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Der falsche Indikator

Wirtschaftswachstum gilt vielen als Allheilmittel. Dabei sagt es wenig darüber aus, was beim Einzelnen tatsächlich davon ankommt.




• Im Jahr 2011 verzeichnete die Euro-Zone ein Wachstum von 1,4 Prozent. 2012 schrumpfte die Wirtschaft um 0,4 Prozent, 2013 soll sie um weitere 0,2 Prozent nach unten gehen. Anders sieht es in Deutschland aus: 2011 legte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um drei Prozent zu, 2012 waren es 0,7 Prozent, in diesem Jahr soll die Wirtschaftsleistung um 0,8 Prozent steigen.

Wachstum ist für viele Ökonomen das Maß aller Dinge, um die Stärke einer Volkswirtschaft zu bestimmen. Doch das ist ein großer Fehler, gerade in Deutschland.

Die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes versteht nur, wer neben dem Bruttoinlandsprodukt auch die Entwicklung der realen Einkommen im Auge behält. Dann erkennt man plötzlich, wie wenig das Modell Deutschland zum Vorbild taugt: Während das BIP zulegt, sinkt das durchschnittliche Realeinkommen. Seit 1990 hat sich dieser Wert um ein Prozent, seit 2000 um drei Prozent verringert.

Betrachtet man allein die deutsche Wirtschaftsleistung, stimmt die Lage optimistisch: Das BIP pro Kopf ist seit 2000 um 10,4 Prozent gestiegen. Das Bruttoinlandsprodukt misst, was ein Land in einem Jahr produziert. Die Steigerungsrate des BIP zeigt damit die wirtschaftliche Dynamik eines Landes an.

Der Indikator wird vierteljährlich erhoben, und seine künftige Entwicklung wird fast täglich von irgendeinem Wirtschaftsforschungsinstitut geschätzt. Dass BIP und Einkommen seit mindestens 20 Jahren immer weiter auseinanderklaffen, wird weitgehend ignoriert – ein Versäumnis der Wirtschaftsforscher.

Denn das Wachstum kommt in Deutschland nicht mehr beim Normalverdiener an. Deutlich würde das, wenn die Ökonomen sich das eher sporadisch erhobene Medianeinkommen genauer ansähen. Doch dieser Indikator kommt in der öffentlichen Debatte kaum vor. Dabei gewönne die wirtschaftspolitische Diskussion erheblich an Qualität, wenn Zahlen über die Entwicklung der durchschnittlichen Einkommen ebenso regelmäßig veröffentlicht würden wie die Wachstumsrate, das Staatsdefizit und die Arbeitslosenquote.

Die nebenstehende Tabelle mit Zahlen von 27 OECD-Ländern illustriert die wesentlichen Zusammenhänge. Sie zeigt in der ersten Spalte, wie stark das Einkommen eines durchschnittlichen Arbeitnehmers im vergangenen Jahrzehnt gewachsen oder geschrumpft ist. Dabei schneiden die USA am schlechtesten ab, gefolgt von Deutschland. In beiden Ländern ist das Medianeinkommen gesunken.

Die beiden anderen Zahlenreihen der Tabelle helfen, diese wirtschaftspolitische Fehlleistung zu verstehen: Ausgangspunkt der Analyse ist die Entwicklung der Produktivität pro Arbeitsstunde. Sie hängt weitgehend von der Arbeitsweise der Unternehmen ab. Sie entscheiden darüber, wie schnell neue Technik eingeführt und wie rigoros Personal reduziert oder unproduktive Betriebe verlagert werden.

Mit einem Produktivitätszuwachs von 11,3 Prozent hat Deutschland einen guten Wert erzielt. Die USA zeigen zwar, dass noch mehr möglich wäre. Dennoch: Deutschlands Unternehmen liegen in dieser Disziplin immerhin im Mittelfeld.

Eine höhere Produktivität bedeutet zunächst einmal, dass dasselbe Produkt oder dieselbe Dienstleistung mit weniger Arbeitseinsatz hergestellt werden kann. Das in Stunden gemessene Beschäftigungsniveau kann nur aufrechterhalten oder erhöht werden, wenn die Nachfrage mindestens ebenso schnell steigt wie die Produktivität. Gelingt dies, wird Produktivität in Wachstum und Wohlstand umgewandelt.

Wenn das nicht gelingt, steigt die Arbeitslosigkeit. Der Produktivitätsgewinn ist also ein vergiftetes Geschenk der Unternehmer an die Politiker. Steigende Arbeitslosenquoten sind für jede Regierung ein Problem. Die Arbeitslosenrate ließe sich theoretisch auch durch kürzere Arbeitszeiten senken, doch das ist eine verpönte Methode. Deshalb bleibt Wachstum um jeden Preis das allgemein akzeptierte Mittel gegen Arbeitslosigkeit.

Folgt man dieser Logik, erkennt man, dass Deutschland das Klassenziel zwischen 2000 und 2010 relativ gut erreicht hat: 11,3 Prozent Produktivitätsgewinn gegen 10,4 Prozent Wachstum des Pro-Kopf-BIP – das ist eine Differenz, die man durch moderate Arbeitszeitverkürzung relativ einfach auffangen kann. Nur wenige andere reiche Länder wie etwa Belgien, Schweden oder die Schweiz haben ihren Produktivitätsfortschritt ähnlich gut verwaltet.

