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Nicht für alles Geld der Welt

Statt es zu verkaufen, will ein Filmemacher aus seinem Grundstück ein Naturschutzgebiet machen. Dabei gerät er zwischen die Fronten. Denn gewartet hat niemand auf ihn in Paraguay.




• Kurz bevor er sich verabschiedet, will Ulises Lovera noch etwas loswerden. "Das Einzige, was dich hier schützt, ist dein europäischer Pass. Wenn du kein Italiener wärst, hätten sie dich längst fertiggemacht." Daniele Incalcaterra steht an der Tür und hört dem Direktor im Umweltministerium jetzt sehr aufmerksam zu. "Pass auf, die politische Situation hat sich verändert. Der Präsident wurde im Juni gestürzt. Hier im Ministerium sind fast alle seine Leute rausgeflogen. Ich bin der Letzte, der noch übrig ist. Gut möglich, dass es mich auch bald erwischt. Dann kann ich nichts mehr für dich tun. Dann bist du allein." Er reicht ihm die Hand, die beiden Männer umarmen sich. "Auf Wiedersehen."

Paraguay hat 6,7 Millionen Einwohner und 12,4 Millionen Rinder. Es umfasst 406752 Quadratkilometer Fläche und ist deutlich größer als die Bundesrepublik Deutschland. Wichtigster Wirtschaftsfaktor ist die Agrarwirtschaft, das Land ist der viertgrößte Soja- und der zehntgrößte Rindfleisch-Exporteur der Welt. Im vergangenen Jahr betrug das Wachstum 6,4 Prozent. Seit 1948 regiert die Colorado-Partei, egal, ob die Staatsform gerade eine Diktatur oder eine Demokratie ist. 2008 wurde mit Fernando Lugo ein unabhängiger Kandidat zum Präsidenten gewählt. Im Juni 2012 wurde er gestürzt. In einem Bericht über Paraguay schreibt das US-Außenministerium: "Politische Einmischung, Korruption und Ineffizienz sind im Justizsystem allgegenwärtig, ebenso wie willkürliche Festnahmen."

Ausgerechnet in diesem Land möchte Daniele Incalcaterra ein Naturschutzgebiet einrichten.

Wir sind seit 15 Jahren befreundet. Er war mein Vermieter und Mitbewohner. Incalcaterra ist Italiener, er lebt in Paris und Buenos Aires. Als Dokumentarfilmer hat er zahlreiche Preise gewonnen. Darunter eine Erwähnung beim Prix Europa, den europäischen Oscars. Er unterrichtet am Femis, der Eliteakademie des französischen Kinos. Sein Film über den Aufbau des Naturschutzgebiets, "El Impenetrable", lief im September bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig in einer Kategorie mit Werken von Robert Redford und Spike Lee. "Filmemachen ist das Einzige, was ich kann", sagt er. Politische Kampagnen und Landbau sind seine Sache nicht.

Aber jetzt ist er gezwungen, das zu lernen. Im Jahr 1983 kaufte sein Vater, damals Wirtschaftsattaché an der italienischen Botschaft in Paraguay, ein Grundstück. 5000 Hektar ist es groß und liegt in der Region Chaco, einem damals undurchdringlichen Busch. Der Vater witterte ein Geschäft, er wollte das Land nie bestellen, sondern es später verkaufen. Für den Sohn, damals 27, war das Spekulation, er wechselte aus Protest jahrelang kein Wort mit dem Vater. Nach dessen Tod erbte er das Land. Er hätte es einfach verkaufen können.

Aber er entschied sich anders. Ein Naturschutzgebiet will er daraus machen, Arcadia soll es heißen. In der griechischen Mythologie ist das ein Wald, in dem der Mensch mit der Natur in Harmonie lebt. Was eine romantische Idee ist, katapultiert Incalcaterra ins Zentrum des härtesten Konfliktes in Paraguay: dem Kampf um Land. Es geht um Weideflächen und Äcker und darum, wem sie gehören. Es treten auf: korrupte Beamte, gewissenlose Großgrundbesitzer und eine Justiz, die das Recht des Stärkeren durchsetzt. Und dann ist da auch noch die Sache mit der doppelten Besitzurkunde. Doch davon später.

Es ist früher Abend, als wir das Umweltministerium verlassen. Langsam legt sich die Dämmerung über Asunción, es regnet, und auf der Avenida Brasil verkeilen sich die Autos im Feierabendstau. Incalcaterra sitzt am Steuer und dreht sich die zweite Zigarette. Er ist nervös, schon seit wir gestern, aus Argentinien kommend, die paraguayische Grenze überquert haben. Er kam, weil er Druck machen will bei den Behörden, er muss neue Verbündete suchen, er braucht Partner.

