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Yanhuang Chunqiu

Die Gründer der Geschichtszeitschrift "Yanhuang Chunqiu" dienten ein Arbeitsleben lang der Kommunistischen Partei. Heute verlegen sie Chinas kritischstes Magazin. Sie wollen endlich die Wahrheit schreiben.




Es macht ihm Spaß, sich an die rote Linie heranzustasten: Wu Si, Chefredaktuer

• An einem heißen Augusttag trifft sich im Bankettsaal eines drittklassigen Pekinger Hotels eine Gesellschaft munterer Senioren. Viele kommen am Stock oder am Arm ihrer Kinder. Einige werden im Rollstuhl an ihre Plätze an den großen runden Tischen geschoben. Die Wiedersehensfreude ist groß. Männer klopfen sich auf die Schultern, Frauen halten einander an den Händen. Manche reden einander mit "Genosse" an oder mit Titeln wie "Abteilungsleiter", "Direktor", "Minister". Andere nennen sich vertraulich "Alter Wang" oder "Alte Liu". Man plaudert über Bekannte, Kinder und Enkel. Die Kellnerinnen servieren Tee und Trinkjoghurt. Sie haben keine Ahnung, welche gefährlichen Leute sie da bewirten.

Einige Gäste werden mit besonderem Hallo begrüßt. Etwa ein rüstiger 94-Jähriger mit wildem weißem Haar, den alle Anwesenden sofort als Li Rui erkennen, Mao Zedongs einstigen Privatsekretär. Oder die mit 81 Jahren noch immer elegante Zi Zhongyun, die dem "Großen Vorsitzenden" als persönliche Englisch-Dolmetscherin diente. Der Star der Veranstaltung ist jedoch Du Daozheng, ein schmaler 88-Jähriger in legerer Freizeitkleidung, der mit einem geflochtenen Fächer gegen die Hitze anwedelt. Du war in den Achtzigerjahren Chinas oberster Zensor und damit der wichtigste Verteidiger der Parteilinie. Doch seitdem er im Ruhestand ist, macht er seinen Nachfolgern das Leben schwer. Zusammen mit anderen Altkadern gründete er das Geschichtsmagazin "Yanhuang Chunqiu" mit dem Ziel, endlich die Wahrheit zu verbreiten und mit den Propaganda-Mythen der Kommunistischen Partei (KP) aufzuräumen. An diesem Tag im August 2011 feiern Du und seine Mitstreiter das 20-jährige Bestehen von "Yanhuang Chunqiu".

Nachdem Du gut hundert Hände geschüttelt hat, lässt er sich von seiner Tochter auf die Bühne führen. "Die Zentralregierung hat elfmal versucht, uns zu verbieten", begrüßt er die Anwesenden. "Aber wir sind immer noch da!" Der Saal applaudiert. "Natürlich respektieren wir die Partei", fährt Du unter Gelächter fort, aber dann wird er ernst: Ist Chinas KP noch immer die Partei, in die sie alle als junge Männer und Frauen eingetreten sind, um China nach einem Jahrhundert von Krieg und Chaos wieder auf den rechten Weg zu führen? Ist die heutige Volksrepublik, in der Korruption und große Ungleichheit herrschen, wirklich das Land, das sie aufbauen wollten? Keine Frage: China ist heute wohlhabender als je zuvor – aber kann der Fortschritt von Dauer sein, wenn das politische System mit der wirtschaftlichen Entwicklung nicht Schritt hält?

"Ein Staat, der mit Parteibefehlen kommandiert wird, ist altmodisch und obsolet", sagt Du. "Chinas Bürger wollen in einem Land leben, in dem Gesetz und Verfassung gelten." Dann bittet er den ältesten Anwesenden, den 104-jährigen Sprachwissenschaftler Zhou Youguang, der in den Fünfzigerjahren die bis heute gebräuchliche Umschrift Pinyin – die Darstellung chinesischer Zeichen in lateinischen Buchstaben – entwarf, um einen Trinkspruch. "Lang lebe der Geist von "Yanhuang Chunqiu"", ruft Zhou in das ihm hingehaltene Mikrofon. "Er lebe 10.000 Jahre, 10.000 Jahre, 10.000 mal 10.000 Jahre!" Lautes Gelächter. Mit derselben Formel ließen sich einst der Kaiser und später Mao Zedong huldigen.

