Partner von
Partner von

Programmierer sind sexy

Für viele Menschen sind Computerfreaks sonderbare Einzelgänger, die ihre Zeit mit Programmen und Spielen verbringen. Für Lars Hinrichs sind sie die Künstler des 21. Jahrhunderts, die er mit seiner neuen Firma Hack Fwd fördern will.




- Angenommen, Sie hätten in jungen Jahren eine Firma gegründet, sie erfolgreich gemacht und irgendwann für mehrere Millionen Euro verkauft. Was nun? Erst mal Luft holen. Sich Zeit lassen. All die verlorenen Sommer nachholen, die Sie schwitzend im Büro verbracht haben. Endlich keinen Druck mehr spüren, die Seele baumeln lassen. Bei kreativen Menschen ist das genau die Situation, in der sie die besten Ideen haben.

Genau so erging es Lars Hinrichs. Nach seinem Abschied von Xing, jenem Businessportal, das er mit 26 Jahren gegründet hatte, ging er im Januar 2009 mehrere Monate auf Weltreise und kam mit 14 Geschäftsideen zurück. Vier davon waren so gut, dass er sie sofort hätte verwirklichen wollen. Nur, mit welcher anfangen?

Im Frühjahr 2009 besuchte er das Young-Global-Leaders-Programm an der Harvard John F. Kennedy School of Government und hörte einen Vortrag des Managementprofessors Bill George. Der sagte, dass Geschäftsideen nur dann wirklich erfolgreich werden, wenn sie mit den persönlichen Werten des Gründers übereinstimmen. Hinrichs dachte nach: "Mir ist wichtig, andere Menschen zum Erfolg zu führen. Außerdem interessieren mich neue Technologien." Damit war klar, welche Idee in seinem Wertesystem ganz vorn lag: eine Risikokapitalgesellschaft, die in die Start-ups junger Programmierer investiert.

Was ihn daran so reizte? Für Hinrichs sind Programmierer die Künstler des 21. Jahrhunderts. Jahrelang galten Computerfreaks als Nerds (engl. Non Emotionally Responding Dudes, vgl. auch brand eins 4/2010, "Die Rache der Nerds"), als scheue Außenseiter. Doch die Zeiten haben sich geändert. Die Streber von damals sind heute die milliardenschweren Helden des digitalen Zeitalters. Wenn Mark Zuckerberg sich in Badelatschen in ein Fernsehstudio setzt und von Facebook erzählt, dann sitzt da kein schräger Nerd mehr, sondern ein cooler Nerd, ein Geek.

Und genau darum sollte es gehen. Hinrichs Idee war: eine Venture-Capital-Firma speziell für solche Talente. Und weil er keine Lust mehr hatte, hundert Prozent Chef zu sein und von morgens bis nachts zu arbeiten ("Ich bin gern derjenige, der Entscheidungen trifft. Ich muss aber nicht mehr alles selbst ausführen"), suchte er sich einen Partner, der ihm half, die neue Firma so zu entwerfen, dass sie den Bedürfnissen der Gründer ebenso entsprach wie seinen.

Er fand die globale Innovationsberatung Ideo, die für Kunden wie General Electric, Procter & Gamble und Ford arbeitet. Angeführt vom Deutschland-Geschäftsführer Philipp Schäfer, untersuchte ein sechsköpfiges internationales Team die Bedürfnisse junger Nerds in Europa und den USA und fand eine Menge, was man besser machen kann. So erstreckt sich der übliche Prüfprozess in der Regel über mehrere Monate. Am Ende steht meist ein komplexer Vertrag zwischen Investor und Gründer, den Juristen verstehen, nicht aber Computerfreaks. "Die Skepsis, über den Tisch gezogen zu werden, findet man bei vielen Programmierern", sagt Philipp Schäfer. Das Buch "Founders at Work", in dem die Gründer von Adobe, Flickr oder Hotmail von ihren Anfangstagen erzählen, enthält viele Beispiele, in denen Start-ups mit Geldgebern schlechte Erfahrungen gemacht haben.

Nach 72 Stunden weiß der Gründer Bescheid

Bei Hack Fwd, Lars Hinrichs' neuer Firma, soll das anders sein: Sämtliche Informationen sind für jedermann online abrufbar unter http://hackfwd.com. In der "Hack Fwd Offer" steht auf zehn Seiten alles, was man über das Angebot wissen muss, auch der Vertrag ist öffentlich. Denn es ist ein Standardvertrag, klar und einfach strukturiert und dank zahlreicher Erläuterungen am Seitenrand auch für Nichtjuristen verständlich. Hack Fwd verzichtet außerdem auf einige der klassischen Investorenrechte, etwa die Verwässerungsschutzklausel oder die Liquidationspräferenz: "Wenn ein Programmierer zu uns kommt, weiß er bereits alles von der Website", sagt Hinrichs. "Er weiß, wie viel Geld er bekommt und wie der Vertrag aussieht."