"Hast du gehört, was er gesagt hat? Dass sie mich längst fertiggemacht hätten, wenn ich kein Italiener wäre?" Ein wenig Stolz schwingt mit, wenn er das sagt. Er sieht sich als den Helden in dieser Geschichte: einer gegen alle. Er kann auch nicht mehr zurück, selbst wenn er wollte. Und es zermürbt ihn, dass er nicht weiß, wem er noch trauen kann. Der Ministerialbeamte Lovera steht auf seiner Seite, daran hat er keinen Zweifel. Aber wer sonst noch?

Lovera hatte ihm versprochen, er wolle die Sache mit Arcadia abschließen. "Ich will das gut beenden", sagte er und in seinen Worten schwang mit: "Und wenn es das Letzte ist, was ich hier tue." Er will vollenden, was sein Präsident Fernando Lugo im April 2011 begonnen hat: Er erklärte Arcadia per Dekret zum Naturschutzgebiet. Doch seither ist nichts passiert. Das Umweltministerium müsste einen Nutzungsplan genehmigen - doch der hängt irgendwo fest. Zufall? Oder Absicht? Sicher ist: Ohne Nutzungsplan kann Incalcaterra nichts mit dem Land unternehmen.

Arcadia ist eine Utopie. Für 1,5 Millionen Dollar könnte der Filmemacher die 5000 Hektar verkaufen. Aber Geld interessiert ihn nicht. Er will seinem zweijährigen Sohn etwas Sinnvolles hinterlassen, sagt er, kein Geschäft machen. Er will provozieren. Er will zeigen, dass man mit einem Grundstück mehr anfangen kann, als es von Rindern abgrasen zu lassen. Das mag überheblich wirken, noch dazu von einem Ausländer. Aber er hat diskussionswürdige Absichten. Biologen sollen die Folgen der Viehwirtschaft, Soziologen die Lage der Landarbeiter untersuchen, Pflanzen- und Tierarten sollen bestimmt werden, die Indianer den Wald bewirtschaften. Große Pläne. Bislang existieren sie nur in seinem Kopf.

Die Kunde von Arcadia hat sich in Paraguay schnell herumgesprochen. Incalcaterra wird mal als Robin Hood mal als Don Quijote gesehen - je nach Standpunkt. Als die erste TedX-Konferenz in Paraguay organisiert wurde, gab es nur fünf Redner, die ihre Visionen von der Zukunft des Landes präsentieren durften. Einer von ihnen war Incalcaterra.

Ein Nervenkrieg gegen mächtige Gegner

Solano Benítez sitzt an einem langen Besprechungstisch in seinem Büro. Auf die Leinwand projiziert er Bilder von Häusern. Benítez ist Architekt und hat auch bei TedX vorgetragen. Incalcaterra hofft, ihn einbinden zu können. Jetzt doziert der Baumeister darüber, wie ein Gebäude sich in seine Umwelt einfügen müsse, wie man mit Materialien aus der Umgebung arbeiten könne, mit welchen Fassaden die Häuser vor der Hitze zu schützen wären. So wie es ihm beim Firmensitz von Unilever bei Asunción gelungen ist, den er gebaut hat.

Benítez lehrt Architektur in Asunción, gibt Seminare an den Universitäten von Berkeley und São Paulo. Vergangenes Jahr erhielt er den begehrten Architekturpreis der Schweizerischen BSI Bank. Incalcaterra sagt, er brauche ein Haus, in dem sich Studenten, Indianer und Wissenschaftler treffen können. Da ist Benítez kaum noch zu bremsen. Die Wände am besten aus Lehm. Viel Holz. Incalcaterra fragt: "Bist du dabei?" "Auf jeden Fall! Ich kann das Projekt in einen Uni-Kurs einbauen."

Auf der Straße lächelt Incalcaterra zum ersten Mal an diesem Tag. Endlich einer, der versteht, was er will. Bevor wir ins Auto steigen, ruft er im Umweltministerium an. "Gibt es was Neues?" Ulises Lovera sagt: "Um den Nutzungsplan für Arcadia genehmigen zu können, müssen unsere Spezialisten prüfen, ob dort auch wirklich noch Urwald steht." "Okay", sagt Incalcaterra, der nicht weiß, was das zu bedeuten hat. "Aber es gibt ein Problem, wir haben keine Fahrzeuge und keine Etatmittel für Benzin", so Lovera. Sie einigen sich darauf, sich später zu treffen.

"Was soll der Mist!?", empört sich Victor Benítez. Er ist Chef der Umweltschutzorganisation Altervida und ein Verbündeter. Mit dem gleichnamigen Architekten ist er nicht verwandt. Dass es jetzt ein weiteres Hindernis gibt, bringt ihn auf. "Die sollen das jetzt unterschreiben und fertig!" Er schlägt vor, essen zu gehen. Wirtschaftlich ist Paraguay erfolgreich. Seit Jahren steigt die Wachstumsrate; der Guaraní, die Landeswährung, ist stabil, die Inflation im Zaum. In Südamerika eine Seltenheit.

Für Victor Benítez ist die Welt trotzdem nicht in Ordnung. Das Wachstum hat einen hohen Preis: 12,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes werden durch Viehhaltung erwirtschaftet. Zwischen 2003 und 2010 stieg der Export von Rindfleisch um fast das 15-fache, von 57 Millionen Dollar auf 841 Millionen Dollar. Für die dafür nötigen Weiden wurde in der Region des Chaco viel Urwald gerodet. Das hat Folgen. Ein Rind braucht 45 Liter Wasser pro Tag. Im Chaco liegen die größten Süßwasservorkommen des Landes. Man könnte es nutzen. Es als Mineralwasser gar verkaufen. Aber stattdessen wird es von Rindern gesoffen.

Hinzu kommt: Während die Soja-, Mais- und Rindfleisch- Ausfuhren steigen, muss Paraguay mehr und mehr Lebensmittel importieren, das geht aus der offiziellen Handelsstatistik hervor. "Anbauflächen von Weizen, Obst oder Gemüse verschwinden. Früher konnten wir uns mit Lebensmitteln selbst versorgen. Jetzt nicht mehr. In Wahrheit werden wir ärmer", sagt Benítez.

Dann nimmt er eine Serviette und malt zwei Quadrate darauf. Links oben ist der Westen Paraguays, der Chaco. Rechts unten der Osten. "Das Land wurde aufgeteilt", so Benítez. Im Osten wird Soja angebaut, auf drei Millionen Hektar. Im Chaco werden Rinder gehalten. So haben es die mächtigen Agrarverbände beschlossen. Während im Osten die Claims weitgehend abgesteckt sind, wird der Chaco noch erobert. "Deshalb will niemand dort ein Naturschutzgebiet. Alle wollen dieses Grundstück als Weide."

Der Chaco ist so lebensfeindlich, wie man es sich nur vorstellen kann. Der Name kommt aus der Sprache der Quechua-Indianer und bedeutet "Ort zum Jagen". Die Region zieht sich durch Argentinien und Bolivien, in Paraguay allein umfasst sie 24 Millionen Hektar und ist damit etwa so groß wie Lettland. Es ist eine heiße, trockene Steppe, überzogen mit dichten Büschen, Bäumen und Kakteen. Im Chaco-Krieg zwischen Paraguay und Bolivien (1932 bis 1935) starben die meisten Soldaten nicht in der Schlacht, sondern an Durst. In den dichten Wäldern haben Jaguare, Pumas, Würge- und Giftschlangen ihre Heimat. 200.000 Menschen leben in den Dörfern und Farmen, die meisten von ihnen tragen Waffen. Es gibt gerade einmal zwei Staatsanwälte.

Wir fahren erneut zum Umweltministerium. Ulises Lovera diskutiert auf dem Flur mit einer Mitarbeiterin. Die Frau sagt, sie habe Zweifel an dem Nutzungsplan. Welche? Sie sagt, sie müsse ihn erst genauer lesen. Immerhin wird vereinbart, dass ein Ranger aus einem Nationalpark im Chaco mit uns nach Arcadia fahren soll, um festzustellen, in welchem Zustand das Land sei. Sie würden ihm per Funk Bescheid geben. So muss keiner von ihnen reisen. "Und vielleicht reicht das dann ja", sagt die Frau.

Es ist ein Nervenkrieg. Am Nachmittag sind wir mit einem Mann verabredet, der dabei nie die Ruhe verliert. David Guiret ist einer von zwei Rechtsanwälten, die Incalcaterra beschäftigt. Er erledigt die wichtigen Dinge in der Hauptstadt Asunción, er arbeitet gratis. Im Chaco gibt es noch einen Juristen, der vor Ort nach dem Rechten sieht.

