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Warum es besser ist, eine Bank zu gründen, als sie zu berauben

"Eine Billion Dollar" ist ein Thriller, der eine Reihe bedenkenswerter Fragen stellt - und ganz nebenbei eine Menge Wissenswertes zu Wirtschaft und Geldwesen liefert, zum Beispiel über Banken.




Personen: JOHN FONTANELLI - ehemaliger Pizzabote, der als jüngster männlicher Nachfahr eines italienischen Kaufmanns eine Billion Dollar erbt, die aus einem vor 500 Jahren angelegten kleinen Vermögen durch Zins und Zinseszins entstanden sind. Die damit verbundene Aufgabe: die Welt zu retten. MALCOLM MCCAINE - sein Berater und Geschäftsführer, der durch Zufall schon früh von diesem Erbe erfuhr und sich seither mit Akribie auf die Aufgabe vorbereitet hat, an der Seite des Erben die Welt zu retten.

"Wozu brauchen wir eine Bank?", wollte John wissen. "Um Geld zu kontrollieren", erwiderte McCaine.

"Aber wie kann eine Bank das Geld anderer Leute kontrollieren? Ich meine, der Inhaber eines Kontos kann es doch jederzeit abheben und damit machen, was er will?"

"Das ist bei den meisten Geldanlagen keineswegs so. Abgesehen davon heben niemals alle Leute ihr Geld gleichzeitig ab; das wäre der Ruin einer Bank. Nein, über das Geld, das die Anleger uns geben, können wir erst einmal verfügen." "Aber wir müssen ihnen dafür Zinsen zahlen."

"Natürlich."

John nahm das Blatt mit den aktuellen Zinssätzen der Banco Fontanelli zur Hand. "Offen gestanden sieht das nicht wie ein gutes Geschäft aus."

"Weil Sie die Zinssätze so betrachten, wie der Mann auf der Straße das tut. Drei Prozent für ein Sparguthaben, zehn Prozent für einen Kredit, also denkt man gemeinhin, die Bank verdient sieben Prozent. Was man akzeptabel findet. Aber so funktioniert das nicht."

"Sondern?"

"Wenn man es das erste Mal hört, klingt es zu unglaublich, um wahr zu sein. Aber es ist wahr, Sie können es in jedem Buch über Bankwirtschaftslehre nachlesen. Das Geschäft einer Bank funktioniert so: Angenommen, wir haben 100 Millionen Dollar an verfügbaren Einnahmen. Davon müssen wir eine gesetzlich vorgeschriebene Mindestreserve, sagen wir, zehn Prozent, einbehalten, den Rest, in dem Fall 90 Millionen Dollar, können wir als Kredit vergeben. Nun muss derjenige, der einen Kredit bei uns aufnimmt, seinerseits ein Konto haben, womöglich sogar bei uns - was umso wahrscheinlicher ist, je größer wir als Bank sind, und abgesehen davon können wir, wenn wir wollen, das zur Bedingung machen - also landet das Geld, das wir ihm geben, wieder bei uns. Wir verfügen idealerweise nach der Kreditvergabe über weitere 90 Millionen Dollar Guthaben, von denen wir wieder, abzüglich Mindestreserve, 81 Millionen als Kredit vergeben können, der wiederum in unserer Kasse landet und so weiter. Auf diese Weise können aus 100 Millionen Dollar Einlage bis zu 900 Millionen Dollar Darlehen werden, auf die wir besagte zehn Prozent Zinsen erheben, summa summarum also ein Zinsertrag von 90 Millionen. Sieht das wie ein gutes Geschäfts aus?"

"Ist das ehrlich wahr?"

"Ja. Klingt wie eine Lizenz zum Gelddrucken, oder?"

"Allerdings."

"Und wir haben die Kontrolle. Wir können uns aussuchen, wem wir Geld leihen und wem nicht. Wir können eine Firma ruinieren, indem wir von heute auf morgen die Kredite zurückfordern, die sie bei uns laufen hat. Wozu wir jedes Recht haben. Übrigens: Wir müssen nur behaupten, wir sähen die Sicherheit des Kredits gefährdet. Faszinierend, nicht wahr?"

"Aber legal ist das nicht, oder?"

"Völlig legal. Genau diese Spielregeln sind gesetzlich vorgegeben und werden staatlich beaufsichtigt. Bankiers sind die angesehensten, ehrenwertesten Leute, die es gibt. Und wir sind in diesem Kreis nun ebenso angesehene und ehrenwerte Mitglieder. Man wird uns Geheimnisse anvertrauen, die niemand sonst erfährt. Wir werden Geschäfte machen, die Außenstehenden unmöglich wären. Ganz davon abgesehen, dass sich der Besitz einer Bank ganz hervorragend dazu eignet, finanzielle Transaktionen vor dem Einblick staatlicher Aufsichtsorgane zu schützen. Wenn es Banken nicht schon gäbe, wir müssten sie erfinden."

AUSZUG aus: Andreas Eschbach: Eine Billion Dollar. Bastei Lübbe, 8. Auflage, 2010; 896 Seiten; 9,99 Euro Nachdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags.