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Mark Stevenson im Interview

Private Weltraumfahrt, selbstreplizierende Nano-Fabriken, Maschinen, die Kohlendioxid aus der Atmosphäre fischen, und eine individualisierte Supermedizin - auf den Spuren unserer Zukunft ist der Brite Mark Stevenson rund 60 000 Meilen um die Welt gereist. Und mit erstaunlichen Fundstücken zurückgekehrt.




• Zum Interview im Bahnhofsrestaurant von St. Pancras, London, erscheint Mark Stevenson mit einer seltsamen Tasche über der Schulter. Es handelt sich um das Produkt einer amerikanischen Start-up-Firma namens Konarka, das extrem dünne, flexible Solarfolien herstellt. Diese billigen Mini-Kraftwerke lassen sich nahezu überall integrieren - unter anderem auf der Außenseite von Laptop-Taschen, wo sie Computer oder Smartphones im Tascheninneren mit Strom versorgen. Zum Lunch bestellt der 39-Jährige gegrillten Seebarsch. Einer Analyse seines Gencodes zufolge, erklärt Stevenson, habe er nämlich ein erhöhtes Risiko, an Prostatakrebs zu erkranken. Und regelmäßiger Fischkonsum sei ein wirksames Mittel, um dem vorzubeugen.

Beides, die Solartasche und das Wissen um seine Prostataschwäche, sind Souvenirs einer aufwendigen Recherche-Reise, die den Wissenschaftspädagogen und Komödianten im vergangenen Jahr mehrfach um die Erde führte. Stevensons Reisebericht trägt den Titel "An Optimists Tour of the Future" - und liest sich auch so.

Wenn der 39-Jährige nicht Bücher schreibt oder als wissenschaftlicher Stand-up-Comedian auf Bühnen steht, erarbeitet er mit seinen Firmen Flow Associates und Re Agency Lernkonzepte für Museen und Bibliotheken.

brand eins: Herr Stevenson, Sie haben ein Jahr lang jenes rätselhafte, beängstigende, unbekannte Terrain erkundet, in dem wir alle den Rest unseres Lebens verbringen werden. Was können Sie uns aus der Zukunft berichten?

Mark Stevenson: Zuallererst, dass sie völlig anders sein wird, als wir sie uns ausmalen. Wir ähneln Neandertalern, die, wenn man sie nach bestmöglichen Verbesserungen fragt, über ein paar richtig große Steine vor der Höhle reden, mit denen sich endlich die Bären fernhalten lassen. Genauso linear denken wir heute immer noch. Wir können uns die exponentiellen Veränderungen, die in der Zukunft auf uns warten, einfach nicht vorstellen.

Eigentlich sind Sie Wissenschaftspädagoge und Komiker. Warum musste es daneben ausgerechnet die Zukunftsforschung sein?

Ich war einfach neugierig zu erfahren, was uns wirklich als Nächstes erwartet. Denn in dieser Frage fühlte ich mich bisher nicht sonderlich gut informiert. In Redaktionen, Medienhäusern und Parlamenten scheint die Meinung vorzuherrschen, dass die Zeiten wirklich mies sind - wenn auch nicht ganz so mies, wie sie in Zukunft sein werden. Natürlich vermag ich genauso wenig zu sagen, ob unsere Zukunft besser oder schlechter sein wird als die Gegenwart. Aber ich wollte zumindest unsere Optionen verstehen lernen.

Auf Ihrer Recherche-Tour haben Sie die sogenannten Transhumanisten getroffen, die auf das tausendjährige Leben hinarbeiten. Sie haben Ihr Genom von Sergey Brins 23andMe-Projekt auseinandernehmen lassen und sich in der Mojave-Wüste in private Weltraumraketen gesetzt, mit denen man in wenigen Jahren Touristen ins All schießen will. In Harvard haben Sie die Labors von Gentech-Pionieren besucht und den radikalen Singularisten Ray Kurzweil interviewt, der die Verschmelzung von menschlicher und künstlicher Intelligenz noch vor der Jahrhundertmitte voraussagt. Scheint so, als hätten Sie auf Ihrer Reise so ziemlich jede umstrittene Technik mitnehmen wollen.