Kein Ort für Träumer

Ohne lange drum herumzureden, spricht Guiret das an, was das größte Hindernis für Arcadia ist: die doppelte Besitzurkunde. Unmittelbar nachdem Incalcaterra damit begonnen hatte, sich um das Naturschutzgebiet zu bemühen, tauchte plötzlich ein zweiter Eigentümer auf. Seit dem Kauf des Grundstücks im Jahr 1983 zahlte zunächst sein Vater jedes Jahr die Grundsteuer, dann die beiden Söhne. Sie gingen fest davon aus, dass das Land ihnen gehörte. Doch dann war da plötzlich Sergio Fernández Brum. Er präsentierte eine Urkunde für dasselbe Grundstück. Für Guiret, den Rechtsanwalt, nichts Ungewöhnliches. "Es gibt Hunderttausende von Besitzurkunden. Viele wurden damals vom Staat mehrfach verkauft."

Das war Ende der Siebzigerjahre, als der deutschstämmige Diktator Alfredo Stroessner von der Colorado-Partei das Land beherrschte. Weite Teile des Chaco waren damals Staatseigentum, und Stroessner ließ es in Parzellen aufteilen und verkaufen. Korrupte Beamte hatten schnell eine Möglichkeit entdeckt, auf leichtem Weg zu Geld zu kommen. Der Kaufvertrag von Incalcaterra und Fernández wurde von ein und demselben Mann unterschrieben: Juan Manuel Frutos, genannt "Papacito Frutos", Väterchen Frutos. Zahlreiche Anzeigen wegen Korruption wurden gegen ihn erstattet. Geschehen ist nie etwas.

Wohl auch deshalb nicht, weil viele aus der Colorado-Partei bei solchen Geschäften mit drinstecken. Als die Ländereien verkauft wurden, haben viele Funktionäre zugeschlagen und sich Tausende von Hektar unter den Nagel gerissen. Zwar war es Abgeordneten oder politischen Beamten verboten, vom Staat Land zu kaufen. Doch Gesetze gelten in dieser Region nicht für jeden. Um das zu korrigieren, wurde 1996 eine Agrarreform verabschiedet: Unrechtmäßig erworbene Ländereien sollten neu verteilt werden. Sie wurde nie verwirklicht. 85 Prozent des Territoriums von Paraguay sind in der Hand von 5,5 Prozent der Bevölkerung. Die Zahl der landlosen Bauern geht in die Tausende. Bislang hat kein Gericht jemals gegen einen Eigentümer entschieden, der seinen Besitz illegal erworben hat. "Das muss niemanden wundern", sagt Guiret. "80 Prozent der Richter sind in der Colorado-Partei."

Víctor Galeano Perrone ist der Rechtsanwalt von Fernández, dem zweiten Landbesitzer. Am Telefon ist er freundlich und zuvorkommend. "Es ist sehr traurig, dass Incalcaterras Vater Opfer eines Betrugs wurde. Trotzdem werden wir gegen das Dekret für das Naturschutzgebiet vorgehen. Ich bin sehr zuversichtlich, dass uns das gelingt", sagt er. Sein Mandant habe den Besitz Ende 2008 für 250.000 Dollar gekauft. "Der Titel stammt vom 31. März 1982 und ist damit älter als der von Incalcaterra, und zwar genau um ein Jahr. Das mag bedauerlich sein, aber so ist es."

Doch die Eigentumsurkunde von Fernández hat einen kleinen, wenngleich entscheidenden Schönheitsfehler: Ursprünglich lautete sie auf Miguel Teofilio Romero. Von ihm hat Fernández das Land 2008 gekauft. Romero war von 1963 bis 1968 Mitglied des Repräsentantenhauses, von 1968 bis 1973 Abgeordneter. Zudem war er Botschafter Paraguays in Uruguay, Peru und dem Vatikan. Er durfte vom Staat kein Land kaufen. Sein Name findet sich auch auf Seite 405 einer von der Regierung erstellten Liste, auf der all diejenigen aufgeführt sind, die ihren Besitz illegal erworben haben. Nachdem die Liste 2008 publik wurde, hat Romero schnell verkauft – an Fernández. Und sein Anwalt Perrone müsste das eigentlich wissen. Er hat das Geschäft abgewickelt.

Der Chaco ist der Wilde Westen des 21. Jahrhunderts. Auf einen italienischen Weltverbesserer haben sie dort nicht gewartet. Ein Naturschutzgebiet? Für viele ist das ein schlechter Witz. Lovera, aus dem Umweltministerium, hat es gestern so erklärt. "In Paraguay bedeutet Land Macht. Es ist wie im Feudalismus. Deine Nachbarn züchten Rinder, das ist alles, was sie interessiert. Du störst da nur. Sie wissen, du bist keiner von ihnen."

Germán Ruiz ist einer von ihnen. Und zwar nicht irgendeiner. Er ist Präsident des Rinderzüchterverbandes (ARP) und damit einer der einflussreichsten Männer von Paraguay. Er empfängt spät am Abend in einem großen Auditorium der ARP-Zentrale am Stadtrand von Asunción. Ruiz ist ein Mann, der es gewohnt ist, sich aussuchen zu können, auf welche Fragen er antwortet, und oft wird nicht ganz klar, was er sagen will. "Natürlich kann er kommen mit seinem Naturschutzgebiet, ich habe im Radio davon gehört, aber wir haben auch Nationalparks", sagt er. Und der illegale Besitz von Ländereien? "Ach, das wird übertrieben."

Dann zeigt er auf seinem Blackberry Fotos seiner Nichte, seiner Farm und seiner Maschinen. 270.000 Hektar Land besitze er selber. Ein gutes Geschäft. Erst recht im Chaco, wo Investoren fehlten. Ein Hektar Land koste in manchen Gegenden nur 250 Dollar. Weitere 250 Dollar seien nötig, um das Land zu roden und eine Weide anzulegen. Ein Rind brauche zwei Hektar Auslauf und koste 400 Dollar. Nach einem Jahr könne es verkauft werden. Am Ende blieben 200 Dollar Gewinn pro Tier. In sieben Jahren hat man also alles wieder drin. "Jetzt nennen Sie mir ein Geschäft, in dem so was so schnell möglich ist!"

Er verabschiedet sich, steigt vor dem Büro in seinen Hummer-Jeep und verschwindet in der Nacht. Während man den Rücklichtern nachblickt, versteht man plötzlich einiges. Incalcaterras Grundstück hätte Platz für 2500 Rinder. Mit wenig Aufwand ließe sich damit eine halbe Million Dollar pro Jahr verdienen. Leicht verdientes Geld.

Das Land der zwei Stockwerke

Für den Filmemacher ist es ein Wettlauf mit der Zeit. Wenn Fernández schneller wäre und Arcadia einfach abholzt, würde eine Strafe fällig. Aus dem Rennen wäre er damit aber nicht – sondern einen Schritt weiter. Das hat Guiret, der Anwalt, noch gesagt. Wer von einem Land Besitz ergreift, es also bearbeitet, bekommt meistens Recht. So ist das in Paraguay.

Als Präsident hat Fernando Lugo versucht, das zu ändern. Gestürzt wurde er, weil man ihn für ein Massaker verantwortlich machte, bei dem elf Bauern und sechs Polizisten ums Leben kamen. Die Umstände konnten nie ganz geklärt werden. Incalcaterra besucht Lugo, um ihm eine DVD seines Films über Arcadia zu bringen. Er sitzt in einem düsteren Büro. Der Rollladen ist heruntergelassen.

Wie weit sind Sie als Präsident gekommen, um die Landfrage zu lösen? "Nicht sehr weit. Und das ist schlimm. Als Regierung haben wir mehr als 100 Anzeigen gegen Besitzer erstattet, die ihr Land unrechtmäßig erworben haben. Doch nichts ist passiert. Die Justiz hat nicht reagiert." Er nennt Paraguay ein Land mit zwei Stockwerken. "Wir haben 406752 Quadratkilometer Fläche. Zählten wir alle Besitzurkunden zusammen, kämen wir auf 529 000 Quadratkilometer. Kurios, nicht wahr?"

Fünf Tage waren wir in Asunción. Vorangekommen sind wir kaum. Immerhin gibt es die Aussicht, dass der Nutzungsplan genehmigt wird, wenn das Gebiet begutachtet wurde. Also machen wir uns auf den Weg, um den Parkwächter zu treffen. Von Asunción aus geht die Nationalstraße Nummer 9 kerzengerade in den Chaco. Es sind 674 Kilometer, mehr als acht Stunden brauchen wir dafür.

