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Die Wendige

Jahrzehntelang richtete sich der Blick der Türken nach Westen. Doch weil ihre Zuneigung nicht erwidert wurde, schauten sie sich auf anderen Märkten um. Einblicke in eine prosperierende Nation, die gelegentlich an ihre Grenzen stößt.




Kopftuch-Schönheit: Ein ukrainisches Model word fürs Fotoshooting für das muslimische Modemagazin "Ala" hübsch gemacht

• Recep Tayyip Erdogan gilt als Vater des türkischen Wirtschaftswunders. Das Versprechen seiner Gerechtigkeits- und Fortschrittspartei AKP lautet: Wohlstand für alle. Erst kommt das Fressen, dann der Islam – so könnte man seine Politik sehr pointiert beschreiben. Mit dieser speziellen Mischung aus Religion und Geschäft eröffnete sich das Land neue Horizonte.

Nach zehn Jahren Erdogan sehen viele Bürger ihr Land nicht mehr als Bittsteller, das von den Türstehern der Europäischen Union schnöde abgewiesen wird. Sie sind selbstbewusst geworden. Türkische Unternehmer erobern dank ihrer Anpassungsfähigkeit und ihres Improvisationsvermögens neue Märkte. Sie mischen mit, wo Konkurrenten aus anderen Nationen sich nicht ohne Weiteres hintrauen, gelten als aufgeschlossen, wenn Provisionen gefordert werden, und sind bereit, Risiken einzugehen. Sie bauen Einkaufszentren im Sudan, Fabriken in Usbekistan und Flughäfen im Irak.

Die Türkei zieht auch Kapital aus diesen Ländern an und treibt erfolgreich Handel über alle Grenzen hinweg. Selbst die globale Finanzkrise dämpfte den Aufschwung kaum. Als gefährlich erwiesen sich dagegen der Arabische Frühling und seine Folgen.

Die Grenzgänger

Was für ein Elend! Ein Abschleppwagen, beladen mit den verkohlten Resten mehrerer Laster, rollt über den syrisch-türkischen Grenzübergang Cilvegözü. Die Klumpen aus Gummi und Stahl waren einmal Ali Celiks ganzer Stolz. Der Spediteur aus der südtürkischen Stadt Mersin am Mittelmeer holt nun zurück, was von seinem Reichtum übrig blieb: "Das war's dann mit dem Wirtschafts-Boom in der Provinz Hatay", sagt er. Rebellen der Freien Syrischen Armee hatten die Kontrolle über eine Zollstation erkämpft, kurz danach plünderten Unbekannte die türkischen Lastwagen und setzten sie in Brand. "Jetzt", klagt Celik, "stehen viele Firmen in der Gegend endgültig vor dem Ruin."

Die Türkei schloss nach dem Zwischenfall die Grenze für den Warenverkehr – und setzte dem zuvor blühenden Handeln mit dem Nachbarn ein abruptes Ende. Noch bis vor knapp zwei Jahren galt die Provinz Hatay als Paradebeispiel für den Segen der neuen Ost-Orientierung. Im Zuge der vom Außenminister Ahmet Davutoglu vorangetriebenen sogenannten Null-Problem-Politik hatte man mit Syrien Freundschaft geschlossen. Hatay, einst ein Zankapfel zwischen den beiden Staaten – in den Dreißigerjahren hatte Frankreich die Provinz den Türken zugeschanzt – erlebte einen ungeahnten Aufschwung. Geschäftsleute wurden dank des Exports von Weizen, Baumwolle, Autoteilen und des Imports feiner Gewürze, Datteln und Seifen aus dem syrischen Aleppo steinreich. Auch der Tourismus kam in Schwung, bis der Aufstand in Syrien die Null-Problem-Politik ad absurdum führte. Heute sind Kriegsreporter und Flüchtlinge die einzig verbliebenen Gäste.

"Es ist eben riskant, enge Handelsbeziehungen mit instabilen Regimen einzugehen", stellt Sumru Altug, Professorin für Wirtschaft an der privaten Istanbuler Koç-Universität, lapidar fest. "Neue Märkte zu erschließen ist gut und schön, aber wenn die Türkei sich zu sehr auf ihre Handelspartner im Osten verlässt, wird es immer wieder Probleme geben", sagt sie. "Nehmen Sie Iran. Die Türkei bezieht einen Großteil ihrer Energieträger von dort. Aber was ist, wenn die Iran-Krise eskaliert und die Preise in die Höhe schnellen? Das würde die türkische Wirtschaft noch viel härter treffen als der Konflikt in Syrien."