Unsinn, das einzig verbindende Element dieser Techniken ist, dass sie unsere Zukunft definitiv verändern werden - ob uns das nun gefällt oder nicht. Und die Transhumanisten waren meine erste Station, weil ihr Ansatz für den denkbar größten Zusammenprall von Genetik, Ethik und Medizin steht. Die Begegnung mit ihnen hat mich nicht nur umgehauen, sondern gleich die nächsten Fragen aufgeworfen, darunter auch jene nach den Möglichkeiten einer individualisierten Medizin, die ich mit dem Harvard-Genetiker George Church diskutiert habe. Und da ich schon einmal in Harvard war, konnte ich gleich auch nebenan am MIT Media Lab vorbeischauen, wo Cynthia Breazeal autonome, sozial interagierende Roboter konstruiert. Roboter wiederum sind ein hochinteressantes Thema im Zusammenhang mit Nanotechnologie. Und so ging es immer weiter, insgesamt zwölf Monate und 60 000 Meilen lang.

Welche Ihrer Entdeckungen hat Sie am meisten beeindruckt?

Der wirkliche Wow-Effekt bestand für mich in der Erkenntnis, wie all diese Dinge zusammenhängen. Man kann nicht über Biotechnologie sprechen, ohne auch über Nanotechnologie oder die Entwicklung des Internets zu reden.

Ein Beispiel bitte.

Augenfällig ist die völlig andere Art wissenschaftlichen Forschens, die uns die Informationstechnologie ermöglicht. Google-Gründer Sergey Brin beispielsweise, der ein genetisch erhöhtes Risiko hat, an Parkinson zu erkranken, macht sich diese Möglichkeiten gerade zunutze. Zusammen mit der Biotech-Firma 23andMe lässt er derzeit die Daten von 10 000 Parkinson-Kranken durchflöhen, auf der Suche nach Faktoren, die möglicherweise helfen könnten, die Entstehung dieser Krankheit zu erklären. Zuerst die Daten, dann die Hypothese - das ist eine radikale Umkehrung klassischer wissenschaftlicher Prozesse. Sie ermöglicht uns völlig neue Erkenntnisse in extrem verkürzter Zeit.

Neue Erkenntnisse kann man sich vorstellen, aber wieso in extrem verkürzter Zeit?

Brins Methode ist ein Beleg für das Gesetz beschleunigter Ergebnisse, auf das ich bei meiner Reise immer wieder gestoßen bin: Bessere Lösungen helfen uns, sehr schnell zu noch besseren Lösungen zu kommen. Wir bauen beispielsweise leistungsstärkere Computer, mit denen wir noch leistungsstärkere Computer konstruieren können. Dieses sogenannte Phänomen der Autokatalyse führt zu einer exponentiellen Entwicklung von Technologien. In den vergangenen Jahren haben sich beispielsweise Parameter wie die Zahl der Telefonverbindungen pro Tag, die Verbreitung von Mobiltelefonen, die Kosten drahtloser Kommunikation und die Bandbreite des Internets exponentiell entwickelt. Ähnliches geschieht gerade bei der Gentechnik.

Sie meinen jene Forschung, die sich bislang vor allem durch großspurige Ankündigungen und ziemlich bescheidene Erfolge auszeichnet?

Moment, Craig Venters Sequenzierung des ersten menschlichen Genoms kostete noch rund 300 Millionen Dollar. Heute, wenige Jahre später, sind dafür weniger als 100 000 Dollar fällig. Derzeit konkurrieren neun Teams um einen wissenschaftlichen Preis für denjenigen, der 100 menschliche Genome in weniger als zehn Tagen oder für weniger als 10 000 Dollar pro Genom entschlüsseln kann. Von da an wird es nicht mehr lange dauern, bis eine Genomsequenzierung für zehn oder sogar nur noch einen einzigen Dollar möglich ist. Diese Möglichkeit wird die Medizin revolutionieren. Sie wird ärztliche Diagnosen à la "Herr Stevenson, es tut uns leid, Sie haben Krebs" ersetzen durch: "Herr Stevenson, es wird Sie freuen zu hören, dass wir Ihren Krebstumor sequenziert haben und ein personalisiertes Set für Ihre Behandlung bereithalten."

Diese Vision erinnert frappierend an jene, die vor zehn Jahren mit dem Human Genome Project verbunden wurden. Und von denen sind, wie Gen-Pionier Craig Venter sagt, "knapp über null medizinische Erkenntnisse" geblieben.

Stimmt, einen altertümlichen Text auszudrucken ist nun einmal nicht dasselbe wie seine Sprache zu verstehen. Und das Personal Genome Project ist genau die Antwort auf dieses Problem. Der Forscher George Church, den ich für dieses Buch ausgiebig interviewt habe, wird in den nächsten Jahren die Genome Hunderttausender Freiwilliger sequenzieren und diese Daten mit ihrem Lebensstil, ihrer medizinischen Historie und persönlichen Eigenschaften korrelieren. Church geht es nicht nur darum, den genetischen Code zu lesen, sondern ihn umzuschreiben - beispielsweise, um Krebszellen zu reprogrammieren. Damit eröffnen sich natürlich weitreichende ethische Fragen. Und gleichzeitig große Möglichkeiten, die Regeln des Spiels von Leben und Tod zu verändern.

Das klingt, wie vieles in Ihrem Buch, nach sehr ferner Zukunftsmusik.

Ist aber höchst gegenwärtig, wenn Sie bedenken, dass wir heute auf einem Berg nützlicher Substanzen sitzen, die nie einen Kranken erreichen. Nach einer Studie des Tuft Center for the Study of Drug Development wird von 5000 Substanzen, die in der Pharmaforschung geprüft werden, lediglich eine einzige für den Markt zugelassen, obwohl viele von ihnen für viele Menschen hilfreich sein könnten. Häufig liegt das daran, dass sie für eine Minderheit von Patienten Risiken bergen. Das Schmerzmittel Vioxx beispielsweise wurde Patienten mit chronischen Schmerzen verabreicht, bis eine Studie ergab, dass Vioxx das Risiko von Herzproblemen von 0,75 auf 1,5 Prozent erhöht - allerdings nur für den Fall, dass ein Patient das Medikament länger als 18 Monate einnimmt. Wir sprechen hier also von einem wirklich winzigen Risiko. Aber es reichte aus, um Vioxx vom Markt zu verbannen.

Gut, und von welchem Nutzen könnte die Biotechnologie nun sein?

Wenn wir in Zukunft Ihre ganz persönliche genetische Konstellation kennen und genauer verstehen, welche Substanzen für Ihren Körper heilsam und welche gefährlich sind, erweitert sich die Bandbreite der einsetzbaren Substanzen enorm. Während Biotech auf diese Weise Millionen Leben verlängern kann, wird sie gleichzeitig die Kosten für medizinische Behandlungen senken.

Mit demselben Know-how lassen sich aber auch Supererreger designen. Und je mehr es sich verbreitet, umso größer sind die Chancen, dass es irgendwann irgendjemand tut. "Wir werden einige Risiken eingehen", räumt der Molekularbiologe Church ein, "möglicherweise sogar einige existenzielle." Nicht gerade ein Grund für Optimismus, meinen Sie nicht?

Deshalb fordert derselbe George Church auch eine umfassende Kontrolle jeglicher Biotech-Forschung. Man dürfe grundsätzlich keinem Labor trauen, sagt er, auch seinem nicht.

Wie hoch schätzen Sie die Wahrscheinlichkeit ein, dass so etwas fürchterlich schiefgeht?

Auf hundert Prozent. Wir werden mit ziemlicher Sicherheit einen 11. September der Biotechnologie und ein Tschernobyl der Nanotechnologie erleben. Aber wir werden gleichzeitig über Technologien verfügen, um diese Risiken in Schach zu halten. Ja, die Entwicklung der Biotechnologie wird ermöglichen, extrem gefährliche Erreger in die Welt zu setzen. Aber sie wird genauso ermöglichen, diese Erreger innerhalb weniger Stunden zu sequenzieren und Gegenmittel einzusetzen.

Wenn ich Sie richtig verstehe, werden sich die Techniken sowieso entwickeln, und zwar schneller, als wir es uns vorstellen können. Das heißt: Uns bleibt eigentlich nur noch die Entscheidung, ob wir auf den rollenden Zug aufspringen oder nicht.

Richtig ist, dass sich die Verbreitung von Wissen heutzutage höchstens verlangsamen, nicht jedoch unterbinden lässt. Aber wir können immer noch entscheiden, in welche Richtung der Zug fahren soll.