Doch wenn man die Entwicklung der realen (medianen) Einkommen mit einbezieht, sieht das schöne Bild des Musterlandes plötzlich ganz anders aus: Von den 10,4 Prozent, um die das BIP pro Kopf zugenommen hat, ist beim Durchschnittsverdiener nicht nur nichts angekommen, er hat sogar drei Prozent seines Einkommens verloren.

Bei der Differenz zwischen BIP und Medianeinkommen schneidet Deutschland von allen OECD-Ländern am schlechtesten ab: Hierzulande wurden pro Prozent zusätzlicher Produktion 0,3 Prozent an Wohlstand vernichtet.

Wo ist die Differenz geblieben? Zunächst einmal wurden die Einkommen von unten und von der Mitte nach oben umverteilt. 1999 betrug der Anteil der unteren 50 Prozent am Markteinkommen noch 18,6 Prozent, zehn Jahre später nur noch 16,3 Prozent. Die reichsten zehn Prozent hingegen konnten ihren Anteil auf 31,7 Prozent erhöhen. Sie schneiden sich fast ein Drittel des Kuchens ab.

Die realen Lohneinkommen der ärmeren Hälfte sind in diesem Zeitraum um 11,6 Prozent gesunken, viele sind auf staatliche Zuschüsse angewiesen.

Wie sehr die reichen Haushalte von dieser Umverteilung profitierten, verdeutlichen die Nettofinanzierungssaldi des Haushaltssektors. Darunter versteht man die Sparüberschüsse nach allen Konsumausgaben inklusive Investitionen in Eigenheime. Dieser jährliche Überschuss hat sich zwischen 2000 und 2010 von 75 auf 150 Milliarden Euro jährlich verdoppelt.

Im Jahr 2000 haben Deutschlands Unternehmen noch 128 Milliarden Euro mehr für Vorleistungen, Investitionen, Löhne und Dividenden aufgewendet, als sie insgesamt eingenommen haben. Das heißt, sie mussten die Hälfte ihrer damaligen Investitionen fremdfinanzieren.

Am Ende des Jahrzehnts blieb ihnen dank sinkender Lohn- und Steueraufwendungen und hoher Preise ein Überschuss nach Investitionen, Löhnen und Dividenden von 107 Milliarden Euro. Auf das Jahrzehnt gerechnet konnten sie so rund 400 Milliarden Euro anhäufen.

Die Differenz zwischen 10,4 Prozent Pro-Kopf-Wachstum des BIP und drei Prozent weniger Medianeinkommen erklärt sich durch die Umverteilung zugunsten der Unternehmen und der reichen Haushalte.

Doch wo ist das Geld geblieben?
Die Antwort kann ein Buchhalter schnell geben: Es ist ins Ausland geflossen - und dort immer weniger wert geworden. Die EU-Kommission hat diese Verluste neulich beziffert. Danach hat Deutschland bis September 2012 rund 650 Milliarden Euro seiner Auslandsguthaben durch Bewertungsverluste verloren.

Darin nicht enthalten sind die fast sicheren Verluste durch die bisher rund 730 Milliarden Euro sogenannter Target2-Guthaben, die die Deutsche Bundesbank den Notenbanken der südlichen Euro-Länder eingeräumt hat. Mit diesen Krediten finanziert die Deutsche Bundesbank faktisch die laufenden Defizite dieser Länder.

Sinkende Realeinkommen für die große Mehrheit, 650 Milliarden Euro Verlust im Ausland, 730 Milliarden Euro in faulen Krediten, ein zerrüttetes Finanzsystem – das ist der Preis für eine Wirtschaftspolitik, die durch Lohnzurückhaltung im eigenen Land den Export von Waren und Dienstleistungen gefördert hat. Der Heimatmarkt hatte darunter zu leiden, der Umsatz des Einzelhandels ist im vergangenen Jahrzehnt um vier Prozent geschrumpft.

Dass Deutschland sein BIP-Wachstum des vergangenen Jahrzehnts fast ausschließlich dem Ausland verdankt, zeigt auch die Tatsache, dass sich der Exportsaldo in den vergangenen zehn Jahren um rund sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukts verbessert hat.

Doch durch Ausfuhren allein entsteht kein Wohlstand. Und Wachstum ist kein sicherer Indikator für die wirtschaftliche Dynamik eines Landes. Aber auch die Mitglieder der Enquete-Kommission "Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität" des Deutschen Bundestages liegen falsch: Deutschland braucht keinen neuen Satz von 20 Indizes, zehn Leitindikatoren und Warnlampen, um ein "ganzheitliches Verständnis von Wohlstand" zu erlangen.

Ein Gegengewicht zum BIP würde schon genügen: ein regelmäßig erhobenes Medianeinkommen. Dann erführen die Bürger nicht nur, wie stark Deutschland im vergangenen Jahr gewachsen ist. Sie erführen auch, wie wenig davon bei ihnen ankommt. ---