Die Ökonomin Sumru Altug
Die Unternehmerin Dogan Yalcindag

Die in Pennsylvania ausgebildete Ökonomin, die etliche Jobangebote aus den USA und Großbritannien ausschlug, um in ihrer Heimat zu arbeiten, hält mit ihrer Kritik an der türkischen Wirtschaftspolitik nicht hinter dem Berg. Die Abwendung von Europa ist in ihren Augen ein großer Fehler, denn politische Stabilität sei ein hohes Gut, Schuldenkrise hin oder her: "Die meisten Europäer haben immer noch mehr Geld, das sie für türkische Produkte ausgeben können, als der Durchschnittsbürger in, sagen wir, Aserbaidschan."

Ankaras Außenpolitik ist durch den Krieg in Syrien an ihre Grenzen gekommen. Der Plan war, zu allen Nachbarn gute Beziehungen zu pflegen und sich so zu einer einflussreichen Regionalmacht mit Gewicht auf dem internationalen Parkett zu entwickeln. Für diese Rolle, so Außenminister Davutoglu, sei die Türkei durch ihre Lage zwischen Europa und Asien wie geschaffen. Und durch ihre Geschichte: Noch vor weniger als hundert Jahren beherrschten osmanische Sultane von Istanbul aus einen Vielvölkerstaat im Nahen Osten.

Auch wenn es Rückschläge gibt, nicht nur der Streit mit Syrien, auch Konflikte mit Israel und Zypern, so funktioniert die Strategie in Teilen doch. Zum Beispiel im Verhältnis zu Iran. Trotz politischer Querelen mit dem Mullah-Regime zog es viele persische Unternehmen in die Türkei. Iraner stehen dort noch immer an der Spitze der Statistik ausländischer Firmengründungen, allein im vergangenen Jahr ließen sich rund 650 Unternehmen neu registrieren. Und dann ist da noch das raffinierte Geschäft "Energie gegen Gold", mit dem die Türkei die Wirtschaftssanktionen gegen Iran umgeht, ohne gegen sie direkt zu verstoßen. Nachdem Iran aus dem weltweiten Interbanken-System Swift verbannt wurde, um das Regime vom Devisenfluss abzuschneiden, deponierte man Türkische Lira auf iranischen Konten, um Öl- und Gasimporte zu bezahlen. Der iranische Staat nahm das Geld, um große Mengen Gold in der Türkei zu kaufen. Der sprunghaft ansteigende Handel mit dem Edelmetall hübschte nebenbei noch die türkische Leistungsbilanz auf. Das hätte man sich als Mitglied der Europäischen Union nicht leisten können. Vielerorts mitzumischen, ohne dazuzugehören, kann ein Standortvorteil sein.

Yasemin Ergin
ist Mitherausgeberin von "Zenith". Das Magazin berichtet schwerpunktmäßig über den Nahen Osten und die islamische Welt und ist Kooperationspartner von brand eins.
Boomende Metropole am Bosporus: Istanbul. Doch auch in Anatolien brummt die Wirtschaft

Die alte Elite

"Ja, die Türkei hat ein sehr gutes Jahrzehnt hinter sich", sagt Arzuhan Dogan Yalcindag. "Wir haben schon zu Beginn des Jahrhunderts unsere eigene Finanzkrise gemeistert und unseren Haushalt in Ordnung gebracht, während der Rest der Welt langsam in die Krise schlitterte. Wenn man die Russen mit ihren Öl- und Gas-Exporten mal beiseite lässt, sind wir heute die größte Wirtschaftsmacht in der Region." Wenn eine Frau wie sie die Politik der gemäßigt-islamistischen Regierung in Ankara lobt, muss wohl etwas dran sein. Denn kulturell trennen sie und den Premier Erdogan Welten. Und überdies hätte sie mit ihm noch eine offene Rechnung zu begleichen.

Die 48-Jährige ist Vorstandschefin des größten türkischen Medienkonzerns Dogan TV Holding und eine der mächtigsten Personen im Land. 2007 wurde sie zur ersten weiblichen Vorsitzenden des türkischen Unternehmerverbandes gewählt, ein Posten, den sie 2010 aufgeben musste, um den familieneigenen Mammutkonzern aus der Krise zu führen. Dogan Yalcindag, Mutter von zwei Kindern und stets perfekt gekleidet, ist eine der Superfrauen der türkischen Wirtschaftswelt. Dazu zählt auch Güler Sabanci, Chefin des zweitgrößten Konzerns des Landes, die außerdem Museen und Forschungsinstituten vorsteht und in ihrer Freizeit einen von Kennern hochgeschätzten Wein anbaut. Oder Ümit Boyner, die aktuelle Präsidentin des Unternehmerverbandes, im Hauptberuf Finanzvorstand des Familienkonzerns.

