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Die Grenzen des Nutzens

Wie viel Einsatz lohnt sich für wen? Das ist die zentrale Frage der Kostentheorie. Antworten von dem Ökonomen Christian Seidl.




brandeins: Herr Professor Seidl, wann lohnt es sich für einen Ihrer Studenten, noch länger für eine Klausur zu lernen? Wann erreicht er den Punkt, an dem er aus immer mehr Zeitaufwand immer weniger Nutzen für sich ziehen kann?

Christian Seidl: Das ist eine Frage der Grenzkosten und des Grenzertrags, die von der Zielsetzung des Studenten bestimmt werden. Was möchte der Student? Will er nur durch die Prüfung kommen oder möchte er eine möglichst gute Note erreichen? Für eine gute Note muss er natürlich mehr investieren.

Die meisten Studenten entscheiden das vermutlich aus dem Bauch heraus. Gäbe es für einen Studenten der Ökonomie eine Möglichkeit, die ideale Lernzeit zu berechnen?

Er muss einen Weg finden, seine Präferenzen zu quantifizieren. Wie viel ist ihm Freizeit wert? Wie hoch ist der Wert einer guten Note? Dafür eine entsprechende Maßeinheit zu finden ist schwierig. Bei diesem Beispiel kommt erschwerend hinzu: Wie intensiv ein Student für eine Klausur lernt, ist auch seine Risikoentscheidung. Jede Prüfung ist eine Stichprobe. Je mehr der Student weiß, desto größere Chancen hat er, die Prüfung gut zu bestehen. Je weniger er weiß, desto mehr baut er auf sein Glück. Das heißt, dass die Studenten sich durchaus risikobewusst verhalten.

Führt das dazu, dass Studierende in der Regel zu viele Ressourcen einsetzen und zu viel Energie aufwenden im Vergleich zum Nutzen?

Das hängt von der Risikoattitüde ab. Ein risikoscheuer Mensch wird mehr Energie aufwenden als ein risikofreudiger. Er will alle Eventualitäten abdecken. Und im Nachhinein scheint er zu viel hineingesteckt zu haben. Ein risikofreudiger Student kann Glück haben und mit weniger Einsatz ein tolles Ergebnis erzielen. Das lässt sich im Vorhinein aber nicht objektiv beurteilen.

Das Prinzip des Grenznutzens ist mit gesundem Menschenverstand relativ leicht zu fassen: Das fünfte Stück Pizza bringt nicht mehr so viel Genuss wie das erste. Es scheint aber sehr schwer zu berechnen zu sein, wann die Übersättigung eintritt.

Im Prinzip ist die Berechnung leicht und in der Praxis schwer. Genau darum geht es in der Grenzkostenlehre. Sie ist im Grunde nichts anderes als ein mathematischer Ausdruck für Präferenzen. Was ist einem wichtiger? Wenn man weiß, dass einem etwas lieber ist als etwas anderes, kann man dafür eine mathematische Formel finden. Indem man dem, was einem lieber ist, einen höheren Wert zuordnet. Das Problem ist leider, dass man diese Formel nicht allgemein anwenden kann. Denn die Menschen haben unterschied liche Präferenzen, die sich einem interpersonellen Vergleich entziehen.

Wir haben also nur die Chance, Grenznutzen zu berechnen, wenn wir unsere Vorlieben quantifizieren können?

Im Prinzip ja. Aber die Präferenzen sind leider nicht nur individuell bestimmt, sondern auch noch zeitabhängig. Das heißt, sie können bei jeder Person morgen schon ganz anders sein. Das Phänomen kennen wir von Weinproben. Wir öffnen drei Flaschen Wein und halten in einem Ranking fest, welcher uns am besten schmeckt. Am nächsten Tag wiederholen wir die Probe. Und viele werden feststellen, dass die Reihenfolge für sie nicht mehr dieselbe ist. Die Präferenzen sind von Erfahrungen abhängig. Auch entscheiden sich viele Leute nach einer momentanen Eingebung. Oder sie richten sich nach einer Überlegung, die sie vielleicht vorher abgelehnt haben und danach wieder ablehnen. Und entscheiden damit inkonsistent. Die Berechnung von Nutzen im Verhältnis zu den Kosten ist eines der komplexesten Felder der Ökonomie. Unsere Antwort auf die Frage "Wann lohnt sich etwas?" lautet fast immer: "Das kommt darauf an."

