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Wochenpost DDR

Nicht Ost, nicht West, nicht rechts, nicht links, sondern vorn. Erinnerung an das Blühen und Verblühen einer Zeitung, die sich der Grenzberichterstattung verschrieben hatte.




• Ich erinnere mich noch genau, wie mein großer Traum vom wirklich gesamtdeutschen Zeitungsprojekt an einer kleinen Dose Erbsen zerbrach. Mein Kollege K. saß an einem Artikel, der längst hätte fertig sein sollen. "Lass uns Mittagessen gehen", sagte ich, "zu 'La Rita'". Dort bekam man für neun Mark eine wunderbar matschige Pasta Mista. "Nee, keine Zeit", kam es von dem Kollegen zurück, der da mit fahlem Gesicht und gehetztem Blick vor dem Schwarz-Weiß-Monitörchen seines Mac Classic kauerte und sich die Fingernägel abkaute, "der Text muss fertig werden". Es war kurz vor eins, und K.s Aschenbecher war schon voll mit den Kippen seiner Cabinet würzig. Ich sah, wie er in die Schreibtischschublade griff und eine Dose Erbsen herausholte. Nicht Erbseneintopf mit Speck oder Würstchen, nein, einfach nur Erbsen in Wasser. Die Augen auf den Bildschirm geheftet, öffnete er die Dose und begann, die kalten Erbsen in sich hineinzulöffeln. Bald würde der Chefredakteur vom Mittagessen zurück sein. Und K. ahnte schon, was ihn erwartete. "Der Artikel weist nicht nach vorn", würde es wieder heißen, "er bezieht nicht Position."

Knapp zwei Jahre zuvor hatte derselbe Chefredakteur die Leser noch teilhaben lassen an seiner Freude über das gemeinsame Arbeiten in einer ostwestgemischten Redaktion, "über die ersten Schritte ins Neuland, über Zusammenarbeit, Streit und neue Freundschaften quer zu Ost und West". Und jetzt: ein verzweifelter Kollege, ein Chefredakteur, der nicht versteht, warum die Ostler nicht über Politik schreiben können. Aus der Traum.

Der Traum beginnt im Frühjahr 1991. Ein Jahr zuvor hat die PDS den Berliner Verlag, zu dem auch die "Wochenpost" gehört, an Gruner+Jahr verkauft. Der neue Verlag, der nichts von Wochenzeitungen versteht, holt sich zwei Berater aus dem Westen: Mathias Greffrath, ein angesehener linker Intellektueller der 68er-Generation, der zuvor unter anderem für den Sender Freies Berlin und als "Zeit"-Feuilletonist gearbeitet hat, und Max Thomas Mehr, Mitbegründer der "Taz", ein linksradikaler Antikommunist, der "den Osten inhalieren wollte, bevor er weg ist". Zu diesem Inhalieren gehört auch, dass er gern mal in die Personalakten der Wochenpostler schauen würde – "nicht um Druck auszuüben", wie er heute betont. Die Sekretärinnen haben da ihre Zweifel und jagen die Akten, bevor Mehr sich den Zugriff sichern kann, durch den Reißwolf.

Im Juli 1991 erklimmen die beiden die Kommandobrücke der Zeitung, Greffrath als Chefredakteur, Mehr als sein Vize. Zu DDR-Zeiten hat die "Wochenpost" sich den Ruf einer anständigen, fast durchweg lesbaren, vielleicht etwas betulichen Postille erworben. Die Auflage: 1,3 Millionen. In den knapp zwei Jahren vom Mauerfall bis zum Amtsantritt der neuen Chefs verabschieden sich 90 Prozent der Leser. Und Greffrath geht davon aus, dass die Verbliebenen "eher aus Zufall und Trägheit noch da sind". Er könnte sie umwerben, eine Jammerecke für larmoyante DDR-Nostalgiker einrichten. Vielleicht brächte das sogar den einen oder anderen abtrünnigen Leser zurück. Aber Greffrath und Mehr haben anderes, Größeres vor.