An einem Tisch am Rand des Saales prosten sich auch einige jüngere chinesische Journalisten zu. "Auf die Alten!", ruft der Redakteur einer bekannten Wochenzeitung. Wie viele Journalisten, die unter der staatlichen Zensur leiden, wartet er jeden Monat gespannt auf das nüchtern aufgemachte, fast bildlose Magazin der alten Kader. ""Yanhuang Chunqiu" hat mehr Spielraum als wir", erklärt er. "Wenn die Alten ein sensibles Thema aufgreifen, können auch wir es wagen." Dass es in China nicht mehr tabu ist, über dunkle Kapitel der Volksrepublik wie die Hungersnot der Mao-Zeit und die Gräuel der Kulturrevolution zu schreiben, dass parteiinterne Richtungskämpfe, vermeintliche Helden und Schurken heute neu bewertet werden können, dass Historiker und Intellektuelle die Glorifizierungen und die Feindbilder der offiziellen Geschichtsschreibung zunehmend hinterfragen dürfen – all dies sind zu einem großen Teil Verdienste von "Yanhuang Chunqiu". Obwohl die Auflage von rund 150.000 Exemplaren für chinesische Verhältnisse nicht besonders groß ist, wird die Zeitschrift von den Eliten aufmerksam gelesen und ist eines der einflussreichsten, kritischsten – und aus Sicht der Partei gefährlichsten – Medien des Landes.

Zurückschauen, um voranzukommen

Die Redaktion von "Yanhuang Chunqiu" liegt im Hinterhaus eines altertümlichen Pekinger Bürogebäudes. Der schmale Flur ist schlecht beleuchtet. In einer Ecke lehnt der Wischmopp, den die Putzfrau einmal täglich lustlos durch die Büros zieht. Ein gutes Dutzend Angestellte arbeitet hier an abgewetzten Schreibtischen und klapprigen Computern. Sie kümmern sich vor allem um die Heftproduktion und den Vertrieb. Die Autoren schreiben überwiegend zu Hause.

"Wir sind hier so etwas wie die Pioniertruppe der chinesischen Medien", sagt der Chefredakteur Wu Si. Der Mittfünfziger ist der Mann, der hier für die Alten die Geschäfte führt. In seiner Jugend während der Kulturrevolution war er ein glühender Maoist, heute ist er ein kühler Denker mit der Aura eines asketischen Intellektuellen. Der Historiker hat Bücher über die verborgenen Regeln des kaiserlichen Machtapparats und die wirtschaftlichen Anreize in unterschiedlichen politischen Systemen geschrieben. China-Experten und Diplomaten schätzen seine rasiermesserscharfen Analysen, ausländische Staatsgäste suchen seinen Rat. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich bei Besuchen in Peking schon mehrfach mit Wu in einen abhörsicheren Raum der deutschen Botschaft zurückgezogen. Vieles von dem, was er in privater Runde sagt, ist nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, denn obwohl er aus seiner Kritik an der Partei und seiner Forderung nach mehr Demokratie keinen Hehl macht, will Wu nicht auf Konfrontationskurs zu den Herrschenden gehen, sondern Freiräume nutzen und schrittweise erweitern.

"Geschichte", sagt er, "ist in China ein Politikum, und wer sich damit beschäftigt, bewegt sich auf gefährlichem Terrain." Schließlich geht es um nichts Geringeres als die Legitimation der KP. Seitdem die Partei nach Maos Tod aufhörte, ihre Daseinsberechtigung von Marx und Engels abzuleiten, hat sie den Nationalismus zu ihrer Leitideologie erhoben und die Historiker in den Dienst ihres Machterhalts gestellt.

Was chinesische Schüler heute über die Geschichte ihres Landes lernen, ist in etwa Folgendes: China war über Jahrtausende ein friedliebendes, in sich ruhendes Reich, das seine Rolle in der Welt nicht auf militärische Macht gründete, sondern auf Erfindergeist, Handel und Kultur. Erst die westlichen Kolonialmächte brachten China von seinem Weg ab und machten das chinesische Volk zum Opfer von Fremdherrschaft und Demütigung. Hundert Jahre lang sahen die Chinesen dem Zerfall ihres Reiches hilflos zu – bis es sich Mitte des 20. Jahrhunderts unter der Führung der Kommunistischen Partei erhob und seinen rechtmäßigen Platz in der Welt zurückzuerobern begann, allen westlichen Unterdrückungsversuchen zum Trotz.