Das verkürzt den Prozess. Bewerber erhalten spätestens 72 Stunden nachdem sie ihre Idee in einer Videokonferenz erklärt und demonstriert haben, eine Zu- oder Absage. Ist die Antwort positiv, wird ein Notartermin vereinbart, und los geht es. Zeit ist schließlich Geld: Vor allem im Internet werden Ideen schnell alt.

Damit sich die Gründer ausschließlich auf die Entwicklung ihrer Programme konzentrieren können, unterstützt sie Hack Fwd für zwölf Monate, zahlt ihr Gehalt (bis zu 91 000 Euro), kümmert sich um alle administrativen und steuerlichen Aufgaben, steht ihnen beratend zur Seite und rührt für sie die Werbetrommel.

Für dieses Rundum-sorglos-Paket erhält Hack Fwd eine Beteiligung von 27 Prozent. Das ist nicht wenig. Allerdings investiert die Gesellschaft auch in sehr junge Firmen, die noch nicht einmal eine Betaversion ihrer Software haben. Für die meisten anderen Investoren ist eine solche Testversion die Mindestanforderung. Oft wollen sie auch schon ein solides Geschäftsmodell mit ersten Umsätzen sehen, bevor sie sich beteiligen. Lars Hinrichs ist dagegen überzeugt, dass erfolgreiche Ideen immer auch erfolgreiche Geschäftsmodelle nach sich ziehen, und sieht es als "die beste Vermögensanlage, in Technologien zu investieren, die das Potenzial haben, Dinge zu verändern".

Die Frage ist, woran man das erkennt. Und da setzt Hinrichs auf das Gespür ehemaliger Gründer. Schließlich sei es kein Zufall, dass der Paypal-Mitgründer Peter Thiel im Februar 2004, wenige Monate nach dem Start, als Erster in Facebook investierte. "Zu diesem Zeitpunkt hätten alle anderen abgewunken."

Hack Fwd erinnert an den amerikanischen Investor Y Combinator, der zweimal im Jahr rund 30 ausgewählte Start-ups zu einem dreimonatigen Gründer-Camp ins Silicon Valley einlädt. Seit 2005 haben mehr als 200 junge Firmen an diesem Programm teilgenommen, ihre Produkte verfeinert und sich am Abschlusstag, dem sogenannten Demo Day, Geldgebern und Unternehmen wie Google und Yahoo präsentiert. Paul Graham, einer der Gründer von Y Combinator, investiert nur in Start-ups von Geeks und warnt vor zu viel Anpassung beim Demo Day: "Zieht euch bloß nicht zu schick an, sonst denken die Investoren, ihr seid dumm."

Lars Hinrichs sieht es ähnlich: "Wir brauchen keine Betriebswirte und Marketingexperten. Wir brauchen Leute, die programmieren können." Sie waren es, die große IT-Unternehmen wie Microsoft oder Google gründeten. Und auf sie setzt Hack Fwd: Kann auch nur einer der Gründer nicht programmieren, wird nicht investiert. Ein K.-o.-Kriterium, dessentwegen bereits zwei Bewerbern abgesagt wurde.

Seit dem Start im Juni 2010 hat sich Hack Fwd schon an sieben Start-ups beteiligt, darunter sind zwei Computerspiele, eine Twitter-Applikation und ein Eventmanager. "Die meisten VCs investieren in wenige Start-ups, dann aber mit viel Geld. Wir finanzieren mehr Start-ups mit weniger Geld", erklärt Hinrichs. Das ist möglich, weil die Kosten für Neugründungen in den vergangenen Jahren rapide gefallen sind. Waren zu Zeiten der New Economy noch mehrere Millionen Mark Startkapital nötig, um Server und Softwarelizenzen zu kaufen sowie Marketing- und Vertriebsmitarbeiter einzustellen, braucht man heute für den Start nur noch wenig Geld. Server lassen sich billig mieten, es gibt Unmengen kostenloser Software. Produkte können beispielsweise über Twitter und Facebook kostengünstig beworben und über den App Store von Apple vertrieben werden.