Was sie antreibt, ist die Idee einer Zeitung, die eine Brücke schlägt. Ein Blatt aus dem Osten, aber für das ganze Land. Eine Zeitung, die den Ostlern den Westen erklärt und umgekehrt. Eine "Wochenpost", die aus dem Erbe der beiden deutschen Teilrepubliken den Entwurf einer gesamtdeutschen Zukunft kombiniert. "Greffrath denkt sich die "Wochenpost" als ein Blatt, das der Studienrat aus Wesel so gern liest wie die Verkäuferin aus Magdeburg, der Tierarzt in Suhl und die Tante Molly dieses Landes", schreibt damals Jutta Voigt, eine der besten Reporterinnen des Ostens, von Greffrath in die Redaktion geholt. "Jede Woche eine kleine Diderot'sche Encyclopédie, soziale Sinnlichkeit als journalistisches Programm."

Im gerade erst begonnenen totalen Umbruch von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft soll das Blatt davor warnen, sämtliche Fehler der alten schweinekotelettförmigen Republik im Westen zu wiederholen. "Die Zeitung ist gesamtdeutsch, aber von Osten her geschrieben, sie will die Neugier eines Ethnologen im eigenen Land entwickeln. Immer in der Perspektive: Das ganze Deutschland muss sich ändern", schreibt Greffrath in einem seiner ersten Leitartikel. "Immer wird die Zeitung auch überlebte Strukturen der alten Bundesrepublik infrage stellen." Das ist die Magna Charta der neuen "Wochenpost". Es sei "gar nicht genug Geld da, um alle Fehler des Westens nachzumachen", hofft Greffrath. "Noch kann man im Osten ein vernünftiges Energiesystem aufbauen, noch sind die Kopfsteinpflaster und Eichenalleen da. Noch könnte man Städte bauen, die anders sind als im Westen." Die Vorschläge zur gesamtdeutschen Erneuerung erhofft sich der von der bräsigen West-SPD enttäuschte Chefredakteur vom Osten – "aber nicht jammernd, nicht anklagend, sondern intelligent".

Noch heute spricht Greffrath von der "politisch-kulturellen Mission: Nicht rechts und nicht links" soll die Zeitung sein, "nicht Ost, nicht West, sondern vorn". Das Wort "Vision" ist aus seinem Mund häufig zu hören, seine Artikel sind Aufrufe zur politischen Aktion. "Warum sind die Leute aus Kleinmachnow nicht auf den Straßen?", fragt er. "Warum machen die Stahlarbeiter Möllemann nicht Dampf? Und die Frauen gegen den Paragrafen 218? Solange hier niemand Lust auf Zukunft hat, kommt auch keine."

Er nutzt die einmalige Chance, ein derart ambitioniertes Projekt auf den Weg zu bringen. Gern spricht er von der "kurzen Zwischenzeit", in der "die Reste der DDR noch zu sehen und die Baugruben schon zu ahnen sind". Die Redaktion zieht um, vom Alexanderplatz an den Checkpoint Charlie, dem bekanntesten Berliner Grenzübergang.

"Wir waren Träumer. Gute Träumer"

Die "Wochenpost" ist zu dieser Zeit die einzige Zeitung mit nennenswerter Auflage, die ein derartiges Brückenkonzept verfolgt. Bei der wöchentlich erscheinenden Konkurrenz aus dem Westen, bei "Stern", "Spiegel" und "Zeit", irrlichtern allenfalls ein paar Alibi-Ostler durch die Seiten. "Sie schreiben von außen", urteilt Greffrath, "berichten mit fremden Wörtern aus einer anderen Welt." Viele sehen in der "Wochenpost" eine Art ostdeutsche "Zeit". "Wenn überhaupt, sind wir eine Art Ost-Cousine", so der Kommentar des "Wochenpost"-Chefs. "Ein bisschen frecher, ein bisschen ärmer, ein bisschen naiver, ein bisschen quäkiger mitunter auch. Aber auch ein bisschen spannender und ordinärer und plebejischer."

Irgendwann in dieser Zeit, Ende 1991, las ich zum ersten Mal die "Wochenpost". Ich wohnte in Köln und hatte gerade mein Studium abgeschlossen. Nachdem ich drei oder vier Ausgaben durch hatte, wusste ich: Da will ich hin. Ein paar Wochen später hatte ich einen Vertrag als Politikredakteur und eine möblierte Zwei-Zimmer-Wohnung mit Ofenheizung in Pankow. Wenn schon Osten, dann richtig.

