen Grenzen bewegen. Dass die zweite Lesart nicht ganz unwahrscheinlich ist, erfuhr Hasek lange bevor er mit dem "Schwejk" begann, vor dem Ersten Weltkrieg also, anlässlich der Wahlen zum österreichischen Reichsrat in Prag. Die Parteien warben schon damals bei den Wählern mit Sachen, die schwer zusammenpassen, einerseits mit der Forderung nach dringlicher Veränderung, andererseits mit dem Versprechen, alles so zu belassen, wie es ist. Hasek und seine Freunde sagten sich: "Das können wir auch." Das war die Geburtsstunde der "Partei des maßvollen Fortschritts in den Grenzen der Gesetze", die sich für die Wiedereinführung der Inquisition und der Sklaverei sowie der umgehenden Verbeamtung aller Hausmeister aussprach. Wählern der Partei wurde ein "kleines Taschenaquarium" für ihre Stimme in Aussicht gestellt. Haseks Spaßpartei ging in die Humorgeschichte ein, wenngleich man fragen darf: Ist das alles ein Witz – oder nicht eher Realität? Und wird uns nicht ständig zugeraunt: "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten", während insgeheim schon die Ziegel bereitliegen? Vorn wird von Freiheit geredet, hinten abgesteckt. Maßvoller Fortschritt in den Grenzen der Gesetze eben.

Dabei arbeiten nicht nur die mit doppeltem Boden, die keine Absicht haben, Mauern zu errichten, sondern auch die, die behaupten, sie einzureißen. Nehmen wir die Mauer zwischen Ost und West und das Verhältnis der Westbürger zur DDR und später zu den neuen Bundesländern: Solange die Brüder und Schwestern hinter realsozialistischem Schloss und Riegel lebten, musste die Grenze weg – was im wirklichen Westleben nichts zu bedeuten hatte. Nur für den Ostdeutschen konnte die Forderung leicht tödlich enden oder im Zuchthaus Bautzen. Kaum aber war die Mauer weg und der erste Jubel verflogen, wünschten sie sich viele hüben und drüben zurück.

In Unternehmen ist das nicht anders. Wo Abteilungen geöffnet, Aufgaben neu verteilt und eingespielte Abläufe verändert werden sollen, sind selbstverständlich alle dabei – vorausgesetzt, es bleibt alles beim Alten. Synthese ist selten das Ergebnis, wenn aus Konkurrenten Partner werden sollen. Das Gleiche gilt für Synergien bei Fusionen. Aber auch dies birgt Probleme: Wenn Grenzen bestehen bleiben, verdeutlichen sie Unterschiede und sind deshalb eben auch kein Garant für Harmonie, Friede und Fortschritt. Im Gegenteil, oft wirken sie in Gemeinschaften wie Nitroglycerin.

Die Idee der Gleichheit, die sich seit dem 18. Jahrhundert epidemisch ausbreitet, kannte die Grenze als ihren natürlichen Feind. Damals gab es enge Standesgrenzen zwischen Adel, Klerus und Bürgern. Der Geist der Freiheit wurde überall begrenzt. Und wer diese Grenzen einreißen wollte, hatte noch anderes im Sinn als jenen umfassenden sozialen Niveau-Ausgleich, den man heute unter Gleichheit versteht.

Gerade deshalb ist die Unterscheidung zwischen Abgrenzung und Begrenzung so wichtig. Denn wer Grenzenlosigkeit fordert, fördert statt der Freiheit den Zwang. Was stört die Menschen heute am scheinbaren Grenzverlust? Das hohe Maß an Unsicherheit und Unberechenbarkeit, das ihm innewohnt. Erst durch Grenzen lässt sich etwas unterscheiden, sie schaffen Berechenbarkeit und Vertrauen. Sie machen das Leben in Gemeinschaften erst möglich. Meins, deins – all das sind natürliche Grenz-Fälle.

Nicht zufällig gibt es auch die Privatsphäre, die zur Öffentlichkeit hin abgegrenzt ist. Sie ist ein Kern der bürgerlichen Rechte. Ohne Grenzen keine Vielfalt, kein Markt, keine Demokratie. Grenzen machen den Unterschied.

2. FRONTEN

Wo keine Grenze ist, beginnt die Unendlichkeit, die Beliebigkeit, das Unsichtbare. Wo keine Grenzen mehr existieren, ist alles gleichgültig. Die Freiheit dahinter ist trostlos. Wie schön, zum Beispiel, wäre ein Leben ohne Wettbewerb und Konkurrenz. Die meisten Leute wünschen sich ihre Konkurrenten zum Teufel. Doch was, wenn das klappte? Wenn es keinen Wettbewerb mehr gäbe, gäbe es keine Unterschiede mehr, die Grenze löste sich auf. Und damit verlöre jeder der Wettbewerber seine Kontur, seine Sichtbarkeit. Ohne Differenzierung, ohne Grenze und Abgrenzung wird der Einzelne bedeutungslos, ganz gleich übrigens, wie gut man ist und was man zu leisten imstande ist. Ohne Vergleich wird man unsicher. Mit dem Untergang des "realen Sozialismus" geriet auch der siegreiche Kapitalismus in Schwierigkeiten, weil es nichts mehr gab, woran er sich messen konnte.
Viel Feind, viel Ehr, heißt es. Was ist das Gegenteil davon? Nur noch Freunde, dafür üble Nachrede?

Menschen sind nicht gleich, sie vergleichen. Menschen sind nicht klassenlos, sie klassifizieren. Sie suchen nach ihren Grenzen, und sie bieten anderen dafür auch mal die Stirn, die frons, wie die Lateiner diesen Teil des Kopfes nennen. Fronten sind Orte der Veränderung, die Bühnen, auf denen Grenzen sichtbar gemacht werden.

Als sich die Jugendbewegung der Sechzigerjahre noch nicht in Ideologien verrannt hatte, war der Frontverlauf klar erkennbar. Es ging um Folgendes: Die Jungen boten der Gleichförmigkeit der satten Nachkriegsjahre die Stirn. Sie wollten sich von der Uniformität und Gleichmacherei abgrenzen, wie sie die alte, saturierte, spießige Gesellschaft einforderte. Man lebte in jeder Hinsicht in Zeiten des begrenzten Angebots. Die Revolte bestand im Wesentlichen darin, dass man nach Jahrzehnten, in denen stets das Kollektivistische und Uniforme verehrt worden war, das Mitmachen und die Gleichmacherei, auch mal etwas anderes wollte. Für die einen war das Toast Hawaii, für die anderen waren es Beat und lange Haare. Hauptsache, man unterschied sich vom alten Muff. Von dem setzten sich die Jungen durch ihre Musik, ihre Mode und ihre Sprache ab.
Kultur ist immer Grenzgebiet.

Massive Abgrenzung ist auch die praktische Konsequenz dessen, was Joseph Schumpeter als "schöpferische Zerstörung" bezeichnete, den unternehmerischen Grundimpuls. Der Ökonomie tut diese Abgrenzung gut, so zeigt das Beispiel der Sechzigerjahre: Sowohl die Jugendbewegung als auch der Konsumkapitalismus wollten mehr Differenzierung. Für die Jungen waren mehr Produkte und Dienstleistungen gleichbedeutend mit mehr Freiheit. Die Grenzüberschreitungen der Jugendkultur in den Sixties kamen zur rechten Zeit, nämlich als der alte, industrielle Motor der Nachkriegswirtschaft im Westen ins Stottern geraten war.

3. GRENZSCHÜTZER

Wer in der vermeintlich klassenlosen Gesellschaft des Ostens leben musste, wer sich also auch physisch hinter einer unüberwindlichen Grenze befand, dem brauchte man den Zusammenhang zwischen Freiheit und unbegrenztem Zugang zu Gütern nicht zu erklären. Der Unterschied lag auf der Hand beziehungsweise auf der anderen Seite der Mauer, die zynisch als antiimperialistischer Schutzwall bezeichnet wurde, ganz so, als müsse man die Eingesperrten vor der Grenzenlosigkeit des kapitalistischen Systems schützen. Es zeigt aber auch, wie leicht sich aus einer Abgrenzung eine Begrenzung machen lässt. Und das gilt auch für weit Harmloseres als den Eisernen Vorhang. Jedes Gesetz, jede Regel ermöglicht und begrenzt zugleich. Wo die Freiheit wichtiger ist als die Regel, wird deshalb jede Grenze immer infrage gestellt werden müssen. Wo man sie einfach hinnimmt oder Grenzen der Grenzen wegen fordert, stimmt etwas nicht.