Es ist ein eingängiger Plot, ein klassischer Kampf von Gut gegen Böse, der sich bestens im Kino oder Fernsehen erzählen lässt (nicht zufällig gehören Historiendramen zum wichtigsten Genre der chinesischen Staatsmedien). Doch das offizielle Geschichtsbild enthält höchstens die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte wird ausgeblendet oder manipuliert, um die große Linie, die vom legendären Gelbkaiser direkt zur KP zu führen scheint, nicht zu zerstören. "Unser Ziel", sagt Wu, "ist es, die Lücken im chinesischen Geschichtsbild zu schließen."

Dass "Yanhuang Chunqiu" das überhaupt wagen kann, verdankt die Zeitschrift den parteiinternen Machtstrukturen. "Unsere alten Herren waren hohe Kader, und es gehört zum chinesischen System, dass sie auch im Ruhestand noch großen Respekt bekommen", erklärt Wu. Weil der Gründer Du Daozheng einst Chinas oberster Zensor war, sind viele der heutigen Pressewächter seine ehemaligen Mitarbeiter, und denen ist es unangenehm, ihren früheren Chef zu maßregeln. Darüber hinaus gehören zum Beraterkreis des Magazins vier Ex-Mitglieder des Zentralkomitees, dem rund 200-köpfigen Führungsgremium der Partei, darunter Maos ehemaliger Sekretär Li Rui. Entscheidungen über das Magazin muss die Partei also in ihren höchsten Zirkeln treffen, und da Chinas Spitzenkader den Konflikt mit den Parteiälteren scheuen, greifen sie nur ein, wenn die ungeschriebenen Regeln der Zensur allzu offensichtlich verletzt werden. "Die Grenzen des Erlaubten sind nicht schwarz auf weiß festgelegt", sagt Wu. So gibt es bei aktuellen Ereignissen zwar oft konkrete Anweisungen zur Berichterstattung von den Propagandabehörden. Doch bei historischen Themen – nach der Definition von "Yanhuang Chunqiu" alles, was mehr als zehn Jahre zurückliegt – gilt das nicht. Herauszufinden, wie viel Wahrheit die Partei erträgt, ist deshalb eine Sache des politischen Instinkts, und die Redakteure versuchen, diese Grenze allmählich zu verschieben. "Wenn wir die rote Linie um drei Zentimeter überschreiten, werden wir zwar zurückgedrängt, aber einen Zentimeter können wir vielleicht halten", sagt Wu. "Diesen Zentimeter können dann auch andere Medien nutzen, und nach einiger Zeit versuchen wir, den nächsten Zentimeter zu erobern."

Das Militärmuseum: Auch hier stellt die Kommunistische Partei ihre Macht zur Schau
Das Arbeiterstadion: Hier wurden früher öffentlich Menschen hingerichtet.
Heute finden vor allem Fußballspiele statt, auch der FC Bayern München war schon zu Gast

Ein Trick mit Tradition

Der Mann im Zentrum dieses Machtspiels lebt in der Pekinger Weststadt in einer von Mauern und Militärpolizei abgeriegelten Wohnanlage für ranghohe Kader. Die Rasenflächen und Büsche sind makellos gepflegt. Vor den Apartmentblocks parken Autos, die Wohlstand signalisieren. Von der nahen Kaserne schallt Exerziergeschrei herüber.

Du Daozhengs Wohnung ist hell und großzügig. In den Regalen stehen Bücher und Erinnerungsstücke: die Urkunde zur Aufnahme von "Yanhuang Chunqiu" in die Sammlung der Library of Congress, eine Büste des Dichters Lu Xun, eine ausgestopfte Riesenschildkröte. Der Zimmerbambus ist mit roten Schleifchen verziert. Eine Decke schützt den großen Flachbildfernseher vor Staub. Darüber hängen Bilder: Dus verstorbene Frau, seine Kinder und Enkel, Freunde und mittendrin, als wäre nichts dabei, ein besonderer Mann. "Zhao Ziyang war für uns alle eine Schlüsselfigur", beginnt Du zu erzählen. "Wäre er nicht gestürzt, sähe China heute wohl völlig anders aus."