Welche seiner Beteiligungen den Durchbruch schafft, weiß Lars Hinrichs nicht, aber "in je mehr Firmen man investiert, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass man ein Sternchen trifft". Der Hack-Fwd-Vorstand Stefan Richter hält es für sehr schwierig, das Potenzial einzuschätzen: "Kein Mensch hätte gedacht, dass Facebook so erfolgreich werden würde." Richter ist Inhaber von Freiheit.com, einem erfolgreichen Softwarehaus aus Hamburg. Seinen Erinnerungsassistenten "The Deadline" hat er trotzdem bei Hack Fwd eingereicht: "Wegen des Abenteuers."

Die Brüder Arne und Helge Wieding sind mit ihrem 3-D-Action-Spiel "Reign of Steel" erst Anfang November zu Hack Fwd gestoßen. Arne Wieding hat jahrelang als freier Entwickler gearbeitet, bevor er Anfang 2010 mit seinem Bruder ein Browser-Spiel zu programmieren begann. Die ersten Monate überbrückten sie mit Erspartem, doch bald wurde das Geld knapp. Im Oktober nahmen sie Kontakt zu Hack Fwd auf, und nach einer 45-minütigen Präsentation via Skype und 70 Stunden nervösem Warten kam die erlösende E-Mail. Anfang November wurde der Vertrag bei einem Hamburger Notar unterzeichnet. Angst vor der Unterschrift hatte Arne Wieding nicht: "Der Vertrag ist für alle identisch, öffentlich einsehbar und gut verständlich. Aufgrund dieser Transparenz muss man sich keine Sorgen machen."

Für die Wieding-Brüder haben die zwölf Monate bei Hack Fwd erst begonnen, für den Hamburger Oliver Krohne und sein Start-up Loved.by enden sie Ende Februar. Die Zeit war erfolgreich: Loved.by konnte fünf Monate nach der Finanzierung durch Hack Fwd loslegen und wurde bei Techcrunch, dem wichtigsten Blog für Start-ups, lobend erwähnt. Mittlerweile gibt es bei 10 000 Online-Shops den Loved.by-Button, mit dem man Produkte seinen Facebook-Freunden empfehlen kann und bei jedem Kauf bis zu 15 Prozent des Verkaufspreises als Belohnung erhält.

Ein wesentlicher Grund, sich bei Hack Fwd zu bewerben, ist für viele Lars Hinrichs' Netzwerk und seine Bekanntheit im Internet: Er ist ein Multiplikator im digitalen Raum. Sieben Tage nachdem er Hack Fwd mit einem einzigen Tweet ("Freeing Europe's top tech talent is my new mission") offiziell gestartet hatte, wurde der Neuling bei Twitter schon mehr als acht Millionen Mal erwähnt. Die US-Magazine "Fast Company" und "Wired" berichteten. Und Techcrunch verglich den Start mit einem Tarnkappenraumschiff aus der Weltraumsaga "Star Trek", das urplötzlich mitten in Europa auftaucht. So gut kann virales Marketing funktionieren, wenn man bekannt ist.

Das Netzwerk setzt sich aus erfolgreichen Internetunternehmern, ehemaligen Google-Führungskräften, Harvard-Absolventen und Professoren aus ganz Europa zusammen, die als Berater zur Verfügung stehen und nach potenziellen Kandidaten Ausschau halten. Viermal im Jahr fliegt das Hack-Fwd-Netzwerk nach Mallorca, um sich dort drei Tage lang auszutauschen und an den Geschäftsmodellen der Start-ups weiterzuarbeiten.

Der unschätzbare Wert guter Kontakte wird an der Entwicklung von Ujam aus Bremen deutlich. Die Firma wurde 2009 von den Software-Entwicklern Peter Gorges und Axel Hensen zusammen mit dem deutschen Hollywood-Komponisten Hans Zimmer gegründet. Gorges kennt Zimmer schon lange; sie leiteten gemeinsam eine Firma für Musiksoftware, die 2005 verkauft wurde. Im vergangenen Jahr hatten sie den Einfall, ein Internetprogramm zu produzieren, mit dem auch Nichtmusiker Songs einspielen können, und holten dafür Axel Hensen - einen ehemaligen Mitarbeiter von Gorges - und den HipHop-Star Pharrell Williams dazu, mit dem Zimmer bereits zusammengearbeitet hatte. Die vier kannten einen, der einen kennt, und landeten schnell bei Mark Kvamme, Partner der Risikokapitalfirma Sequoia.

Sequoia ist eine der bekanntesten ihrer Art im Silicon Valley. Sie steht hinter dem Erfolg von Cisco, Yahoo und Youtube und hat bereits 1978 in Apple und 1999 in Google investiert. Einen solchen Kapitalgeber erreicht man nicht per Telefon: "Cold Calls werden ignoriert. Man muss jemanden finden, der einem ein Gespräch vermittelt", sagt Gorges. Mark Kvamme organisierte eine Präsentation beim Treffen aller Partner von Sequoia. "Zu dem Zeitpunkt hatten wir nur eine 20-seitige Präsentation mit ganz vielen Versprechungen", erzählt Hensen. Eine Investition kam wegen zwei Gegenstimmen nicht zustande, doch nach einer ersten Demo-Version stieg Kvamme als privater Investor ein.

Seitdem läuft es rund bei Ujam. "Wenn wir eine Frage haben oder einen Kontakt brauchen, rufen wir Mark an", sagt Peter Gorges. Dessen Netzwerk und Standing seien "eigentlich viel wichtiger als Geld". Axel Hensen glaubt nicht, dass eine deutsche Risikokapitalgesellschaft dasselbe wie Sequoia leisten könnte: "Selbst wenn sie das Geld hätten, hätten sie nicht das Netzwerk, das wir in unserem speziellen Fall brauchen. Mit Sequoia hat man automatisch Drähte zu Google, Facebook und allen anderen im Silicon Valley. Da muss man nicht Klinken putzen gehen. Das ist ein ganz wichtiger Aspekt, wenn man als Start-up schnell vorwärts will."

Auf der ganzen Welt versuchen Regionen im Wettbewerb um Talente und Investoren die über Jahrzehnte gewachsenen Strukturen des Silicon Valley nachzubilden. Und auch in Europa ist der Wettbewerb um die beste Kopie in vollem Gang. Lars Hinrichs hat dazu eine klare Meinung: "Das ist Unsinn. Man kann kein zweites Silicon Valley kreieren. Unser Valley ist ganz Europa. Die Vernetzung der vielen Cluster würde viel mehr Sinn machen, als zu versuchen, alles an einem Ort zu bündeln." Und er rechnet vor: "Wir haben in Europa einen gigantischen Talent-Pool. Wenn man die Informatikabsolventen, die Absolventen verwandter Fächer wie Mathematik und die Autodidakten zusammenrechnet, kommen wir jährlich auf etwa 90 000 Entwickler in Europa."

Eigentlich ist in Deutschland alles vorhanden

Allein das deutsche Potenzial ist groß. 2009 beendeten fast 19 000 Informatiker ihr Studium, und die deutsche IT- und Telekommunikationsindustrie hat bereits 843 000 Beschäftigte. Stefan Richter ist überzeugt, dass die Entwickler hierzulande ihren amerikanischen Kollegen in nichts nachstehen, und Axel Hensen glaubt, dass es weltweit keine besseren Fachleute für Musiksoftware gibt. So stammen die Musikprogramme Cubase und Logic aus Norddeutschland, und das Audioformat MP3 wurde bekanntlich vom Fraunhofer-Institut in Erlangen erdacht.

Auch an Förderung mangelt es nicht. In Deutschland gibt es rund 300 Innovationszentren und eine Vielzahl an Gründerprogrammen. Allerdings, so der Investor und Berater Claas Nieraad, sei der Markt aufgrund der föderalistischen Struktur "sehr intransparent". Deutschen Hochschulen fehle es keineswegs an guten Ideen, dafür an Risikobereitschaft. Teilweise, bemängelt Nieraad, herrsche eine "Vollkasko-Mentalität bei Absolventen". Das sieht auch Stefan Richter so: "Hier wollen Programmierer eher einen sicheren Arbeitsplatz." Zudem begnügten sich viele deutsche Startups damit, bewährte Geschäftsmodelle für den deutschen Markt zu kopieren. Lars Hinrichs ist kein Fan von solchen "Copycats", und er bedauert: "In Deutschland wird nicht groß genug gedacht."

Eine Ausnahme ist das Hack-Fwd-Vorstandsmitglied Marco Börries. Mit nur 16 Jahren gründete er in einer Lüneburger Garage die Firma Star Division, die mit Star Office eine Alternative zum Office-Paket von Microsoft entwickelte und 1999 an Sun Microsystems verkauft wurde. Seine nächste Firma, Verdisoft, wurde 2005 von Yahoo gekauft . Heute entwickelt er mit Numberfour Software für Firmen mit weniger als 20 Mitarbeitern.

Dass solche Erfolgsgeschichten der breiten Öffentlichkeit nicht bekannt sind, liegt laut Hinrichs daran, dass Erfolg in Deutschland als uncool gilt und viele Unternehmer aus Angst vor negativer Presse das Rampenlicht scheuen. "Für manche Medien ist es interessanter, das Haar in der Suppe zu finden, als über Erfolg zu schreiben." Er wünscht sich einen gesellschaftlichen Wandel: "Unternehmertum muss wieder sexy werden." -