Natürlich hat auch heute niemand die Absicht, eine Mauer zu errichten. Außer gegen Finanzkapitalisten, Steuerflüchtlinge und, ja, auch gegen Wirtschaftsflüchtlinge und Schuldnerstaaten, Schwellenländer und Schmutzkonkurrenz. Denen muss man die Grenzen mal klar aufzeigen! Genug ist genug. Die Politik macht wie immer den Grenzschutz, und die Leute lassen sich lieber staatlich begrenzen, als über ihren eigenen Schatten zu springen. Beschränkungen sind nötig – und wenn sie zu mehr Beschränkten führen, ist das eben so.
Doch keine Angst. Das geht vorbei.

4. DIE LEGENDE VON DER NATÜRLICHEN GRENZE

Menschen wollen klare Grenzen – um sie dann zu überwinden. Die Mechanik hat der Soziologe Georg Simmel vor mehr als hundert Jahren am Beispiel der Mode präzise beschrieben. Man macht mit im Schwarm, aber nur, weil man sich abgrenzen möchte. Das ist ein zentrales Muster menschlichen Verhaltens. "Die ganze Geschichte der Gesellschaft lässt sich an dem Kampf, dem Kompromiss, den langsam gewonnenen und schnell verlorenen Versöhnungen abrollen, die zwischen der Verschmelzung mit unserer sozialen Gruppe und der individuellen Heraushebung aus ihr auftreten", schrieb Simmel. Grenzüberschreitungen sind also der Normalfall. Immer siegt die Unterscheidbarkeit über das Mitläufertum. Simmel hat dieses Naturgesetz aller sozialen Gruppen Distinktion genannt, das Bedürfnis nach Abgrenzung. Evolutionsbiologen bestätigen das längst auch für jegliche Entwicklung. Das Leben spielt sich nicht in sich ewig wiederholenden Kreisläufen ab, sondern in Grenzverschiebungen. In der entwickelten Welt aber hält sich hartnäckig das Gerücht von den "natürlichen Grenzen", jenen des Menschen, der Technik, der Welt an sich. Aber diese sogenannten natürlichen Grenzen sind nur ein moralisches Geschmacksmuster.

Vor gut fünf Millionen Jahren tauchte die menschliche Spezies in der Evolution auf. Wir wissen über die längste Zeit dieser Entwicklung nichts. Aber vor rund 100.000 bis 50000 Jahren kam es zu einer merklichen Grenzverschiebung, dem sogenannten Take-off, in dem die Grenzbereiche immer weiter verschoben wurden, bis unsere Vorfahren in die Kulturgeschichte eintraten. Sie entwickelten die Fähigkeit, ihr Bewusstsein über den Augenblick hinaus zu dokumentieren – in Sprache, Schrift, Kunst. Kommunikation und Bewusstsein schieben die Grenze hinaus. Die natürliche Grenze ist die, die wir uns vorstellen können. Wir setzen die Linien.

Entgegen zeitgeistiger Interpretation ist das nicht hochmütig. Kulte, Religionen, Moral, Ideologien, Gesetze – das ganze menschliche Regelwerk ist nichts weiter als eine willkürliche Markierung, die sich ständig verändert, aber ihren Orientierungszweck durchaus erfüllt. Die neuen Grenzregeln allerdings unterscheiden sich in einem Punkt deutlich von ihren Vorgängern. Moderne Gesetze, so das Erbe der Aufklärung, sollten im Geist der größtmöglichen Bewegungsfreiheit des Einzelnen gedacht werden. Nicht mehr Gehorsam und Begrenzung, sondern Erweiterung ist ihr Zweck, auch wenn der in der Praxis nicht selten verfehlt wird. Grenzen dienen der Erkenntnis – und schießen manchmal übers Ziel hinaus, zum Beispiel bei den Grenzwerten in den Naturwissenschaften. Mit elektronischem Gerät lässt sich heute vieles messen, was man vor einigen Jahren noch nicht mal wahrnahm. Einiges davon hat Sinn, anderes wiederum ist nur sinnloses Theater, das sich für billige Schlagzeilen nutzen lässt, etwa wenn Pommes zu tödlichen Krebserregern werden.
Grenzwerte zeigen, wie dehnbar unsere Limits sind.

5. ENTGRENZUNGEN

Was weit mehr zum Tragen kommt, ist die dunkle Seite der Abgrenzung, die nicht der Vielfalt dient, sondern dem Schutz der eigenen Komfortzonen und Privilegien. In der frühen Arbeiterbewegung ging es noch darum, Ketten zu sprengen, also Begrenzungen zu überwinden. Wer sich verbessern will, muss gegen Grenzen angehen, wer etwas hat, verteidigt sie. Die Armen müssen über die Grenze, die Reichen verweisen sie in ihre Schranken.