Anfang der Achtzigerjahre ist Zhao der prägende Regierungschef der Reform-Ära, und als er 1987 zum Generalsekretär der Partei aufsteigt, unternimmt er den kühnen Versuch, nach der Marktwirtschaft auch mit Demokratie zu experimentieren. Er umgibt sich mit Kadern, die erfahren sind, aber auch bereit, neue Wege zu gehen. Du Daozheng, ein Karrierebeamter aus dem staatlichen Medienapparat, ist einer von ihnen. Unter Zhao wird er Chef der "Generalverwaltung für Presse und Publikation", der Zensurbehörde. Noch heute sprechen chinesische Intellektuelle von jener Zeit als der liberalsten Periode der Volksrepublik. Für einige Jahre sieht es so aus, als könnte die Partei ihren Machtanspruch hinter das Wohl des Landes zurückstellen.

Doch im Frühsommer 1989 beginnen Studenten auf dem Platz des Himmlischen Friedens zu demonstrieren und eine Beschleunigung der Reformen zu fordern. Die Führung, die wohl noch traumatisiert ist vom Chaos der Kulturrevolution, befiehlt der Armee, den Platz zu räumen. In der Nacht zum 4. Juni sterben Hunderte Menschen. Zhao, der vehement gegen den Militäreinsatz opponiert hatte, wird unter Hausarrest gestellt. Viele seiner Anhänger verlieren ihre Positionen, darunter auch Du. Dessen Nachfolger befiehlt den Medien, Zhao erst zu kritisieren und dann, ebenso wie das Massaker, nicht mehr zu erwähnen. Der Pekinger Frühling und sein tragisches Ende sollen aus der kollektiven Erinnerung gelöscht werden.

"Viele Intellektuelle und Parteiveteranen waren schockiert", fährt Du fort. "China drohte in die Zeit von Maos Klassenkampf zurückzufallen." In den Clubhäusern für pensionierte Kader stecken die Zhao-Sympathisanten die Köpfe zusammen, und allmählich entsteht der Plan, den Hardlinern nicht das Feld zu überlassen. Der Geist der Ära Zhao soll in einem Magazin fortleben. Du wird von den Genossen zum Chefredakteur gewählt. "Wir wollten etwas für die Partei, das Land und das Volk tun – etwas, das einen Unterschied macht." Da sie das aktuelle politische Geschehen nicht direkt kommentieren können, wählen sie den Umweg über die Vergangenheit. Ein Trick mit Tradition: Im geschichtsbewussten China bedienen sich Intellektuelle seit je historischer Anekdoten, um die Gegenwart zu spiegeln.

Natürlich wissen die Gründer, dass sie vorsichtig sein müssen. Aber sie wollen noch einmal kämpfen, und was könnte die Partei ihnen schon antun, das schlimmer wäre als vieles, was sie in den dunklen Mao-Jahrzehnten erlebt haben? "Wir haben keine Angst mehr", sagt Du. Zwar versuchen die Hardliner immer wieder, die Zeitschrift zu schließen, doch den Alten gelingt es stets, ihren Kopf im letzten Moment aus der Schlinge zu ziehen. "Außer Frauen und Geld anbieten oder auf die Knie fallen, habe ich wohl schon alles getan, um das Überleben von "Yanhuang Chunqiu" zu sichern", erzählt Du. "Zum Glück gibt es auch in der heutigen Führung Kräfte, die ein Interesse an der Wahrheit haben."

Die Pekinger Universität: Von hier ging die Studentenbewegung von 1989 aus
Die Fuqiang-Gasse mit dem Haus, in dem Zhao Ziyang unter Arrest stand
An dieser Schule wurde während der Kulturrevolution eine Lehrerin als vermeintliche Konterrevolutionärin getötet – von ihren Schülern

Heimliche Recherchen

Eines der düsteren Kapitel, das die Publizisten aus der Tabuzone holen, beginnt im August 1958 im ostchinesischen Badeort Beidaihe, wohin sich die Parteispitze zur Sommerklausur zurückgezogen hat. Im darauffolgenden Jahr soll die Volksrepublik ihr zehnjähriges Bestehen feiern, doch das Land ist noch immer arm und rückständig, und auch das einst innige Verhältnis zur Sowjetunion hat sich abgekühlt. Mao plant deshalb eine Modernisierungskampagne, die China innerhalb kürzester Zeit an die Weltspitze katapultieren soll. In Beidaihe fällt die Entscheidung, dass die Bauern künftig nicht nur ihre Felder bewirtschaften, sondern zum Beispiel auch Stahl kochen sollen. Jede Kommune bekommt ehrgeizige Produktionsziele, die sie zu erfüllen hat.