Dass er die neue "Wochenpost" nicht mit der alten Ostmannschaft zum Erfolg führen wird, "mit Sozialisten, die tief in der Depression steckten", ist Greffrath klar. Wenn er "quasi im Laborversuch die Wiedervereinigung journalistisch probieren" will, wie die "Süddeutsche Zeitung" schreibt, wenn die Redaktion die gesamtdeutsche Situation widerspiegeln soll, braucht er neue Leute. Er entlässt zwei Dutzend Redakteure, nicht weil sie zwei Jahre zuvor fast durchweg ein SED-Parteibuch hatten, sondern damit Journalisten aus dem Westen kommen können, Bürgerinitiativbewegte, Ökolibertäre und Edelfedern, neugierig auf die Exotik des Zusammenbruchs und Übergangs, deren Herz tendenziell eher links schlägt. Aber auch einige der besten Schreiber aus dem Osten kommen an Bord, darunter Jutta Voigt, Fritz-Jochen Kopka und Regine Sylvester. Allerdings usurpieren die Westler die wichtigsten Führungspositionen.

"Das war ein explosiver Cocktail, aber die Schärfe war nicht feindlich", erinnert sich Regine Sylvester. Die Westler brennen darauf zu zeigen, wie man eine gute Zeitung macht; ihr hemdsärmeliger Elan und ihr unerschütterliches Selbstbewusstsein sorgen anfangs für Irritation. "Dieses Von-sich-selbstüberzeugt-sein-Müssen, das habt ihr ja mitgebracht", sagte mir Jutta Voigt kürzlich. "Bei der "Wochenpost" hab' ich mitgekriegt, dass Ehrgeiz einen Sinn hat, und sei es, um es euch zu zeigen."

Eine brodelnde Mischung schwebt dem Führungstandem vor, ein Schmelztiegel der Charaktere, Biografien, Talente und Gegensätze. "Am liebsten würde er die Zeitung machen wie Fassbinder seine Filme", beschreibt Jutta Voigt das Greffrath'sche Ideal. "Alle wohnen und arbeiten zusammen, immer zuständig, immer greifbar, immer bereit. Abends säße man um einen großen Tisch, es gäbe riesige Töpfe mit Bouillon und Karamellcreme, man würde gemeinsam essen und reden."

Die Klausurtagungen an brandenburgischen Seen kommen diesem Ideal wohl am nächsten. Man debattiert, erzählt, wandert, trinkt und versammelt sich abends ums Lagerfeuer. Rot scheint der Mond durch die Bäume am Schwielowsee, als ein in dieser Zusammensetzung wohl einzigartiges Liedgut-Potpourri aus ostwest gemischten Kehlen erklingt: Ein feste Burg ist unser Gott. Partisanen vom Amur. Tipitipitipso. DDR-Hymne. Bella Ciao.

Anfangs lassen die Ostler sich von Greffraths spielerischer Leichtigkeit anstecken. "Als hinge ihm eine Lichterkette aus Geistesblitzen im Kopf, die abwechselnd aufleuchten und sein Gesicht erhellen", beschreibt Jutta Voigt ihren Chef in jener "absolut glitzernden Zeit". Der wiederum befindet: "Die Mischung ist gut. Und sie ist anstrengend. Wenn Menschen, die 40 Jahre hier gelebt haben, den fassungslosen Westdeutschen den Alltag des Stasi-Phänomens erklären. Wenn die Autorin vom Prenzlauer Berg dem Redakteur aus Schöneberg erklärt, warum man im Osten anders lacht." Oder wenn der Westredakteur den Kollegen aus dem Osten seine peinliche Vergangenheit in längst untergegangenen K-Gruppen beichtet. Es klingt schwer nach Klischee, wenn beispielsweise Regine Sylvester bekennt, dass sie damals "nirgendwo anders auf der Welt hätte arbeiten wollen". Aber sie meint es so. "Wir waren Träumer. Gute Träumer."

Eine kleine Zeitung, die große Fragen stellt...