Die alten Emanzipationsbewegungen, die für die Aufhebung menschlicher, sozialer und materieller Beschränkungen kämpften, gehören längst zum politischen Mainstream der westlichen Demokratien. Früher sollten Grenzen geöffnet werden. Man sang die Internationale, was ja kein Zufall war, sondern den Anspruch auf eine klassenlose, grenzenlose Gesellschaft – weltweit, international eben – betonte. Heute heißt das Ding Globalisierung. Die wird insbesondere von jenen verdammt, die rein theoretisch immer schon fürs Klassen- und Grenzenlose waren. Der ehemalige Bundesaußenminister Joschka Fischer hat dieses eingespielte Verhalten seiner Gesinnungsfreunde als das bezeichnet, was es ist: Heuchelei. "Die in politischen Seminaren und auf linken Kongressen und Kirchentagen benutzte Formel von der 'einen Welt', die dort meist kapitalismuskritisch gemeint war und politisch eine gerechtere Verteilung des globalen Reichtums anstrebte", so Fischer, habe mit der Globalisierung reale Züge angenommen. Nun nenne man das aber plötzlich eine "westlich-kapitalistische Verschwörung". Dass China, Indien, die Schwellenländer weiterhin "arm und unterdrückt zu leben hätten" und die Menschen im Westen "frei und reich" bleiben dürften, sei eine "unsinnige und zutiefst ungerechte Position", für die es "kein einziges rationales oder gar moralisches Argument" gebe.

Fischers Appell erschien als Vorwort zu Jagdish Bhagwatis Buch "Verteidigung der Globalisierung" im Jahr 2008. Seither hat sich der Wunsch nach unüberwindlicheren Grenzen in Europa verstärkt. Nach alter Sitte vermischt sich Globalisierungskritik mit Antikapitalismus und Fremdenfeindlichkeit. Die Fremden wollen uns unseren schönen Sozialstaat kaputtmachen. Wer hätte in Zeiten wie diesen nicht die Absicht, eine Mauer zu errichten?

6. REISEPÄSSE

Hinter den Grenzfragen von heute steckt, was sich schon immer dahinter verbarg: das Materielle, alte Privilegien und der Schutz der persönlichen Komfortzonen. Nichts davon sei neu, sagt der Soziologe Georg Vobruba von der Universität Leipzig: "Grenzen sind das effizienteste Instrument, um einen Verteilungskonflikt für sich zu entscheiden. Das ist ja heute gemeint, wenn wir von Grenzen reden, von Nationalstaaten oder von der EU." Die meisten heute lebenden Menschen halten den Staat und seine Grenzen für eine Art Naturgesetz. Der Umstand, dass man sich innerhalb des so genannten Schengen-Raumes in der EU ohne Reisepass bewegen kann, wird als große Errungenschaft, als Sieg der Freiheit gefeiert. Nur: Bis zum Ersten Weltkrieg hatte kaum ein Europäer einen Pass, und das lag nicht daran, dass sich damals die Leute nicht vom Fleck rührten. Die Mobilität war schon vor dem Zeitalter von Auto und Flugfernreisen hoch: Die Migrationszahlen, etwa in die USA, waren deutlich höher als im 20. Jahrhundert. Das galt auch für den Handel der Länder untereinander: Zur Reisefreiheit gab es vielfach eine Handelsfreiheit, die bis heute nicht wieder erreicht ist. "Europa wird erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu einer Ansammlung von Nationalstaaten – vorher redet man darüber, aber es wird eben nicht ernst genommen", erläutert Vobruba. Die harten Grenzen, die dann errichtet werden, gehören zu den schwersten Festungen, die die Menschheit je gesehen hat. Links- und Rechtsdiktaturen errichten unüberwindliche Barrieren. Das bestimmt bis heute unser Bewusstsein.

Doch schon nach dem Zweiten Weltkrieg lösen sich die Grenzen wieder auf. "Man fühlt sich von den Armen, den Wirtschaftsflüchtlingen, bedroht. Und der erste Reflex lautet: Schließt die Grenzen", sagt Georg Vobruba. "Aber der erste Hauptsatz der Grenzsoziologie lautet: Grenzen können nicht nachhaltig dichtgemacht werden. Zumindest in der modernen, hoch differenzierten Gesellschaft respektieren die wenigsten sozialen Prozesse überhaupt noch Grenzen."
Welche Grenzen will man ziehen, wenn man die Innovationsstärke und die Leistungsbereitschaft anderer als Bedrohung versteht?