Doch Maos "Großer Sprung nach vorn" erweist sich als Desaster. Um die Stahlquoten zu erfüllen, müssen die Bauern ihre Töpfe und Werkzeuge einschmelzen. Die landwirtschaftlichen Erträge gehen dramatisch zurück. Innerhalb weniger Monate steckt China in einer tiefen Hungersnot. Die Verzweiflung ist so groß, dass es in einigen Regionen zu Kannibalismus kommt. In manchen Dörfern stirbt fast die gesamte Bevölkerung. In der Provinz Hubei jagt ein verhungernder Vater seinen Sohn weg, damit der sich nicht für ihn die winzigen Reisrationen aus der Schule vom Munde abspart.

53 Jahre später sitzt dieser Sohn in seinem schmucklosen Büro und redigiert die Texte für die nächste Ausgabe. Yang Jisheng, ein jovialer 72-Jähriger mit Bauchansatz, gehört zu den Star-Autoren des Magazins und ist einer der wenigen fest angestellten Redakteure. Er streut Teeblätter in Pappbecher und gießt aus einer alten Thermoskanne heißes Wasser auf. "Für den Tod meines Vaters habe ich mir damals selbst die Schuld gegeben", sagt Yang. In den Medien waren seinerzeit nur wirtschaftliche Erfolgsmeldungen zu lesen, von Hunger kein Wort. "Erst Jahrzehnte später habe ich herausgefunden, was für eine Tragödie sich damals im ganzen Land abgespielt hat."

Yang tritt 1964 in die Partei ein, aus Idealismus oder aus Naivität, wie er es heute nennt. Er wird Reporter bei der offiziellen Nachrichtenagentur Xinhua und lernt, dass es in China zwei Wahrheiten gibt. Wenn er zur Recherche durch die Provinzen reist, schreibt er stets einen Artikel für die Öffentlichkeit und einen für den internen Parteigebrauch. Das Volk bekommt geschönte Geschichten, aber die Führung will wissen, was im Land wirklich los ist. Anfangs nimmt Yang an dieser Schizophrenie keinen Anstoß, aber mit den Jahren erscheint ihm seine Arbeit zunehmend zweifelhaft, und mit dem Tiananmen-Massaker verliert er endgültig das Vertrauen ins System. Trotzdem hält er die Fassade aufrecht und nutzt seinen Status als hochgestellter Xinhua-Mitarbeiter, um Zugang zu Provinzarchiven zu bekommen und dort die unter Verschluss gehaltenen Akten über den "Großen Sprung" zu studieren. "Die Kader haben sich damals zwar oft nicht getraut, das Ausmaß der Katastrophe nach oben zu melden, aber auf den unteren Ebenen wurde enorm viel protokolliert", erzählt Yang. Heimlich und beharrlich trägt er seine Materialien zusammen, mehr als 3600 Aktenordner voll, und versteckt sie an mehreren Orten.

2008 geht er mit seinen Erkenntnissen an die Öffentlichkeit. In der Oktoberausgabe von "Yanhuang Chunqiu" schreibt er unter der Überschrift "Trauerfeier zum 50. Jahrestag des Großen Sprungs nach vorn" über die Not im Landkreis Tongwei in der Provinz Gansu. Mehr als eine Mikrostudie kann die Zeitschrift nicht bringen, doch die Leser ahnen, dass Yang kein isoliertes Phänomen beschreibt. Tongwei steht pars pro toto für weite Teile Chinas. Sieben Monate später legt Yang mit einem zweiten Artikel nach, in dem er schildert, wie die Regierung volle Getreidelager vom Militär bewachen ließ, während rundherum Menschen starben. Mao brauchte die Vorräte, um Lieferungen für die Industrie aus der Sowjetunion zu bezahlen. Yang entkräftet auch die einzige Erklärung, die die Partei den Hungernden damals gab: Naturkatastrophen. "Die Aufzeichnungen aus der Zeit zeigen, dass die Wetterbedingungen völlig normal waren. Das Desaster war menschengemacht."

