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Fragen an Stephan A. Jansen: Gibt es Grenzen des Wachstums?

Drei Antworten. Wirtschaftstheoretisch und wirtschaftspolitisch: nein. Wachstum ist in die Beschleunigungsspirale des Kapitalismus eingewoben – über einen kaum aus der Welt zu schaffenden Trick: den Zins. Zinssenkungen werden immer dann vorgenommen, um Konsum und Investitionen auf Pump zu ermöglichen. Und dann geht es eben weiter, denn die Zinszahlung auf Verschuldung – staatlich wie privat – erzwingt Wachstum.




Sozialwissenschaftlich? Vielleicht. Das Buch des Club of Rome feierte gerade seinen 40. Geburtstag, aber die wachstumskritische Nachhaltigkeitsdebatte ist immer noch eine reine Elitendebatte. Sie zu popularisieren und vor allem auch international zu führen wird anspruchsvoll. Im Zentrum die Frage: Mit welchem Recht bestehen die nicht nachhaltig gewachsenen Erste-Welt-Länder eigentlich darauf, den sich nun entwickelnden Ländern mit einer Nachhaltigkeitsdebatte die Wachstumsvorteile zu nehmen?

Ressourcenseitig? Sind wir bei vielem schon am Ende, etwa bei fossilen Energieträgern und allem, was mehr genutzt wird, als nachwachsen kann. Und das wird weitergehen, wenn wir keine stoffliche Re- oder Upcycling-Ideen entwickeln. Gleichzeitig hilft technische Kreativität, Produkte mit weniger Rohstoffeinsatz zu schaffen oder sie durch virtuelle Modelle zu ersetzen.

Muss Wirtschaft wachsen?

Das Versprechen von Nationalstaaten und Familien war einmal: "Die nächste Generation soll es besser haben." Wachstum wird da im Sinne von Walter Benjamins Kapitalismus-Theorie zu einer quasi-religiösen Kategorie, zu einer säkularisierten Version des "Himmels auf Erden". Inzwischen wissen wir, dass das kein Versprechen, sondern ein trickreicher Versprecher war. Auch wenn sich wirtschaftlich und sozial viel verbessert hat, wurde am Ende doch eine genau entgegengesetzte, also für die nächste Generation ungerechte Politik gemacht: Die vergangenen drei Generationen haben sich durch eine nie da gewesene Verschuldung an den zukünftigen versündigt, finanziell wie ökologisch. Das ohnehin schon geliehene Erbe der nächsten Generation wurde nochmals beliehen.

Solange diese Schulden nicht getilgt oder auf andere Art beglichen wurden, ist jede Debatte über Wachstum Augenwischerei: Wir brauchen es auch künftig, um die Schuld der Vergangenheit zu bezahlen.

Die Politiker sind schuld?

Der Trick ist nicht die absolute oder relative Höhe zum Himmel, sondern die Zeit, bis man ihn erreicht hat. Die Land- und Finanzwirtschaft wie auch die Politische Ökonomie verkürzen sie durch Diskontierung der Zukunft auf die Gegenwart – der Himmel soll schneller auf die Erde kommen (um dann zu sehen, dass himmlische Erde vor allem Erde ist). Es gibt ja den alten Kalauer: "Wir wissen, dass wir auf dem falschen Weg sind, kompensieren dies aber durch Beschleunigung."

Wachstum durch Verschuldung des Staates ist eine Anleihe auf die Zukunft, die aber verbaut wird, wenn man die Schulden nicht zurückführt. Im vergangenen Jahrhundert aber hat die Politik selbst in sehr vermögenden Ländern bestenfalls die Neuverschuldung gebremst – Tilgung ist aus der Mode gekommen. Für den Rückwärtsgang ist die kurzatmige Politik leider auch schlecht geeignet.

In der Konsequenz betreiben selbst konservative Regierungen einen Keynesianismus, der in Wahrheit nur wenig mit dem Wachstumsoptimisten John Maynard Keynes zu tun hat. Denn die bei ihm zwingend vorgesehene Rückzahlung wird einfach vergessen.

Was folgt daraus?

Wenn sich Einsichten und Handeln widersprechen, nennen wir das in der Wissenschaft einen "performativen Widerspruch" – wenn man etwa mit dem Geländewagen zur Umweltschutzdemo fährt oder als Befürworter fairer Löhne Apple-Geräte kauft. Das ist uns bewusst. Und deshalb wächst mit dem moralisierten Konsum auch die Bereitschaft, die damit einhergehenden Widersprüche auszuhalten.

Wir ernähren uns vegetarisch, verwerten alles weiter, verzichten aufs Auto und wollen nicht mehr alles besitzen, sondern nur noch nutzen. Das wird in den westlichen Metropolen propagiert, löst aber keine globalen Probleme. Die wachstumskritische Rhetorik der Siebzigerjahre hatte tatsächlich kaum Wirkung - aber auch die Postwachstumsökonomie, die als Wunschbild nach der Finanzkrise entstanden ist, wird nur in den gesättigten Eliten diskutiert werden können. Die Grenzen des Wohlstands zu definieren bleibt ein folgenloser Traum der Boheme. Damit kommt das Gerede von den Grenzen des Wachstums selbst an seine Grenzen.

Auch die Nachhaltigkeitsdebatte ist nur Rhetorik?