Was glauben Sie: Welche Projekte und Forschungen, die Sie in Laboren und Werkstätten bestaunt haben, werden tatsächlich Realität werden?

Von allem, was ich untersucht habe, scheinen mir die Nano-Fabriken am ehesten ins Reich der Science-Fiction zu gehören. Die Geschwindigkeit des Fortschritts in der Biotechnologie hingegen ist atemberaubend und greifbar zugleich. Und was die privaten Raumfahrtunternehmen betrifft, die ich in der Mojave-Wüste besucht habe: Möglicherweise starten sie nicht in drei oder fünf Jahren Richtung Weltall, aber früher oder später werden sie Touristen ins All transportieren, wie heute Kreuzfahrtschiffe in die Karibik fahren.

Ist nicht die Frage, ob all das, was möglich ist, auch wünschenswert ist? Mal angenommen, den Transhumanisten gelänge es tatsächlich, unsere Lebensdauer zu verlängern: Damit würden wir die Überbevölkerung unseres Planeten und die Überstrapazierung der Ressourcen noch einmal verschärfen.

Ob und wie viel wir tatsächlich länger leben wollen, ist selbstverständlich sorgfältig zu überlegen. Andererseits ist die Abwägung dieser Option etwa so, als erwarte man von einer Fliege, dass sie die ästhetischen Qualitäten einer Windschutzscheibe berücksichtigt.

Aubrey de Grey, einer der prominentesten Transhumanisten, behauptet in Ihrem Buch: "Ich glaube, dass der erste Mensch, der das Alter von 1000 Jahren erreichen wird, heute bereits lebt und 60 Jahre alt sein könnte."

Das klingt verrückt - aber benutzen wir nicht bereits heute zahlreiche Techniken, um die Leistungsfähigkeit unserer Körper zu verbessern? Nehmen Sie mich: Ich bin extrem kurzsichtig, früher wäre ich der Dorfkrüppel und nutzlos für die Gesellschaft gewesen. Heute kann ich dank Kontaktlinsen perfekt sehen. Unfruchtbaren Paaren verhelfen wir mit In-Vitro-Fertilisation zu Babys. Und einem behinderten Athleten wie dem Südafrikaner Oscar Pistorius, der anstelle gesunder Unterschenkel zwei hochmoderne Karbonprothesen hat, wurde die Teilnahme an den Olympischen Spielen 2008 zunächst mit der Begründung verweigert, er sei mit seinen Prothesen schneller als ein gesunder Sportler. Überlegen Sie mal: Wenn ein behinderter Athlet dank künstlicher Prothesen erfolgreicher ist als ein nicht behinderter, ist es kein weiter Weg mehr bis zu dem Punkt, an dem sich gesunde Sportler ähnliche Techniken zulegen werden.

Das glauben Sie nicht wirklich.

Erinnern Sie sich noch an die Anfänge der Mobiltelefonie? An diese Angeber, die mit dicken Ziegeln in der Hand durch die Gegend liefen? Handys sind ein Werkzeug für Wichser, das war damals meine feste Überzeugung. Und heute? Kann ich ohne mein iPhone nicht mehr überleben.

Ich glaube, wir werden eines Tages bei fast jeder Technologie einen ähnlichen Ruck erleben. Noch sind die meisten Zeitgenossen skeptisch. Noch heißt es: "Das ist zu kompliziert, das ist nicht gottgegeben, also wollen wir es nicht." Sobald die Öffentlichkeit aber sieht, dass eine Technik funktioniert statt zu nerven, dreht sich die Meinung: Dann gilt es plötzlich als unethisch, sie nicht zuzulassen.

Nur weil die Mehrheit etwas befürwortet, ist es nicht automatisch ethisch.

Richtig, und die rasante technische Entwicklung wird uns zwingen, den großen philosophischen Fragen nachzugehen: Was zeichnet Menschen aus? Was ist Leben? Wie wollen wir leben? Das sind aufregende Fragen, die wir aber nur diskutieren können, wenn wir informiert sind. Und darin steckt ein Riesenproblem. Denn unsere Institutionen sind auf den Wandel genauso wenig vorbereitet wie wir selbst. Ein Kind, das heute zur Schule kommt, wird voraussichtlich im Jahr 2087 in Rente gehen. Obwohl wir heute nicht einmal mehr verlässlich sagen können, wie unsere Welt in fünf Jahren aussehen wird, sollen unsere Schulen dieses Kind auf die kommenden sieben Jahrzehnte vorbereiten. Absurd! Wir denken linear, und das heißt nichts anderes, als dass wir in einer Zeit exponentieller Entwicklungen falsche Entscheidungen treffen.

