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Wenn einer eine Reise tut

Sie haben es geschafft, sitzen warm und trocken. Und ahnen doch schon, dass das für ein Leben nicht genug sein wird. Einige Manager und Unternehmer haben aus der Einsicht eine interessante Konsequenz gezogen.




- Manchmal hat man die besten Ideen irgendwann nach Mitternacht bei einer guten Flasche Wein. Oder am nächsten Tag mit dem Kater. Andreas Stammnitz, 37, damals noch Marketingleiter beim Bertelsmann Buchclub, kam die gute Idee vor drei Jahren einige Tage nach einer Silvesterfeier.

Im fortgeschrittenen Stadium der Party, irgendwann in den ersten Stunden des neuen Jahres, hatte sein Freund Tobias zu einer Brandrede angehoben. Der Tenor: "Wenn wir nicht aufpassen, sind wir alle in ein paar Jahren mit Mitte 40 frustrierte, ausgebrannte Angestellte, die ihre Jobs im mittleren Management an Inder und Chinesen verlieren."

Das setzte sich bei Andreas Stammnitz fest.

Ein paar Tage später schrieb er einigen Freunden, alle in ähnlicher Lage wie er, Mitte 30 und im mittleren Management, eine Mail: "Es muss ja nicht so kommen, wie Tobias befürchtet. Lasst uns doch einfach nach New York fliegen und uns dort systematisch ein paar coole Firmen anschauen. Die Verantwortlichen sollen uns erzählen, wie sie es gemacht haben. Und nach vier Tagen kommen wir mit frischen Ideen, belebt und inspiriert zurück."

Zu jener Zeit fühlte sich Stammnitz bei Bertelsmann noch recht wohl. Er war weder ausgebrannt noch frustriert, hatte ein ausgesprochen gutes Verhältnis zu seinem Chef. Aber vielleicht spürte er schon damals, dass dem Buchclub nicht die Zukunft gehörte. Vielleicht wollte er auch nur raus aus der Routine.

Jedenfalls fing er ein paar Mails und Telefonate später zusammen mit einigen seiner Freunde an, die erste Exkursion zu organisieren. Die "unternehmerische Studienreise" (Stammnitz) ging im November 2008 nicht nach New York, sondern etwas bescheidener nach Hamburg. Der selbstironische Name des Projektes: "Chefsache."

Die Idee: Knapp 20 Leute, Freunde, Bekannte und Bekannte von Bekannten, alle in unterschiedlichen Branchen, aber mit ähnlichen Einstellungen, etwa gleich alt und in vergleichbaren Karrieresituationen, teils im Management, teils Selbstständige, überlegten sich, welche Firmen sie gern genauer kennenlernen wollten. Die schrieben sie an - und erstaunlich viele Unternehmer erklärten sich bereit, mal zu erzählen, was sie so machen, wie sie es machen und weshalb.

Zu den Gesprächspartnern zählten Mark Korzilius, einer der Gründer der Systemgastronomie-Kette Vapiano, der ehemalige Xing-Finanzvorstand Eoghan Jennings, Bodo von Laffert, Gründer der Sushi Factory, Arndt Roller, damals noch Chef der Partnervermittlung Parship, und Jens Müffelmann, der Leiter Elektronische Medien bei der Axel Springer AG. Daneben trafen die Exkursionsteilnehmer Berater, Gründer und Geschäftsführer aus den unterschiedlichsten Branchen: Medien, IT, Venture Capital, Gastronomie. Insgesamt 23 intensive Gespräche in vier Tagen, ein straffes Programm. Von den Beteiligten selbst organisiert, ausschließlich getrieben von echtem Interesse.

Der Charme liegt darin, dass es um reinen Erfahrungsaustausch geht, nicht um die Anbahnung von Geschäften. Pro Besuch sind etwa 90 Minuten Gespräch geplant, gut vorbereitet von den Besuchern, die etwas lernen, etwas mitnehmen wollen.

Balázs Tarsoly, der Gründer der Frankfurter Branding-Agentur Operation Butterfly, macht bei der Chefsache mit, weil ihn die Erfahrungen anderer Unternehmer weiterbringen und er es als wohltuend empfindet, "mit Leuten zusammenzusein, die offen und begeisterungsfähig sind". Marc Mogalle, 39, Finanzberater in Zürich und ebenfalls seit der Hamburg-Reise dabei, haben die Begegnungen bei Chefsache Mut zur Selbstständigkeit gemacht. Früher war er Angestellter einer großen Investmentbank, seit Februar 2010 berät er Start-ups, etwa aus der IT-Branche, auf der Suche nach Investoren und bei der Strategieentwicklung. "Das Spannendste bei den Chefsache-Gesprächen waren immer die Unternehmer, die ihr Ding machen, auch wenn sie dabei vielleicht auf die Nase fallen. Die aus Fehlern lernen und nach Niederlagen weitermachen." Zu sehen, wie diese Leute strahlen, war wohl der entscheidende Anstoß: "Ich wollte nicht mehr zurück in einen großen Konzern."

Die Hamburg-Reise war für den Initiator Andreas Stammnitz "eine Art Gesellenstück". Danach war klar: Das muss weitergehen. Die Gruppe schrieb sich ein paar Prinzipien auf, als eine Art Selbstverständigung darüber, was sie da eigentlich macht: "Chefsache ist eine unternehmerische Studienreise. Wir kommen, um von den Besten zu lernen. Wir lieben gute Ideen und interessante Geschichten. Wir wollen wissen, was man nicht googeln kann. Wir sind exzellente Zuhörer. Wir stellen die richtigen Fragen. Wir wollen wissen, welcher Mensch hinter der Leitfigur steckt. Wir wollen wissen, was diesen Menschen antreibt. Wir wollen wissen, woran er glaubt. Wir hören nie auf, neugierig zu sein. Wir gehen verantwortungsvoll mit Information um. Unser Ziel ist, zurück- und weiterzugeben."

Seit drei Jahren lassen sich die Neugierigen nun einmal im Jahr auf gemeinsamen Exkursionen den Kopf durchlüften. 2009 waren sie in Zürich, 2010 in Stockholm. Sie trafen Banker, Bierbrauer, Betreiber eines großen privaten Pflegedienstes und die Gründer von Freitag-Taschen. Sie unterhielten sich mit Designern, Zahnärzten, Parfümherstellern, Hoteliers, Textilunternehmern, die sich auf bunte Socken spezialisiert haben (Happy Socks), und mit dem Marketingchef des Leuchtenherstellers Zumtobel.

Andreas Stammnitz ist nicht mehr bei Bertelsmann. Vor ein paar Monaten hat er Puzzlemap gegründet, ein Unternehmen, das Puzzle und Stadtplan kombiniert - etwa für Berlin, wo man nun sehen kann, in welcher Straße welcher berühmte Film gedreht wurde, wo am 9. November 1989 der erste Grenzübergang aufging und wo die Sportler beim Berlin-Marathon laufen.

Den Schritt in die Selbstständigkeit erleichterten gute Partner: Balázs Tarsoly hat das Design entworfen, Marc Mogalle hat ihn in der Gründungsphase beraten. -