brand eins 10/2012

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Titel: Besserwisser gesucht

Schwerpunkt: Spezialisten

Zum Inhalt dieses Heftes schreibt Gabriele Fischer in ihrem Editorial:

Tief bohren und weit sehen

• Angenommen, Sie haben es am Kreuz. Werden Sie sich für den Spezialisten oder den Generalisten entscheiden? Die gute Nachricht: Es ist egal. Beide können richtig oder falsch liegen – denn kaum einer wird in der Lage sein, die rund 400 relevanten Quellen zum Thema Rückenschmerz im Auge zu behalten. So weit haben wir es also gebracht. Das Wissen wird immer spezieller und nützt uns immer weniger, weil es keiner mehr bewältigen kann. Zwar kennt sich der einzelne Experte in der Tiefe seines Fachs immer besser aus, kann aber mit kaum einem darüber reden. Daher wird Übersetzung und Vermittlung zur Schlüsselqualifikation. Die kann sehr unterschiedlich aussehen. Der Sache mit dem Kreuzschmerz zum Beispiel hat sich ein Expertengremium beim ÄZQ angenommen, einer Institution, die in mühsamen Abstimmungsrunden Leitlinien für die Behandlung Kranker erstellt. Die zunehmende Sprachverwirrung auf Baustellen bekämpfen Architekten neuerdings mit einer Technik, die stark an "Star Trek" erinnert. Schlichte Zeichnungen auf laminierten Matten wiederum helfen einem Wirtschaftsprüfer im australischen Norden, Aboriginals in die Betriebswirtschaft einzuführen. Und die IT? Bleibt ein Thema für sich, es sei denn, man lässt sich, wie der ehemalige Bankvorstand Klaus Schuster, von den Details nicht aus der Fassung bringen (S. 30, 86, 96, 78, 104). Schließlich muss, wer entscheidet, nicht alles wissen – das wissen Richter so gut wie Chefs. Oft hilft es sogar, kein Experte zu sein. So ist der Unternehmer und Vater Hannes Streng kein ausgewiesener Bildungspolitiker, hat dafür aber einen sehr klaren Blick auf das, was Bildung im Idealfall bewirken soll. Und auch wer es auf einem Gebiet weit gebracht hat, steckt dort nicht fest. Das gilt für die dänische Firma Vipp genauso wie für die Schauspielerin Hedi Lamarr oder den Streptokokken-Forscher Singh Chhatwal, der sich von der Grundlagenforschung verabschiedet hat, um mit seinem Wissen nun ganz praktisch Kinder zu retten (S. 54, 112, 126, 94). Das soll nicht heißen, dass Spezialisten überflüssig sind. Auch wenn man die Erfinder so mancher Finanzprodukte in die Wüste schicken möchte: Tiefenbohrer werden gebraucht, weil noch immer genug Wissensschätze zu heben und Probleme zu lösen sind. Nur verstehen möchte man sie halt gern oder zumindest begreifen, warum sie was tun. Dass das kein frommer Wunsch ist, beweist der Mittelstand (S. 108, 70, 22). Dort finden sich viele Spezialisten, die es oft genug zum Weltmarktführer bringen. Sie sind fokussierter als so mancher Nerd, beschäftigen sich mit Fragen, die kaum einer kennt und haben doch so gar nichts vom Maulwurf, der sich blind in seinen Kanälen vergräbt. Der Grund ist schlicht: Sie haben Kunden. Und die strikte Orientierung auf das, was der Kunde will und braucht, macht aus der Spezialfirma eine, die so gar nichts Autistisches hat und zudem oft ein langes Leben (S. 122, 60, 132, 142). Diese Mittelständler zeigen, dass es nützt und nicht nervt, wenn andere etwas besser können. Dass man immer weiter bohren und nie genug wissen kann. Dass man aber bei alledem nie den Zweck aus dem Blick verlieren darf. Der wichtigste Rat in Sachen Kreuzschmerz ist übrigens, nach Sichtung aller 400 Quellen: Bewegung.

Gabriele FischerChefredakteurin

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