Hautnah soll sie sein, die neue "Wochenpost", authentisch, mit großen Reportagen die Umbrüche beschreiben. Ein als Feature beginnendes Sachstück ist verpönt, genauso wie eherne Traktate vom Schlage "Dreizehnerlei tut jetzt not". Es gibt doch übergenug von diesem seltsamen Stoff Leben. Als ein Asylbewerberheim vom rechten Mob angegriffen wird, suchen die Redakteure den jungen Steineschmeißer vom Zeitungsfoto, sie fahren hin und interviewen ihn gemeinsam mit seinen Eltern: "Vater, Mutter, Skin." Der überraschende, fremde Blick soll Lesern in Ost und West den Zugang zur jeweils anderen deutschen Wirklichkeit erleichtern.

Eine Ostredakteurin, zum Stahlarbeiterstreik ins Ruhrgebiet geschickt, erlebt konsterniert, dass die Stahlkocher gut gelaunt, wohlgenährt und Bier trinkend vorm Werkstor sitzen – und nicht verzweifelt bei Wassersuppe und ohne Geld zu Hause hocken, wie es gemäß ihrer über Jahrzehnte vom Klassenkampf geprägten Vorstellung zu sein hat. Der junge Wirtschaftsredakteur aus dem Westen schreibt Porträts über vermeintliche Shootingstars der Ostunternehmerszene, von denen leider die meisten schon nach einem halben Jahr pleite sind. Ostreporter Fritz-Jochen Kopka wiederum berichtet aus Sindelfingen, damals die reichste Gemeinde Deutschlands, nicht über den satten Wohlstand, sondern über den Streetworker, der von emotionaler Leere erzählt, über den Leistungsdruck am Band beim Daimler, über das Mädchen, das sich vom Hochhaus in den Tod gestürzt hat, und über den Lehrling, der sich mit dem Jagdgewehr des Vaters erschoss, weil er die Gesellenprüfung nicht geschafft hatte.

Greffrath verpasst dem Blatt ein politisches Gesicht oder besser: viele politische Gesichter. Gallionsfiguren der DDR-Bürgerbewegung wie Bärbel Bohley, Freya Klier oder Jens Reich kommen zu Wort, aber auch SED-Renegaten wie Günter Schabowski, der mehr aus Versehen die Grenzöffnung verkündet hat. Günter Grass entwirft sein "Träumchen von Europa". Mit missionarischem Eifer stellt Greffrath die politische Agenda des neuen Deutschlands, ach was, der Weltgesellschaft auf. "Entweder wir stellen uns, jeder und alle, neuen weltumspannenden Zielen, oder es wird zu neuen Diktaturen kommen." Er habe die einstige Gartenlaube "Wochenpost" "entgemütlicht", sagt er heute.

Schon Anfang 1992 raunt die "Süddeutsche Zeitung" warnend: "Ist die Zeitung am Ende zu intellektuell? – eine Angst, die lustigerweise der Verleger am meisten mit den alten Ostredakteuren zu teilen scheint." Der tendenziell linkssozialdemokratische Missionarismus des Chefredakteurs wird in der Redaktion - vor allem entlang der Ost-West-Linie - ganz unterschiedlich beurteilt. "Es war eine Haltung dahinter", preist Westreporterin Christiane Grefe noch heute die politische Linie, während Politikredakteur K., einer aus der alten "Wochenpost"-Crew, sich schon bald fragt, ob es gut sei für die Zeitung, "dass die Ideologie an jeder Ecke hervorlugt".

Wer den Gemütszustand dieser Zeitung, vielleicht dieses Landes in jener Zeit erkunden will, muss die Kolumnen lesen, die Seite drei, die Visitenkarte der "Wochenpost". Sehr persönlich, mitunter gefühlig geschrieben, schlagen sie einen Ton an, wie er im Westen völlig fremd ist. Oft entstehen sie aus Auseinandersetzungen innerhalb der Redaktion. "Das waren Debatten, als ob's ums Leben ging", erinnert sich Regine Sylvester. "Es ging ja in gewisser Weise auch ums Leben. Um unser Leben."

Manchmal entzündet sich der Dissens an scheinbar Banalem - etwa warum die Ostler bei Feiern zu vorgerückter Stunde regelmäßig Partisanenlieder oder grausliches Prolet-Liedgut anstimmen. Oder am Wunsch des Westwirtschaftsredakteurs, in seinem Ostberliner Wohnviertel möge doch endlich eine ganz normale Pizzeria aufmachen. Natürlich verbirgt sich dahinter mehr als der Wunsch nach einer Pizza Quattro Stagioni: "Ich wohne im Osten, und ich arbeite im Osten. Zum Ostler bin ich deshalb nicht geworden." "Weil du nicht willst", antwortet mit schneidender Stimme der Chor der Ostkollegen.

Immer wieder geht es um entwertetes Leben, um die Frage, wie man sich anständig verhält in der Diktatur, um die Grenze zwischen Mitmachen und Opposition. "Untereinander müssen wir uns nichts erklären", schreibt ein junger Politikredakteur trotzig. "Und es den Westdeutschen gegenüber zu tun, verspüren wir schon gar keine Neigung. Uns stört der Ton, in dem die Westdeutschen fragen, ihre Ungläubigkeit, dieses Kopfschütteln." Eine Kampfansage nicht nur an die Millionen Wessis da draußen, die alle wissen wollen, wie "das System funktioniert hat", sondern auch an die Westkollegen in der Redaktion.

Nachdem aufgefallen ist, dass alle Ostfrauen in der Redaktion Kinder haben und alle Westfrauen keine, treten zwei Redakteurinnen zu diesem Thema gegeneinander an. "Bloß keine Kinder!", beschreibt die Westreporterin ihre bisherige Lebensplanung. "Die waren da nur hinderlich. Unsere Freundinnen, die schwanger wurden, taten uns leid. Die Armen hatten eine Niederlage erlitten." Die Replik der Ostredakteurin: "Bedrückend für mich die Erkenntnis, dass sie sich ganz bewusst entschieden haben: Kind oder Karriere. Der gesellschaftliche Zwang zu solcher Entscheidung erschreckt mich." Man verlässt die Konferenz unversöhnt.

Ich will es besonders gut machen – und setze das Konzept der Brückenzeitung mit ein paar didaktischen Kunstgriffen etwas brachialer als vielleicht nötig um. Etwa in jener Kolumne über den 13. Springbrunnen, der in Bergheim, meiner rheinischen Heimatstadt, gerade gebaut wird. "Im Jahr 1992 ist es nicht nur überflüssig, Springbrunnen zu bauen, sondern geradezu dumm", pöbele ich meine Bergheimer an. "Jede Mark, die in Bergheim für den 13. Springbrunnen verschleudert wird, könnte sinnvoller ausgegeben werden: für den Bau einer Kläranlage in Dessau, für die Sanierung der Tagebau-Mondlandschaften in der Lausitz, die Renovierung von Altbauten in Dresden." Ich plädiere für "Springbrunnen-Verbot, Rodelbahn-Verbot, Erlebnisbad-Verbot für Bergheim. Und für Villingen-Schwenningen, Idar-Oberstein, Schwäbisch Gmünd und Hildesheim. Weil es nicht hilft, wenn nur die Bergheimer keine Brunnen mehr bauen." Besonders stolz bin ich, dass die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" den Artikel nachdruckt und die Leserbriefe mehrheitlich aus dem Westen kommen, wo es die Zeitung inzwischen gibt.

... und den dramatischen Wandel dokumentiert

Chronist des Umbruchs will ich sein. Meine Sympathie gilt nicht dem untergegangenen System, sondern den Menschen, aber nicht den hohen Chargen, nicht Gregor Gysi, Günther Krause oder Markus Wolf, sondern dem zum Niemand gewordenen Jedermann. Der Vize-Chefredakteur Mehr hält mich für "total verostet", was aus seinem Mund kein Kompliment ist. Freunde aus Köln streuen erfolgreich das Gerücht, ich sei Vorsitzender des Pankower Komitees für Gerechtigkeit, einer PDS-Vorfeldorganisation, die sich der Wendeverlierer annimmt und zum Glück schnell wieder verblüht.

Einmal schreibe ich eine dreiteilige Serie über die Stilllegung einer Brikettfabrik. Das muss man sich heute mal vorstellen: drei Teile, Beobachtungen aus anderthalb Jahren! Ich sehe sie noch vor mir: Brigitte Münzberg, Maschinistin für Brikettierung, die mit 14 angefangen hat in der Kohle – und sich jetzt zur Floristin umschulen lässt, obwohl weit und breit niemand Floristinnen einstellt. Mich beeindruckt, dass sie nicht klagt, sondern sich sorgt um einen Kollegen, "der hat doch nur die Hilfsschule. Nimm die Arbeit bei der Sanierung, hab' ich ihm gesagt, aber als er sich endlich drum gekümmert hat, war die Arbeit schon weg." Am liebsten würde sie was Soziales machen, Leuten helfen. "Aber ob ich da was finde, was meinen Sie?", fragt sie mich. Ich schweige. Zu Weihnachten schicke ich ihr eine Karte.

Eines Morgens finde ich mich in meiner Wohnung in genau dem Sessel wieder, aus dem ich wenige Minuten zuvor aufstehen wollte. Der Kreislauf streikt. Ich rechne nach und stelle fest, dass ich 38 Tage hintereinander gearbeitet habe, nicht selten bis um zehn, manchmal auch die Nacht durch. Nach Feierabend gehe ich oft noch mit den Kollegen los, immer mit den Ostkollegen. Die Geschichten der Westler kenne ich doch. Am Ende eines langen Abends, in dessen Verlauf zwei Flaschen Havana Club, sieben Jahre alt, geleert werden, es muss Karneval gewesen sein, können drei Politikredakteure aus dem Osten einigermaßen fehlerfrei "Drink doch ene met" von den Bläck Fööss mitsingen.

Lob von Kollegen anderer Blätter gibt es reichlich, vielleicht zu reichlich. "Die derzeit faszinierendste Zeitung im Osten ist die "Wochenpost"", urteilt die "Washington Post". Und Herbert Riehl-Heyse schreibt in der "Süddeutschen", es sei "durchaus spannend, ein Blatt zu lesen, in dem die Fetzen, die in ganz Deutschland fliegen, in bedruckter Form zu haben sind". Natürlich fehlt es auch nicht an hämischen Kommentaren, vor allem über Greffrath, dem manche sein Interesse am Osten nicht abnehmen. "Bäckerblume für aussterbende Intellektuelle", heißt es über die Zeitung, in der sich "westdeutsche Alt-68er und ostdeutsche Feuilletonisten im Willen zum ressentimentgeladenen Kitsch zusammenfanden".

Mit der Zeit verschiebt sich das Gefüge der Redaktion. Ein fast schon überwunden geglaubter imaginärer Grenzwall wächst zwischen den Schreibtischen heran. "Der Umgang wurde rauer, frostiger. Es gab nicht mehr dieses Glücksgefühl der ersten Zeit", beschreibt Regine Sylvester die allmähliche Veränderung. Gesungen wird schon lange nicht mehr. Vor allem die Veteranen gehen in Deckung. Anfangs haben sie, obwohl nicht unbedingt die besseren Schreiber, noch geglaubt, sie seien das Rückgrat der Zeitung, die Hüter des Grals. Nun merken sie, dass die wichtigen Entscheidungen meist beim Mittagessen getroffen werden. Von den Westlern, individualisierungsgestählten Menschen, ausgestattet mit bunten Bastelbiografien und großen Altbauwohnungen. Und sie sind nicht dabei. Es fragt sie ja auch niemand, ob sie mitkommen wollen. "Mir uns Gescheiterten wollte sich keiner gemein machen", sagt K. "Unser gesamter Erfahrungsschatz interessierte nach einiger Zeit keine Sau mehr."

Die Zeitung ist politischer geworden und soll auf diesem Weg weiter voranschreiten. Das Gros der Ostredakteure allerdings fremdelt – sicher aus der Erfahrung mit der Allgegenwärtigkeit der Pseudo-Politik in der DDR – mit dem Politikjournalismus, wie Greffrath ihn einfordert. Lieber flüchten sie sich in feinsinnige Alltagsbeobachtungen. "Bonn muss beben!", proklamiert der Chefredakteur. Seine Leute sollen Mut zur Meinung haben, sogar Visionen entwickeln. Und über alles schreiben können: Stasi-Schlussstrich, SPD-Krise, PDS-Boom. Wenn der Chefredakteur ins Ressort stürmt und fragt: "Hätten Sie nicht Lust, mal ein Interview mit ..." oder: "Möchte jemand von Ihnen einen Kommentar über ...", ducken sie sich weg. Rainer Lingenthal, von Greffrath 1993 als Politikressortleiter zur Zeitung geholt, konstatiert sogar eine "klare Verweigerungshaltung" unter den Ostredakteuren. "Sie hatten oft nicht das Stück Aggressivität, das man als politischer Journalist braucht", sagt Greffrath heute. "Ihnen fehlte die Lust am Krach, die innere Hungrigkeit, Gefräßigkeit, um an eine Geschichte heranzukommen." Ihm hingegen fehlte offensichtlich das feine Instrumentarium der Personalführung, die Gabe eines wirklich guten Lehrers, auch weniger begabte Schüler zum Abschluss zu führen.

