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Schöne neue Welt

Der Mensch kann sehen. Der Computer kann Informationen liefern. Eine kleine Firma in Portugal bringt beide zusammen.




- Hier also residiert Portugals Hoffnung auf die Zukunft. Auf einer verwilderten Wiese neben der Autobahn schießen Kohlköpfe ins Kraut. Meterhohes Schilf verbirgt die Ruinen mehrerer Gebäude, die vielleicht einmal zu einem Bauernhof gehört haben. Dazwischen ein schmuckloser grauer Zweckbau: der Sitz von YDreams. Eine jener jungen Hightech-Firmen, die beweisen, dass Portugal mehr ist als ein notorisch klammes Land am westlichen Ende Europas. YDreams gehört weltweit zu den ersten Adressen für sogenannte Augmented Reality (AR).

Diese erweiterte Realität kennt jeder, der schon einmal eine Fußballübertragung im Fernsehen gesehen hat. Wenn etwa beim Freistoß die Entfernung zum Tor mit einer eingeblendeten Linie angezeigt wird, dann ist AR-Technik am Werk: eine Zusatzinformation, die der Computer erstellt.

In Zeiten von Handy-Kameras, iPods und iPads, Hochleistungsnetzen sowie einer in rasender Geschwindigkeit sich vergrößernden Informationsfülle im Internet sind Technik und Fantasie kaum mehr Grenzen gesetzt. Bei YDreams träumt man schon von sprechenden Joghurt-Bechern oder von Zeitschriften, die ihre Titelseite verändern können.

António Câmara war von AR bereits fasziniert, als es den Ausdruck noch gar nicht gab und die Technik in weiter Ferne lag. Ende der achtziger Jahre war das, als er den Woody-Allen-Film "The Purple Rose of Cairo" im Kino sah. Darin steigt der Filmheld Tom Baxter in einer Szene von der Leinwand herab und verliebt sich in die im Publikum sitzende Kellnerin Cecilia. "Diese Vermischung von Traumwelt und Wirklichkeit fand ich großartig", schwärmt Câmara.

Als Chef von YDreams ermöglicht der 56-Jährige heute den Schritt in die andere Richtung: Wer vor einer Leinwand steht, kann das Geschehen dort beeinflussen und mitspielen. Kein Hokuspokus made in Hollywood, sondern die Arbeit von ein paar Dutzend Informatikern und Designern, die bei Lissabon, am südlichen Ufer des Tejo-Flusses, an ihren Laptops mit der Wirklichkeit experimentieren.

So wie zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland, als sie für Adidas den Eye Ball erfanden. Vor dem sechs Meter hohen Fußball mit eingebautem interaktivem Bildschirm wetteiferten Passanten, wer am lautesten "Tor" schreien konnte, rannten einem virtuellen Ball hinterher oder schickten Botschaften an Freunde per SMS, die dann groß auf dem Bildschirm angezeigt wurden.

Auch für Museen, Bildungszentren und Fremdenverkehrsämter erweitern die Portugiesen die Wirklichkeit, wenn etwa bei Berührung eines Touchscreens Informationen zu einem Ausstellungsstück sichtbar werden und der Besucher virtuell den Amazonas in Brasilien befahren kann, mit Christoph Kolumbus Amerika entdeckt oder eine Zeitreise auf die Baustelle einer vor Jahrhunderten entstandenen Burg unternimmt. Und in der Zentrale von Spaniens Großbank Santander bei Madrid begrüßen kleine Roboter von YDreams den Besucher in verschiedenen Sprachen, fragen auf ihrem Display nach dem gewünschten Gesprächspartner und rollen nach der Eingabe des Namens in dessen Büro.

Die Grundlagen für solche Ideen fand Câmara in den achtziger Jahren in den USA. Durch Zufall, denn ursprünglich war er als Tennis-Profi nach Amerika gekommen. Doch eine Verletzung beendete seine Karriere vorzeitig. So studierte und lehrte er an der Virginia Tech und am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und arbeitete dort an der Programmierung von Simulatoren. Eine Forschung, die später Eingang in zahlreiche Videospiele fand.

"Damals war das noch alles sehr akademisch, aber mir war klar, dass der Videotechnik die Zukunft gehören würde", sagt er. Als Câmara dann, den Doktorhut im Gepäck, zurück nach Portugal zog, hielten ihn viele Kollegen für verrückt. "Die hatten vollkommen recht", sagt er lachend. "Das war der Wilde Westen hier, es gab keine Bibliotheken, es gab keine Forschungsgelder, es gab nichts. Aber ich habe mir gedacht, wo es nichts gibt, da kann man alles machen. Letztendlich habe ich viel verrücktere Ideen verwirklicht als die, die ich in Amerika zurückließ."

An der Universidade Nova de Lisboa fand Câmara Gleichgesinnte. Hier, unter der riesigen Christus-Statue, die sich mit ausgebreiteten Armen Richtung Lissabon wendet, arbeitete der Professor mit anderen Wissenschaftlern und Studenten an einem neuen, einem anderen Bild seiner Heimat als dem, das sich das Ausland gemeinhin von Portugal macht.