Woran denken Sie?

Ein trauriges Beispiel ist der Klimagipfel von Kopenhagen. Wir wissen heute, dass es die Erderwärmung gibt, dass sie für einen Teil der Menschheit schwerwiegende Folgen haben dürfte und dass wir schleunigst etwas gegen sie unternehmen sollten. Wir verfügen auch über Techniken, um sie zumindest zu verlangsamen. In New York habe ich den Physiker Klaus Lackner getroffen, der einen Karbon-Schrubber konstruiert hat, mit dem sich Kohlendioxid effektiv aus der Atmosphäre extrahieren lässt. Lackner könnte für überschüssiges CO2 das sein, was Dirty Harry für Kriminelle ist. Aber unser politisches System schafft es nicht, Techniken wie seine einzusetzen. Eine der größten Herausforderungen wird es sein, uns und unsere Institutionen auf das Tempo der Entwicklung zu bringen. Ray Kurzweil hätte dafür ein einfaches Rezept.

Und das wäre?

Implantiere dir einen Chip, der deinem Bewusstsein erlaubt, mit dem Tempo der Technologieentwicklung mitzuhalten! Aber man muss kein Singularist sein, um zu erkennen, dass das größte Problem nicht die Technik, sondern unsere Fähigkeit ist, verantwortlich mit ihren Chancen und Risiken umzugehen. Was meinen Sie, welche Erfindung der vergangenen 300 Jahre den meisten Wohlstand geschaffen hat?

Die Dampfmaschine?

Falsch. Es war auch nicht der Otto-Motor oder der Mikroprozessor, sondern die Einführung der Gesellschaft mit beschränkter Haftung. Ein institutionelles Vehikel also, das eine völlig neue Art des Wirtschaftens ermöglicht hat. Einen ähnlichen institutionellen Quantensprung brauchen wir wieder. Und zwar dringend.

Nicht alle sind so enthusiastisch wie Sie, was unsere Zukunftsaussichten betrifft. Eine beachtliche Zahl von Apokalyptikern bereitet sich bereits auf den ihrer Meinung nach unausweichlichen Zusammenbruch unserer Zivilisation vor. Die sogenannten Collapsitarians lehren, wie man Brackwasser zu Trinkwasser filtert und Latrinen baut, wenn unsere Abwassersysteme nicht mehr funktionieren, und wie sich Lebensmittel konservieren lassen, wenn das Stromnetz kollabiert ist. Ist das nicht eine mindestens genauso realistische Zukunftsvorstellung wie Ihre?

Mag ja sein, dass die Collapsitarians eines Tages recht behalten und ich bereits tot bin, während sie noch auf ihren selbst gebauten Latrinen hocken und desinfiziertes Wasser schlürfen. Aber über diese Möglichkeit werde ich mir nicht den Rest meines Lebens den Kopf zerbrechen.

Hat Ihre Entdeckungstour Sie zum Optimisten gemacht, oder waren Sie immer so zuversichtlich?

Ich bin nicht per se optimistisch, und ich mag auch den Begriff Optimismus nicht, weil er genauso verbrannt ist wie der Begriff Feminismus. Ich sage nur: Es gibt Optionen. Und wenn man sich die Geschichte unserer Spezies ansieht, stellt man fest, dass sich die Dinge im Großen und Ganzen verbessert haben. Wir töten einander weniger häufig als früher. Wir sterben nicht mehr an Krankheiten, die früher Zehntausende dahingerafft haben. Meine Freundin ist neulich im Park von einer Zecke gebissen und mit Borreliose angesteckt worden. Vor ein paar Jahrzehnten noch wäre sie jetzt auf dem sicheren Weg in den Rollstuhl. Heute schluckt sie ein einziges Antibiotikum und ist geheilt. Das ist ein Wunder, und die Welt ist voller solcher Wunder. Nur vergessen das die Leute ziemlich schnell.