Alle diese Frauen pflegen einen europäischen Lebensstil und stammen aus Industriellen-Clans, die in der türkischen Wirtschaft den Ton angaben und von früheren Regierungen gehätschelt wurden. Dann arrangierten sie sich allerdings rasch mit der Führung um Erdogan – nur die Dogans lieferten sich einen wahrhaftigen Kulturkampf mit den neuen Herrschern.

Arzuhan Dogan Yalcindag ist die älteste Tochter des Tycoons Aydin Dogan, Gründer eines Konglomerats aus Energiekonzernen, Autofirmen, Finanz- und Medienunternehmen, darunter die auflagenstarke Zeitung "Hürriyet". Die Geschichte der Holding steht beispielhaft für einen Wandel, der sich in den vergangenen Jahren in der Geschäftswelt abgespielt hat. Der Patriarch Dogan hielt wenig von dem Islamisten Erdogan, was wohl auf Gegenseitigkeit beruhte. Im Jahr 2007 zettelte Dogan – nicht zuletzt, weil seinen Konzernen einige rentable Staatsaufträge durch die Lappen gegangen waren – einen Medienkrieg gegen den Regierungschef an. Im Frühjahr 2009 fuhr Erdogan seinerseits schweres Geschütz auf und hetzte seinem Erzfeind die Steuerbehörden auf den Hals. Die verlangten Nachzahlungen in Höhe von 2,2 Milliarden Euro – auch für den Giganten Dogan hätte das den sicheren Ruin bedeutet. Der Alte pfiff seine Journalisten zurück, entließ einige Chefredakteure und Kolumnisten. Dann zog er sich zurück und überließ seiner ältesten Tochter Arzuhan die Rettung seines Lebenswerkes.

"Wir steckten damals völlig im Chaos. Viele Menschen haben nicht daran geglaubt, dass die Holding die Krise überstehen würde. Aber es geht uns heute besser als je zuvor", sagt sie und nippt an ihrem Capuccino. Das ist auch das Ergebnis eines Lernprozesses. Lange begegnete die bessere Istanbuler Gesellschaft dem hemdsärmeligen Aufsteiger Erdogan mit Geringschätzung. Doch hinter seiner AKP steht nicht nur der sprichwörtliche kleine Mann, es unterstützen ihn auch aufstrebende Unternehmer, Großhändler und Baulöwen in der Provinz. Nirgendwo lassen sich diese Leute so gut beobachten wie in Kayseri.

Die neue Elite

Die Industriestadt liegt rund 800 Kilometer von Istanbul entfernt, im Zentrum Anatoliens und hat mit der Metropole am Bosporus weniger gemein als Ludwigshafen mit Berlin-Mitte. Den frommen Bewohnern wird großer Fleiß nachgesagt. Mustafa Boydak, ein kleiner Mann mit Igelfrisur und Vorliebe für grell gemusterte Krawatten ist Präsident der Handelskammer und Vizechef der Boydak Holding mit ihren Möbelmarken Bellona und Istikbal: billiger als Ikea, beim Design am Geschmack von Kunden in Nahost, Zentralasien und der Ukraine orientiert. Den Boydaks gehören zudem Metall- und Textilfabriken sowie eine Bank, die nach islamischen Grundsätzen wirtschaftet.

Mustafa Boydak senior war Tischler und konnte 1957, als er den ersten Laden öffnete, weder lesen noch schreiben. Seine Söhne lernten es. Die erste Werkstatt war 35 Quadratmeter groß, heute produziert man auf 1,25 Millionen Quadratmetern. "Fromme Menschen sind fleißiger – abgesehen davon, dass wir fünfmal täglich beten", sagt Boydak. Für die Menschen in seiner Stadt sei Arbeit eine Art Gottesdienst.