Es kommen neue Leute, wie Lingenthal fast alle aus dem Westen, bei denen die Temperatur im Raum fällt, wenn sie das Ressort betreten. Die Intrige hält Einzug, und Greffrath hält nicht dagegen. Oder er kriegt es nicht mit. Im Nachhinein ist es erschreckend zu erfahren, wie viele Kollegen von damals nicht mehr miteinander reden. An der "Wochenpost" zerbrechen langjährige Freundschaften. Vielleicht weil die Zeitung den Leuten nicht egal ist, weil sie mehr ist als ein Job. Vielleicht aber auch, weil irgendwann niemand mehr da ist, der zwischen Ost und West, glühenden Greffrathianern und Visionsskeptikern, Günstlingen und Abgeschriebenen moderieren kann oder will.

Doch die Brückenbauer scheitern...

Die nachlassende Geduld des Chefredakteurs hat noch einen anderen Grund. Die Auflage kommt nicht aus dem Keller, trotz wunderschöner Werbekampagnen, unter anderem mit Kurt Biedenkopf und Heiner Müller. Letzterer verkündet vom Plakat herab: "Zehn Deutsche sind natürlich dümmer als fünf Deutsche." Die Verkaufszahlen kleben an der 100.000er-Linie. 200.000 wären vermutlich nötig, 150.000 würden den Verleger schon freuen. Oder wenigstens eine stetige Entwicklung nach oben. Im Osten sinkt die Auflage immer noch. Sie sinkt, weil der Preis gestiegen ist, binnen vier Jahren von 30 Pfennig Ost auf 2,50 D-Mark, weil der "Wochenpost"-Schriftzug auf der Titelseite auf einmal in Blau gedruckt wird statt wie eh und je in Grün, weil Greffrath den Ratgeber, die Gerichtskolumne, das Fernsehprogramm und den Fortsetzungsroman gestrichen und die Rätselseite gekürzt hat. Anders ausgedrückt: zu viel Politik, zu viel Westen.

Im Westen fristet die Zeitung nach wie vor ein Dasein in der Nische, wo sie durchaus Kultstatus genießt. "Es ist uns eigentlich nie gelungen, im Westen Fuß zu fassen", resümiert der damalige Verlagsleiter Bernd Klosterfelde. "Andere Leserschichten für diese Art von Zeitung zu gewinnen, das hat nicht funktioniert. Die Leute, die wir im Sinn hatten, haben sich einfach nicht dafür interessiert."

Der Verlag gibt die Parole aus, dass es nach drei, vier Jahren Einheit den Osten als Osten nicht mehr gibt. "Wenn keine Brückenköpfe da sind, kann man auch keine Brücke bauen", sagt Greffrath eines Tages resigniert. Damit habe er das mangelnde Engagement des Verlags kritisiert, interpretiert er seine Äußerung heute. Der Umfang der ostspezifischen Themen jedenfalls sinkt binnen anderthalb Jahren von 30 Prozent auf 10 bis 15.

War das ambitionierte Konzept am Ende eine Kopfgeburt? Die Auflagenzahlen deuten in diese Richtung. "Man hat das Konzept der Brückenzeitung der ostdeutschen Leserschaft einfach übergestülpt", sagt der damalige Wirtschaftsressortleiter Dietmar Bartz – und stellt der Zeitung damit im Nachhinein den Totenschein aus. "Das war ein avantgardistisch anmutendes redaktionelles Projekt, das jeder ökonomischen Grundlage entbehrte. Ein Angebot ohne relevante Nachfrage."