In Deutschland sind das zivilgesellschaftliche Spurenelemente der Siebziger- (Harrisburg) und Achtzigerjahre (Waldsterben). Die führten zu regenerativen Energien und zu einer ökologischen Grundhaltung wie in kaum einem anderen Land. Und darauf können wir auch stolz sein, denn es wird uns paradoxerweise Wachstum bringen. In der Wissenschaft gibt es für das Zeitalter einen eigenen Namen: das Anthropozän, also die umfassende Einflussnahme auf die Ökosysteme des Planeten durch den Menschen.

Aber das sollte nicht überbewertet werden. Wir sind nicht allein, und Nachhaltigkeit muss man sich leisten können – also wenn man lange Wachstumsphasen und deren zivilgesellschaftliche Sedimentbildung hinter sich hat.

Wie kommt man aus der Schuldenfalle?

Die Ökonomen streiten sich hier wie Juristen. Aktuell wird nach dem jüngsten Bericht des Internationalen Währungsfonds der "Multiplikator" diskutiert – dahinter steht die hoffnungsfrohe Suche nach einem Maß für die Hebelwirkung, die staatliche Ausgaben- oder Einsparprogramme auf das Gesamtwachstum haben. Die Diskussion läuft zwischen Neo-Keynesianern, die Sparprogramme für konjunkturkritisch halten, einer kleinen, nicht irrelevanten Fraktion, die in der EU eine zeitweise Rückkehr zu abwertbaren Nationalwährungen empfiehlt, und den von zahlreichen Wissenschaftlern unterstützten Zentralbankern, die von einer anderen Politik überzeugt sind: stoisch beim Konsolidierungsprogramm bleiben und auf Besserung hoffen.

Die entwickelte Welt wächst kaum noch. Kann das bedrohlich werden?

In der Tat haben wir dort ein sich abflachendes lineares Wachstum. In den USA sinken seit 1970 real die Pro-Kopf-Einkommen, wenn man Robert Gordon von der Northwestern University glaubt. Die vierte industrielle Revolution lässt auf sich warten – auch wenn das Schlagwort schon fortwährend bemüht wird.

Wachstum gibt es in neuen Ländern, aber mit den alten drei Innovationstreibern: (Dampf)-Maschinen, Elektrizität und Robotik. Die Produktivität des Internets dagegen wird überschätzt, da wird es weitere Forschung brauchen: Untersuchungen belegen, dass die anfänglichen Produktivitätsvorteile bereits seit 2004 deutlich zurückgehen – und zwar unter das Niveau von 1972.

Und ja, wir müssen uns um unsere auf Wachstum ausgerichteten Sozialsysteme sorgen – also die Rente und Transferzahlungen. Schließlich werden Schulden aufgenommen, um die Schulden aus der Vergangenheit zu bedienen. Ich nenne das "Keynes zweiter Ordnung".

Dafür wachsen China, Brasilien, Indien, Russland – gut für uns?

Der Währungsfonds sagt den hoch entwickelten Ländern 2013 lediglich 1,5 Prozent Wachstum voraus; viele US-Ökonomen halten das für zu optimistisch. Für die Entwicklungsländer sehen wir hingegen Wachstumsprognosen von durchschnittlich 5,6 Prozent – Wachstumstreiber ist dabei Asien mit 7,2 Prozent, aber auch Afrika mit gesunden 5,7 Prozent.

Dieses Wachstum holt die vergangenen drei industriellen Revolutionen in kürzerer Zeit nach – und ist dann eine Bedrohung, wenn nur nachgeholt wird. Kommt es aber zu Sprunginnovationen (mittlere Technologien werden ausgelassen), kann das zu sogenannten frugalen Innovationen führen: Wir lernen von den Entwicklungsländern und importieren. Das ist nicht unrealistisch.

Die entwickelten Länder aber brauchen Innovationssprünge, die nicht mehr rein technischer, sondern auch sozialer Natur sind: Systeme, die Nachhaltigkeit im Netzwerk etablieren – ob neue energieautarke, verkehrsreduzierte und vernetzte Städte oder vernetzt-vorsorgende Gesundheitssysteme. Dann bleibt ein Wettbewerbsvorteil dank qualitativem Wachstum.

Brauchen wir Wachstum zum Glück?

Eines ist belegt: Armut macht unglücklich. Der Soziologe Ronald Inglehart zeigte aber als einer der Ersten, dass das Wohlbefinden mit dem Wohlstand zwar steigt, aber wie das Wort des Wohl-Standes schon andeutet: Es steht – zumindest ab einem gewissen Punkt. Glück und Einkommen haben dem Easterlin-Paradox zufolge wenig miteinander zu tun. Psychologische Forschung bei Lottogewinnern belegt das. Daher gilt die Regel: Die Wachstumsfreude schrumpft mit der Zeit. Aber statt Glück produziert wirtschaftliches Wachstum Frieden – oder die Hoffnung darauf. Das ist selbstverständlich und macht kaum glücklich, aber es ist die Errungenschaft des zivilisierten Kapitalismus, dass Kriege nun auf Konten und nicht auf Schlachtfeldern geführt werden.

Stephan A. Jansen
ist Gründungspräsident der Zeppelin Universität Friedrichshafen, hat dort den Lehrstuhl für Strategische Organisation & Finanzierung inne und ist Direktor des Civil Society Center (CiSoC).