Auf der Fahrt kommt eine SMS: "Der Dekan ist daran interessiert zu kooperieren." Sie stammt von einem Studenten. Am Abend vor unserer Abreise hatten wir uns noch mit angehenden Biologen getroffen, die Incalcaterra kontaktiert hatten. Sie wollen Arcadia für ihre Praktika nutzen. "Das meiste Land ist in Privatbesitz, dort dürfen wir nicht forschen", sagte einer von ihnen. Er berichtete, dass es kein Buch über die Fauna des Chaco gebe. Wenn man etwas fände, dann nur Aufsätze von Ausländern, die in Fachzeitschriften veröffentlicht werden, die die Universität sich nicht leisten könne. Deshalb würde der Dekan mit Incalcaterra ein Abkommen schließen, um Arcadia zu nutzen. Endlich einmal eine gute Nachricht.

Als wir unser Nachtlager in einem Gästehaus des Umweltministeriums errichten, treffen wir den Parkwächter – und erleben die nächste Überraschung. "Morgen nach Arcadia?" Nein, es habe ihm niemand Bescheid gesagt. Er habe ohnehin keine Zeit. Übermorgen vielleicht.

Zwei Tage später schon wieder ein Hindernis, als wir die San-Miguel-Piste nach Arcadia nehmen wollen. Sie führt durch das Gebiet eines Nachbarn. Doch der hat eine Rinderweide daraufgestellt. Er kommt mit einer Pistole unter dem Arm zum Wagen. "Die Straße, die du suchst, gibt es nicht mehr." Für 1000 Dollar würde er uns durchlassen. Also machen wir einen Umweg. Doch auch hier steht nach 15 Kilometern plötzlich ein Zaun, wo in der Karte ein Weg eingezeichnet ist. Die letzten fünf Kilometer gehen wir zu Fuß.

Dafür ist die Begutachtung im Auftrag des Umweltministeriums schnell erledigt. Der Parkwächter setzt sich vor Arcadia ins Gras und schaut hinüber. Was man sieht, ist dichtes Gestrüpp. Alles ist so zugewachsen, dass man höchstens drei Meter weit sehen kann. Es gibt Kakteen mit Tuna-Früchten, Quebracho-Bäume, Sträucher mit großen Stacheln, vom Nachbargrundstück hört man Motorsägen. Der Ranger hat gesehen, was er sehen muss. Er wird positiv bescheiden. Mehr gibt es nicht mehr zu tun.

Auf dem Rückweg machen wir Halt in Filadelfia, der größten Stadt des Chaco. Wir besuchen den Rechtsanwalt, der hier draußen für Incalcaterra die Geschäfte führt. Der Mann heißt Victor Torres Frías. Er hat ein neues Auto, ein neues elektronisches Notizbuch und einen neuen Blackberry, den er pausenlos bearbeitet.

"Du weißt, dass ein Verwandter von Galeano Perrone, des Rechtsanwalts deines Gegners, im Kabinett der neuen Regierung sitzt? Sie haben also einen direkten Draht nach oben. Was willst du jetzt unternehmen?", fragt der Advokat. Da kommt Incalcaterra in Schwung. Die Anspannung der vergangenen Tage löst sich. Er redet, redet und redet und findet kein Ende. Zum Schluss beklagt er: "Solange der Nutzungsplan nicht genehmigt ist, stecke ich fest. Ohne Nutzungsplan kriege ich nirgendwo Geld. Vor allem fehlt mir das Geld. Bewegt sich die andere Seite, gerate ich in Rückstand." Er hat offen gesagt, was sein Gegner tun könnte, ihn zu schlagen. Und das wird er noch bereuen.

An einem Kiosk kaufen wir Zigaretten, Wasser und Kekse. Als wir auf den Parkplatz kommen, sehen wir schon von Weitem einen Zettel am Scheibenwischer des Jeeps. Incalcaterra nimmt ihn, setzt sich ins Auto und setzt die Lesebrille auf. "Nimm dich in Acht vor deinem Anwalt Torres! Er hat sich an die Gegenseite verkauft", steht darauf. Er atmet tief durch. Der Schlag sitzt. "Ich habe zu viel geredet."

Wir nehmen wieder die Bundesstraße 9, Richtung Asunción. Lange sagt keiner ein Wort. Der Motor röhrt, durch die offenen Fenster strömt der warme Fahrtwind. Ob er das mit Arcadia inzwischen bereue? Lange schweigt Incalcaterra. Dann zieht er die Brauen hoch. So sieht man ihn selten. "Noch darf man nicht aufgeben." Links und rechts entlang der Straße sieht man die Gegenwart und vielleicht auch die Zukunft des Chaco: nichts als Hecken und Rinderweiden. Stunden später dann eine SMS. Ulises Lovera wurde im Umweltministerium entlassen.