Die "Wochenpost" hat nach Kräften versucht, das Gesamtdeutsche, das nicht entstehen will, herbeizuschreiben. Was auf Dauer nicht mal im Binnengefüge der Redaktion funktioniert hat, konnte im großen Maßstab nur scheitern. Oder, mit den Worten des Politikredakteurs K.: "Was über 40 Jahre derart auseinandergemeißelt worden ist, kann man nicht als Zeitung innerhalb von drei oder vier Jahren wieder zusammenfügen." So gesehen, war es – zumindest aus verlegerischer Sicht – ein Fehler, Greffrath die Zeitung anzuvertrauen. Aber was wäre die Alternative gewesen? "Es mag sein, dass wir Überzeugungen nachgerannt sind, für die es keine wirtschaftliche Grundlage gab", sagt der Ex-Verlagsleiter Klosterfelde. "Allerdings glaube ich, dass wir mit allen anderen denkbaren Konzepten noch weniger Erfolg gehabt hätten."

... und das Blatt stirbt in aller Stille

Anfang Februar 2013. Zum ersten Mal seit Jahren blättert Mathias Greffrath wieder in alten "Wochenpost"-Ausgaben, die unter seiner Leitung entstanden sind. "Valentin Falin über Genscher, Enzensberger, Grass, Freya Klier, Interview mit Biedenkopf, Schabowski über Markus Wolf, das ist doch alles nicht schlecht", sagt er. War auch nicht schlecht. Nur wollten nicht genug Leute so etwas lesen. Greffrath hatte auch auf die "jungen Modernisierer im Westen" gesetzt – und meinte damit wohl vor allem die Modernisierer der SPD. Aber die Zeitung wurde, so das ernüchternde Ergebnis der Marktforschung, im Westen vor allem von "etablierten Sozialromantikern" gelesen. Schon wieder die Studienräte und Sozialpädagogen! Furchtbar.

Im April 1994 entlässt Gruner+Jahr Mathias Greffrath. Sein Nachfolger wird Mathias Döpfner, heute als Vorstandsvorsitzender der Axel Springer AG einer der mächtigsten Medienmanager der Republik, damals ein sehr junger Mann mit einer konservativen Weltsicht. Er verabschiedet sich vollends vom Experiment der Brückenzeitung, will den Ostdeutschen ein Stück ihrer alten "Wochenpost" zurückgeben. Unter seiner Ägide, mit Titelgeschichten zwischen "Mut zum Pelz!" und "Kohl, der Öko-Kanzler" wird die Zeitung volksnaher, plakativer, weniger intellektuell.

Die Auflage verharrt bei 100.000. Den Führungswechsel sehe ich schon nicht mehr mit Ungeduld. Ich verlasse die Redaktion und schreibe als Autor weiter für die Zeitung. Das Gefühl, dass ich da hingehöre, ist weg.

Döpfner bleibt fast zwei Jahre, Gruner+Jahr verkauft die Zeitung, ein neuer Chefredakteur kommt, der nicht ahnt, dass er die Redaktion abwickeln wird. Zu Weihnachten 1996 erscheint die letzte Ausgabe der "Wochenpost". Es gibt keinen Aufschrei. Eine Idee stirbt. Und niemand vermisst sie.

Fast sechs Jahre lang hat Gruner+Jahr die "Wochenpost" finanziert – ein Engagement, das dem Verlag einen Verlust von schätzungsweise 15 Millionen Euro eingebracht hat. Die "Financial Times Deutschland" ließ Gruner+Jahr sich in den 13 Jahren ihres Bestehens mehr als 250 Millionen Euro kosten.

Hin und wieder bin ich in Bergheim zu Besuch, meiner Heimatstadt tief im Westen. Dort wurde seit 1992 kein Springbrunnen mehr gebaut. Einige sind versiegt, kaputtgegangen, es fehlt Geld für die Reparatur. Die stehen jetzt einfach rum und rosten vor sich hin. Meine "Wochenpost"-Kolumne hing damals im Rathaus aus. "Kein Ortsvorsteher hat sich danach mehr getraut, Geld für einen Springbrunnen zu beantragen", erzählte mir ein alter politischer Weggefährte.
Immerhin.