Auffällig ist jedenfalls, dass es ziemlich aus der Mode gekommen ist, sich für die Zukunft zu begeistern.

Als ich jung war, haben wir uns alle regelmäßig gefragt, wie wir wohl im Jahr 2000 leben werden. Das lag daran, dass die Jahrtausendwende so ein markantes Datum war. "Wie wird die Welt wohl im Sommer 2022 aussehen?" Das fragt sich dagegen niemand. Die Menschen interessieren sich heute vor allem deshalb nicht mehr für die Zukunft, weil sie scheinbar so fürchterlich aussieht. Sie gehen lieber in die Kneipe, kippen ein paar Bier und versuchen, den Horror zu vergessen, der da draußen angeblich auf sie wartet. Und es wäre verdammt schade, wenn das eine selbsterfüllende Prophezeiung sein sollte. ---

Mark Stevensons Blog: www.optimistontour.com

Mark Stevenson: An Optimist's Tour of the Future. Profile Books, 2011, 15,99 Euro. Die deutsche Ausgabe erscheint im Herbst 2011 bei Piper.

Ray Kurzweil

ist ein US-amerikanischer Autor und Erfinder, von dem unter anderem der allererste Computerscanner stammt. Bekannt ist Kurzweil aber vor allem als Vertreter der Singularity-Bewegung, deren Anhänger glauben, dass Mensch und Computer bald verschmelzen werden. Ihre Theorie gründet auf der These, dass die Geschwindigkeit technischer Entwicklungen exponentiell erfolge ein Phänomen, das bei der Rechnerleistung durch das Mooresche Gesetz beschrieben wird. Wenn Computer erst einmal intelligenter als Menschen sind, so ihre Überzeugung, werde sich die Entwicklung überschlagen. Einen Zeitpunkt für dieses Jahr null des technischen Superwachstums haben die Singularisten bereits ausgemacht: das Jahr 2045.

23andMe

heißt die amerikanische Biotech-Firma, bei der Privatpersonen für 429 US-Dollar ihren Gencode auf etwa 100 genetisch bedingte Krankheiten und Eigenschaften untersuchen lassen können. 23andMe wurde von Anne Wojcicki, der Frau des Google-Gründers Sergey Brin (Foto), gegründet und bezieht sich mit seinem Namen auf die 23 Chromosomenpaare des Menschen.

Nanotechnologie

Ein Nanometer ist ein Milliardstel Meter. So winzig diese kleinsten aller Teile sind, so weitreichend sind die Möglichkeiten, die sich ergeben könnten, wenn wir sie beherrschen. "Nanotechnologie ist für Materie, was eine Telefonzelle für Supermann ist - etwas, das eine Transformation zu übernatürlichen Kräften bewirkt", schreibt Stevenson. So könnten eines Tages nanotechnologische Mini-Fabriken (Nano-Bots) selbsttätig Produkte herstellen - ohne Lohnkosten, also enorm günstig. Eines dieser Produkte könnten supereffiziente Solarzellen sein, wodurch wiederum die Energiekosten ins Bodenlose sänken. Mit anderen Worten: Winzige Teilchen könnten einige der großen Gesetzmäßigkeiten der Wirtschaft aushebeln.

Transhumanismus

nennt sich eine Bewegung, die die Grenzen menschlicher Existenz - etwa die biologisch limitierte Lebenserwartung - durch Technik erweitern will. Aubrey de Grey (Foto), einer der führenden Transhumanisten, geht davon aus, dass der erste Mensch, der ein Alter von mehr als 1000 Jahren erreicht, heute bereits lebt. Für den Politikwissenschaftler Francis Fukuyama ist der Versuch, die menschliche Natur verändern zu wollen, dagegen "die gefährlichste Idee der Welt".

George Church

ist Molekularbiologe am Genetik-Department der Harvard Medical School in Boston. Mit seinem Personal Genome Project will er die Genome von mindestens 100 000 Teilnehmern weltweit analysieren, um weitere Forschung in der Pharmakogenetik zu ermöglichen. Das Projekt wird biometrische und medizinische Informationen der Teilnehmer kostenlos im Internet veröffentlichen, sodass Wissenschaftler verschiedene Hypothesen zum Zusammenhang von Genotyp, Umwelt und Phänotyp überprüfen können.