Menschengemacht heißt parteigemacht. Aber auch mehr als ein halbes Jahrhundert später ist die Partei noch nicht bereit, die Archive der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Zu groß sei die Gefahr, dass der Nachruhm des Großen Vorsitzenden, dessen Bild bis heute über dem Tiananmen-Platz hängt, irreparablen Schaden nimmt und die von Mao geprägte Parteimaxime "Dem Volke dienen" nur noch wie hohler Spott klingt. "Die Partei will unfehlbar sein, aber warum sollte das Volk ihr noch vertrauen, wenn es wüsste, wie es seit Jahrzehnten belogen wird?", fragt Yang. Seit seinen Artikeln wagen sich auch andere Medien vorsichtig an das Thema heran, doch ausführliche Informationen gibt es nur außerhalb der Volksrepublik. 2008 veröffentlicht Yang in Hongkong ein 1100 Seiten starkes Buch über seine Großen-Sprung-Recherchen. Er nennt es "Grabstein" und widmet es seinem Vater. Die Zahl der Todesopfer schätzt er darin auf 36 Millionen.

Platz des himmlischen Friedens:
Über das Massaker, das die Führung hier im Jahre 1989 anrichtete, möchte sie den Mantel des Schweigens breiten.
Doch die Wahrheit lässt sich heute nicht mehr so leicht unterdrücken

Die geheimen Kassetten von Zhao Ziyang

Tatsächlich ist "Yanhuang Chunqiu" für die alten Genossen nur eine Möglichkeit, das Geschichtsbild ihrer Landsleute zurechtzurücken. Was sie dort nicht drucken können, veröffentlichen sie anderswo, wohl wissend, dass Brisantes von dort den Weg zu den chinesischen Lesern findet. Ein Hauptumschlagplatz für verbotene Wahrheiten sind die Buchläden im Flughafen von Hongkong. Die ehemalige britische Kronkolonie gehört zwar seit 1997 zu China, genießt aber bis heute Freiheiten, die in der Volksrepublik undenkbar sind, und viele chinesische Reisende nutzen sie. Die in China verbotenen Bücher sind am Airport prominent platziert und in großer Zahl vorhanden. Zu den Bestsellern zählen neben Yang Jishengs "Grabstein" auch kritische Biografien über Spitzenkader und Erinnerungen an die Kulturrevolution oder das Tiananmen-Massaker. Doch kein Titel verkauft sich besser als der mit dem Schwarz-Weiß-Bild eines älteren Herrn mit einer mächtigen Hornbrille hinter einem Mikrofon auf dem Cover. Die Partei wollte ihn für immer zum Schweigen bringen, doch 2009, vier Jahre nach seinem Tod, meldete er sich noch einmal zu Wort: Zhao Ziyang.

Pünktlich zum 20. Jahrestag des Tiananmen-Massakers veröffentlichte der Hongkonger Verlag New Century Press die Memoiren des geschassten Parteichefs. Darin beschreibt Zhao detailliert, wie die Partei-Elite hinter seinem Rücken den Militäreinsatz vorbereitete. "Das Hauptproblem bei der ganzen Angelegenheit war Deng Xiaoping", urteilt Zhao. Der Parteipatriarch sei ein Diktator ohne Skrupel gewesen. "Wenn er von Stabilität sprach, sprach er automatisch auch von diktatorischen Mitteln." Zhao selbst sei dagegen überzeugt, dass China als parlamentarische Demokratie nach westlichem Vorbild besser regiert werden könne.

Zhaos posthume Abrechnung mit dem für die Partei unantastbaren Reformvater Deng Xiaoping ist das Resultat einer jahrelangen Geheimaktion, bei der einmal mehr Du Daozheng zu den Strippenziehern gehörte. Du war einer von wenigen Vertrauten, die Zhao gelegentlich in seinem zum Gefängnis umfunktionierten Pekinger Hofhaus besuchen durften. "Wir haben ihm gesagt, dass er seine Sicht der Dinge auf jeden Fall festhalten muss", berichtet Du. Weil Zhaos Niederschriften kontrolliert wurden, entschied man sich für Tonbandaufnahmen. Zhao überspielte Kinderliederkassetten seiner Enkel und versteckte die Bänder bei den Spielsachen. Nach Zhaos Tod schmuggelten Du und andere die Kassetten nach Hongkong, wo sie einen vertrauenswürdigen Verleger hatten: Bao Pu, der Gründer von New Century Press, ist der Sohn von Zhaos einstigem Reformstrategen Bao Tong. Nach Angaben des Verlages wurden von dem Buch allein am Hongkonger Flughafen mehrere Hunderttausend Exemplare verkauft, ein sicheres Indiz dafür, dass die Leser aus der Volksrepublik kommen. Außerdem kursieren auf chinesischen Websites Raubkopien.

"Unser Ziel war es immer, Zhao Ziyang zu rehabilitieren", sagt Du in seiner Pekinger Wohnung. Er bezweifelt allerdings, dass er diesen Tag noch erleben wird. Doch immerhin ist es "Yanhuang Chunqiu" gelungen, die Tabuisierung des Namens zu beenden. 2008 traut sich das Magazin erstmals, einen Text über die Jugend des ehemaligen Parteichefs zu drucken, inzwischen sind mehrere Artikel erschienen. Das Studentenmassaker wird darin zwar mit keinem Wort erwähnt, doch die Erinnerungen ehemaliger Mitarbeiter machen deutlich, dass es Zhao mit der Parole "Dem Volke dienen" ernst gewesen war.

Dabei geht es Du nicht nur um die Aufarbeitung der Vergangenheit, sondern vor allem um die Zukunft. "Die Kommunistische Partei will uns glauben machen, dass ihr Weg der einzig mögliche sei", sagt er. Aber im Rückblick sehe man, dass die Volksrepublik in ihrer gut 60-jährigen Geschichte häufig die falsche Abzweigung genommen habe, obwohl es auch andere Wege gegeben hätte.

Wohin also könnte es gehen? Immer wieder hat "Yanhuang Chunqiu" versucht, sich auch in die Zukunftsdebatte einzumischen und etwa Verfassungsfragen zu erörtern. Doch die Zensurbehörden haben deutlich gemacht, dass ihre Geduld mit den alten Männern aufhört, wenn sie sich über das historische Terrain hinauswagen.

Indirekt gibt das Blatt trotzdem seine Empfehlungen ab. Im April 2012 erscheint unter der Überschrift "Wie die Deutschen ihre Geschichte bewältigen" ein Reisebericht des Chefredakteurs Wu Si, der von der den Grünen nahe stehenden Heinrich-Böll-Stiftung zu einer Deutschlandtour eingeladen worden war. Wu schlüpft dabei in die Rolle des ungläubig verwunderten Besuchers. "Ich verstehe das Denkmal für die ermordeten Juden Europas nicht", beginnt sein Text. Ein großes Areal im Zentrum der Hauptstadt, in dem sich ein Volk an seine eigenen Verbrechen erinnert – warum bloß? "Die Hauptstadt soll nicht nur schön sein, sondern die Identität der Deutschen widerspiegeln", erklärt ihm ein Historiker. Ein Volk müsse für seine Geschichte Verantwortung tragen, und deshalb sei es wichtig, sich daran zu erinnern.

Es folgt ein Parforce-Ritt durch die Facetten der deutschen Vergangenheitsbewältigung: In Dresden lernt Du den Geschichtsrevisionismus der Neonazis kennen und trifft Menschen, die über Nazi-Verbrechen aufklären. Er hört, wie die Deutschen sich nach dem Zweiten Weltkrieg lange in die Opferrolle flüchteten und sich erst langsam und schmerzhaft daran erinnerten, dass sie Täter waren. Er lässt sich erklären, dass in Deutschland ehemalige Zwangsarbeiter entschädigt werden. Er staunt, dass ehemalige DDR-Bürger ihre Stasi-Akten einsehen dürfen.

In chinesischen Ohren klingt all das utopisch – und für die Kommunistische Partei hochgefährlich. Doch für die Macher von "Yanhuang Chunqiu" liegt im schonungslosen Blick in die Vergangenheit Chinas einzige Chance für die Zukunft. "Es lohnt sich", schreibt Wu Si, "mit sich selbst zu kämpfen."