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Forever young

Die Grenzen zwischen Kindern und Erwachsenen werden immer unklarer. Das hat einen guten Grund: Bequemlichkeit.




• Es gibt Tage, an denen hat Jens Tasche, Psychotherapeut in Berlin, einfach genug. Es sind Tage wie diese: Schon am frühen Vormittag erzählt ihm ein männlicher Kapuzenpulliträger, was ihn bewegt. Ziemlich verwirrend das Ganze, aber eben typisch Teenager.
Das Problem dabei: Der Klient ist an die 50.

Etwas später kommt eine Mutter bei Tasche vorbei, die es auch nicht leicht hat, weil ihre Kleine, 14, nicht verstehen will, dass ihre Mutti doch auch ihre beste Freundin sein will, nicht bloß ihre Erziehungsberechtigte.

40-Jährige kaufen sich die Klamotten, die auch ihre 14-jährigen Töchter tragen. Sie finden Musik für Teenies cool und wälzen deren Probleme, als wären es die eigenen. Den Kindern ist das peinlich, vor allem wenn die Alten diese Nummer vor ihren Freunden abziehen. Und dann wären da noch jene, die von ihrem Verhältnis zur Firma und ihren Vorgesetzten berichten und dabei reden, als steckten sie in einem Mutter-Vater-Kind-Drama.

Die Botschaft des Therapeuten ist immer gleich: Dein Kind ist nicht deine Freundin. Deine Firma ist nicht deine Familie. Dein Chef ist nicht dein Vati. Und alles hat seine Grenzen. Benehmt euch wie Erwachsene. Infantile Typen habe es immer gegeben. Aber die Zahl der Leute, die nicht erwachsen werden wollen oder können, steige unaufhörlich an – seit 40 Jahren sei er im Beruf, seit 40 Jahren gehe es diesbezüglich aufwärts.

Eine solche Feststellung ist interessant in Zeiten, in denen Gewerkschaften, Arbeitsmediziner und jede Menge publizierender Laien den Begriff Burn-out zum legitimen Nachfolger von Pest- und Cholera-Epidemien vergangener Tage hochjazzen. Wir sind alle so fertig. Wir schaffen das nicht.

Die Betriebskrankenkassen meldeten Ende vergangenen Jahres, dass die Zahl der am Burnout-Syndrom leidenden Bürger um das 18-Fache gestiegen sei. Nach dem Klassifikationssystem ICD-10 handelt es sich dabei nicht um eine Krankheit, sondern um "Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung". Erwähnenswert ist das im Kontext mit Tasches Erkenntnissen deshalb, weil die Ursachen für die Defekte sich ähneln, wenn nicht gar auf einer Grundlage wachsen: Ob ausgebrannt oder entgrenzt – in beiden Fällen fehlt es meist an so schlichten Einsichten wie: "Es ist genug", "Das reicht". Also die Fähigkeit, sich eigene Grenzen zu setzen und zu unterscheiden, was gerade wichtig ist und was nicht. Wer das nicht – oder nicht klar, also gut genug – kann, wird krank oder fühlt sich zumindest so. War das nicht vorhersehbar – und sogar die logische Folge der durch den Konsumkapitalismus ausgelösten Spaßgesellschaft, die zwischen Ernst und Heiterkeit, Dienst und Schnaps, Alt und Jung, Gut und Böse nicht mehr unterscheiden konnte oder wollte – und lieber shoppen ging, statt die Welt zu retten?

Ach was, sagt Tasche, so einfach ist das nicht.
Es ist bloß eine einfache Erklärung, die seit Jahren herumgereicht wird und durch ständiges Wiederholen mittlerweile ganz plausibel klingt. Doch gemach: Der Versuch, Kapitalismus und Wirtschaft für alles und jedes verantwortlich zu machen, vor allem für das, was Leute in ihrem Leben tun oder lassen, schlägt fehl. Schlechte und eher trübe Zeiten waren eigentlich ja auch immer solche, in denen schnell nach Grenzen gerufen wurde, nach Regeln, Ordnung, Limits und klaren Entscheidungen. Warum wird dann eigentlich die Zahl der Entgrenzten nicht kleiner?

Der Psychotherapeut Tasche hat dafür eine interessante Erklärung: "Die Leute wollen nicht erwachsen werden, weil das eine Last ist. Das bedeutet Verantwortung, Verpflichtung – und das sind alles Tugenden, die heute niemand mehr so richtig honoriert." Es lohnt sich nicht, erwachsen zu sein. Es lohnt sich nicht, Verantwortung zu tragen. Im Gegensatz dazu gehört dem Maroden das Mitleid und die Aufmerksamkeit unserer Kultur. Aua am Finger haben lohnt sich. Und wer klein und niedlich ist, dem sieht man einiges nach.

Unsere Leitkultur fördert das Kindchenschema. Wie es dazu kommen konnte, weiß Jens Tasche aus eigener Erfahrung. Als junger Mensch in den späten Sechzigerjahren orientierte er sich an den kommunistischen Idealen Wilhelm Reichs, an einer speziellen Form von Selbstverwirklichung, die keine Grenzen kannte. Grenzen, das waren die, die zwischen der Person und dem Paradies liefen. Grenzen waren ungerecht. Grenzen widersprachen der Gleichheit. "Das haben wir geglaubt und bei jeder Gelegenheit an die nächste Generation weitergegeben." In gewisser Hinsicht hat sich Tasche seine Klienten selbst herangezüchtet.

Dabei ging es jeder Emanzipationsbewegung im Grunde immer darum, erwachsen zu werden – also handlungsfähig, zur Entscheidung befugt. Das Wesen der Gleichberechtigung ist nicht die Aufhebung der Grenzen, sondern das Recht, sie zu überschreiten. Erwachsensein bedeutete immer, Chancen zu haben, tun zu können, was Kindern verwehrt wurde. Also all die schönen verbotenen Sachen, die man erst mit 18 oder gar 21 tun durfte. Das war eine enorme Motivation, sich verantwortungsvoll zu zeigen. "Ich bin schon groß" bedeutete stets: Ich kann das. Ich darf das. Ich trage Verantwortung.

Niemand außer einigen Muttersöhnchen hatte Interesse daran, nicht erwachsen zu werden – oder wenigstens erwachsen zu tun. Die Volljährigkeit war eine magische Grenze, hinter der alle Hoffnung eines jungen Lebens lag: Zigaretten, Whiskey, Sex, Führerschein und Rockkonzerte. Man durfte gehen, wohin man wollte, und tun, worauf man Lust hatte. Erwachsensein hieß, sich seine Grenzen selbst zu setzen. Früher nannte man das: selbstständig sein.

Heute klingt das suspekt. "Erwachsensein ist eine einsame Position geworden", sagt Jens Tasche. Aber wer keine Grenzen will, "will nichts aushalten, keine Trennungsschmerzen haben. Wer Kind bleibt, macht es sich bequem und hofft, dass andere seine Probleme lösen. Umgekehrt bedeutet das auch, dass man sich ein Leben lang nicht frei bewegen kann."