Im Jahr 2000 gründeten sie die Firma Ideias Interactivas, zu Deutsch Interaktive Ideen. Zwei Jahre später wurde daraus YDreams. Auf dem Campus sind sie geblieben. XYDreams wollten sie sich zunächst nennen, "weil wir damals viel an interaktiven Stadtplänen arbeiteten und XY die Achsen unseres Koordinatensystems sind. Der Zusatz Dreams drängte sich auf, weil wir viele Träume hatten."

Doch ein Blick ins Internet zeigte schnell, dass das X in erster Linie zu Porno-Seiten führte. Also strichen sie den Buchstaben, und YDreams war geboren. Inzwischen hat das Unternehmen 132 Mitarbeiter, Filialen in Spanien und Brasilien und macht einen Jahresumsatz von rund zehn Millionen Euro.

Trotzdem hat der Chef kein eigenes Büro. Sein einfacher Schreibtisch steht am Kopfende eines riesigen Raums, in dem ihm Techniker und Designer wie bei einer Vorlesung gegenübersitzen und in ihre Tastaturen hacken. Kurze Wege gehören ebenso zum Charakter der Firma wie das Fehlen nahezu jeglichen Schnickschnacks. Der kahle Aufenthaltsraum mit seiner Einrichtung aus dem Möbel-Mitnahmemarkt könnte auch zu einem Campingplatz gehören. Die kalten Metallstühle in den Besprechungszimmern halten Mitarbeiter dazu an, sich besser kurz zu fassen. Hier konzentriert man sich auf das Wesentliche, weshalb auch 25 Prozent der Einnahmen sofort wieder in Forschung und neue Projekte investiert werden.

Der Fantasie niemals Grenzen setzen

Andere Firmen nutzen die Technik für seriöse Anwendungen, etwa in der Medizin. Ihre Programme machen Venen auf der Haut eines Patienten sichtbar oder projizieren während einer Operation ständig Informationen über seinen Zustand in das Sichtfeld des Chirurgen. Dass YDreams sich auf Unterhaltung im weitesten Sinn spezialisiert, hat - bei allen Freiräumen für Kreativität und Innovation - dann doch damit zu tun, dass Portugal ein kleines Land am Rande Europas ist, ohne großes Renommee als Forschungsstandort. Wenn António Câmara das Programm Google Earth anklickt, weiß er jedes Mal, dass er und seine Kollegen eine Gelegenheit verpasst haben. "Wir waren damals technisch viel weiter, als die es heute sind. Aber wir haben die Lage falsch eingeschätzt und einen Fehler gemacht."

Damals tüftelte die gerade gegründete Firma an interaktiven Stadtplänen für Web-und Mobil-Anwendungen. Mit Vizzavi.pt schaltete sie auch einen Kanal für die portugiesischen Großstädte Lissabon und Porto, der von Motorola International als eine der besten Applikationen weltweit gepriesen wurde. Doch für mehr fehlte das Geld. "Zunächst bezahlten die Anbieter für die Entwicklung, dann nur noch für das Endprodukt. Investoren fanden wir nicht. Deshalb haben wir das aufgegeben und uns auf mobile Spiele konzentriert. Damit kann man Geld verdienen, und es kostet wenig in der Entwicklung", erklärt Câmara. "Im Grunde scheiterte damals alles an 150 000 Euro."

Erst 2006, als YDreams bereits internationale Bekanntheit erreicht und zahlreiche Auszeichnungen erhalten hatte, sammelte das Unternehmen 8,5 Millionen Euro Risiko-Kapital ein.

Noch einmal soll eine bahnbrechende Entwicklung nicht am Geld scheitern. Deshalb will die Firma in Zukunft Tochterunternehmen an die Börse bringen. Das erste heißt Yinvisible. Was Inês Henriques, die 35-jährige Chefin des neuen Unternehmens, darüber erzählt, klingt sehr futuristisch: Sie spricht von interaktivem Papier, Glas oder auch Textilfasern, die aufgrund chemischer Reaktionen optische Informationen preisgeben. Sogenannte photochrome Moleküle etwa werden bereits seit Längerem für Brillengläser genutzt, die sich bei Sonneneinstrahlung verdunkeln. Die gleichen Moleküle können auch als optische Datenspeicher eingesetzt werden. Andere reagieren auf Wärme oder Elektrizität. "Damit können Unternehmen beispielsweise die Verpackungen ihrer Produkte von denen der Konkurrenz unterscheiden und die Aufmerksamkeit der Kunden auf sich ziehen", sagt Henriques.

Möglich sei auch, mithilfe eines Mobiltelefons über die auf der Verpackung aufgedruckten Hinweise hinaus Informationen über Inhaltsstoffe von Lebensmitteln abzurufen. Die Tapete im heimischen Wohnzimmer ändert vielleicht schon bald im Tagesverlauf Farbe und Muster und das Cover einer Zeitung oder Zeitschrift die Schlagzeile. Wir bleiben in der Wirklichkeit - und erleben sie in vielen neuen Dimensionen. -