Doch die islamischen Kapitalisten von Kayseri sind auch pragmatisch, sie profitierten von der neuen Ost-Politik, öffneten sich aber auch gen Westen. Schon 1976 reisten die Brüder Boydak zu Messen nach Europa und erkannten dort die Chancen der industriellen Möbelfertigung. Der alten Elite am Bosporus können sie auf Augenhöhe begegnen. Mit einem Jahresumsatz von zuletzt 2,2 Milliarden Euro spielen sie heute in derselben Liga.

Sumru Altug von der Privatuniversität Koç hält den Kulturkonflikt zwischen alten und neuen Eliten mittlerweile für erledigt: "Am Ende bekommen die Islamisten der AKP ihre Wählerstimmen nicht wegen ihrer konservativen Ideologie, sondern weil sie die wirtschaftlichen Bedürfnisse der Bevölkerung erfüllen." Zudem habe der Aufstieg nicht nur interne, sondern auch externe Ursachen. "Nachdem die Türkei etwa der Europäischen Zollunion beitrat, mussten türkische Unternehmen plötzlich lernen, in einem internationalen Markt mit anderen zu konkurrieren." Nicht nur der Aufbruch nach Osten habe die Firmen gestärkt, sondern das allgemeine Bewusstsein, dass man im Wettbewerb eine gute Chance habe.

Zu den türkischen Exportschlagern der vergangenen Jahre gehören übrigens neben Windeln und Haushaltselektronik aufwendig produzierte Herzschmerz- und Heldenserien. Rund 150 türkische Seifenopern werden derzeit in 73 Länder verkauft – vor allem nach Asien, Nordafrika und in die arabische Welt. Nicht selten werden sie von Firmen der Dogan TV Holding produziert. Der Boom begann 2008 mit der Serie "Gümüs", die in der arabischen Welt ein Straßenfeger wurde. Seitdem hat sich die Zahl der Besucher aus dem Nahen Osten an den Originalschauplätzen Istanbuls angeblich vervierfacht. Manche gehen sogar so weit, den türkischen Serien einen politischen Einfluss zuzusprechen: Der Kulturexport trage zum guten Image des Landes bei und vermittle türkische Tugenden. In "Gümüs" verlieben sich übrigens zwei junge, schöne Menschen und führen eine gleichberechtigte Beziehung. Allerdings erst nach ihrer Zwangsheirat.

Türkei in Zahlen Frauenanteil bei Führungskräften,
in Prozent: 26
Anteil berufstätiger Frauen an der weiblichen Gesamtbevölkerung, 
in Prozent: 25
Anteil der Frauen, die nicht lesen und schreiben können, 
in Prozent: 10
Gesetzlicher monatlicher Bruttomindestlohn, 
in Euro: 408 Durchschnittliches Nettoeinkommen pro Monat im Jahr 2011,
in Euro: 390
Durchschnittliches monatliches Haushaltseinkommen in Istanbul im Jahr 2011,
in Euro: 538
Durchschnittliches monatliches Haushaltseinkommenn in Kayseri im Jahr 2010,
in Euro: 377
Durchschnittliche monatliche Lebenshaltungskosten pro Haushalt in Städten,
in Euro: 1027
Durchschnittliche monatliche Lebenshaltungskosten pro Haushalt auf dem Land,
in Euro: 627
Durchschnittliches Brutto-Monatsgehalt eines Lastwagenfahrers,
in Euro: 628
Durchschnittliches Brutto-Monatsgehalt eines Krankenhausarztes,
in Euro: 1675
Brutto-Monatsgehalt von Ibrahim Turhan,
Vorstandschef der Istanbul Stock Exchange und bestverdienender Manager des Landes,
in Euro: 18853
Einfuhren im Jahr 1992, in Milliarden Euro: 17,6
Einfuhren im Jahr 2012, in Milliarden Euro: 182
Ausfuhren im Jahr 1992, in Milliarden Euro: 11,3
Ausfuhren im Jahr 2012, in Milliarden Euro: 117,4
Ausfuhren im Jahr 2012 nach Europa, in Milliarden Euro: 45,6
Ausfuhren im Jahr 2012 in den Nahen Osten, in Milliarden Euro: 32,67 Wichtigster Handelspartner: Deutschland,
mit einem Exportvolumen von 10,1 Milliarden Euro
Zweitwichtigster Handelspartner: Irak,
mit einem Exportvolumen von 6,4 Milliarden Euro
Anteil der Menschen, die mehr Geld ausgeben, als sie verdienen,
in Prozent 45
Zahl der Menschen, die 2011 unterhalb der Armutsgrenze lebten,
in Millionen 11,8
(Quelle: Turkstat/Zenith)