Unternehmensberater behaupten zumindest, die Grenzen von Nutzen berechnen zu können. Lösen sie dieses Versprechen ein? Und wo stoßen sie an ihre Grenzen?

Die Berater können das ganz gut im Bereich des erwarteten monetären Gewinns. Ich sage deshalb des "erwarteten" monetären Gewinns, da sie ja nicht exakt die Zukunft prognostizieren können. An ihre Grenzen stoßen sie immer dann, wenn sich ihre den Berechnungen zugrunde liegenden Annahmen als falsch herausstellen. Das Finanzierungsmodell der Ökonomie-Nobelpreis träger Merton und Scholes hat sich beispielsweise in der Praxis nicht bewährt. Sind Risiken stochastisch nicht unabhängig – handelt es sich also nicht um sich nicht gegenseitig beeinflussende Zufallsereignisse –, erweisen sich die meisten Prognosen als falsch.

Was heißt das?

Stochastische Unabhängigkeit heißt zum Beispiel auf dem Aktienmarkt, dass einige Aktien steigen und andere sinken und sich diese Bewegungen einigermaßen ausgleichen. Gibt es einen Börsencrash, in dessen Verlauf alle Aktienkurse sinken, liegt stochastische Abhängigkeit vor, und man kann sich dagegen nicht absichern. Hier können Vorhersagen total versagen. Und mit ihnen alle Berechnungen zu Grenzkosten und Nutzen.

Wann erkennt ein durchschnittlicher Mittelständler, der ein Massengut herstellt, in der Produktion, dass ein Punkt erreicht ist, an dem Investitionen nichts mehr bringen?

Zunächst einmal dann, wenn die Grenzkosten gleich dem erzielbaren Preis sind. Wenn das Unternehmen für ein produziertes Stück 100 Euro erlösen kann, die Produktion aber 105 Euro kostet, dann lohnt sich die Produktion nicht. Das Problem hierbei ist jedoch, dass die Produktionstechnologie in diesem Fall von sinkenden Erträgen ausgeht, oder, was dazu äquivalent ist, dass die Grenzkosten mit der Stückzahl sinken. In diesem Fall müsste das Unternehmen theoretisch die Produktion so lange ausweiten, bis ihm der ganze Markt gehört, weil man alle Wettbewerber unterbieten kann und dann Monopolist mit entsprechenden Preissetzungsspielräumen wird. Das ist das eigentliche Problem, vor dem unsere Volkswirtschaft steht, nämlich dass die Produktion nicht mit steigenden, sondern mit sinkenden Grenzkosten erfolgt. Steigende Grenzkosten hat man fast nur in der Landwirtschaft und im Bergbau. Bei Rohstoffen wurden die leicht zu erschließenden Vorkommen ausgebeutet, und danach muss man immer mehr Aufwand treiben, um neue zu finden. Bei der Automobilproduktion beispielsweise ist das Gegenteil der Fall. Je größer die Firma, desto größere Vorteile hat sie. Und das führt letztlich zu einem Monopol, wenn die Behörden nicht gegensteuern. Firmenzusammenschlüsse und Firmenkooperationen dienen im Wesentlichen dazu, sinkende Grenzkosten größerer Produktionsumfänge nutzbar zu machen.

Wie fällt die Grenzkostenrechnung im Marketing aus? Wenn eine Firma schon sehr bekannt ist, muss sie immer mehr Werbung schalten, um noch zusätzliche Effekte zu erzielen.

Marketing ist in der Tat ein interessantes Forschungsfeld für Kosten und Nutzen. Grundsätzlich gilt zunächst: Bei gut informierten Verbrauchern wäre Marketing jenseits seiner Informationsfunktion eigentlich überflüssig. Doch oft verspricht das Marketing Produkteigenschaften, die das Produkt nicht hält. Investition in Werbung lohnt sich also bei informierten Verbrauchern nicht.

Werbung nützt also vor allem, wenn sie mehr verspricht, als das Produkt hält?

Genau. Eine Werbung, die darauf hinweist, dass das eigene Produkt einem Konkurrenzprodukt in diesen oder jenen Aspekten unterliegt, gibt es nicht.

Und wie berechnen Sie Sättigungseffekte? Wann bringt mehr Werbung nicht mehr, als sie kostet?