7. GRENZGEBIETE

Im schweizerischen Davos trifft sich jedes Jahr Ende Januar die wirtschaftliche und politische Elite, und wie in jedem Jahr geht es um Grenzen aller Art, um Freihandel, Migration und freien Personenverkehr, um Quoten, Außengrenzen und jede Menge Ethik. Man tauscht sich aus. Das tun die Mächtigen am liebsten, darüber reden, wo sie die Grenzen ziehen, wie weit sie gehen können. All das bewegt sich in einem vorhersehbaren Rahmen. Nur selten schießt dabei jemand übers Ziel hinaus.

Eine Ausnahme war das Jahr 1996. Damals sprach der amerikanische Aktivist, Unternehmer und Dichter John Perry Barlow beim Weltwirtschaftsforum in Davos. Barlow ist als Songschreiber der Hippie-Rockband Grateful Dead bekannt geworden. Vor 23 Jahren gründete er mit dem Programmierer und Entrepreneur Mitch Kapor, dem Gründer des Softwareunternehmens Lotus Development, die Electronic Frontier Foundation (EFF), die sich für die Freiheitsrechte der Internetnutzer einsetzt. Barlows Rede zur Unabhängigkeit des Cyberspace ist kein Dokument der Harmonielehre, sie beginnt so:

"Regierungen der industriellen Welt, ihr müden Riesen aus Fleisch und Stahl, ich komme aus dem Cyberspace, dem neuen Zuhause des Geistes. Als Vertreter der Zukunft bitte ich euch (...), uns in Ruhe zu lassen. Ihr seid nicht willkommen unter uns. Ihr habt keine Souveränität, wo wir uns versammeln."

Natürlich klingt das auch 2013 noch größenwahnsinnig. Aber es geht ja weiter. Barlows Internet ist eines des Austauschs, der Ideenökonomie, in der materielle Grenzen tatsächlich überwunden werden – und mit ihnen zunehmend auch die alten Rahmenordnungen an Gültigkeit verlieren. Die Ökonomie des Webs sorgt für die Entwicklung eines neuen Gesellschaftsvertrags, genauer: eines Zivilgesellschaftsvertrags. Der kennt Geschäfte unter souveränen, selbstständigen Erwachsenen, die keine Aufsicht brauchen, weder Konzerne noch Staaten.

Das braucht seine Zeit. Aber ohne Zweifel haben sich die Grenzen seit Barlows Rede enorm verschoben. Was damals möglich schien, ist heute vielfach Realität. Verrückt klingt immer nur das, was noch nicht geschehen ist.

Das liegt an der Frontier, einem schwer fasslichen Wort im Deutschen, das man am ehesten als Grenzbereich übersetzen kann. Der herrschte in Nordamerika bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, der Wilde Westen war klassischer Grenzbereich, ein Synonym dafür, wie sich Grenzen verschieben konnten. Es ist der Bereich, in dem verhandelt, experimentiert, gesucht und gefunden wird, der Teil der Welt, der in Bewegung ist. Die Frontier ist heute in Asien, in Südamerika, in Afrika, in allen Staaten, in denen sich Märkte und Freiheit entwickeln. Die Frontier ist dort, wo Leute Hoffnungen haben, Entscheidungen treffen wollen, im besten Sinne auf sich gestellt sind und ihre eigenen Grenzen ausloten.

Auf diese Idee berief sich John F. Kennedy, als er 1961 sein New-Frontier-Programm (das unter anderem auch den Flug zum Mond beinhaltete) verkündete und seiner apathischen Nation, die sich abgehängt und geschwächt fühlte, neue Kräfte verlieh. Kennedy fand eine bis heute unerreicht gute Formel für die Grenzerweiterung: Das Ziel, der Mond, sei deshalb so hochgesteckt, weil es so schwer sei, es zu erreichen.

Was Kennedy damals weckte, könnten wir auch heute gut gebrauchen: die Freude daran, die Grenzen hinauszuschieben.
Es geht nicht um Grenzenlosigkeit, es geht um Durchlässigkeit. Grenzen sind gut, weil man sie überwinden kann. ---