Auf den ersten Blick ist die Antwort einfach: Wenn der Preis für Werbung höher ist als die Marge aus zusätzlichen Verkäufen. Nun hat Werbung aber auch oft die Funktion, die Marge zu erhöhen, indem sie das Image eines Produkts verbessert. Die Antwort hängt also auch von den Leuten ab, an die sie sich richtet. Wenn es gelingt, den Menschen ein Produkt als soziale Norm zu oktroyieren, dann werden sie es auch zu einem hohen Preis kaufen. Oder mehr davon, als sie eigentlich brauchen. Das wiederum heißt, dass durch werblich erzeugten Konsumdruck die Grenzen der Marktsättigung verschoben werden.

Wir besitzen zehn Paar Schuhe und kaufen uns, ohne mit der Wimper zu zucken, das elfte. Warum nur?

Das liegt unter anderem daran, dass das verfügbare Einkommen relativ hoch ist und die Produkte für den täglichen Gebrauch relativ billig sind, weil sie in Niedriglohnländern erzeugt werden. In Bangladesch arbeiten die Menschen für Hungerlöhne, während wir in einer Wegwerfgesellschaft leben. Insofern ist die Verteilung von Kosten und Nutzen natürlich auch eine Frage, der wir uns mit einem globalen Blick nähern können.

Was dann aber eher ein moralisches Problem, aber keine Antwort auf die Frage wäre: Warum kaufen wir uns den dritten dunklen Mantel, obwohl der im Schrank doch nur Platz wegnimmt?

Sie müssen immer den Entscheidungskontext beachten. Der gibt oft ein verzerrtes Bild von Nutzen wieder. Es gibt viele Norddeutsche, die in Österreich oder in der Schweiz Urlaub machen. Dort gehen sie durch die Straßen und sehen viele Menschen in Trachtenkleidung. Dann finden sie ein Dirndl schick und kaufen es. Wenn sie aber nach Norddeutschland zurückkehren, ziehen sie es dort niemals an. Man sieht etwas, findet es in dem Moment gut, kann es sich leisten und kauft es. Dass man es eigentlich nicht braucht, merkt man erst später.

Liegen diese irrationalen Entscheidungen gerade daran, dass die Grenzen des Nutzens so schwer zu berechnen sind?

Ich würde mir als Ökonom nicht zutrauen zu beurteilen, was rational ist. Rationalität ist ein subjektiver Standpunkt. Was ein Mensch als unvernünftig empfindet, kann ein anderer vernünftig finden, vor allem in einem bestimmten Augenblick. Für einen Vegetarier ist es rational, kein Fleisch zu essen. Auch wenn konsequente Vegetarier manchmal unter Mangelerscheinungen leiden, wenn sie sich nicht darum kümmern, dem Körper genügend Proteine zuzuführen. Das ist für einen überzeugten Fleischesser unter Umständen komplett irrational.

Womit wir wieder beim Thema Sättigungseffekte wären.

Viele Leute wissen nicht einmal bei der Nahrungsaufnahme, wann der Sättigungseffekt erreicht ist. Das Problem des krankhaften Übergewichts haben wir vor allem in wohlhabenden Ländern, in den USA und in Europa. Selbst wenn die Leute an Ernährungskrankheiten wie Diabetes leiden, ist der Sättigungseffekt keine Barriere. Es nützt alles nichts, die Leute essen weiter. So viel zum Thema Grenze des Nutzens beim Essen. Der kurzfristige Nutzen, der Genuss, hat einen höheren Wert als der langfristige Schaden.

Wir halten fest: Die Grenzen des Nutzens einzuschätzen gehört nicht zu den Stärken des modernen Verbrauchers. Und die Ökonomen helfen uns bestenfalls in der Theorie weiter.

Was soll ich sagen? Es gibt Leute, die sich einen Ferrari kaufen. Der kann 300 Kilometer in der Stunde fahren. Außer auf einigen Teilstücken deutscher Autobahnen kann man auf keiner Straße der Welt so schnell fahren. Man sitzt darin auch nicht besonders bequem. Er wird dennoch gekauft, obwohl er 300.000 Euro oder mehr kostet. Oder jemand hat 150 Hemden und kauft sich noch fünf dazu. Ich habe mir einmal ein bestimmtes Paar Schuhe bestellt. Als sie ankamen, bemerkte ich, dass ich dieses Modell schon hatte. Ich konnte mich einfach nicht daran erinnern, sie vor zwei Jahren schon einmal gekauft zu haben. Diese Form der Vergesslichkeit lässt sich nicht in eine ökonomische Formel fassen.

Professor Christian Seidl, Jahrgang 1940,
lehrte bis zu seiner Emeritierung 2005 Finanzwissenschaften am Institut für Volkswirtschaftslehre an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel